[echo] "Transmediale.08 – Conspire"
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Sun Feb 3 18:12:57 CET 2008
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Seit den neunziger Jahren ist das Internet das größte Paranoia-Medium:
Es gibt keinen anderen Ort der Welt, in dem Parawissenschaften,
Desinformationskampagnien und Verschwörungstheorien mit solch geballter
Macht auftreten – ein gefundenes Fressen für die Kunst. Deshalb widmet
sich das heute in Berlin beginnende Transmediale-Festival ganz diesem
Thema. Ein Rundgang durch die Welt der konspirativen Medienkunst
// KITO NEDO
"So einfach ist es!", scheinen zwei Schwarzweißfotos sagen zu wollen,
die an zentraler Stelle in der soeben eröffneten Begleitausstellung des
Berliner Medienkunstfestivals Transmediale hängen: Bild Nummer eins
zeigt einen in freier, gebirgiger Landschaft stehenden Mann eine große
weiße Scheibe in die Luft haltend.
Im zweiten Bild wird das Ding in die Luft geworfen, es scheint über den
Wipfeln zu schweben und ähnelt so den unzähligen grobkörnigen
Schnappschüssen unbekannter Flugobjekte, die in der kurzen Geschichte
der Fotografie ein eigenes, geisterhaftes Genre bilden. "Demonstrative
Cultural Situation 1 & 2 (U.F.O.)" hat der slowakische Künstler Julius
Kollar sein Dyptichon aus dem Jahr 1989 genannt, das tatsächlich mit
zwei Bildern den Prozess einer Wissensproduktion beschreibt, die sich
zumeist aus dem Mangel an gesicherter Information speist. In diesem Fall
funktioniert es so: Man muss sich nur den Mann wegdenken, den
Bildausschnitt verändern – schon sieht man etwas anderes, stellt sich
ein raunendes Wissen ein, dass sich fast ausschließlich aus der
Spekulation nährt.
Seit Kollar Ende der Achtziger sein Dyptichon produzierte, ist viel
passiert. Mit dem Internet etablierte sich in den Neunzigern das
Paranoia-Medium Nummer eins. Es gibt keinen anderen Ort der Welt, in dem
sich Parawissenschaften, Desinformationskampagnien und
Verschwörungstheorien mit solch geballter Macht auftreten wie hier – ein
gefundenes Fressen für die Kunst. Deshalb ist es hilfreich, das Netz als
Subtext der von der in Paris lebenden slowenischen Kuratorin Nataa
Petrein-Bachelez zusammengestellten Schau mit über dreißig Arbeiten
internationaler Künstler zu begreifen, doch die klassische "Netzkunst",
welche die Ausstellungsbesucher in der vergangenen Dekade immer wieder
nötigte, auf Computerscreens zu schauen und klobige Touchpads zu
bedienen, ist endgültig passé.
Wie eine zeitgenössische Fortsetzung auf Kollars Fotografiestudien wirkt
zum Beispiel "Chemtrails", der Beitrag des Berliner Künstlers Christoph
Keller, der mit Video- und Fotomaterial den bizarren Diskurs um
Flugzeugkondenzstreifen dokumentiert, der seit einigen Jahren im Netz
tobt. Anhänger der Chemtrail-Theorie glauben, daß nicht nur
Flugzeugabgase, sondern auch durch Flugzeuge versprühte gefährliche
Chemikalien und geheime Klima-Technik-Experimente die charakteristischen
Streifen am Himmel hevorrufen – der anschwellende Diskurs nötigte
schließlich das Umweltbundesamt zu einer gegenaufklärerischen
Informationskampagne. Auf den Schnappschüssen vom Himmel, die Keller in
einschlägigen Foren sammelte und nun in drei Großrahmen mit je 36
Abzügen ausstellt, wird der Himmel zu einer Folie, vor deren Hintergrund
nicht die Natur die Bedrohung darstellt, sondern die unheimliche
menschliche Technik.
Charakteristisch-erratische Pixel-Muster verschmelzen mit Ikonen der
Popkultur
Freilich zeigt Kellers Arbeit jedoch auch noch etwas ganz anderes als
das Erstarren vor intransparenten und deshalb mysteriösen militärischen
oder wirtschaftlichen Instanzen. Es geht auch um den menschlichen Zug
zur eigenwilligen Interpretation der Wirklichkeit, dem Entstehen einer
unkontrollierbaren Erzählung, die sich fern der großen Medienkanäle
entfaltet. Eine Art moderner Märchenkultur, die sich ungefragt der
digitalen Sphäre bemächtigt hat. Jenes Feld bearbeitet auch die
russisch-französische Künstlerin Olga Kisseleva, deren großformatige
Prints über das gesamte Haus der Kulturen der Welt verteilt sind. Hier
verschmelzen die charakteristisch-erratischen Pixel-Muster so genannter
QR-Codes mit Ikonen der Popkultur wie Marylin Monroe. Wer sich im Foyer
ein kleines Programm auf sein (hoffentlich kompatibles)
Kamera-Mobiltelefon spielen lässt, kann die zweite Ebene der Arbeit
entziffern: alte Sowjetparolen und neokapitalistische Reklameslogans:
Ist die neue Technik wirklich so indifferent gegenüber den Ideologien?
Kisselevas "Crossworlds" ist beinahe schon ein altmodisch wirkendes
Beispiel für jene "interaktive" Medienkunst, die sich ihre Technologien
zunehmend mit Werbeindustrie und Interface-Design teilen muss und sich
deshalb nicht auf die Techno-Faszination allein beschränken darf.
Wie das gehen könnte, zeigt die Arbeit "Endo" (2007) der Künstlerin
Verena Friedrich, über die man beim Schlendern durch die
Transmediale-Lounge stolpert. Friedrich konstrierte einen schwarzen,
biomorphen Kasten, der wirkt als sei er aus Ridley Scotts "Alien"
herausgefallen. Mehrere geheimnisvolle Löcher sind in die panzerartige
Oberfläche eingelassen, ohne jedoch einen Blick in das Innere der
schwarzen Box zu ermöglichen. Durch die Öffnungen, so teilt die
Künstlerin mit, würden sieben verschiedene Umgebungsdaten fortwährend
gemessen und im Inneren prozessiert: Töne, Bilder, Standort-Koordinaten,
Helligkeit, Temperatur, Luftfeuchte und Luftdruck. Die Festplatte des
für den diesjährigen Transmediale-Award nominierten Geräts fasst
angeblich einen Terrabyte – sobald das Speicherlimit erreicht ist,
stellt das Objekt alle Messtätigkeiten ein. Gerade weil das Werk
jegliche Interaktion verweigert, weckt es um so größeres Interesse. Denn
"Endo" ist das kalte, geizige Herz unserer auf Vernetzung und
Datenaustausch bedachten Zeit. Es pocht irgendwo in der Tiefe der Netze,
sammelt untentwegt Daten, ohne den Grund für seine Neugier preiszugeben.
So wirkt es zugleich bedohlich und bedauernswert zugleich – führt doch
der ungezügelte Datenhunger geradewegs zur Informationsschockfrostung.
"Transmediale.08 – Conspire"
Termin: Festival bis 3. Februar; Ausstellung bis 24. Februar; Haus der
Kulturen der Welt, Berlin.
http://www.transmediale.de
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