[echo] Auferstehung der Kunstkritik
Cornelia Sollfrank
cornelia at snafu.de
Wed Dec 3 01:09:15 CET 2008
taz, 2.11.2008
Auferstehung der Kunstkritik
Am Donnerstag eröffnet die Art Basel/Miami Beach. Die erste Kunstmesse
der Zukunft, wie sie gerühmt wurde, könnte auch schon die erste der
Vergangenheit sein.
VON STEFAN HEIDENREICH
Garbage Collection nennt man einen Prozess, mit dem Rechner ihren
Speicher reinigen. Dabei sieht eine kleine Routine die im Speicher
gehaltenen Daten daraufhin durch, ob sie noch gebraucht werden. Findet
sich niemand, der mit einem Datensatz noch etwas anzufangen weiß, so
wird er gelöscht.
Eine Routineuntersuchung dieser Art steht nun den Kunstsammlungen ins
Haus. Die Revision wird die Sammler vor eine große Frage stellen. Was
haben sie in den letzten Jahren am Kunstmarkt erworben? Dekorative
Objekte oder Dinge von kultureller Bedeutung? Solange die Preise
gestiegen sind, konnte sich der Wert eines Werks spekulativ bilden.
Kunstobjekte aller Art werden recht wahllos nachgefragt, solange sie
potenziell mit Gewinn weiterverkauft werden konnten. Aber die Lage
ändert sich schlagartig, wenn die Nachfrage nachlässt. Dann wird
sortiert. Denn nicht alle Preise fallen auf breiter Front, sondern
einige stark und andere nicht.
Man könnte die Frage unter dem modischen Begriff der Nachhaltigkeit
abhandeln. Aber Kunst ist kein natürlich nachwachsendes Gut, sondern
wird von Menschen gemacht. Der Begriff Bedeutung führt gleichfalls in
die Irre, samt seiner Geschwister Substanz oder Qualität. Als könnte
man ein verbindliches Maß der Güte heranziehen, um zwischen guten und
schlechten Werken zu unterscheiden. Dazu ist der Markt viel zu
erratisch und die Kunst viel zu klug, viel zu reflexiv. Längst haben
Künstler selbst das vermeintlich Schlechte bewusst erprobt.
Autoritäten und normative Wertbegriffe werden unterlaufen, sowie sie
sich zeigen. Und gleichzeitig gibt es keine Position mehr, die sich
noch eine Urteilsmacht oder eine plötzliche Übersicht anmaßen könnte.
Was die Sammler interessieren dürfte, ist weniger Bedeutung als viel
mehr dauerhafter Wert. Aber nicht die Urteile garantieren Dauer.
Sondern einerseits der simple Fakt, dass etwas gespeichert und
erhalten bleibt, und andererseits ein andauerndes lebendiges
Interesse. Vieles liegt heute in der Macht der Sammler, aber gerade
Letzteres nicht. Denn sie können eben nur sammeln. Dann müssen sie
hoffen, das ihre Sammlungen von irgendwoher mit Sinn und Leben
versehen werden. Denn genau darin unterscheidet sich eine geglückte
Sammlung von einer Garbage Collection. Lebendiges Interesse schreibt
sich als Zeiger fort in jene Zukunft, aus der die Werke ihre
Dauerhaftigkeit gewinnen. Es handelt sich um eine Zukunft der Akteure,
der Interessierten, eine Zukunft, in der Künstler sich auf die Werke
unserer Gegenwart beziehen werden, in der Kuratoren oder Galeristen
Positionen wiederentdecken und in der Kunsthistoriker sie in
Geschichte umschreiben. Dass der Frage der Geschichtlichkeit wieder
mehr Wert beigemessen wird, lässt sich an vielen Indizien ablesen.
Zuletzt zeigten nicht nur Großausstellungen, sondern auch Galerien
vermehrt nicht nur allerjüngste Kunst, sondern auch historische
Positionen, Vorläufer und Anreger.
Einiges spricht dafür, dass der Kunstkritik im Zug einer Revision eine
wichtige Rolle zufallen könnte. Zuletzt wurde von allen Seiten ihr
Ende ausgerufen. Kuratoren galten als die Agenten des Kommenden. Sie
setzten Themen und Impulse. Kritiker dagegen hatten sich dem
erratischen Willen des Marktes unterzuordnen. Ihre Unwichtigkeit
durften sie bei Großausstellungen kompensieren, die ihnen regelmäßig
Anlass zu Festen kollektiver Nörgelei boten. Die prekäre Bezahlung
trägt ein Übriges zu ihrem Bedeutungsverlust bei. Wer vom Schreiben
über Kunst leben wollte, verdingte sich zuletzt am besten als Katalog-
Werbeschreiber oder gleich direkt bei einem erfolgreichen Künstler, um
Gebrauchsanleitungen zur Hängung und Pflege seiner Werke zu verfassen.
Warum also sollte ausgerechnet die Kunstkritik auferstehen? Weil sie
jenen ersten Schritt geht, der einem Werk einen Zeiger aus seiner
bloßen Gegenwart heraus gibt. Gerade weil der Text nachträglich kommt
und dem Werk folgt, geht er ihm in die Zukunft voraus. Zu diesem
Vorausgehen trägt auch der Umstand bei, dass Zeit heute nicht mehr im
Modus der Moderne gemacht wird. Anders gemacht als noch zur Blütezeit
der Moderne, schreitet die Kunstwelt heute nicht mehr in einer Abfolge
von Avantgarden voran. Es gibt keinen Fortschritt mehr in der Kunst.
Und es ist nicht einmal schlecht, dass diese hysterische Form der
genuin modernen Zeitlichkeit passé ist. Der historisierende Impuls,
der die Positionen der Avantgarden überhaupt erst möglich machte, ist
versiegt. Verschiedenste Genres und Strömungen laufen parallel
zueinander. Rückbezüge auf Vergangenes sind wahllos. Oft herrscht gar
eine gewisse Vergesslichkeit, die leicht zu Wiederholungen führt.
Kunstmessen lassen sich in ihrer orientierungslosen Vielfalt am besten
mit den akademischen Salon-Ausstellungen des 19. Jahrhunderts
vergleichen. Alles in allem erinnert vieles an eine späte Romantik,
wieder aufgeführt unter den Bedingungen des transnationalen Kapitals.
Was kann Kritik in dieser Lage unternehmen? Es gibt zwei
unterschiedliche Sprechweisen der Kritik. Nennen wir sie das
Festhalten und das Fortschreiben. Das Festhalten tritt dem Werk
entgegen. Die festhaltende Kritik sucht ein Urteil. Sie hält eine
Position in der Bewegung fest. Das Fortschreiben macht das Gegenteil.
Es geht vom Werk aus, um es in Bewegung zu setzen und von ihm aus
einen Gedanken zu entwickeln. Benjamin hat einen vergleichbaren
Gegensatz in seiner Untersuchung über die Kunstkritik der Romantik
gefunden. Der romantische Kritiker setzte sich deutlich vom
Kunstrichter ab, der urteilen will. Damals war, so Benjamin, Reflexion
der entscheidende Begriff, sowohl in der Kunst als auch im Schreiben
darüber. Dem Kritiker fiel die Aufgabe zu, mit dem Werk zu arbeiten,
es schreibend zu vollenden oder weiterzudenken. In diesem Sinn konnte
Kritik fragmentarisch, abwegig, verärgert, essayistisch und subjektiv
sein. Nur distanziert zu beschreiben oder zu urteilen, das konnte sie
sich sparen.
Doch heute scheint gerade die fortschreibende Kritik dem Risiko
ausgeliefert zu sein, dem Markt hinterherzuschreiben. Gibt sie doch
den Anspruch auf, dem Werk "objektiv" gegenüberzutreten. Aber gerade
diese vermeintlich Objektivität hat ihren Anspruch auf interesselose
Erkenntnis letztlich nicht erfüllt. In Letzter trifft man auf zwei
verschiedene Arten von Kritik. Auf der einen Seiten steht der Diskurs
der Spezialisten und der Insider, wie er in den intellektuelleren
Kunstzeitschriften geführt wird. Wer dort schreibt, ist in der Regel
Teil des Betriebs, allzu oft in ein Geflecht von Akademien, Galerien,
Museen, Sammlern und deren Interessen eingebunden. Man pflegt einen
Amtsblatt-Stil, um Material für künftige Kunsthistoriker zu liefern.
Leider ändert die vermeintliche Objektivität des akademischen
Diskurses wenig an den Interessen der Beteiligten. Sie kaschiert sie
nur. Dagegen verfällt die Kritik, die sich an ein größeres Publikum
richtet, oft der Kunstwelt als sozialem Ereignis. Sie hechelt dem
letzten heißen Scheiß hinterher, versammelt die Promis der Szene zu
Gruppenporträts und beschreibt Betrieb als Boulevard.
Eine Kritik, die das Werk fortschreibt, setzt nicht bei der Person,
sondern beim Werk ein. Sie versucht, eine Spur nach vorne zu legen,
die vom Werk aus weiterführt, wenn die Ausstellung längst vorbei ist.
Die Kritik operiert in der derselben Logik der Verknüpfung, die auch
das Internet prägt. Indem sie das Werk fortschreibt, gibt sie ihm
Relevanz. Und Relevanz ist etwas anderes als ein Urteil. An die Stelle
eines autoritären Anspruchs auf Bedeutung tritt das Spiel der Stimmen
und die Summe der Verknüpfungen. Ob gedruckte Zeitungen noch der Ort
dieser Kunstkritik sein können oder ob sie sich vornehmlich im
Internet ereignen wird, bleibt offen. In jedem Fall dürfte es aber
dazu kommen, dass die bevorstehende Revision der Sammlungen der
Kunstkritik zu neuer Bedeutung verhilft. Denn sie kann der kleinen
Routine der Garbage Collection etwas entgegensetzen.
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