Re: [echo] Ikone der Intensität: Susan Sontag
Brigitta Huhnke
bhuhnke at gmx.de
Mon Aug 25 14:57:41 CEST 2008
puh, manchmal kann ich diese Verwahrlosung des Denkens einfach nicht
ertragen:
Die Jüdin Susan Sontag als Ikone zu beschreiben, das ist so wie den Papst
als Kaftanträger zu bezeichnen, aber wahrscheinlich hat er das gewählt, weil
es eine so schön putzige Alliteration gibt.
Junge, Junge.
Aber fast noch unerträglich ist das hohle, oberflächliche Gebrabbel von Misk
zu allem und jedem, dann immer mit dem Gestus versehen, etwas Neues entdeckt
zu haben und dann das unsägliche "wir", diese holprigen "dass" Sätze, "man"
Konstrukte, Adjektivkonstruktionen ("glamouröseste Intellektuelle", was ist
das für ein Müll) etc, alles was wir aus der Forschung über Stereotype
kennen, Zutaten, die aus den semantischen dann handfeste Klischees
fabrizieren bzw manifestieren.
Aber Tote können sich nicht wehren.
Nichts ist neu, den Artikel lässt er auch m. Wissens schon länger kursieren.
Beim Standard online ist er dann auch noch oft per Video in Pose zu
beobachten. Hoffe, jetzt, wo die SZ wieder raus ist aus dem Standard, hört
der dort endlich auf, den Journalismus zu ruinieren. Aber dann hat er ja
hier immer noch die taz.
Wir haben ja viele solche "Denker", aber für Österreich ist Misk wirklich
einmalig hohl.
----- Original Message -----
From: "cornelia sollfrank" <cornelia at snafu.de>
To: "echo mailingliste" <echo at soundwarez.org>
Sent: Tuesday, August 25, 2009 3:17 PM
Subject: [echo] Ikone der Intensität: Susan Sontag
Vordenkerin Susan Sontag
Ikone der Intensität
Susan Sontag, Amerikas glamouröseste Intellektuelle, wird drei Jahre
nach ihrem Tod neu entdeckt: als It-Girl einer Epoche, die noch voll
Beginnergefühl war. VON ROBERT MISIK
Wir sehen, wonach wir suchen, und Größe liegt zunächst im Auge des
Betrachters, was immer er im Betrachteten auch zu erkennen vermag. So
sagt es, wenn eine Zeit einen Autor entdeckt oder wiederentdeckt,
stets mindestens so viel über die Zeit selbst aus wie über den Autor.
Was sie in ihm wahrnimmt, sind ihre Sehnsüchte. Und was sie ersehnt,
ist das, woran sie Mangel zu leiden glaubt. "Die beiden Pole eines
ausgeprägt modernen Bewusstseins sind Nostalgie und Utopie", schreibt
Susan Sontag in dem Essay "Dreißig Jahre später", den sie der
spanischen Neuauflage einer ihrer Schriften aus den frühen
Sechzigerjahren voranstellte. "Das vielleicht interessanteste Merkmal
der Zeit, die heute als die Sechzigerjahre etikettiert wird, war die
Tatsache, dass es so wenig Nostalgie gab. In dem Sinne handelte es
sich tatsächlich um einen utopischen Moment."
Womöglich gibt es heute ein Verlangen nach einer Zeit ohne Nostalgie,
nach den Augenblicken, die noch voll waren mit dem, was Bertolt
Brecht "Beginnergefühl" nannte. Man blickt zurück in Zeiten, in denen
allgemein nach vorne geschaut wurde. Nostalgische Sehnsucht nach der
Utopie, kurios genug - aber Nostalgie und Utopie sind schon immer
originelle Bündnisse eingegangen. "Dont look back", heißt P. A.
Pennebakers legendärer Film über Bob Dylans Englandtournee, aber das
war damals schon halb eine Beschwörung.
Eine Konstellation, nicht ohne Paradoxie, innerhalb deren die
Wiederentdeckung von Susan Sontag ein Symptom ist. Als sie vor drei
Jahren starb, war Susan Sontag noch hoffnungslos "out", belächelte
Repräsentantin der Kultur der "politisch intervenierenden
Schriftsteller". Fad wie Grass. Keine Protestresolution, die nicht
von ihr unterzeichnet war. In den USA behandelte man sie halb wie
eine Närrin, halb wie eine Staatsfeindin, seit sie wenige Tage nach
dem 11. September 2001 den Jargon des "Kriegs gegen den Terror"
zornig attackiert hatte.
Damals hatte sie geschrieben: "Wo findet sich das Eingeständnis, dass
dies kein ,feiger' Angriff auf ,die Zivilisation' oder ,die Freiheit'
oder ,die Menschheit' oder ,die freie Welt' war, sondern ein Angriff
auf die selbst ernannte Supermacht dieser Erde, unternommen infolge
ganz bestimmter Allianzen und Aktionen, auf die Amerika sich
eingelassen hat? […] Und was das Wort ,feige' angeht, so trifft es
auf Leute, die vom Himmel herab und unerreichbar für jegliche
Vergeltung töten, wohl eher zu als auf jene, die bereit sind, zu
sterben, um andere zu töten. Zur Frage des Mutes (einer moralisch
neutralen Tugend) nur dies: Was immer man über jene sagen mag, die
das Blutbad vom Dienstag angerichtet haben - Feiglinge waren sie nicht."
Sontags Intervention, die sie damals zur Persona non grata machte,
kann man in dem Band mit letzten Essays nachlesen, der jüngst im
Hanser Verlag erschien - wenngleich man das skandalöse Potenzial
dieser Wortmeldung nach sieben Jahren des Jingoismus von George W.
Bush kaum mehr ermessen kann, weil die überwältigende Mehrheit der
Menschen auf diesem Planeten inzwischen die Dinge in etwa so sieht
wie Sontag damals.
Aber nicht nur deshalb ist die eben erst Verfemte mittlerweile
beinahe so etwas wie eine Legende. Neben dem jüngsten Band mit
literarischen Essays, politischen Kommentaren und diversen Preisreden
ist unlängst eine erste Susan-Sontag-Biografie erschienen. "Geist und
Glamour", so der programmatische Titel. Demnächst sollen auch Sontags
Tagebücher sukzessive auf den Markt kommen, umfangreiche Auszüge
brachte das New York Times Magazine bereits vorab.
"Warum ist Schreiben so wichtig? Hauptsächlich wegen Egoismus, nehme
ich an. Weil ich diese Person sein will, ein Schriftsteller, und
nicht weil da etwas wäre, was ich sagen muss. Aber warum nicht auch
deshalb? Mit etwas Ich-Modellierung - wie mithilfe dieses Tagebuches
- sollte ich auch die Sicherheit gewinnen, dass ich (ICH) etwas zu
sagen habe, das gesagt werden sollte", schrieb Sontag Ende der
Fünfzigerjahre in ihr Tagebuch. Es sind erstaunliche Notate, die die
Literaturtheoretiker und Kulturhistoriker auf Jahre hinaus mit
Material ausstatten werden. Ab 2009 sollen sie auch in Buchform zu
haben sein.
Sontag hatte blutjung den Freudianer Philip Rieff geheiratet, mit ihm
den Sohn David bekommen, ein paar Studienjahre eingelegt (unter
anderem bei Leo Strauss, Jakob Taubes, Herbert Marcuse) und sich dann
nach Paris davongemacht.
Dort hat sie sich voller Lebensappetit in den Kreisen der
hauptstädtischen Intelligenz herumgetrieben und ihre Homosexualität
akzeptiert. Sie traf Sartre auf Partys, begegnete Simone de Beauvoir.
Sie sog Ideen auf, aber auch Mentalitäten und Gesten. Später ging sie
nach New York und schrieb dort für die führenden linken Blätter,
voran die legendäre Partisan Review.
Sontag sprengte die engen Rahmen, die hermetischen Zirkel der
literarischen und akademischen Produktion. Sie interessierte sich für
Populär- und Gegenkultur, für französische und japanische Filme, war
Tag und Nacht auf den Beinen und wurde zur kultivierten Stimme eines
"Lebensgefühls" zu einer Zeit, als dieses Wort noch nicht erfunden
war. Und sie setzte als eine der ersten Intellektuellen eine moderne
Prominenzstrategie ein - sie wurde ein "It-Girl" der Theorie. Sie
platzierte ihre Texte auch in Lifestylezeitschriften. Ihr legendärer
Essay "Trip to Hanoi" etwa erschien in Esquire. Ein kalkulierter
Tabubruch, der ein raffiniertes Prominenzfeedback zur Folge hatte:
Weil die junge, schöne, schicke Autorin Sontag in diesen Zeitungen
veröffentlichte, steigerte das wiederum ihre Prominenz - das
versicherte erst ihren Chic.
Nebenbei wuchs ihre Bekanntheit über die Kreise hinaus, die sich
ansonsten für Kulturkritik interessieren. Sie war eine
Intellektuellendarstellerin, aber nicht nur; sie repräsentierte ein
Zeitgefühl, aber immer auch mehr als das; in ihren Essays gab sie dem
Augenblick die Stichwörter, aber die hatten eine Wahrheit über den
Moment hinaus; sie war ein Postergirl des Radical Chic, das aber mit
unironischer Ernsthaftigkeit. Über Albert Camus schrieb sie, er sei
ein Autor, "der ein überaus interessantes Leben führte, ein Leben,
das … nicht nur als Innenleben, sondern auch äußerlich interessant
war". Wie immer schrieb die Kritikerin da auch ein wenig über sich.
Dabei war sie sowohl Kind ihrer Zeit als auch ein Fall für sich. Sie
pries die neuen Formen, hielt sich aber an die alten. Ihre Essays
waren konventionell im besten Sinne - stilsicher war sie schon in
ihren Zwanzigern, gelehrt, klug, hatte sie schnell ihren eigenen
Sound. Sie sah, las und schrieb. Über Avantgardefilme, die neuesten
Tendenzen der bildenden Kunst, Lebenskulturphänomene. Ihr Aufsatz
über die "Camp"-Kultur - die augenzwinkernde Freude am Trash, wie man
sie zuerst in der Schwulenszene kultivierte - machte sie zu einer
Celebrity. Sontag drückte aus, was in der Luft lag, aber doch war sie
es, die es ausdrückte - schließlich, wer ein Kind seiner Zeit ist,
ist doch auch ein Akteur dieser Zeit.
Oder ihr Essay "Against Interpretation". Darin beschwört sie das
Eigenleben der Kunst und verdammt die intellektuelle Suche nach
"Bedeutungen". Die Interpretation sei die "Rache des Intellekts an
der Kunst", denn wer das Kunstwerk auf seinen "Inhalt" reduziert, der
zähmt es. Es ist ein Hohelied auf die "sinnliche Erfahrung". Es war,
in gewissem Sinn, ein Angriff der Kritikerin auf ihr ureigenes
Geschäft, der antiintellektuelle Wutausbruch einer Intellektuellen.
Es ist ein alteingesessenes intellektuellenfeindliches Vorurteil,
dass das Denken lustfeindlich wäre. Wie falsch das ist, zeigen viele
Intellektuellenleben. "Sinnliche Erfahrung", "sensorische
Fähigkeiten", "Abstumpfung", "Erotik der Kunst" - es sind solche
Formulierungen des reichen Erlebens, die Sontags "Interpretations"-
Essay durchziehen.
Antagonistisch zum kritischen Räsonieren muss eine solche
Sensitivität nicht sein. "Intellektuelles ,Begehren' wie sexuelles
Begehren", notierte sie in ihr Tagebuch. Und: "Intellektuelle
Ekstase". Auch die Dichte des Denkens ist eine Intensität des
Erlebens. Kaum ein Begriff steht so zentral in Sontags Essayistik wie
der Begriff der "Intensität". Große Schriftsteller, schreibt sie,
"sind entweder Ehemänner oder Liebhaber. Bekanntermaßen sind Frauen
bereit, beim Liebhaber um des intensiven Gefühls willen, das er in
ihnen erweckt, Eigenschaften - wie launisches Gebaren, Selbstsucht,
Unzuverlässigkeit und Brutalität - zu tolerieren, die sie beim
Ehemann niemals dulden würden."
Über die Spannung zwischen Lyrik und Prosa schrieb sie, die Romantik
verteidigte die Lyrik, indem sie die Prosa verächtlich machte, indem
sie "prosaisch" zu einem herabsetzenden Begriff machte, "in der
Bedeutung von langweilig, abgedroschen, alltäglich, zahm", während
die Poesie "als ein Ideal von Intensität" gefeiert würde. Die Prosa
galt da schnell als etwas für lahme Gemüter.
Immer wieder fällt bei ihr dieses Stichwort: Intensität. Tempo, der
Reiz, den eine "Tendenz zum Ungesunden" verströmt, das Ideal
persönlicher Kraft. Oder auch, wie noch in den spätesten Essays: Risiko.
Wenn Susan Sontag von etwas getrieben war, dann von der Gier nach
Leben, der Sucht nach Intensität. Sie hat das durchgezogen, bis sie
mit einundsiebzig Jahren starb. In Daniel Schreibers fesselnder
Biografie kann man das nachlesen. Radikal war sie noch im Kampf gegen
den Tod, den sie als 42-Jährige erstmals gewann, als sie sich mit den
härtesten Therapien gegen den Brustkrebs verteidigte, und später noch
einmal, als sie eine seltene Form von Unterleibskrebs bezwang (erst
die Leukämie, Folge der Chemotherapien, brachte sie mit 71 Jahren
um). Selbst in Phasen der Rekonvaleszenz warf sie sich ins Leben:
Kein Tag ohne Kino, kein Abend ohne Ausstellungsbesuch, immer
unterwegs zwischen New York, Paris, Berlin, Sarajevo. Und alles, noch
der Krebs, wurde Material: "Krankheit als Metapher" wurde einer ihrer
berühmtesten Essays.
Es gibt zwei romantische Ideen -wenn man so will: Klischees - vom
Schriftsteller: die vom solitären Genie und die vom dem, der sich der
Welt aussetzt, das Leben in seiner dichtesten Form als Rohstoff
nimmt. Der eine schreibt seine Verse, wo immer er einsam genug dafür
ist, ihm brennt sich seine Zeit ein, weil er sich von ihr fernhält;
der andere braucht die anderen, er verkörpert seine Zeit, indem er
sie möglichst nahe an sich heranlässt. Wie jedes Klischee hat auch
dieses seine Verankerung in der Realität. Es gibt Orte, an denen sich
ein Übermaß an Talenten konzentriert, und Momente, in denen der
Zeitgeist dem Neuen günstig ist. Greenwich Village war so ein Ort,
und die frühen Sechzigerjahre waren so eine Zeit.
Und Susan Sontag war so ein Autorentypus. Sie war, im besten aller
möglichen Sinne, Produkt ihrer Umstände. Wer ein Programm wie das
ihre auf sich allein gestellt zu verfechten suchte, der stünde auf
verlorenem Posten. So befruchtete sich eine ganze Generation
gegenseitig: der Sänger-Poet Bob Dylan, Konzeptkunst, die
Happeningszene, Autoren wie William S. Burroughs und Alain Ginsberg,
die nach einer neuen Sprache suchten, Musiker wie John Cage. Sex,
Drugs, Rock n Roll. Norman Mailer, Andy Warhol, Merce Cunningham,
Robert Wilson - man hatte bei Gott nicht immer gemeinsame ästhetische
Konzepte, aber man bewohnte dasselbe Viertel. Mit Warren Beatty hatte
sie damals eine Beziehung, ihr letztes Männerverhältnis. Später wurde
sie mit der Starfotografin Annie Leibovitz New Yorks "First Lesbian
Couple". Publik machte Sontag, die ansonsten so sehr auch auf die
öffentliche "Celebrity" achtete, ihre Beziehung nie. Offenkundig,
weil sie die allgemeine Reputation als "Schriftstellerin" der
speziellen Reputation der "lesbischen Schriftstellerin" vorzog.
Biotop nannte man solche Gegenden, schon bevor noch von "Creative
Industries", "Creative Classes" und "Gentrifizierung" die Rede war.
Man war jung in einem eminenten Sinne. "Forever Young", sang Bob
Dylan. Damit war mehr gemeint als die biologische Jugend, aber es war
auch eine jener Illusionen, für die biologische Jugend anfällig
macht. "Die Angst, alt zu werden", notierte Susan Sontag in ihr
Tagebuch, "entspringt der Einsicht, dass man nicht das Leben lebt,
das man zu leben wünscht. Es ist ein anderer Ausdruck für das Gefühl,
die Gegenwart zu missbrauchen." Sie war damals gerade achtundzwanzig.
Es ist ein Glück, solchen Beginner-Generationen anzugehören. Aber
auch ein Fluch. Man macht reinen Tisch, begründet mit Wucht eine neue
Zeitrechnung, im Sinne des "positiven Begriffs von Barbarentum", von
dem Walter Benjamin sprach, jener Walter Benjamin übrigens, dem Susan
Sontag gewiss nicht zufällig einen ihrer großen Essays widmete. Aber
man hat dann, wenn die dichten Jahre vorbei sind, das Milieu, aus dem
man schöpfte, zerfallen und der Zeitbruch vollzogen ist, oft auch
seine Zukunft hinter sich - wenigstens läuft man leicht der
Grandiosität von drei, vier Saisons hinterher. Und geht als Denkmal
dessen durch die Welt, der man in seinen Zwanzigern war. Das bleibt
auch den Besten nicht erspart, selbst wenn sie viel daransetzen, sich
regelmäßig neu zu erfinden. "Die Sechziger waren eine grandiose Zeit,
die wichtigste meines Lebens", sagte Sontag einmal. Und an anderer
Stelle schrieb sie von "jener inzwischen mythischen Epoche, die als
die Sechzigerjahre bekannt ist". Nur, damals, als die Epoche lebendig
war, "waren es eben noch nicht die Sechzigerjahre".
Als Autorin war Susan Sontag originell und unoriginell zugleich, man
kann auch sagen: modern und modisch. Stets war sie auf der Suche,
türmte fast obsessiv Wissen auf, entdeckte neue Autoren - landete
dabei aber doch bei dem, was spätestens kurz danach dem
Zeitgenössischen gut und teuer sein würde: bei Godard und Ingmar
Bergman, bei Roland Barthes, Joseph Brodsky, Cioran, Canetti. Auch
sie blickte zurück: in ihrem Benjamin-Essay, auf Dostojewski, Rilke,
Pasternak, Paul Valéry, André Gide. Ihre Essayistik orientierte sich
an den formalen Kategorien, die diese Vorbilder etabliert hatten, was
freilich auch heißt, dass ihr Stil nicht wirklich "jung" war - ein
Susan-Sontag-Essay hatte in etwa jenes formale Niveau, wie es seit
den Dreißigerjahren etabliert war, etwa auf den Seiten der Neuen
Rundschau, um nur ein Beispiel zu nennen. "Jung" waren eher die
Themen: Film, Fotografie, Happenings. Sie war von fast altmodischer
Gelehrsamkeit, aber vom Jargon des Akademischen früh geheilt. Es war
unverkennbar positiv geurteilt, wenn sie über Roland Barthes schrieb:
"Indem er sich von den Theorien verabschiedete, legte er auch weniger
Gewicht auf den zur Moderne gehörenden Standard der
Schwerverständlichkeit."
Jeder Essayist schreibt, wenn er über einen anderen schreibt, immer
auch über sich. Bei Susan Sontag war diese Eigenart nur besonders
ausgeprägt, aber vielleicht lag das an einer Leidenschaftlichkeit,
die es ihr nicht möglich machte, diese Spuren des Selbst hinter
Subtilitäten zu verbergen. Es schreit, gerade da, wo sie am besten
ist, förmlich aus ihr heraus: So will ich auch sein! So präsentiert
der packendste Essay des eben posthum erschienenen Aufsatzbandes den
unorthodoxen Trotzkisten Victor Serge.
Der als Sohn russischer Emigranten in Belgien geborene Schriftsteller
und Revolutionär ist einer der großen, vergessenen Helden des
zwanzigsten Jahrhunderts. Erst kämpfte er aufseiten der Bolschewiki,
dann aufseiten der trotzkistischen Poum im Spanischen Bürgerkrieg,
aber auch Trotzki verstieß ihn, weil er sich keiner Dogmatik
unterordnen wollte. Und zeitlebens war er ein ebenso produktiver wie
großartiger Stilist, der Romane, Pamphlete, Biografien schrieb. Mit
regelrechter Verehrung schreibt Sontag über Serge "und die Fragen,
denen er seinen Scharfblick, seine Redlichkeit, seinen Mut, seine
Niederlagen widmete - Wie soll man leben? Wie kann man seinem Leben
einen Sinn geben? Wie kann man den Unterdrückten ein besseres Leben
verschaffen?".
Man geht anders durchs Leben, wenn man seine Niederlagen noch vor
sich hat. Und gewiss auch hat die Zeit größere Niederlagen für
Menschen wie Serge bereitgehalten als die ihre für Leute wie Sontag.
Aber doch war die Generation der jungen Sontag die letzte, die von
einem vorbehaltlosen Bekenntnis zu ihrem Zeitalter geprägt war. Es
ist, zumal für kulturell Moderne, eine Frage von eminenter Relevanz:
Wie steht man zu seinem Zeitalter? Kann man modern sein ohne
Zukunftspathos? Wie ist es um den Index der Zeit bestellt, wenn die
Illusionen verbraucht sind und an den "Fortschritt" nur mehr
Arbeitgeberfunktionäre glauben, die mit diesem eine Mischung aus
Globalisierung, Deregulierung der Arbeitsmärkte und Computerisierung
meinen? Modernes Bewusstsein, zumal wenn es mit rebellischem Elan
legiert ist, war, um es mit Benjamins Worten zu sagen, immer getragen
von Kritik der Gegenwart bei gleichzeitig "rückhaltlosem Bekenntnis"
zu dieser - oder einfacher gesagt, von utopischem
Fortschrittsbewusstsein. "Die Moderne war", schreibt Susan Sontag in
"Dreißig Jahre später" über die Sixties, "immer noch eine
lebenssprühende Idee. (Das war vor den Kapitulationen, die sich in
der Vorstellung der ,Postmoderne' verkörpern)." Weiter: "Wie
wundervoll das alles im Rückblick erscheint. Wie sehr man sich
wünschte, dass ein wenig von der Kühnheit, dem Optimismus, der
Verachtung für den Kommerz überlebt hätte. […] Die Zeit, in der wir
leben, wird nicht als utopischer Moment erfahren, sondern als das
Ende - genauer gesagt, als die Zeit unmittelbar nach dem Ende -
jedweder Ideale. […] Heute kommt den meisten Menschen allein schon
die Idee des Ernsthaften (und des Ehrenhaften) kurios
vor, ,unrealistisch'."
Sontag hat wohl verstanden, dass sie verstrickt war in die Prozesse,
deren Resultate sie so beklagte. Sie modellierte sich zur
Medienintellektuellen mit Glamour, war aber damit Teil der Auflösung
aller Seriosität in das Spiel mit der Beachtung. "Der Einfluss, den
ein Schriftsteller heutzutage ausüben kann, ist rein zufälliger Art.
Er ist nichts weiter als ein Bestandteil der Prominentenkultur",
führte Sontag in einer ihren letzten Reden aus.
Doch in den Sechzigerjahren war ihr noch nicht klar, "dass der Ernst
selbst anfing, in der Kultur insgesamt an Glaubwürdigkeit zu
verlieren, und dass ein Teil der mehr auf Verstöße abzielenden Kunst,
die mir zusagte, dazu diente, frivole, lediglich am Konsum
ausgerichtete Verstöße zu unterstützen."
Das Künstler-Ich war selbst ein konsumierbares Produkt geworden, und
auch die Autorin mit der Witterung für das "Next New Thing" wurde zu
einer stilisierten Marke, die Aufmerksamkeit dafür bekommt, wie sie
etwas sagt, für ihre Gestik, ihre Theatralik - schön und cool. Im
Fernsehzeitalter agiert der öffentliche Intellektuelle stets, auch
wenn keine Kamera auf ihn gerichtet ist, als wäre eine Kamera auf ihn
gerichtet.
Der gesellschaftliche Wandel, der die Voraussetzung für Sontags
Kultstatus war, bewirkte auch, dass die Wörter auf zunehmend
schwankendem Boden standen. Was genau sie sagte, war nicht so
wichtig, oder besser, es war im Notfall austauschbar, sofern nur der
Sound passte und die Figur stimmig war: "Der Anspruch, möglichst das
letzte Wort zu haben, wohnt allem kraftvollen Formulieren inne."
Sontag hat das früh und eher instinktiv erkannt. In ihr Tagebuch
schrieb sie über die Fortschritte an einem Essay über Pornografie,
den sie gerade in Arbeit hatte. "Ich komme ans Ende der Besprechung.
[…] Sie ist okay. Freilich, ich glaube kein Wort von dem, was ich
sage." Die moderne Infotainmentkultur winkte da bereits, in der
weniger zählt, was jemand sagt, und mehr, wie er oder sie es sagt.
Es hat in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in den
letzten beiden Jahrzehnten eine erschreckende Verschiebung von
moralischen Einstellungen gegeben. Ihr Markenzeichen ist die
Diskreditierung jedweden Idealismus, ja des Altruismus selbst, und
hoher Maßstäbe aller Art, kultureller wie moralischer", schrieb
Sontag Ende der Neunzigerjahre in Beantwortung eines Fragebogens.
Gewiss hat das mit dem ideologischen Klassenkampf von oben zu tun,
der es schaffte, alles Streben jenseits nackten Eigennutzes mit dem
Flair des Lächerlichen zu umgeben und umgekehrt das Gewinnstreben mit
einem Heroismus der kalten Schneidigkeit zu verbinden. Schon John
Maynard Keynes wusste: Dass die Lehre des radikalen
Marktliberalismus, "in die Praxis übersetzt, spartanisch und oft
widerwärtig war, verlieh ihr einen Anspruch von Tugend".
Seit Keynes hat der Kapitalismus seine widerwärtigen Seiten nicht
verloren, im Gegenteil, aber doch sein asketisches Ideal. Der brutale
Herrenreitergestus ist der Freihandelsapologie zwar geblieben -
schließlich habe man kalten Herzens die Realitäten "zur Kenntnis zu
nehmen", aber die Härte ist auch von einer Korona der Frivolität
umkränzt. Denn im Konsumismus ist der Kapitalismus ein Bündnis mit
den Lastern eingegangen - die Konsumtionsspirale hält auch am Laufen,
wer Hardcore-Pornos schaut, tonnenweise Fastfood in sich hineinstopft
oder sich eine private Flugzeugflotte hält. "Ich sehe
Vielversprechendes in den Aktivitäten der jungen Leute", sagte Sontag
in ihrer berühmten Rede "Whats happening in America?", "dazu gehört
sowohl ihr Interesse an Politik […] wie auch die Art, zu tanzen, sich
zu kleiden, ihre Haare zu tragen, Randale und Liebe zu machen." Der
Spaß erschien damals noch als Spielart der Subversion. Heute ist er
der Motor der Konsumnachfrage.
Die Moral hat einen schweren Stand, weil ihr Bündnis mit dem
Fortschritt zerbrach. Die Moral hat etwas Leichtes und Kräftiges
zugleich, wenn sie von der Gewissheit getragen ist, dass sie die
Geschichte auf ihrer Seite hat und der Fortschritt zur moralischen
Verbesserung der Menschheit beiträgt, kurzum: wenn sich die Moral
selbst "mit den Realitäten" im Bunde weiß. Moral mit Modernismus
gepaart ergibt Optimismus. Auf sich allein gestellt neigt sie zum
Moralisieren. Moral, die den Wind im Rücken wähnt, kann sich im
Impliziten begnügen. Bläst ihr der Wind aber ins Gesicht, wird die
Moral schnell als Moralismus ostentativ, sie herrscht einen an, geht
einem auf die Nerven. "Es ist korrumpierend, wenn man schon in der
Absicht, zu moralisieren, schreibt, mit dem Ziel, die moralischen
Standards der Menschen zu heben", notierte Susan Sontag Ende der
Fünfzigerjahre.
Mit dem Hang zur Selbststilisierung, besessen davon, eine zu sein,
die sie selbst bewundern kann, prätendierte Sontag zunehmend, "in den
Ruinen der Geschichte" (New York Review of Books) zu stehen. Aber
Melancholie ist ein ungesundes Weltverhältnis. Modernität ist auch
ein Willensakt. Die Dichte der Sprache, die Sontag in den
Sechzigerjahren schrieb, in diesen Essays, in denen jeder Satz ein
Hackenknall war und jede These wie ein Degenhieb saß, könnte uns auch
daran erinnern, dass der unbedingte Wille, modern zu sein, auch
schierer Voluntarismus ist. Rimbauds "Il faut être absolument
moderne" ("Wir müssen unbedingt modern sein") klingt hier nach. Die
"Moderne" hatte ihre besten Momente, wenn genügend Menschen diesen
Willensakt aufbrachten. Selbstredend, wir wissen, um Marx zu
paraphrasieren, die Menschen machen ihre Moderne selbst, aber sie
machen sie nicht aus freien Stücken. Doch sie machen ihre Umstände
schon auch in demselben Maße, wie die Umstände sie machen.
Wir sollten wieder modern sein.
ROBERT MISIK, Jahrgang 1966, lebt als Journalist und Schriftsteller
in Wien_______________________________________________
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