[echo] Rubrik: popKritiker D

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Wed Aug 6 19:11:43 CEST 2008


Erster Popkritiker Deutschlands
Systematische Auswilderung

Zu Unrecht in Vergessenheit geraten: Helmut Salzinger begründete die Popkritik 
in Deutschland Ende der 60er-Jahre mit fundierten Texten und kritischer 
Sympathie. Eine Reminiszenz.

Die USA hatten Nik Cohn und Lester Bangs, Richard Meltzer, Ellen Willis oder 
Greil Marcus. In Deutschland regte sich nur die Stimme von Helmut Salzinger.

Der 1935 geborene Salzinger hat Rockmusik im deutschsprachigen Feuilleton 
überhaupt erst hoffähig gemacht - und die Popkritik gleich auch politisiert. 
Denn er hat Pop als eine Form der Gesellschaftskritik ernstgenommen und war in 
der Dekade zwischen 1967 und 1977 die wirkungsmächtigste Stimme der Popkritik.

Klassisch-humanistisch gebildet, mit einer literaturwissenschaftlichen 
Dissertation über "Eugen Gottlob Winklers künstlerische Entwicklung" im Fach 
Germanistik auch akademisch ausgewiesen, beginnt Helmut Salzinger Mitte der 
60er-Jahre als freier Literaturkritiker für die Zeit. Bald schon wird er 
angefixt von der US-Counterculture, ihren Bands und literarischen Erzeugnissen 
und nicht zuletzt auch vom Politaktivismus der Youth International Party 
(Yippies) und deren Gründer Jerry Rubin. Auch aus seiner Sympathie für die 
Studentenbewegung der Bundesrepublik macht Salzinger nie einen Hehl.

Mit Konzertberichten, Plattenkritiken und Texten etwa über die Rolling Stones 
oder Jefferson Airplane erschreibt er sich einen Ruf als Instanz für 
Alternativkultur und wird so zu ihrem einflussreichsten Dolmetscher im 
bürgerlichen Mainstream, den er da schon längst verlassen hatte.

Dass sein Versuch, der Gegenkultur und ihrem politisch-revolutionären Impetus in 
einem kulturkonservativen Medium wie der Zeit eine Stimme zu verleihen, nicht 
lange ohne Sanktionen bleiben würde, hätte er sich eigentlich denken können. Und 
vielleicht hat sich Helmut Salzinger dabei auch etwas gedacht und wollte es 
einfach nur bis zum Äußersten ausreizen.

In seinem zweiten, 1973 erschienenen Buch "Swinging Benjamin" reflektiert er 
seine Position auf dem grünen Zweig sitzend, der demnächst abgesägt wird: "Das 
Kapital, in dessen Händen sich die Zeitung befindet, verkauft mit ihr nicht 
einfach eine Ware, sondern eine Ware, die seine Herrschaft rechtfertigt. Er 
verfiele daher einer Illusion, sollte ein Autor mit der Möglichkeit rechnen, 
seine Auffassungen über die Notwendigkeit zu einer revolutionären Veränderung 
der Gesellschaft öfter als ein einziges Mal über die Zeitung zu verbreiten." Als 
Salzinger im Sommer 1970 in einem Artikel unverhohlen Werbung für Bootlegs 
macht, unter anderem für Dylans "Basement Tapes", und zumindest indirekt die 
Praxis der Raubpressungen als emanzipatorischen Akt gegen das Produktionsmonopol 
der Kulturindustrie billigt, kommt es zum offenen Bruch mit der Redaktion.

Vorher konnte er noch einige ideologische Molotowcocktails ins Blatt schmuggeln. 
Über ein Jefferson-Airplane-Album schreibt er in einer Rezension vom 20. Februar 
1970, ",Volunteers' ist schon deswegen ein gutes Album, weil es die Widersprüche 
der bestehenden Gesellschaft bloßlegt. Die Revolution wird es nicht auslösen, 
aber es hilft mit, das Bestehende weiter zu unterhöhlen." Jefferson Airplane 
setzten sich damals gegen ihre Plattenfirma durch, die "Volunteers" zensieren 
wollte, und zwar nicht der Agitprop-, sondern vielmehr der obszönen Stellen wegen.

"Revolution, ja, weil verkäuflich; Obszönität, nein, weil möglicherweise 
unverkäuflich. Solange sich mit der Revolution Geld machen lässt, wird damit 
Geld gemacht. Ob die Jefferson Airplane dadurch unglaubwürdig werden?" Eben das 
ist die Frage, die fundamentale Aporie, der sich Salzinger in seinem fulminanten 
Collage-Essay "Rock Power" (1972) stellt. Er montiert hier vornehmlich fremde, 
aber auch eigene Artikel, Zeitungsmeldungen, Magazintexte und Lyrics zu einem 
vielstimmigen Dialog, der die Frage diskutiert, wie viel revolutionäres 
Potenzial der Popmusik überhaupt noch innewohnt, wenn "das revolutionäre 
Engagement" bereits "Teil der Bühnenshow" ist.

Salzinger bemüht sich, zeitgenössische Debatten zusammenzufassen und in den 
wichtigsten Positionen zu dokumentieren: die idiosynkratische Reaktion des 
konservativen Bildungsbürgertums auf die "Negermusik" ebenso wie die gelungene 
Inkorporation und also Befriedung der revolutionären Attitüde durch den Markt. 
Ausführlich geht er auf die daraus resultierende Grundsatzkritik der orthodoxen 
Linken und das pragmatische und hedonistische Revoluzzertum der Yippies ein. 
Yippie-Mitbegründer Jerry Rubin wollte, so schreibt Salzinger, "die Politik der 
Neuen Linken mit einer psychedelischen Lebensweise verschmolzen" haben.

Vor allem den Yippies traut Salzinger einschneidende gesellschaftliche 
Veränderungen zu. Auch wenn er einräumen muss, dass die Revolution zumindest 
erst mal vertagt ist und die Kulturindustrie sich eine goldene Nase an ihr 
verdient: "Wenn der Kulturbetrieb mit seinen rosa Feuilletons die Gegenkultur 
mit den von ihm verwalteten kulturellen Phänomenen einzugemeinden versucht, dann 
setzt er sich buchstäblich Läuse in den Pelz. Die Langhaarigen sind, auch wenn 
sie das selbst noch nicht wissen sollten, Revolutionäre, und ihre Musik, der 
momentan von den Feuilletonisten sämtlicher politischer Fraktionen als 
Konsumschund gescholtene Rock n Roll, bezeichnet, wie Jerry Rubin sagt, ,den 
Beginn der Revolution', was immer die Vergnügungsindustrie aus dieser Musik 
gemacht haben mag."

Salzingers Credo ist die Unterwanderung des kapitalistischen Systems mit den 
Mitteln des Systems. In "Swinging Benjamin" analysiert er auf der Grundlage der 
materialistischen Ästhetik Benjamins genauer, unter welchen Bedingungen eine 
Unterwanderung möglich ist. "Rock Power" war dagegen halsstarriges Insistieren 
auf die Revolution und nicht zuletzt eine suggestive Werbung für die yippieeske 
"Woodstock Nation", für eine undogmatische, heitere, ironische und vor allem 
aktuelle revolutionäre Lebensweise.

"Woodstock Nation ist ein Vorgriff auf die befreite Gesellschaft. Denn die 
Revolution braucht keineswegs auf den Tag verschoben zu werden, an dem die 
Arbeiterklasse zum Bewusstsein ihrer selbst gekommen ist und ihre historische 
Aufgabe, die Revolution zum Sieg zu führen, begriffen hat. Woodstock Nation 
trägt dazu bei, den Vorgang dieser Bewusstwerdung überhaupt erst in Gang zu 
setzen, und zwar nicht zuletzt dadurch, dass ihre Bürger […] sich selbst und die 
anderen antörnen, in ihrem eigenen Kopf aufzuräumen und sich die subjektive 
Freiheit zu verschaffen, die ihrer objektiven gesellschaftlichen Unfreiheit die 
Möglichkeit vorhält, das Gegenteil zu verwirklichen, und die Hoffnung darauf 
wachhält und anreizt."

Mit dem Abstand von vier Jahrzehnten mutet es einigermaßen befremdlich, aber 
auch irgendwie rührend an, wie ernst und inbrünstig Salzinger diskutiert, ob bei 
diesem oder jenem Konzert von den Stones, Jefferson Airplane und Dylan nun ein 
echter revolutionärer Impetus im Spiel ist - oder eben doch nur bloße Attitüde, 
geboren aus marktwirtschaftlichem Kalkül. Oder sogar beides.

Man kann auch neidisch werden, wenn man bei Salzinger nachliest, welche 
gesellschaftliche Relevanz Popmusik und eben nicht zuletzt auch die Musikkritik 
einmal besessen hat. Ganz zu schweigen von ihrem intellektuellen und 
ästhetischen Ansprüchen. Salzingers Texte sind Welten entfernt vom heute 
üblichen schnellfertigen Geschmacksfeuilletonismus und dem sich immer stärker 
durchsetzenden leicht camouflierten Produktmarketing, das die zeitgenössische 
Popkritik zu dominieren droht - und mit Kritik eigentlich nichts mehr zu tun hat.

Überdies begleitet auch ein bisschen Wehmut die Lektüre von "Rock Power", 
"Swinging Benjamin" oder "Rock um die Uhr". Auch viele Jahre nach ihrer 
Erstveröffentlichung kann man die Morgenluft noch wittern; diesen berückend 
aromatischen Duft einer machbaren gesellschaftlichen Umwälzung, der damals in 
der Luft lag. Das muss ein heimeliges Gefühl gewesen sein - als Teil so einer 
Jugendbewegung! Aber Salzinger versuchte eben nicht nur, die "Woodstock Nation" 
herbeizuschreiben. Er lebte sie ganz konkret, zog nach Odisheim ins 
norddeutschen Plattland, wo er 1993 auch starb. Von dort publizierte er in den 
Siebzigern noch seine berüchtigte "Jonas Überohr"-Kolumne für das Musikmagazin 
Sounds, um schließlich ganz auszusteigen und seinen Garten und die Gedanken ins 
Kraut schießen zu lassen.

Das war Teil einer systematischen Auswilderung, die in Salzingers 
Head-Farm-Konzept kulminierte: Durch eine solide Erbschaft konnte er in Odisheim 
eine Hybride aus Landkommune und Warhols Factory aufbauen, die durch zwei 
Kopierer völlig unabhängig von der Kulturindustrie agieren wollte. Hier 
entstanden nun vor allem Salzingers selbstverlegte Gedicht- und Essaybände sowie 
über drei Jahre hinweg monatlich Falk, eine Zeitschrift für "alles Mögliche". 
Sie wurde von der nationalen und internationalen Subkulturszene beliefert und 
war zumindest idealiter im Kollektiv hergestellt. Falk hat die grüne 
Counterculture der frühen Achtziger enorm befruchtet. Sie strahlte sogar 
gelegentlich in die bürgerlichen Feuilletons und hat einige Nachahmer gefunden. 
Letztendlich blieb es aber ein Underground-Ding von geringer Reichweite.

Das muss einem legendenträchtigen Nimbus nicht unbedingt im Wege stehen, wie 
"querFalk", das "Buch über eine Zeitschrift" zeigt. Die Herausgeber Caroline 
Hartge und Ralf Zühlke listen darin akribisch die Inhaltsverzeichnisse auf und 
skizzieren in kurzen Texten den Charakter aller 36 erschienen Falk-Ausgaben. So 
erschließt sich die Zeitschrift als Gesamtkunstwerk. Daneben gibt es auch 
Erinnerungstexte über Salzinger zu lesen. Die mal verschwatzten (Eugen Pletsch, 
Theo Köppen), anrührenden (Michael Kellner) und konzisen (Klaus Modick) 
Reminiszenzen machen durchaus Lust auf eine Exkursion in jene Zeit, als es 
tatsächlich noch so etwas wie eine "Gegenkultur" gab, die den Namen verdient.

FRANK SCHÄFER / taz


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