[echo] Pure Volksverdummung
2og at gmx.net
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Thu Feb 7 15:08:15 CET 2008
macht irgendwie spass auch mal was negatives von der berlinale zu lesen.
in jedem fall werde ich die doku nun wohl sehen wollen.....
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Berlinale-Eröffnungsfilm "Shine a Light"
Pure Volksverdummung
Doppelter Ego-Trip: Wenn Martin Scorseses Rolling-Stones-Film so öde
sein sollte wie seine letzten Band-Porträts, dann sind schnarchende
Stunden garantiert. Eine nüchterne Mutmaßung über den
Berlinale-Eröffnungsfilm.
Von Karl Bruckmaier
Godzilla versus Spacegodzilla oder gegen Sauriermutanten oder gleich
gegen eine Höllenbrut oder Teufelsmonster: Wenn ein Fabelwesen
erfolgreich ist, so scheint eine alte Kinoregel zu lauten, dann sind
zwei oder drei oder ganz viele Fabelwesen noch erfolgreicher.
Jetzt hat die große Leinwand wieder zwei unkaputtbare Monster für uns
parat, die gemeinsam durch die Multiplex-Paläste des Planeten stapfen
sollen: Martin Scorsese, Regisseur von "Good Fellas" oder "Casino", und
Mick Jagger, Mastermind der Rolling Stones. Ihre Zusammenarbeit "Shine a
Light" ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Noch Fragen?
Scorsese, größter Regisseur westlich des Himalaja? Die Stones, beste
Band der Welt?
Machen wir uns einen Song daraus. Das eben Gelesene war das Intro. Jetzt
die erste Strophe (im Hintergrund wird primitivistisch getrommelt, und
Falsettstimmen seufzen "huuh-huuuh"): Die Stones kokettieren seit Beginn
ihrer Karriere im schwingenden London der sechziger Jahre mit dem Kino,
denn die Kamera liebt die lechzenden Lippen des Sängers, seine
unkontrolliert scheinenden Zuckungen, sie liebt den Blick ins Gesicht
des dandyesken Brian Jones und auf das rotzlöffelhafte Gitarrengeflegel
von Keith Richards.
Wo die Beatles auf Richard Lester und Klamauk und Unterhaltung für die
ganze Familie setzen, halten sich Jagger, Richards und Jones aber an
experimentelle Filmemacher wie Peter Whitehead, Jean-Luc Godard und
schließlich gar Kenneth Anger. Mit "Rock and Roll Circus" wird auf
eigene Rechnung ein Spektakel abgefilmt, das erst 2004 als DVD
erscheint. Jagger erwägt gar eine ernsthafte Schauspielkarriere und
riskiert seine Lippen in den Filmen "Ned Kelly" und "Performance" - mit
eher mattem Erfolg. Eine Zusammenarbeit mit Werner Herzog wird abgebrochen.
Scorsese langweilt in den Schlaf
"Gimme Shelter", der dokumentarische Film zur ebenso erfolgreichen wie
desaströsen Amerika-Tournee von 1969, setzt schließlich Maßstäbe für
alle anderen Rockkonzertfilme nach ihm: Mit schmerzhafter
Unmittelbarkeit tauchen die Bilder ein in eine nach dem
Woodstock-Spektakel enthemmte neue Welt aus Drogen, Gewalt und lauter
Musik bis hin zur gefilmten Ermordung des Konzertbesuchers Meredith
Hunter durch die mit Ordnungsdiensten beauftragten Hells Angels. Man ist
verkommen und steht dazu, scheint die Botschaft zu sein. Danach folgt
eine schier endlose Reihe von abgefilmten Konzerten und Videos, die in
den unterschiedlichsten Kombinationen als DVD erhältlich sind. Refrain
und wieder: huuh-huuuh.
Zweite Strophe: Rockmusik geistert durch Martin Scorseses Filme wie
Filmzitate durch die Texte ungezählter Popsongs. Robbie Robertson, Neil
Young und Peter Gabriel haben für Scorsese Filmmusiken geschrieben, und
seine Zusammenarbeit mit Bernard Herrmann in "Taxi Driver" hat
ausgestrahlt weit in die Popmusik hinein.
Doch Scorseses eigentlicher Ruhm als Musikfilmer beginnt 1977 mit "The
Last Waltz", dem konzertanten Abschiedsgeschenk von The Band an ihre
Fans: Mit der schlichten Abfolge von kulinarisch abgefilmten Auftritten
berühmter Musiker, im Endeffekt wenig aufschlussreichen Gesprächsfetzen
und fake-dokumentarischen Bildern als Trennmaterial schafft er die
Blaupause für den Musikfilm, wie er seit drei Jahrzehnten das Publikum
in Spätvorstellungen auf der ganzen Welt in den Schlaf langweilt.
Scorsese selbst ist in Musikfilmen seiner einfachen Bilderstrickweise
derart verfallen, dass seine Blues-Dokumentation oder das von der Kritik
hochgejubelte Dylan-Stück "No Direction Home" von 2005 in seiner ganzen
über dreistündigen Einfalt jede durchschnittliche ARD-Doku als
Experimentalfilm erstrahlen lässt.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Autor seine pessimistische
Sicht auf das Stones-Porträt begründet.
Solo: Als Vorgeschmack auf "Shine a Light" muss einzig der Trailer
dienen, den man sich im Internet zu Gemüte führen kann. Auch der ist
unterlegt mit dem perkussiven Einstieg zu "Sympathy for the Devil", dann
hört man einen besorgten Jagger Einwände gegen zu viele Kameraleute auf
der Bühne vorbringen, Scorsese guckt, Gelächter, Sorgenmiene:
Irgendwelche Flammen könnten Jagger gar in Lebensgefahr bringen, alles
versinkt in tiefen Gesichtsfalten, dann singt leider Keith Richards,
Schnitt auf die drei Gaststars Christina Aguilera, Jack White und Buddy
Guy, Jagger spielt wie immer besser Mundharmonika als jeder andere
Mundharmonikaspieler auf diesem an Mundharmonikaspielern einst so
reichen Planeten, und man ahnt es: Alles wird gut, wir sind dank
hunderter Oscar-gestählter Vollprofis quasi live mit dabei im Beacon
Theatre beim Geburtstagskonzert für Billy Clinton, "pleased to meet you,
hope you guess my name", und aus.
Nichts wird den Jubel stören
Dritte Strophe: Selbstverständlich ist Martin Scorsese ein großer
Künstler, ein Fabelwesen, der Regie-Godzilla. Natürlich sind die Rolling
Stones auch noch in ihrer Ausprägung als Unterhaltungscombo für die
ganze Ex-Präsidentenfamilie die beste Band der Welt, die
Rock-Dinosaurier from outer space. Und ganz sicher gehört es zum
Größten, was einem Rock-Fan geschehen kann, diese mehr als lebensgroßen
Songs in geradezu intimer Umgebung, in diesem Falle einem 2900 Besucher
fassenden Art Deco-Theater wie dem New Yorker Beacon zu erleben.
Aber wir werden einen Film zu sehen bekommen, der von den
Bandmitgliedern der Stones produziert wird, und den Michael Cohl, der
Tour-Organisator der Stones, mitfinanziert. Und wie man sich die besten
Backgroundsänger, Bassisten und Keyboarder leistet für die rastlos die
Welt abgrasenden Rolling Stones-Tourneen, so holte man sich hier einfach
den größten Namen, den das Musikfilm-Genre zu bieten hat. Und dieser
große Regisseur erledigt eine Auftragsarbeit; es wird und kann für ihn
keine andere Motivation für diesen Film geben, als wiederum selbst mit
den größten Namen des Rock-Zirkus zusammengearbeitet zu haben: Und wir
werden nichts zu sehen und zu hören bekommen, was den Jubelcharakter
dieses doppelten Ego-Trips für zwei Medienmonstren stören könnte.
Miet-Regisseur Scorsese
Der Umgang mit dem Ex-Mitglied Mick Taylor, die zynische Haltung
gegenüber all dem Tod, der sie umgibt, oder, weltlicher: die Ausmaße der
Merchandising-Maschine, die lächerlichen Exzesse, die wahnwitzigen
Garantiesummen für die Konzerte, die Jahrzehnte währende musikalische
Stagnation: Wer sollte warum danach fragen? Und wer nicht locker lassen?
Wer an einer Antwort interessiert sein? Allein schon das im Trailer zu
hörende Telefonat zwischen Jagger und Scorsese ist pure Volksverdummung:
Wer meint, der bekennende Warholianer Jagger werde als Finanzier und
Star des Projekts nicht die vollständige und endgültige Kontrolle über
jede Sekunde sowohl des Live-Events wie auch des Films behalten und sich
irgendwelchen Vorstellungen seines Miet-Regisseurs beugen, muss sich den
Film zur Strafe gleich dreimal anschauen.
Worauf diese pessimistische Sicht auf das Noch-nicht-Gesehene gründet?
Nun, wer einen Bob Dylan von dessen Road Manager interviewen lässt und
dies in einen "Dokumentarfilm" hineinschneidet, hat - O-Ton hin,
Menschenscheu her - alle Skrupel fahren lassen.
Ausblende: Wir schreiben das Jahr 2003, und es ist Sommer in München.
Die Rolling Stones spielen ihr "Club Konzert" im Circus Krone. Ron Wood
setzt sich für einen Moment neben einen Verstärker und scheint seine
Hände und die Gitarrensaiten mit Magnesia einzureiben gegen all den
Schweiß und die Feuchte in der Halle. Ein Bein hat er dabei
ausgestreckt, das andere stützt die Gitarre. Er ist ganz auf diese
kleine Handreichung konzentriert. Scheinwerfer tauchen ihn wie zufällig
in blaues Licht. Er sieht aus, als hätte Gainsborough ihn gemalt, einen
alten Knaben in Blau. Der Moment verweht. Schade, dass ihn niemand auf
Film festgehalten hat.
(SZ-Berlinale-Beilage vom 7.2.2008/kur)
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