[echo] FOTOREPORTERIN GERDA TARO
2og at gmx.net
2og at gmx.net
Thu Feb 7 12:04:44 CET 2008
FOTOREPORTERIN GERDA TARO
Auge in Auge mit dem Krieg
Von Thorsten Dörting
Lange galt sie nur als die Geliebte des großen Robert Capa. Ein Fotoband
zeigt nun, dass Gerda Taro selbst eine brillante Kriegsreporterin war.
Sie machte atemberaubende Bilder und nahm entscheidenden Einfluss auf
die Fotografiegeschichte - sogar mit ihrem Tod.
Stundenlang kauerte sie in einem Fuchsbau. Die Bomben der "Legion
Condor", von Hitler nach Spanien entsandt, regneten am 25. Juli des
Jahres 1937 herab auf die Republikanischen Truppen. Doch Gerda Taro
hielt ihre Kamera gen Himmel und fotografierte unentwegt weiter - ganz
so, als schütze ihr Arbeitsgerät sie vor dem Tod. Von Robert Capa, ihrem
Lebensgefährten, Fotografen-Kollegen und späteren Mitbegründer der
legendären Agentur Magnum, stammt das Diktum: "Wenn dein Bild nicht gut
genug ist, warst du nicht nahe genug dran." Gerda Taro war sehr nahe
dran. Als erste Fotoreporterin der Welt wagte sich die junge Deutsche
aus Stuttgart ins Kampfgetümmel – so wie an diesem Sonntag. Wenige
Stunden später sollte sie ihren Mut mit dem Leben bezahlen. Selbst in
der Fachwelt war Taros Name lange nur eine Fußnote im Leben des großen
Robert Capa. Nachdem nun unter ominösen Umständen rund 3000 Negative
aufgetaucht sind, die Capa, Taro und ihr Kollege David Seymour
hinterlassen haben, halten Experten wie die Taro-Biografin Irme Schaber
es für sehr wahrscheinlich, dass sich das ändern wird. Noch muss der
Schatz im New Yorker International Center of Photography ausgewertet
werden. Doch schon jetzt weiß Schaber, dass viele unbekannte Arbeiten
von Taro darunter sind, die nicht nur neue Erkenntnisse über "Themen,
Bilder und Rückschlüsse über ihre Arbeitsweise" erlauben werden, sondern
auch über Capas und Taros Zeit im Spanischen Bürgerkrieg; eine Zeit, in
der beide die journalistische Fotografie für immer veränderten. Ein
Band, den Schaber mit verantwortet hat und der begleitend zur ersten
Taro-Retrospektive (New York) überhaupt erschienen ist, gibt - 70 Jahre
nach ihrem Tod in Spanien - nun einen eindrucksvollen Einblick in das
Werk der Fotografin.
Nähe als parteiische Anteilnahme
Taro, aufgewachsen als Gerta Pohorylle, Sozialistin aus jüdischer
Familie, hatte sich - wie Capa - vor den Nationalsozialisten ins Pariser
Exil geflüchtet. Dort musste sie zunächst darben. Ihre Freundin Ruth
Cerf erinnerte sich an ganze Wochenenden, die sie liegend auf dem Bett
verbrachten, nur um in Zeiten des Hungers keine Energie zu verschwenden.
Da der journalistische Markt jedoch unreguliert und so für Emigranten
zugänglich war, konnte Pohorylle bei der Agentur Alliance Photo anheuern
– wo sie als Bildredakteurin und Agentin für einen jungen, emigrierten
Fotografen arbeitete, in den sie sich zuvor verliebt hatte: André
Friedmann. Sie lernte von ihm den Umgang mit der Kamera, sehr bald aber
inspirierten sie sich gegenseitig. Als der spanische Bürgerkrieg im Juli
1936 ausbrach, machten sich die beiden, die der Nationalsozialismus
vertrieben hatte, auf, um vom Kampf gegen den späteren Diktator Franco
zu berichten, der mit Hitlers Hilfe die Republik stürzen wollte.
Mit ihrem biografisch motivierten Engagement setzten sie das
Autorenprinzip in der journalistischen Fotografie durch - waren bisher
meist nur Texte gezeichnet, sollte das nun auch für Fotos gelten. Das
folgte logisch dem von den beiden angestrebten Paradigma der doppelten
Nähe, selbst wenn es zu diesem Zeitpunkt so noch gar nicht formuliert
war. Was das bedeutete? Das Duo stürzte sich nicht nur mit den
Kombattanten ins Gefecht, sondern verstand Nähe als parteiische
Anteilnahme - sie waren subjektive Berichterstatter, Autoren eben. Oft
suchte Taro daher mehr als nur das heiße Nachrichten-Bild: Der Foto-Band
zeigt Kriegswaisen, Armenküchen, Minenarbeitern, viele Aufnahmen
publiziert in internationalen Magazinen und Zeitungen wie "Vu", "Zürcher
Illustrierte" und natürlich "Life".
Zuvor hatten sie sich für eine ungewöhnliche Strategie entschieden, ihre
Arbeit - und sich selbst - zu vermarkten: Aus André Friedmann wurde
Robert Capa, aus Gerta Pohorylle wurde Gerda Taro. Sie
internationalisierten ihre Namen jenseits ethnischer oder religiöser
Verortbarkeit - und schmückten sich mit einem Touch of Hollywood
(Friedmann lehnte sich an den Screwball-Regisseur Frank Capra an, Taro
an Greta Garbo). Zeitweise verkauften sie ihre Arbeit unterschiedslos
unter dem Namen Capa, später unter dem Label "Reportage Capa & Taro".
Gemeinsam legten sie so den Grundstein für die Kollektivvermarktung, wie
sie später Magnum so erfolgreich betreiben sollte – das Liebes- und
Arbeitspaar war, so Biografin Schaber, das "Ur-Modell für die Agentur".
"Die kleine Blonde"
Einen besonders weiblichen Blick oder besonders weibliche Sujets zeigen
Taros Bilder nicht. Einzig ihren Auftritt empfanden die Milizionäre
anfangs als doppelte Sensation. Da stürzt sich eine Reporterin mitten in
den Kampf! Und stolziert auch noch in hochhackigen Schuhen daher! Die
Spanier nannten sie liebevoll "die kleine Blonde", eine "sehr schöne,
sehr elegante Frau, die sich wagemutig in Gefahr brachte", wie Biografin
Schaber sagt - die sich auch in diesem Punkt neue Erkenntnisse von den
nun aufgetauchten Bildern erhofft. Ob sich etwa die Krieger in Pose für
die Schöne warfen?
Vielleicht ging Taro deswegen später im Overall und mit Strohschuhen an
die Front, um ihre Arbeit zu erledigen. Etwa bei der Schlacht um
Brunete, wo sie, wenige Kilometer nahe der spanischen Hauptstadt, an
jenem 25. Juli 1937 im Fuchsbau verharrte und deutsche Bomber
fotografierte. Die schon zuvor begonnene Brunete-Serie hatte sich
bereits als ihr Meisterstück entpuppt, sie war weltweit publiziert
worden – das Risiko schien sich gelohnt zu haben.
Tatsächlich entkam Taro den Bomben - nur um in der Nacht von einem
republikanischen Panzer versehentlich angefahren zu werden und Stunden
später, am 26. Juli 1937 ihren Verletzungen zu erliegen. Die Nähe zum
Krieg hatte sie doch noch getötet. Und ihr Tod machte sie, die
27-jährige, unsterblich – aber nicht wegen ihrer Leistung als
Fotografin, sondern als Märtyrerin für die Sache des Widerstands;
französische Kommunisten sorgten für ein Renommiergrab auf dem Père
Lachaise in Paris.
Dennoch hatte letztlich sogar ihr Tod eine wegweisende Bedeutung für die
Geschichte der Kriegsfotografie. Den lange Zeit skeptischen Redaktionen
diente er als endgültiger Beleg dafür, dass die neue, hautnahe
Kriegsfotografie, für die Taro und Capa standen, tatsächlich für
unübertreffliche Authentizität bürgte. Denn nichts, das sahen auch die
skeptischsten Redakteure, ist authentischer als der Tod.
"Gerda Taro", ICP/Steidl Verlag, 30 Euro.
More information about the echo
mailing list