[echo] BESCHWERDESTELLE

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Wed Feb 6 21:48:37 CET 2008


BESCHWERDESTELLE
Ulrich Khuon

Ulrich Khuon ärgert sich über die ewige Mäkelei an Subventionen.

Geht es der Kultur in Deutschland zu gut? Man möchte es glauben, liest 
man die vor kurzem erschienenen Artikel von Nils Minkmar ("Frankfurter 
Allgemeine Sonntagszeitung") und Thomas Steinfeld ("Süddeutsche 
Zeitung"). Ersterer behauptet: "Schon die Nachricht von den 400 
Millionen Euro, die Kulturstaatsminister Neumann für diverse 
Kulturvorhaben aufgetan hat, klang irgendwie auch schockierend (...) Wie 
Seifenblasen schweben die Kulturformen und Disziplinen nebeneinander, 
und es gibt immer bloß diese eine gültige Forderung: mehr." Und 
Steinfeld sekundiert: "Die Kultur ist das absolute Gute. Heute ist sie, 
neben der Wirtschaft, den ,Menschenrechten', dem Weltfrieden und der 
Umwelt, eine der wenigen Instanzen in dieser Gesellschaft, die nicht in 
Zweifel gezogen werden kann. Diese Sphäre wird gefördert und verwaltet: 
mit insgesamt ungefähr 8 Milliarden Euro von staatlicher Seite. Und es 
wird immer mehr."


Ein Blick auf die Fakten zeigt: Es wird immer weniger. Die Ausgaben von 
Bund, Ländern und Gemeinden für Kultur lagen 2001 bei 8,4 Milliarden 
Euro und sind in den letzten Jahren auf die besagten rund 8 Milliarden 
geschrumpft. Dieser Betrag entspricht, das verschweigen die 
Kommentatoren natürlich auch, gerade einmal 1,73 Prozent der 
öffentlichen Gesamtausgaben. Die öffentlichen Theater in Deutschland 
haben innerhalb von 13 Jahren die Zahl ihrer Beschäftigten von 45.300 
auf 38.200 reduzieren müssen und erhielten (im Jahr 2006) 2.078.894.000 
Euro, das sind etwas mehr als 0,4 Prozent der öffentlichen Ausgaben und 
66 Millionen weniger als vor fünf Jahren. Diese öffentlichen 
Investitionen machen es möglich, dass jährlich rund 21 Millionen 
Zuschauer zu erschwinglichen Preisen die öffentlich geförderten Theater 
und Konzertsäle besuchen. Die 400 Millionen Bundes-Euro, die 
Kulturstaatsminister Neumann versprochen hat, sind natürlich ein 
positives Zeichen. Sie verteilen sich übrigens auf mehrere Jahre und 
fließen in meist überfällige Bau- und Bauerhaltungsmaßnahmen. Was daran 
"schockierend", wie Minkmar schreibt, sein soll, bleibt rätselhaft.

Noch mehr Sorgen als die Höhe der Förderung bereitet den beiden 
Skeptikern allerdings der Kulturbegriff, der hinter all dem Geförderten 
steht. Minkmar spricht vom "Wahnsinn der Omnikultur. Er fördert bloß ein 
neues Biedermeier, in dem liebe Menschen den lieben Kindern 
kindersichere Geschichten erzählen (...) Die Industrie ist weg, dafür 
leistet uns die Kultur Gesellschaft. Sie ist ein durch und durch 
tröstlicher Begriff, er macht alles, was man will (...) Selbst in den 
letzten Flecken des Landes werben die Gaststätten, sobald 
Stofftischdecken aufgelegt sind, in ihren Speisekarten mit der 
Esskultur". Da möchte man gern fragen: Wer ist denn vorangeschritten bei 
jenem ausufernden, grenzenlosen Kulturbegriff? Sind es nicht die 
Feuilletons, die jede, aber auch wirklich jede Debatte, die schockhaft 
an uns vorbeizieht, breit treten und die entlegensten Phänomene, wie 
beispielsweise die Möblierung von Fernseh-Talkshows ("FAS") und die 
Rückkehr der Schokoladenkultur ("Moctezumas später Triumph", "SZ"), 
seitenweise zerreden?


Ulrich Khuon, 56, ist seit dem Jahr 2000 Intendant des Hamburger Thalia 
Theaters, das seitdem von der Zeitschrift "Theater Heute" zweimal zum 
"Theater des Jahres" gewählt wurde
Andererseits wird beharrlich ignoriert, was beispielsweise die 
Bundeskulturstiftung fördert. Deren großes Migrationsprojekt, der 
Tanzplan oder die Ausstellung "Schrumpfende Städte" haben nun nichts, 
aber auch gar nichts mit Affirmation oder kindersicheren Geschichten zu 
tun. Und wo bitte verstecken sich die biedermeierlichen Tendenzen bei 
den zeitgenössischen Dramen, etwa in den dunkel-existentiellen Stücken 
Dea Lohers, den traurigen Balladen von Fritz Kater oder auch den 
schrillen Unterwanderungsfarcen von René Pollesch?

Und wenn Steinfeld in der "SZ" vom "unendlichen Wohlwollen des Staates 
gegenüber der Kultur" spricht, hat er wohl noch nie mit den Finanz- oder 
Wirtschaftspolitikern irgendeiner deutschen Stadt geredet.

Eines ist richtig: Die gegenwärtige Kunst und die Theaterkunst im 
Besonderen verausgabt sich momentan nicht im einfachen Dagegensein; sie 
ist deswegen aber noch längst nicht affirmativ. Das Theater, wie alle 
Kunst, beharrt darauf, in seinem Kern Träger von Passionswissen zu sein, 
also glaubhaft zu erzählen von denen, die Leiden und Leidenschaften bis 
zum Ende durchlebt haben. Dieses Passionswissen ist eine Art 
Dunkelkammer, in der man sich verändert. Es beginnt ein Lernen, das 
genau das Gegenteil von Souveränität bedeutet. Dieser Verlust 
imprägniert aber gleichzeitig gegen den Terror der globalen Warenwelt 
und das Reich der rasenden Märkte. In denen 2.078.894.000 Euro keine 
nennenswerte Summe ist.



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