[echo] Ikone der Intensität: Susan Sontag

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Aug 25 14:11:37 CEST 2008


Vordenkerin Susan Sontag
Ikone der Intensität


Susan Sontag, Amerikas glamouröseste Intellektuelle, wird drei Jahre  
nach ihrem Tod neu entdeckt: als It-Girl einer Epoche, die noch voll  
Beginnergefühl war. VON ROBERT MISIK

Wir sehen, wonach wir suchen, und Größe liegt zunächst im Auge des  
Betrachters, was immer er im Betrachteten auch zu erkennen vermag. So  
sagt es, wenn eine Zeit einen Autor entdeckt oder wiederentdeckt,  
stets mindestens so viel über die Zeit selbst aus wie über den Autor.  
Was sie in ihm wahrnimmt, sind ihre Sehnsüchte. Und was sie ersehnt,  
ist das, woran sie Mangel zu leiden glaubt. "Die beiden Pole eines  
ausgeprägt modernen Bewusstseins sind Nostalgie und Utopie", schreibt  
Susan Sontag in dem Essay "Dreißig Jahre später", den sie der  
spanischen Neuauflage einer ihrer Schriften aus den frühen  
Sechzigerjahren voranstellte. "Das vielleicht interessanteste Merkmal  
der Zeit, die heute als die Sechzigerjahre etikettiert wird, war die  
Tatsache, dass es so wenig Nostalgie gab. In dem Sinne handelte es  
sich tatsächlich um einen utopischen Moment."

Womöglich gibt es heute ein Verlangen nach einer Zeit ohne Nostalgie,  
nach den Augenblicken, die noch voll waren mit dem, was Bertolt  
Brecht "Beginnergefühl" nannte. Man blickt zurück in Zeiten, in denen  
allgemein nach vorne geschaut wurde. Nostalgische Sehnsucht nach der  
Utopie, kurios genug - aber Nostalgie und Utopie sind schon immer  
originelle Bündnisse eingegangen. "Dont look back", heißt P. A.  
Pennebakers legendärer Film über Bob Dylans Englandtournee, aber das  
war damals schon halb eine Beschwörung.

Eine Konstellation, nicht ohne Paradoxie, innerhalb deren die  
Wiederentdeckung von Susan Sontag ein Symptom ist. Als sie vor drei  
Jahren starb, war Susan Sontag noch hoffnungslos "out", belächelte  
Repräsentantin der Kultur der "politisch intervenierenden  
Schriftsteller". Fad wie Grass. Keine Protestresolution, die nicht  
von ihr unterzeichnet war. In den USA behandelte man sie halb wie  
eine Närrin, halb wie eine Staatsfeindin, seit sie wenige Tage nach  
dem 11. September 2001 den Jargon des "Kriegs gegen den Terror"  
zornig attackiert hatte.

Damals hatte sie geschrieben: "Wo findet sich das Eingeständnis, dass  
dies kein ,feiger' Angriff auf ,die Zivilisation' oder ,die Freiheit'  
oder ,die Menschheit' oder ,die freie Welt' war, sondern ein Angriff  
auf die selbst ernannte Supermacht dieser Erde, unternommen infolge  
ganz bestimmter Allianzen und Aktionen, auf die Amerika sich  
eingelassen hat? […] Und was das Wort ,feige' angeht, so trifft es  
auf Leute, die vom Himmel herab und unerreichbar für jegliche  
Vergeltung töten, wohl eher zu als auf jene, die bereit sind, zu  
sterben, um andere zu töten. Zur Frage des Mutes (einer moralisch  
neutralen Tugend) nur dies: Was immer man über jene sagen mag, die  
das Blutbad vom Dienstag angerichtet haben - Feiglinge waren sie nicht."

Sontags Intervention, die sie damals zur Persona non grata machte,  
kann man in dem Band mit letzten Essays nachlesen, der jüngst im  
Hanser Verlag erschien - wenngleich man das skandalöse Potenzial  
dieser Wortmeldung nach sieben Jahren des Jingoismus von George W.  
Bush kaum mehr ermessen kann, weil die überwältigende Mehrheit der  
Menschen auf diesem Planeten inzwischen die Dinge in etwa so sieht  
wie Sontag damals.

Aber nicht nur deshalb ist die eben erst Verfemte mittlerweile  
beinahe so etwas wie eine Legende. Neben dem jüngsten Band mit  
literarischen Essays, politischen Kommentaren und diversen Preisreden  
ist unlängst eine erste Susan-Sontag-Biografie erschienen. "Geist und  
Glamour", so der programmatische Titel. Demnächst sollen auch Sontags  
Tagebücher sukzessive auf den Markt kommen, umfangreiche Auszüge  
brachte das New York Times Magazine bereits vorab.

"Warum ist Schreiben so wichtig? Hauptsächlich wegen Egoismus, nehme  
ich an. Weil ich diese Person sein will, ein Schriftsteller, und  
nicht weil da etwas wäre, was ich sagen muss. Aber warum nicht auch  
deshalb? Mit etwas Ich-Modellierung - wie mithilfe dieses Tagebuches  
- sollte ich auch die Sicherheit gewinnen, dass ich (ICH) etwas zu  
sagen habe, das gesagt werden sollte", schrieb Sontag Ende der  
Fünfzigerjahre in ihr Tagebuch. Es sind erstaunliche Notate, die die  
Literaturtheoretiker und Kulturhistoriker auf Jahre hinaus mit  
Material ausstatten werden. Ab 2009 sollen sie auch in Buchform zu  
haben sein.

Sontag hatte blutjung den Freudianer Philip Rieff geheiratet, mit ihm  
den Sohn David bekommen, ein paar Studienjahre eingelegt (unter  
anderem bei Leo Strauss, Jakob Taubes, Herbert Marcuse) und sich dann  
nach Paris davongemacht.

Dort hat sie sich voller Lebensappetit in den Kreisen der  
hauptstädtischen Intelligenz herumgetrieben und ihre Homosexualität  
akzeptiert. Sie traf Sartre auf Partys, begegnete Simone de Beauvoir.  
Sie sog Ideen auf, aber auch Mentalitäten und Gesten. Später ging sie  
nach New York und schrieb dort für die führenden linken Blätter,  
voran die legendäre Partisan Review.

Sontag sprengte die engen Rahmen, die hermetischen Zirkel der  
literarischen und akademischen Produktion. Sie interessierte sich für  
Populär- und Gegenkultur, für französische und japanische Filme, war  
Tag und Nacht auf den Beinen und wurde zur kultivierten Stimme eines  
"Lebensgefühls" zu einer Zeit, als dieses Wort noch nicht erfunden  
war. Und sie setzte als eine der ersten Intellektuellen eine moderne  
Prominenzstrategie ein - sie wurde ein "It-Girl" der Theorie. Sie  
platzierte ihre Texte auch in Lifestylezeitschriften. Ihr legendärer  
Essay "Trip to Hanoi" etwa erschien in Esquire. Ein kalkulierter  
Tabubruch, der ein raffiniertes Prominenzfeedback zur Folge hatte:  
Weil die junge, schöne, schicke Autorin Sontag in diesen Zeitungen  
veröffentlichte, steigerte das wiederum ihre Prominenz - das  
versicherte erst ihren Chic.

Nebenbei wuchs ihre Bekanntheit über die Kreise hinaus, die sich  
ansonsten für Kulturkritik interessieren. Sie war eine  
Intellektuellendarstellerin, aber nicht nur; sie repräsentierte ein  
Zeitgefühl, aber immer auch mehr als das; in ihren Essays gab sie dem  
Augenblick die Stichwörter, aber die hatten eine Wahrheit über den  
Moment hinaus; sie war ein Postergirl des Radical Chic, das aber mit  
unironischer Ernsthaftigkeit. Über Albert Camus schrieb sie, er sei  
ein Autor, "der ein überaus interessantes Leben führte, ein Leben,  
das … nicht nur als Innenleben, sondern auch äußerlich interessant  
war". Wie immer schrieb die Kritikerin da auch ein wenig über sich.

Dabei war sie sowohl Kind ihrer Zeit als auch ein Fall für sich. Sie  
pries die neuen Formen, hielt sich aber an die alten. Ihre Essays  
waren konventionell im besten Sinne - stilsicher war sie schon in  
ihren Zwanzigern, gelehrt, klug, hatte sie schnell ihren eigenen  
Sound. Sie sah, las und schrieb. Über Avantgardefilme, die neuesten  
Tendenzen der bildenden Kunst, Lebenskulturphänomene. Ihr Aufsatz  
über die "Camp"-Kultur - die augenzwinkernde Freude am Trash, wie man  
sie zuerst in der Schwulenszene kultivierte - machte sie zu einer  
Celebrity. Sontag drückte aus, was in der Luft lag, aber doch war sie  
es, die es ausdrückte - schließlich, wer ein Kind seiner Zeit ist,  
ist doch auch ein Akteur dieser Zeit.

Oder ihr Essay "Against Interpretation". Darin beschwört sie das  
Eigenleben der Kunst und verdammt die intellektuelle Suche nach  
"Bedeutungen". Die Interpretation sei die "Rache des Intellekts an  
der Kunst", denn wer das Kunstwerk auf seinen "Inhalt" reduziert, der  
zähmt es. Es ist ein Hohelied auf die "sinnliche Erfahrung". Es war,  
in gewissem Sinn, ein Angriff der Kritikerin auf ihr ureigenes  
Geschäft, der antiintellektuelle Wutausbruch einer Intellektuellen.

Es ist ein alteingesessenes intellektuellenfeindliches Vorurteil,  
dass das Denken lustfeindlich wäre. Wie falsch das ist, zeigen viele  
Intellektuellenleben. "Sinnliche Erfahrung", "sensorische  
Fähigkeiten", "Abstumpfung", "Erotik der Kunst" - es sind solche  
Formulierungen des reichen Erlebens, die Sontags "Interpretations"- 
Essay durchziehen.

Antagonistisch zum kritischen Räsonieren muss eine solche  
Sensitivität nicht sein. "Intellektuelles ,Begehren' wie sexuelles  
Begehren", notierte sie in ihr Tagebuch. Und: "Intellektuelle  
Ekstase". Auch die Dichte des Denkens ist eine Intensität des  
Erlebens. Kaum ein Begriff steht so zentral in Sontags Essayistik wie  
der Begriff der "Intensität". Große Schriftsteller, schreibt sie,  
"sind entweder Ehemänner oder Liebhaber. Bekanntermaßen sind Frauen  
bereit, beim Liebhaber um des intensiven Gefühls willen, das er in  
ihnen erweckt, Eigenschaften - wie launisches Gebaren, Selbstsucht,  
Unzuverlässigkeit und Brutalität - zu tolerieren, die sie beim  
Ehemann niemals dulden würden."

Über die Spannung zwischen Lyrik und Prosa schrieb sie, die Romantik  
verteidigte die Lyrik, indem sie die Prosa verächtlich machte, indem  
sie "prosaisch" zu einem herabsetzenden Begriff machte, "in der  
Bedeutung von langweilig, abgedroschen, alltäglich, zahm", während  
die Poesie "als ein Ideal von Intensität" gefeiert würde. Die Prosa  
galt da schnell als etwas für lahme Gemüter.

Immer wieder fällt bei ihr dieses Stichwort: Intensität. Tempo, der  
Reiz, den eine "Tendenz zum Ungesunden" verströmt, das Ideal  
persönlicher Kraft. Oder auch, wie noch in den spätesten Essays: Risiko.

Wenn Susan Sontag von etwas getrieben war, dann von der Gier nach  
Leben, der Sucht nach Intensität. Sie hat das durchgezogen, bis sie  
mit einundsiebzig Jahren starb. In Daniel Schreibers fesselnder  
Biografie kann man das nachlesen. Radikal war sie noch im Kampf gegen  
den Tod, den sie als 42-Jährige erstmals gewann, als sie sich mit den  
härtesten Therapien gegen den Brustkrebs verteidigte, und später noch  
einmal, als sie eine seltene Form von Unterleibskrebs bezwang (erst  
die Leukämie, Folge der Chemotherapien, brachte sie mit 71 Jahren  
um). Selbst in Phasen der Rekonvaleszenz warf sie sich ins Leben:  
Kein Tag ohne Kino, kein Abend ohne Ausstellungsbesuch, immer  
unterwegs zwischen New York, Paris, Berlin, Sarajevo. Und alles, noch  
der Krebs, wurde Material: "Krankheit als Metapher" wurde einer ihrer  
berühmtesten Essays.

Es gibt zwei romantische Ideen -wenn man so will: Klischees - vom  
Schriftsteller: die vom solitären Genie und die vom dem, der sich der  
Welt aussetzt, das Leben in seiner dichtesten Form als Rohstoff  
nimmt. Der eine schreibt seine Verse, wo immer er einsam genug dafür  
ist, ihm brennt sich seine Zeit ein, weil er sich von ihr fernhält;  
der andere braucht die anderen, er verkörpert seine Zeit, indem er  
sie möglichst nahe an sich heranlässt. Wie jedes Klischee hat auch  
dieses seine Verankerung in der Realität. Es gibt Orte, an denen sich  
ein Übermaß an Talenten konzentriert, und Momente, in denen der  
Zeitgeist dem Neuen günstig ist. Greenwich Village war so ein Ort,  
und die frühen Sechzigerjahre waren so eine Zeit.

Und Susan Sontag war so ein Autorentypus. Sie war, im besten aller  
möglichen Sinne, Produkt ihrer Umstände. Wer ein Programm wie das  
ihre auf sich allein gestellt zu verfechten suchte, der stünde auf  
verlorenem Posten. So befruchtete sich eine ganze Generation  
gegenseitig: der Sänger-Poet Bob Dylan, Konzeptkunst, die  
Happeningszene, Autoren wie William S. Burroughs und Alain Ginsberg,  
die nach einer neuen Sprache suchten, Musiker wie John Cage. Sex,  
Drugs, Rock n Roll. Norman Mailer, Andy Warhol, Merce Cunningham,  
Robert Wilson - man hatte bei Gott nicht immer gemeinsame ästhetische  
Konzepte, aber man bewohnte dasselbe Viertel. Mit Warren Beatty hatte  
sie damals eine Beziehung, ihr letztes Männerverhältnis. Später wurde  
sie mit der Starfotografin Annie Leibovitz New Yorks "First Lesbian  
Couple". Publik machte Sontag, die ansonsten so sehr auch auf die  
öffentliche "Celebrity" achtete, ihre Beziehung nie. Offenkundig,  
weil sie die allgemeine Reputation als "Schriftstellerin" der  
speziellen Reputation der "lesbischen Schriftstellerin" vorzog.

Biotop nannte man solche Gegenden, schon bevor noch von "Creative  
Industries", "Creative Classes" und "Gentrifizierung" die Rede war.  
Man war jung in einem eminenten Sinne. "Forever Young", sang Bob  
Dylan. Damit war mehr gemeint als die biologische Jugend, aber es war  
auch eine jener Illusionen, für die biologische Jugend anfällig  
macht. "Die Angst, alt zu werden", notierte Susan Sontag in ihr  
Tagebuch, "entspringt der Einsicht, dass man nicht das Leben lebt,  
das man zu leben wünscht. Es ist ein anderer Ausdruck für das Gefühl,  
die Gegenwart zu missbrauchen." Sie war damals gerade achtundzwanzig.

Es ist ein Glück, solchen Beginner-Generationen anzugehören. Aber  
auch ein Fluch. Man macht reinen Tisch, begründet mit Wucht eine neue  
Zeitrechnung, im Sinne des "positiven Begriffs von Barbarentum", von  
dem Walter Benjamin sprach, jener Walter Benjamin übrigens, dem Susan  
Sontag gewiss nicht zufällig einen ihrer großen Essays widmete. Aber  
man hat dann, wenn die dichten Jahre vorbei sind, das Milieu, aus dem  
man schöpfte, zerfallen und der Zeitbruch vollzogen ist, oft auch  
seine Zukunft hinter sich - wenigstens läuft man leicht der  
Grandiosität von drei, vier Saisons hinterher. Und geht als Denkmal  
dessen durch die Welt, der man in seinen Zwanzigern war. Das bleibt  
auch den Besten nicht erspart, selbst wenn sie viel daransetzen, sich  
regelmäßig neu zu erfinden. "Die Sechziger waren eine grandiose Zeit,  
die wichtigste meines Lebens", sagte Sontag einmal. Und an anderer  
Stelle schrieb sie von "jener inzwischen mythischen Epoche, die als  
die Sechzigerjahre bekannt ist". Nur, damals, als die Epoche lebendig  
war, "waren es eben noch nicht die Sechzigerjahre".

Als Autorin war Susan Sontag originell und unoriginell zugleich, man  
kann auch sagen: modern und modisch. Stets war sie auf der Suche,  
türmte fast obsessiv Wissen auf, entdeckte neue Autoren - landete  
dabei aber doch bei dem, was spätestens kurz danach dem  
Zeitgenössischen gut und teuer sein würde: bei Godard und Ingmar  
Bergman, bei Roland Barthes, Joseph Brodsky, Cioran, Canetti. Auch  
sie blickte zurück: in ihrem Benjamin-Essay, auf Dostojewski, Rilke,  
Pasternak, Paul Valéry, André Gide. Ihre Essayistik orientierte sich  
an den formalen Kategorien, die diese Vorbilder etabliert hatten, was  
freilich auch heißt, dass ihr Stil nicht wirklich "jung" war - ein  
Susan-Sontag-Essay hatte in etwa jenes formale Niveau, wie es seit  
den Dreißigerjahren etabliert war, etwa auf den Seiten der Neuen  
Rundschau, um nur ein Beispiel zu nennen. "Jung" waren eher die  
Themen: Film, Fotografie, Happenings. Sie war von fast altmodischer  
Gelehrsamkeit, aber vom Jargon des Akademischen früh geheilt. Es war  
unverkennbar positiv geurteilt, wenn sie über Roland Barthes schrieb:  
"Indem er sich von den Theorien verabschiedete, legte er auch weniger  
Gewicht auf den zur Moderne gehörenden Standard der  
Schwerverständlichkeit."

Jeder Essayist schreibt, wenn er über einen anderen schreibt, immer  
auch über sich. Bei Susan Sontag war diese Eigenart nur besonders  
ausgeprägt, aber vielleicht lag das an einer Leidenschaftlichkeit,  
die es ihr nicht möglich machte, diese Spuren des Selbst hinter  
Subtilitäten zu verbergen. Es schreit, gerade da, wo sie am besten  
ist, förmlich aus ihr heraus: So will ich auch sein! So präsentiert  
der packendste Essay des eben posthum erschienenen Aufsatzbandes den  
unorthodoxen Trotzkisten Victor Serge.

Der als Sohn russischer Emigranten in Belgien geborene Schriftsteller  
und Revolutionär ist einer der großen, vergessenen Helden des  
zwanzigsten Jahrhunderts. Erst kämpfte er aufseiten der Bolschewiki,  
dann aufseiten der trotzkistischen Poum im Spanischen Bürgerkrieg,  
aber auch Trotzki verstieß ihn, weil er sich keiner Dogmatik  
unterordnen wollte. Und zeitlebens war er ein ebenso produktiver wie  
großartiger Stilist, der Romane, Pamphlete, Biografien schrieb. Mit  
regelrechter Verehrung schreibt Sontag über Serge "und die Fragen,  
denen er seinen Scharfblick, seine Redlichkeit, seinen Mut, seine  
Niederlagen widmete - Wie soll man leben? Wie kann man seinem Leben  
einen Sinn geben? Wie kann man den Unterdrückten ein besseres Leben  
verschaffen?".

Man geht anders durchs Leben, wenn man seine Niederlagen noch vor  
sich hat. Und gewiss auch hat die Zeit größere Niederlagen für  
Menschen wie Serge bereitgehalten als die ihre für Leute wie Sontag.  
Aber doch war die Generation der jungen Sontag die letzte, die von  
einem vorbehaltlosen Bekenntnis zu ihrem Zeitalter geprägt war. Es  
ist, zumal für kulturell Moderne, eine Frage von eminenter Relevanz:  
Wie steht man zu seinem Zeitalter? Kann man modern sein ohne  
Zukunftspathos? Wie ist es um den Index der Zeit bestellt, wenn die  
Illusionen verbraucht sind und an den "Fortschritt" nur mehr  
Arbeitgeberfunktionäre glauben, die mit diesem eine Mischung aus  
Globalisierung, Deregulierung der Arbeitsmärkte und Computerisierung  
meinen? Modernes Bewusstsein, zumal wenn es mit rebellischem Elan  
legiert ist, war, um es mit Benjamins Worten zu sagen, immer getragen  
von Kritik der Gegenwart bei gleichzeitig "rückhaltlosem Bekenntnis"  
zu dieser - oder einfacher gesagt, von utopischem  
Fortschrittsbewusstsein. "Die Moderne war", schreibt Susan Sontag in  
"Dreißig Jahre später" über die Sixties, "immer noch eine  
lebenssprühende Idee. (Das war vor den Kapitulationen, die sich in  
der Vorstellung der ,Postmoderne' verkörpern)." Weiter: "Wie  
wundervoll das alles im Rückblick erscheint. Wie sehr man sich  
wünschte, dass ein wenig von der Kühnheit, dem Optimismus, der  
Verachtung für den Kommerz überlebt hätte. […] Die Zeit, in der wir  
leben, wird nicht als utopischer Moment erfahren, sondern als das  
Ende - genauer gesagt, als die Zeit unmittelbar nach dem Ende -  
jedweder Ideale. […] Heute kommt den meisten Menschen allein schon  
die Idee des Ernsthaften (und des Ehrenhaften) kurios  
vor, ,unrealistisch'."

Sontag hat wohl verstanden, dass sie verstrickt war in die Prozesse,  
deren Resultate sie so beklagte. Sie modellierte sich zur  
Medienintellektuellen mit Glamour, war aber damit Teil der Auflösung  
aller Seriosität in das Spiel mit der Beachtung. "Der Einfluss, den  
ein Schriftsteller heutzutage ausüben kann, ist rein zufälliger Art.  
Er ist nichts weiter als ein Bestandteil der Prominentenkultur",  
führte Sontag in einer ihren letzten Reden aus.

Doch in den Sechzigerjahren war ihr noch nicht klar, "dass der Ernst  
selbst anfing, in der Kultur insgesamt an Glaubwürdigkeit zu  
verlieren, und dass ein Teil der mehr auf Verstöße abzielenden Kunst,  
die mir zusagte, dazu diente, frivole, lediglich am Konsum  
ausgerichtete Verstöße zu unterstützen."

Das Künstler-Ich war selbst ein konsumierbares Produkt geworden, und  
auch die Autorin mit der Witterung für das "Next New Thing" wurde zu  
einer stilisierten Marke, die Aufmerksamkeit dafür bekommt, wie sie  
etwas sagt, für ihre Gestik, ihre Theatralik - schön und cool. Im  
Fernsehzeitalter agiert der öffentliche Intellektuelle stets, auch  
wenn keine Kamera auf ihn gerichtet ist, als wäre eine Kamera auf ihn  
gerichtet.

Der gesellschaftliche Wandel, der die Voraussetzung für Sontags  
Kultstatus war, bewirkte auch, dass die Wörter auf zunehmend  
schwankendem Boden standen. Was genau sie sagte, war nicht so  
wichtig, oder besser, es war im Notfall austauschbar, sofern nur der  
Sound passte und die Figur stimmig war: "Der Anspruch, möglichst das  
letzte Wort zu haben, wohnt allem kraftvollen Formulieren inne."  
Sontag hat das früh und eher instinktiv erkannt. In ihr Tagebuch  
schrieb sie über die Fortschritte an einem Essay über Pornografie,  
den sie gerade in Arbeit hatte. "Ich komme ans Ende der Besprechung.  
[…] Sie ist okay. Freilich, ich glaube kein Wort von dem, was ich  
sage." Die moderne Infotainmentkultur winkte da bereits, in der  
weniger zählt, was jemand sagt, und mehr, wie er oder sie es sagt.

Es hat in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in den  
letzten beiden Jahrzehnten eine erschreckende Verschiebung von  
moralischen Einstellungen gegeben. Ihr Markenzeichen ist die  
Diskreditierung jedweden Idealismus, ja des Altruismus selbst, und  
hoher Maßstäbe aller Art, kultureller wie moralischer", schrieb  
Sontag Ende der Neunzigerjahre in Beantwortung eines Fragebogens.  
Gewiss hat das mit dem ideologischen Klassenkampf von oben zu tun,  
der es schaffte, alles Streben jenseits nackten Eigennutzes mit dem  
Flair des Lächerlichen zu umgeben und umgekehrt das Gewinnstreben mit  
einem Heroismus der kalten Schneidigkeit zu verbinden. Schon John  
Maynard Keynes wusste: Dass die Lehre des radikalen  
Marktliberalismus, "in die Praxis übersetzt, spartanisch und oft  
widerwärtig war, verlieh ihr einen Anspruch von Tugend".

Seit Keynes hat der Kapitalismus seine widerwärtigen Seiten nicht  
verloren, im Gegenteil, aber doch sein asketisches Ideal. Der brutale  
Herrenreitergestus ist der Freihandelsapologie zwar geblieben -  
schließlich habe man kalten Herzens die Realitäten "zur Kenntnis zu  
nehmen", aber die Härte ist auch von einer Korona der Frivolität  
umkränzt. Denn im Konsumismus ist der Kapitalismus ein Bündnis mit  
den Lastern eingegangen - die Konsumtionsspirale hält auch am Laufen,  
wer Hardcore-Pornos schaut, tonnenweise Fastfood in sich hineinstopft  
oder sich eine private Flugzeugflotte hält. "Ich sehe  
Vielversprechendes in den Aktivitäten der jungen Leute", sagte Sontag  
in ihrer berühmten Rede "Whats happening in America?", "dazu gehört  
sowohl ihr Interesse an Politik […] wie auch die Art, zu tanzen, sich  
zu kleiden, ihre Haare zu tragen, Randale und Liebe zu machen." Der  
Spaß erschien damals noch als Spielart der Subversion. Heute ist er  
der Motor der Konsumnachfrage.

Die Moral hat einen schweren Stand, weil ihr Bündnis mit dem  
Fortschritt zerbrach. Die Moral hat etwas Leichtes und Kräftiges  
zugleich, wenn sie von der Gewissheit getragen ist, dass sie die  
Geschichte auf ihrer Seite hat und der Fortschritt zur moralischen  
Verbesserung der Menschheit beiträgt, kurzum: wenn sich die Moral  
selbst "mit den Realitäten" im Bunde weiß. Moral mit Modernismus  
gepaart ergibt Optimismus. Auf sich allein gestellt neigt sie zum  
Moralisieren. Moral, die den Wind im Rücken wähnt, kann sich im  
Impliziten begnügen. Bläst ihr der Wind aber ins Gesicht, wird die  
Moral schnell als Moralismus ostentativ, sie herrscht einen an, geht  
einem auf die Nerven. "Es ist korrumpierend, wenn man schon in der  
Absicht, zu moralisieren, schreibt, mit dem Ziel, die moralischen  
Standards der Menschen zu heben", notierte Susan Sontag Ende der  
Fünfzigerjahre.

Mit dem Hang zur Selbststilisierung, besessen davon, eine zu sein,  
die sie selbst bewundern kann, prätendierte Sontag zunehmend, "in den  
Ruinen der Geschichte" (New York Review of Books) zu stehen. Aber  
Melancholie ist ein ungesundes Weltverhältnis. Modernität ist auch  
ein Willensakt. Die Dichte der Sprache, die Sontag in den  
Sechzigerjahren schrieb, in diesen Essays, in denen jeder Satz ein  
Hackenknall war und jede These wie ein Degenhieb saß, könnte uns auch  
daran erinnern, dass der unbedingte Wille, modern zu sein, auch  
schierer Voluntarismus ist. Rimbauds "Il faut être absolument  
moderne" ("Wir müssen unbedingt modern sein") klingt hier nach. Die  
"Moderne" hatte ihre besten Momente, wenn genügend Menschen diesen  
Willensakt aufbrachten. Selbstredend, wir wissen, um Marx zu  
paraphrasieren, die Menschen machen ihre Moderne selbst, aber sie  
machen sie nicht aus freien Stücken. Doch sie machen ihre Umstände  
schon auch in demselben Maße, wie die Umstände sie machen.

Wir sollten wieder modern sein.

ROBERT MISIK, Jahrgang 1966, lebt als Journalist und Schriftsteller  
in Wien


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