[echo] Karneval in Rio de Janeiro
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Tue Feb 5 13:29:24 CET 2008
taz, 05.02.2008
Karneval in Rio de Janeiro
Dekolletéschütteln in Silicon City
Silikonimplantate sind ein Muss beim Karneval in Rio - der "Brasilian
Butt" ist bereits in Hollywood angekommen. Über einen Umzug der
Eitelkeiten und der platischen Chirurgie.
BENEDIKT SARREITER
RIO DE JANEIRO taz Grazielli Massafera macht keine Pause. Seit einer
halben Stunde verausgabt sich die 25-Jährige mit den blond gefärbten
Haaren, schüttelt ihren zierlichen Körper in rasender Geschwindigkeit
zum treibenden Beat der Rhythmusgruppe. Ein Sänger plärrt immer
wieder den gleichen Song in Endlosschleife, es ist das Lied von
"Grande Rio", eine der größten Sambaschulen Rio de Janeiros. Die
Schule hat kurz vor Karneval etwa 500 Leute eingeladen, um sie auf
das diesjährige Faschings-Spektakel einzustimmen.
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Gekommen sind Ex-Fußballer mit ihren Ex-Frauen, Telenovela-
Sternchen, Vertreter aus Mittel- und Oberschicht und dem Zwielicht.
Sie haben Feijoada gegessen, einen Bohneneintopf mit allem vom
Schwein, von Ohr bis Schwänzchen - das brasilianische
Nationalgericht. Nun singt jeder den Grande-Rio-Song mit, viele
recken ihre Digitalkameras in die Höhe, um ein Foto von Grazielli
Massafera auf der Bühne zu schießen. Grazi, wie sie alle nennen, ist
der Star, die "Rainha de Bateria" - die Königin der Rythmusgruppe.
Sie trägt ein weißes T-Shirt und weiße Jeans, nur ihre Füsse sind
nackt. Bei den eigentlichen Karnevalsumzügen ist es anders. Dann
präsentiert sich die Sambaschule "Grande Rio" durch das Sambódromo in
Rion. Grazi zuckt mit den Hüften, fast nackt. Sie zeigt stolz ihre
Brüste, die mit zwei Silikonsäckchen vergrößert wurden.
Models, Novela-Schauspielerinnen oder Big Brother Teilnehmerinnen
werden zur "Rainha de Bateria" gewählt. Fast alle haben sich
mindestens einmal für den Playboy ausgezogen. Auf vielen Bildern, die
vom Karneval in Rio um die Welt gehen, lächeln Grazi und Kolleginnen
mit weiß gebleichten Zähnen in die Kameras. Wie sie wollen viele
Mädchen aussehen. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der
Teenager mit Silikonimplantaten um 300 Prozent gestiegen. Die
makellosen Tänzerinnen sind die besten Werbeträger für die
Ästhetische Chirurgie, suggerieren sie doch, dass ähnliche Schönheit
mit ein paar Schnitten vom Skalpell-Virtuosen leicht zu erreichen
ist. Aus ihren Behandlungen machen die Rainhas, die Königinnen der
Rthytmusgruppen, kein Geheimnis. "Ich hatte oben rum fast nichts, da
musste ich etwas tun!", hat Grazi einmal auf die Frage geantwortet,
ob sie an ihrem Körper etwas verändern ließ. "In Brasilien hat die
plastische Chirurgie nichts Mystisches mehr. Eine Europäerin würde
nicht einmal ihrer besten Freundin von einem Eingriff erzählen, eine
Brasilianerin spricht darüber mit jedem", sagt Paulo Müller,
Schönheitschirurg und Branchenstar.
In Brasilien treiben Chirurgen und Presse die Entmystifizierung voran
und erhöhen dadurch den Druck auf die Frauen. In den Wochen vor
Karneval schalten die Kliniken für plastische Chirurgie Anzeigen mit
Slogans wie: "Machen sie sich bereit! Der Karneval ist da!" Was so
viel heißen soll: "Unterziehen sie Ihren Körper einer
Komplettüberholung! Sonst können Sie beim Karneval nicht glänzen."
Und während in Deutschland Frauenmagazine ab und zu mal die Vor- und
Nachteile der Schönheitsoperationen diskutieren, gibt es in Brasilien
mehrere Zeitschriften, die sich ausschließlich mit den
Errungenschaften der Schönheitsindustrie befassen und sie anpreisen.
Eine von ihnen heißt Plástica & Beleza - Plastische Chirurgie &
Schönheit. Im Editorial der letzten Ausgabe rät Chefredakteurin
Cibele Carbone ihren Lesern, sich vor einen Spiegel zu stellen, ihre
Problemzonen mit einem Stift zu markieren und dann ihr Magazin zu
lesen. Für jedes Körperteil gebe es eine Lösung, zum Beispiel den
einfachen Weg zur Idealnase oder Fettabsaugung á la Beverly Hills,
die Rettungsringe schonend in straffe Bäuchlein verwandelt. Es
entsteht der Eindruck, ein Facelift, ein chemisches Peeling, eine
Botoxspritze wäre eine Banalität wie ein Friseurbesuch. Und die
Propaganda wirkt. Brasilien liegt mittlerweile hinter den USA an
zweiter Stelle bei der Anzahl an Schönheitsoperationen, 63 Prozent
aller Brasilianerinnen wünschen sich eine ästhetische Behandlung -
dagegen nur 25 Prozent der Amerikanerinnen. Um einen Körper wie Grazi
oder Gisele Bündchen, dem Körper-Vorbild schlechthin, zu bekommen,
scheinen die Frauen im größten Land Südamerikas alle Hemmungen
beiseite zu schieben. Verspricht doch ein von Kopf bis Fuß lupenrein
geshapter Look die Möglichkeit zu Reichtum, Berühmtheit oder dem
großen Auftritt bei Karneval - und natürlich Schutz vor dem
unbarmherzigen Blick des brasilianischen Machomannes.
"In der heutigen, brasilianischen Kultur sehen Personen aus der
Mittel - oder auch der Unterschicht ihren Körper als Vehikel für den
sozialen Aufstieg, der Körper ist ihr Kapital", sagt die Soziologin
Mirian Goldenberg aus Rio de Janeiro. Vor allem Frauen investieren in
dieses Kapital. Sie kaufen Kosmetik, färben ihr Haar und ihre Nägel
(in keinem Land der Welt wird mehr Nagellack und Haarfarbe verkauft),
sie stählen sich in Fitnessstudios und stottern beim Chirurgen ihres
Vertrauens die Raten für das letzte Brustimplantat ab. Die
Glorifizierung des jugendlichen, dünnen, sexy Körpers erreiche gerade
ihren Höhepunkt, glaubt Goldenberg. Sie geht einher mit der Befreiung
von Prüderie und der immer exzessiveren Feier des nackten oder
halbnackten Körpers in Magazinen, im Fernsehen und im Kino. Das Ende
religiöser Keuschheit brachte aber neue Regeln mit sich, die Moral
der Fitness. Der Regelkatalog verlangt strenge Selbstdisziplinierung
im Auftrag des wohlgeformten, gesunden daseins. Auch in Deutschland
propagieren ihn Lifestylegazetten und treiben Jung wie Alt aufs
Laufband. Der Unterschied in Brasilien ist aber, dass das
Fitnessstudio nur ein Puzzlestück auf dem Weg zum Gesamtkunstwerk
Körper ist. Und Altern ist noch weniger erlaubt als in den
Industrienationen des Westens. Besonders in Rio de Janeiro gibt es
über 40- jährige Frauen, die wie 25 aussehen - Identitätsmanipulation
durch Chirurgenhände. "Es gibt Familien, in denen sich Großmutter,
Mutter und Tochter im gleichen Stil kleiden und in den gleichen
Geschäften einkaufen", erzählt Goldenberg. Wichtig ist in Brasilien
aber weniger das Darüber als das Darunter.
Der französische Anthropologe Stéphane Malysse untersuchte, wie sich
Französinnen und Brasilianerinnen in der Selbst-Inszenierung
unterscheiden. Während die Damen in Frankreich versuchen, mit dem
Schnitt oder der Farbe der Klamotten ihrem Körper eine neue Struktur
zu geben und Schwachstellen zu kaschieren, stellt die Brasilianerin
den ihren breitwillig aus. Die Kleidung zeichnet die Körperformen
genau nach, "sie sind dazu da, diese noch mehr hervorzuheben.
Klamotten sind nicht mehr als ein bloßes Ornament", schreibt Malysse.
Die Mode ändert sich vor allem in Rio de Janeiro kaum, die Tops sind
eng, die Röcke knapp, die Bikinis fast nicht vorhanden. Der Körper
wird der Kleidung angepasst. Er ist wechselnden Trends unterworfen.
Welches Aussehen gerade gefragt ist, lässt sich leicht bei einem
Sonntagsspaziergang in Ipanema feststellen. Wenn die Strandstrasse
Viera Souto für Autos gesperrt ist, flanieren die Cariocas über den
heißen Asphalt, einige zeigen ihren designten Leib. Nach dem sechsten
Typen mit der gleichen, unbeweglichen, nach Brad Pitts Oberkörper
stilisierten Brust, weiß man, auch Männer sind Implantaten nicht
abgeneigt. Viele Frauen sind blondiert, ihre Brüste sind nicht
Hollywood-mäßig aufgeblasen, sondern eher klein und mit Silikon in
die richtige Form gebracht. Ihre Hintern haben Apfelform, sie sind
straff, sie sind alle gleich - der Brazilian Butt, den mittlerweile
auch New Yorker Chirurgen im Programm haben. Körperbehaarung ist
verpönt, Totalepiliation Standard. Die jungen und jung gebliebenen
Mitglieder der Mittelschicht auf der Viera Souto imitieren die Körper
von Grazi, Gisele Bündchen oder von Hollywood - und Rockstars. Sie
präsentieren eine fehlerfreie Physis ohne Falten, Fett und Flecken.
Die Soziologin Mirian Goldenberg sagt, in Brasilien und insbesondere
in Rio sei der fitte, makellose, reine Körper die einzig wirklich
angemessene Kleidung, da er von allen akzeptiert wird. Und
tatsächlich wirken die entblößten Leiber der Tänzerinnen beim
Karnevalsumzug nicht nackt, sondern eher wie ein Panzer gegen die
Kameras, den männlichen Blick, gegen die übertriebenen Schönheits -
Erwartungen einer Gesellschaft. Die Körper sind nicht unterscheidbar,
sie entziehen sich jeder Bewertung, sie sind weder schön noch
hässliche, sie sind nur perfekt trainiert und operiert. Die
brasilianische Versessenheit nach Idealisierung darf als Warnung
verstanden werden. Chirurgen arbeiten nach Idealbildern. Ein
Idealkörper hat kein Geheimnis mehr, er ist erwartbar, ihm fehlt jede
Erotik. Das vermeintlich Hässliche ist das Besondere und damit das
Schöne. Es muss erhalten bleiben.
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