Fwd: [echo] Rubrik: 4 Tage 3 Stunden 33 Minuten vor Olympia

jon info at jonhagen.de
Mon Aug 4 19:04:26 CEST 2008


> Betreff: Re: [echo] Rubrik: 4 Tage 3 Stunden 33 Minuten vor Olympia
>
> Also inhaltlich weiß ich jetzt nicht so, ich habe den Text nur  
> überflogen.
>  Personalberichterstattung mit Tröpfchen direkter Rede, Anteilnahme  
> erheischendes
> und ein bischen vulgäre rebellentümelei in dramatisierender Sauce -  
> Taz hätte ich
> nicht erraten. Aber ich glaube ich weiß wieder warum ich mal  
> entschlossen hatte
> die Illustrierte Postille nicht mehr zu lesen. Jon
>
>
> Am 04.08.2008 um 10:34 schrieb 2og at gmx.net:
>
>>
>>
>>
>> Fechterin Imke Duplitzer
>> Ansonsten könnt ihr mich!
>>
>> Duplitzer nimmt an den Olympischen Spielen in Peking teil - und  
>> trotzdem boykottiert sie die Eröffnungsfeier. Sie weiß, was sie  
>> will: Gold.
>>
>> Sie wird den Degen in der Rechten halten, die Maske in der Linken.  
>> Es wird ein Mittwoch sein, dieser 13. August 2008. Sie kennt die  
>> Fechthalle in Peking. Die Wände und Teppiche sind blau, meerblau,  
>> sie kann darin abtauchen. Wird zur Fechtbahn gehen, ruhig, doch  
>> wach. Das Körperkabel an die Trefferanzeige anschließen. Waffe  
>> prüfen. Zur Startlinie.
>>
>> Imke Duplitzer schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf. Sie lebt in  
>> einem Mietshaus im Norden von Bonn, Neubau, drei Zimmer. Durchs  
>> Fenster schaut man auf die flachen Backsteinbauten einer  
>> Magnetfabrik. Es ist ein Sommertag, sie trägt eine Trainingshose  
>> und ein T-Shirt mit dem Bundesadler drauf. Sie wirft den Rucksack  
>> ab, setzt Espresso auf und steckt sich eine Zigarette an. Sie  
>> sieht zufrieden aus.
>>
>> Sie ist vor kurzem eingezogen, sie kann sich die drei Zimmer eben  
>> leisten mit ihrem Sold als Sportsoldatin. Die Küchenschränke sind  
>> noch verpackt, das Wohnzimmer hat sie schon aus den Kisten  
>> gewühlt. Den Silberpokal vom Budapester Weltcup, die Cowboyhüte  
>> aus Sydney und die Taucherglocke von der WM in Seoul, die die  
>> Zollbeamten verdutzt hat. Am Fenstergriff baumeln Medaillen, und  
>> auf dem Fensterbrett hat sie ihre DVDs aufgereiht, Bud Spencer,  
>> eine Loriot-Sammlung, den "Zauberer von Oz". Sie freut sich an  
>> ihren Sachen. Sie sagt: "Mein Fechten lebt davon, dass ich  
>> glücklich bin."
>> Daten & Chancen
>>
>> Weg: Geboren am 28. Juli 1975 in Karlsruhe. Aufgewachsen in Lagos,  
>> Nigeria, und Heidenheim, Schwaben. Mit elf Jahren fängt Imke  
>> Duplitzer beim Heidenheimer Sportbund das Fechten an. Fünf Jahre  
>> später wirdsie Jugendweltmeisterin. Heute ist sie beim Olympischen  
>> Fechtclub Bonn. Sie ficht Degen, in dieser Disziplin zählen  
>> Treffer auf den ganzen Körper, sogar auf Füße, Hände, Maske.
>>
>> Erfolge: Zuletzt ein Weltcupsieg in Montreal im Mai und ein  
>> dritter Platz
>> in Havanna im Juni. Europameisterin 1999, Siegerin Gesamtweltcup  
>> 2001, Vizeweltmeisterin 2002. Mit dem deutschen Team Gewinn der  
>> Silbermedaille bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen  
>> sowie viermal Vizeweltmeisterin.
>>
>> Berufe: Hauptfeldwebel in der Sportfördergruppe Köln. Studentin  
>> der Politik und Organisation an der Fernuniversität Hagen.  
>> Tauchlehrerin.
>>
>> Wettkampf in Peking: 13. August, Fechthalle im zentralen  
>> Olympiapark. Fünfundzwanzig Starterinnen fechten nach dem K.-o.- 
>> System von 32 auf 16, von 16 auf 8 und so weiter. Im ersten  
>> Durchgang haben die besten sieben der Weltrangliste ein Freilos,  
>> darunter Duplitzer auf Rang vier. Gefochten wird auf fünfzehn  
>> Treffer. Es gibt nur den Einzel- und keinen Teamwettbewerb im  
>> Damendegen.
>>
>> Favoritinnen: Das Feld ist eng, auch eine Außenseiterin kann Gold  
>> holen. Besondere Chancen haben die Deutsche und  
>> Weltranglistenerste Britta Heidemann, Frankreichs Fechtikone Laura  
>> Flessel-Colovic, die Chinesinnen Li Na und Zhong Weiping sowie die  
>> Linkshänderin Emese Szasz aus Ungarn. Und Imke Duplitzer. LÖW
>>
>> Es sind nur noch wenige Tage bis zur Abreise nach Peking. Sie wird  
>> dort die Eröffnungsfeier boykottieren. Sie mag nicht Teil  
>> chinesischer Regierungs-PR sein. Die Medien sind eingestiegen auf  
>> die Ankündigung, die deutschen Funktionäre hatten fast Schiss,  
>> dass sie allein einmarschieren müssen ins Stadion, ganz ohne  
>> Athleten. Dann wurde die Debatte leiser. Jetzt wird nur eine  
>> Judokämpferin aus Protest fehlen, aber die kann es sich leisten,  
>> sie war schon Olympiasiegerin. Und Imke Duplitzer nicht.
>>
>> Dann wird sie fechten. Sie will Gold. Was sonst? Sie spielt den  
>> Wettkampftag häufig durch im Kopf. Es wird ihr Triumph. Oder eine  
>> Pleite. Es ist der Moment, auf den alles zuläuft. Vielleicht kann  
>> man später sagen: ihr ganzes Leben. Von ihren 33 Jahren hat sie  
>> zwei Drittel mit Fechten verbracht. Das Fechten war die Konstante,  
>> wenn ihre Familie wankte. Es hat sie aus der Enge einer  
>> schwäbischen Kreisstadt nach Bonn geführt, wo sie ihre Freundin  
>> lieben lernte. Sie hat Funktionäre geschmäht, und jetzt lauern sie  
>> darauf, dass sie versagt, die Imke Duplitzer mit ihrer großen  
>> Schnauze.
>>
>> Ich mache, was ich will, ansonsten könnt ihr mich - so tritt sie  
>> auf. Andere Athletinnen siegen und glänzen und glitzern. Sie siegt  
>> auch, aber sie sucht ihren eigenen Weg, auf der Fechtbahn, in der  
>> Sportwelt, in der Öffentlichkeit. Sie wirkt angriffslustig,  
>> verletzlich, manchmal schroff. Warum ist sie so? Fragt man sie  
>> selbst, sagt sie, dass sie immer schon anders war.
>>
>> So beginnt ihre Geschichte.
>>
>> Als Imke in die Schule kommt, lebt ihre Familie in Nigeria. Der  
>> Vater Betriebswirt bei Siemens, die Mutter Hausfrau. Imke und ihr  
>> älterer Bruder gehen auf die deutsche Schule in Lagos. Sie ist  
>> hoch gewachsen, aber die Größte zu sein ist kein Vorteil. Wenn die  
>> Mädchen was ausgefressen haben, möchten sie in der Gruppe  
>> verschwinden. Das funktioniert bei ihr nicht. Weil ihre Eltern  
>> Markenkleidung für Verschwendung halten, trägt sie Sachen von  
>> Verwandten auf. Die Riesin mit der Breitkordhose. In ihre Klasse  
>> gehen Zwillinge, die sie gern piesacken. Die sind kleiner als sie,  
>> aber immer zu zweit. Als sie Imkes Stuhl mit Klebstoff beschmieren  
>> und sie sich hineinsetzt, weint sie nicht, petzt nicht und sucht  
>> nicht den Schutz der Familie. Sie handelt selbst, als ginge es um  
>> alles. Imkes Schlag bricht einem der Zwillinge das Nasenbein.
>>
>> Ein Onkel aus Deutschland kommt zu Besuch. Er bringt eine  
>> Videokassette mit, auf der die Olympischen Spiele von Los Angeles  
>> von 1984 zu sehen sind. Eine Frau in weißem Fechtanzug wirft den  
>> Kopf zurück, reißt die Arme hoch, befreit sich jubelnd von aller  
>> Anspannung. Cornelia Hanisch, die deutsche Olympiasiegerin. Das  
>> Bild setzt sich fest in Imkes Kopf.
>>
>> Zwei Jahre später tritt der Vater eine Stelle in Heidenheim an.  
>> Ein glücklicher Zufall: Heidenheim ist neben Tauberbischofsheim  
>> und Bonn eines von drei Zentren des deutschen Fechtsports. Ihr  
>> Trainer wird Hans-Jürgen Hauch. Ein überlegter Typ, der seine  
>> Sätze sorgfältig baut. Er sagt: "Imke war so, wie sich manche  
>> einen Straßenfußballer wünschen: Sie beherrschte alles schnell,  
>> dann wurde es ihr schnell langweilig. Das Wichtigste war ihr Wille."
>>
>> Mit elf lernt sie ihre Beinarbeit, mit dreizehn kündigt sie Hauch  
>> an, dass sie bei olympischen Spielen fechten wird. Er nimmt sie  
>> ernst. Fortan haben sie einen gemeinsamen Traum.
>>
>> Es gibt ein Foto von den Spielen in Athen. Hauch nimmt Imke  
>> Duplitzer in den Arm. Sie hat die Augen geschlossen und den Mund  
>> geöffnet wie zu einem Schrei. "Imke Duplitzer umarmt ihren Vater",  
>> hat der Fotograf irrtümlich in den Begleittext geschrieben.
>>
>> Als Teenager in Heidenheim ficht sie sich nach vorn. Sie überragt  
>> noch immer alle anderen. Nun wird das zum Vorteil. Hauch sagt,  
>> dass sie die Mehrzahl der Gefechte vor dem Startzeichen gewann.  
>> "Allein durch ihr Auftreten."
>>
>> Schultern raus, Kopf hoch. So wird sie in Peking auf der Bahn  
>> stehen. Im Weltcup sagen sie Ice-Face, weil sie diese Miene mit  
>> den heruntergezogenen Mundwinkeln und den stechenden Augen  
>> einfrieren kann. Andere nennen sie: Le tank. Der Panzer. Natürlich  
>> darf sie nicht bloß losrollen. Aber die andere soll spüren, wer  
>> kommt. Gruß zum Kampfrichter, Gruß zur Gegnerin, Maske vors Gesicht.
>>
>> Imke Duplitzer weiß nicht, wann genau ihr Vater angefangen hat zu  
>> trinken. Erst war er bei Feiern mal zu laut und zu lustig, dann  
>> öfter, und später wurden die Situationen unberechenbar. "Der  
>> Alkohol hat sich ins Leben geschlichen."
>> $alttext
>>
>> Imke Duplitzer in ihrem Element: Den Gegner fixieren und  
>> handeln    Foto: dpa
>>
>> Sie sagt, sie erzähle das, weil sie findet, es sei nötig, um sie  
>> zu verstehen.
>>
>> Der Vater trägt den Perfektionismus, den ihm sein Vater auf die  
>> Schultern gepackt hat. Imkes Großvater war Ingenieur, er hat  
>> Bauwerke für den Schah von Persien errichtet. Er trank. Und  
>> schlug. Er hat dem Sohn vermittelt, dass man höchste Ansprüche an  
>> sich selbst stellen muss. Deutsche Tüchtigkeit und Konsequenz. Der  
>> Sohn studiert Wirtschaft und sucht sich Aufgaben in der ganzen Welt.
>>
>> Imke Duplitzer beschreibt ihn als schüchternen Mann, der ackert  
>> für seinen Erfolg, der dabei einen liebevollen Zug behält und  
>> einen Schuss Zynismus. "Wir haben beide dieses leicht Zerrissene.  
>> Wir wollen stark sein und sind dann wieder total zerstört." Wenn  
>> Imke Duplitzer spricht, hat sie einen geraden, unverstellten  
>> Blick. Sie erzählt viel und genau und lacht dabei auch gern über  
>> sich.
>>
>> Heidenheim ist ein Städtchen am Rand der Schwäbischen Alb. Oben  
>> auf einem Berg gibt es das Schloss Hellenstein und unten in der  
>> Fußgängerzone die Schlossarkaden. Wer hierherzieht, ist ein  
>> Reingeschmeckter. Als ob die Maultaschenbrühe merkwürdig schmeckt,  
>> weil von irgendwoher eine neue Zutat hineingerieselt ist.
>>
>> In ihrer Doppelhaushälfte ringen die Duplitzers um ein  
>> Familienleben. Manchmal jedoch wird die Lage so schwierig, dass  
>> Hans-Jürgen Hauch vorbeikommen muss.
>>
>> An den Wochenenden fährt sie auf Wettkämpfe. Wenn sie sich warm  
>> läuft, trägt sie nicht mehr den Anzug des Heidenheimer  
>> Sportbundes, sondern einen mit Bundesadler. Sie trägt ihren  
>> Walkman wie einen Schutz. Vor den Gefechten, nach den Gefechten.  
>> In einem Lied von BAP singt Wolfgang Niedecken von einem, der sich  
>> nicht nach seiner Umwelt richten will. Nein, ich will nicht dein  
>> Hofnarr sein, der auf Kommando Witze bringt, der pariert. Der die  
>> Sau rauslässt, nur vorzensierte Fragen fragt und der sich auf  
>> Knopfdruck echauffiert. Es wird ihr Lieblingssong.
>>
>> Ich spiele nicht euer Spiel - es muss diese Haltung sein, die  
>> andere gegen sie aufbringt. Im Fechtzentrum ist sie zudem an  
>> Sportlerinnen vorbeigezogen, die länger dabei sind als sie. Es  
>> dibbert in der schwäbischen Stadt. Nimmt sie Drogen? Ist sie  
>> schwanger? Hat sie was mit dem Jogi Hauch? Oder ist sie etwa eine  
>> Lesbe?
>>
>> Sie liebt den direkten Angriff. Kein Klingenspiel. Zustoßen, ohne  
>> vorher das Eisen der Gegnerin beseitigt zu haben. Freier Angriff.  
>> Nicht blind, sondern im richtigen Augenblick. Ein Zucken der  
>> Gegnerin ausmachen und genau dann angreifen. Einfach spüren: Das  
>> ist der Moment.
>>
>> Das Flüstern in der Stadt, die Situation zu Hause, eine verhauene  
>> Mathearbeit. Sie ruft in Bonn an, im Fechtinternat. "Eine Nacht- 
>> und-Nebel-Aktion", sagt sie. "Eine Flucht", sagt Hans-Jürgen Hauch.
>>
>> Der Vereinstrainer in Bonn ist zugleich Bundestrainer für  
>> Damendegen. Manfred Kaspar. Er sieht ein bisschen aus wie Manfred,  
>> das beschützende Mammut aus "Ice Age". Heute teilen sich beide  
>> gern ein spöttisches Lächeln, der 1,96 Meter große Trainer und die  
>> 1,86 Meter große Athletin. "Imke hat ein loses Mundwerk", sagt er  
>> gutmütig. "Nicht weiter schlimm."
>>
>> Aber als sie 1992 nach Bonn ausgewandert ist, legt sie sich mit  
>> ihm an. Sie reizt das Mammut. Es kann aufbrausen, aber es führt  
>> Streit offen. Es ist ihr gewachsen. Das stärkt sie.
>>
>> In Bonn verliebt sie sich in Eli, eine Lehrerin. Imke bekommt ein  
>> Zuhause, in dem sie loslassen kann. Sie muss nicht punkten. Nach  
>> ein paar Jahren bringt sie Eli mit nach Heidenheim zu einem  
>> Empfang. "Das ist meine Partnerin." Die Honoratioren schauen  
>> beiseite.
>>
>> 1996 fehlt ihr vor den Spielen von Atlanta die Konzentration. So  
>> ist sie dort nur Ersatzfechterin. Das Team landet auf Rang sechs.  
>> Sie schwört Hans-Jürgen Hauch, dass sie fortan bei allen Spielen  
>> fechten wird, bis zum Ende der Karriere.
>>
>> Sie will mit ihrem alten Trainer weiterarbeiten. Irgendwie ist sie  
>> doch verhaftet mit Heidenheim, und sie fühlt sich verantwortlich  
>> für die Familie dort. "Hallo, Mama, ja was gibts denn? Brennt die  
>> Hütte?", fragt sie heute, wenn ihre Mutter anruft. Es hört sich  
>> herzlich und bestimmt an, und es ist nicht ganz klar, wer von  
>> beiden die Mutter ist.
>>
>> Sie nimmt Lektionen bei Hauch in Heidenheim und reißt die  
>> vierhundert Kilometer auf der Autobahn ab, um Eli in Bonn zu  
>> sehen. Sie schuftet und schwitzt, wird 1999 Europameisterin im  
>> Einzel. Im Olympiajahr 2000 ist sie auf Medaille programmiert.
>>
>> In Sydney trifft Deutschland im Viertelfinale auf Russland. Das  
>> entscheidende Gefecht muss Imke Duplitzer führen. Sie zieht den  
>> Kopf ein. "Schildkrötentechnik", schimpft Hauch später, keine  
>> Chance, keine Medaille. "Ich hab dagestanden, und es war dunkel",  
>> so wird sie den Moment beschreiben. "So stell ich mir Sterben vor."
>>
>> Nach den Spielen trainiert sie kaum. Ihr fehlt die Kraft. Sie hat  
>> das Gefühl, dass einige in der großen olympischen Familie sie  
>> schneiden. Sie verliert Gewicht. Sie denkt an Aufhören. Irgendwann  
>> steht sie vor dem Spiegel und schaut in ein erschöpftes Gesicht.
>>
>> Sie fängt sich. Geht regelmäßig laufen. Findet eine  
>> Sportpsychologin. Deren Lektion lautet, doch mal fünfe gerade sein  
>> zu lassen. "Ich habe gelernt, dass ich nicht fliegen kann", sagt  
>> Imke Duplitzer. "Und dass das nicht schlimm ist."
>>
>> Sie kommt ihrem Vater wieder nahe. Manchmal sitzen sie zusammen.  
>> Sie verlangt nicht, dass er sich erklärt. Sie ist nicht mehr  
>> wütend auf seine Sucht und seine Ansprüche an sich.
>>
>> Im Sommer 2002 fährt sie nach Lissabon zur WM. Eli sitzt auf der  
>> Tribüne. Imke wird Vizeweltmeisterin.
>>
>> Vielleicht gerät sie in Rückstand in Peking. Aber gerade das kann  
>> wichtig sein. Reserven abrufen, Anschlusstreffer, Ausgleich, Sieg.  
>> Das macht sie frei fürs ganze Turnier. Wie in Lissabon gegen diese  
>> Russin, als sie ein 11:14 in ein 15:14 drehte.
>>
>> Sie bekommt die Siege, aber nicht die Anerkennung. In Heidenheim  
>> ficht ein zweiter Weltklassesportler. Er heißt Ralf Bißdorf, er  
>> hat in Sydney mit dem Florett die Silbermedaille gewonnen.
>>
>> Bißdorf ist heute Pressereferent beim Maschinenhersteller Voith.  
>> Das Logo des Heidenheimer Unternehmens trug er damals auf dem  
>> Trainingsanzug. Der Sympathieträger und die Vorzeigefirma. Bißdorf  
>> spricht schwäbisch. Möglicherweise sei die Aufmerksamkeit damals  
>> ungerecht verteilt worden, sagt er diplomatisch. Er sei gebürtiger  
>> Heidenheimer, aus Schnaitheim, dem Vorort, in dem der Begründer  
>> des Fechtzentrums Bürgermeister gewesen sei. "Und Imke ist eine  
>> Reingschmeckte. Sie merken schon, wies dann wird." Er lacht.
>>
>> Im Jahr vor den Spielen in Athen sucht sie einen Sponsor. Sie  
>> blitzt ab. Die Währung sind Olympiamedaillen, der Wirtschaft geht  
>> es nicht gut. Der Star heißt Ralf Bißdorf.
>>
>> Vor der Abfahrt nach Athen werden die Förderer des Vereins zu  
>> einer Party eingeladen. Manager, Funktionäre, Lokalpolitiker.  
>> Beginn 18 Uhr, es gibt Rum-Cola und Caipirinha, und sobald es  
>> dunkel wird, sollen die Olympioniken mit Fackeln verabschiedet  
>> werden. Duplitzer greift sich das Mikrofon und attackiert die  
>> Sponsoren. Um jedes Bröckchen ließen sie die Fechter betteln, das  
>> hätten die Sportler nicht verdient.
>>
>> Heidenheims Würdenträger sind erbost. Sie solle gefälligst für  
>> jeden Cent dankbar sein, zischt die Heidenheimer Zeitung. "Und  
>> nicht die Hand, die einen füttert, auch noch beißen." Sie wird  
>> ausgeschlossen aus der Fechtabteilung.
>>
>> Vereinslos startet sie in Athen. Im Einzel wird sie Fünfte, im  
>> Teamwettbewerb muss sie im Halbfinale gegen die Französin Laura  
>> Flessel antreten, die beste Fechterin der Welt. Als Imke Duplitzer  
>> mit zwei Treffern hinten liegt, bleiben ihr noch acht Sekunden  
>> Kampfzeit. Sie legt allen Druck in das, was man einen Sturzangriff  
>> nennt. Sie stößt, trifft, trifft abermals, Ausgleich. "Sie hat  
>> dokumentiert: Heute bin ich der Chef", sagt Hans-Jürgen Hauch.
>>
>> Das deutsche Team holt Silber. Am Rathaus wird ein Transparent  
>> angebracht: "Heidenheim gratuliert."
>>
>> In Peking muss sie vier Gefechte gewinnen. Viermal fünfzehn  
>> Treffer. Dann hat sie Gold. Was wird sie tun? Was kann sie sich  
>> dann leisten? Den Hauptwohnsitz abmelden, den sie immer noch in  
>> Heidenheim hat? Tschüssle, eure Imke!
>>
>> Sie ist stark nach den Spielen von Athen. Auf ihre Internetseite  
>> stellt sie glückliche Geschichten, von ihren Weltcupreisen nach  
>> Paris, Nanking und Havanna. Sie protokolliert, wie eine Bonner  
>> Kioskfrau sie für arbeitslos hält, weil sie jeden Morgen im  
>> Trainingsanzug vorbeikommt. Sie stellt Fotos von ihrem Nebenjob  
>> als Tauchlehrerin auf die Seite. Sie sagt, dass sie es liebt, Gast  
>> zu sein unter Wasser. Abzutauchen in diese friedliche, ehrliche Welt.
>>
>> In der Fechtwelt lässt sie sich nichts gefallen. 2005 gerät sie  
>> mit einem Tauberbischofsheimer Trainer aneinander, der seine  
>> Schülerin gegen sie coacht. Tauberbischofsheim bringt sich in  
>> Stellung. "Ihr wollt Krieg?", schreibt sie im Internet. "Ihr könnt  
>> ihn haben. Aber denkt immer daran, dass ihr verdammt früh  
>> aufstehen müsst, um mir das Messer in den Rücken zu rammen. Lieber  
>> Verband, glaubt nicht, dass ich mich für diese Zeilen  
>> entschuldigen werde."
>>
>> Wenn sie die Leute so angreift, verschafft sie sich Gehör. Aber  
>> sie macht sich auch angreifbar.
>>
>> Der Vater stirbt im Februar 2007. Sie sagt, dass sie gelassener  
>> geworden sei seitdem. "Wenn ein Elternteil stirbt, dann stirbt ein  
>> Teil deiner Geschichte. Schluss, Aus, Ende. Das große  
>> Feierabendschild kommt dir sehr nah. Es relativiert alles."
>>
>> Sie findet ihr Gleichgewicht, obwohl Eli und sie sich trennen.
>>
>> Keine Angst. Sie muss sich einlassen auf die Gegnerin. Sie muss  
>> das System der anderen verstehen, um es zu umgehen.
>>
>> Im Herbst 2007 ruft ein Mann von Bild an. Sie soll die Lage einer  
>> lesbischen Sportlerin beschreiben. Sie sagt, dass es sie ankotze,  
>> dass anscheinend nur dumme, grinsende Sportlerinnen beliebt seien.  
>> Sie behauptet, dass eine lesbische Sportlerin schlechter bezahlt  
>> werde als eine Prostituierte. Sie chauffiert sich. Auf Knopfdruck.  
>> Bild macht eine große Nummer draus.
>>
>> Anderthalb Monate vor der Reise nach Peking sitzt sie in Berlin  
>> auf einem Podium der Tibet Initiative. Als Gegenspieler ist  
>> Eberhard Gienger eingeladen, früher Turner, 1976 Olympia-Bronze- 
>> Gewinner, heute CDU-Bundestagsabgeordneter, Sportfunktionär.  
>> Duplitzer hat sich geschminkt für den Anlass, ein Sakko angezogen.  
>> Sie spricht ruhig. Eine Dame.
>>
>> Sie darf sich nichts aufzwingen lassen. Nicht die späten  
>> rumänischen Paraden, nicht die Materialschlacht der Chinesinnen,  
>> nicht das Geplänkel, mit dem sich die Russinnen einschleimen, um  
>> dann voll auf den Körper zu gehen. Es muss ihr Gefecht bleiben.
>>
>> Gienger redet über Anhörungen, Leitlinien und Meinungsfreiheit,  
>> wägt und windet sich vom Dalai Lama zurück bis zu Mao. Imke  
>> Duplitzer wartet. Dann blickt sie das Publikum an: "Stellen wir  
>> uns mal vor, wir wollen Bayern abschaffen und das Oktoberfest  
>> dazu, und jeder, der den Franz Josef Strauß zu Hause hängen hat,  
>> wird abgeholt." Gienger schaut, als habe ihn eine Migräne  
>> erwischt. Hinterher gibt sie ihm noch ein Abschiedsküsschen  
>> obendrauf.
>>
>> In Bonn schließt sie an einem Freitagabend die Fechthalle auf. Es  
>> sind Sommerferien, Manfred Kaspar hängt noch am Flughafen. Sie hat  
>> den Schlüssel, sie macht einen Spaß darüber, aber es ist schon so:  
>> Ein Schlüssel bedeutet Verantwortung, und sie hat sie gerne.  
>> Später sitzen alle Fechterinnen beim Abendbrot in der Kantine. Die  
>> anderen sind um die zehn Jahre jünger. Manchmal zieht sie eine von  
>> ihnen auf, aber nie unfreundlich. Sie wirkt ruhig und entspannt.  
>> Sie ist die große Schwester.
>>
>> Sie will souverän sein. Sie porträtiert die Mächtigen im Sport  
>> nicht als ruchlose Bösewichte, sondern als Feudalherren mit  
>> Komplexen. Aber sie beißt manchmal immer noch unversehens zu. "Die  
>> Hälfte der Sportjournalisten ist intellektuell nach zwei Sätzen  
>> abgefrühstückt", so was erklärt sie ohne Not.
>>
>> Sie muss sich behaupten. Der Sportzirkus ist eine enge Welt.  
>> Heidenheim hat fünfzigtausend Einwohner, der Deutsche Fechterbund  
>> nur halb so viele Mitglieder, und an der Weltspitze sind es auf  
>> Degen ein paar Dutzend Sportlerinnen. Sie begegnen sich in den  
>> Hallen der Welt, schlafen in den gleichen Hotels, sie tauschen  
>> Gefallen aus und Bosheiten. Rund um Olympia treffen sie auf  
>> Politiker und Manager, mit denen sie plaudern sollen, tratschen,  
>> schöntun. Sie beherrscht dieses Vokabular nicht. "Es ist weniger  
>> interessant, wie weit eine kommt, sondern wer mit wem kommt",  
>> höhnt sie.
>>
>> Konzentration. Vier Gefechte lang, vier mal neun Minuten reine  
>> Kampfzeit. 36 Minuten, verteilt über den Tag. Bloß keine  
>> Unaufmerksamkeit. Sie hat sich alles erarbeitet, sie wird nicht  
>> abhauen, nicht einbrechen.
>>
>> Michael Vesper, einst Grünenpolitiker, heute Generalsekretär des  
>> Deutschen Olympischen Sportbunds, teilt mit: "Sie will nach  
>> Peking, will dort erfolgreich fechten und möglichst eine Medaille  
>> erringen. Darüber und darauf freue ich mich." Der Präsident des  
>> Deutschen Fechterbundes weist darauf hin, dass, wer sich  
>> öffentlich profiliere, umso genauer beobachtet werde. Von den  
>> Medien. Der Pressesprecher des Weltfechtverbandes sagt, dass  
>> Duplitzer jetzt mal eine Medaille gebrauchen könne. Am besten eine  
>> goldene. Die fehle ja noch.
>>
>> Gewinnt sie ihr erstes Gefecht, steht sie im Viertelfinale.  
>> Fünfzehn Treffer, und sie ist eine von acht.
>>
>> Der Druck ist da. "Wenn sie damit nicht umgehen kann, wird  
>> natürlich jeder zurückschlagen", sagt Hans-Jürgen Hauch.
>>
>> Wieder an die Startlinie. Ein zweiter Sieg, und sie ist eine von  
>> vieren.
>>
>> "Wer Diskussionen und Einflüsse von außen nicht aushält, braucht  
>> nicht nach Peking zu fahren", hat sie auf dem Tibet-Podium in  
>> Berlin gesagt. Es klang locker.
>>
>> Ruhe finden. Noch einmal fünfzehn Treffer. Dann ficht sie um Gold.
>>
>> Und wenn sie ihn sucht, den Druck? Wenn sie die Zwänge um sich  
>> versammelt? Wenn ihre Art der Konzentration so funktioniert, dass  
>> sie alles Mögliche zulaufen lässt auf diesen 13. August 2008?
>>
>> Ihr letztes Gefecht.
>>
>> Vielleicht kann sie fliegen.
>>
>>
>>
>> VON GEORG LÖWISCH/taz
>>
>>
>> ___
>>
>>
>> hut ab! da drückt der tran am 13.08. mal die daumen.
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