[echo] "Mit dem Leben wird die Revolte bleiben."

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sat Feb 9 12:09:21 CET 2008


literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2008 » Schwerpunkt: 1968 »  
Rezensionen

"Mit dem Leben wird die Revolte bleiben."

In einem Gesprächsband analysiert Karl-Heinz Dellwo seine RAF- 
Vergangenheit

Von H.-Georg Lützenkirchen

Karl-Heinz Dellwo überfiel am 24. April 1975 gemeinsam mit Ulrich  
Wessel, Siegfried Hausner, Lutz
Taufer, Bernd Rössner und Hanna Krabbe als "RAF-Kommando Holger  
Meins" die deutsche
Botschaft in Stockholm. "Nicht unerheblich bewaffnet", so Dellwo,  
wollte man "die höhere
Botschafterebene" als Geiseln nehmen und mit "dieser Aktion" 26  
"politische Gefangene aus den
Gefängnissen der BRD" befreien. Der "neue kollektive Anfang im  
revolutionären Kampf", als welchen
das Kommando den Anschlag verstand, misslang. Das Kommando erschoss die
Botschaftsmitarbeiter Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaart. Die  
unbeabsichtigte Explosion
eines mitgeführten Sprengsatzes tötete Ulrich Wessel und verletzte  
Siegfried Hausner so schwer,
dass er wenige Tage später verstarb. Die schwedische Polizei befreite  
die zwölf verbliebenen
Geiseln und nahm die übrigen Kommandomitglieder fest. 1977 wurden sie  
in Deutschland zu
lebenslanger Haft verurteilt. Karl-Heinz Dellwo wurde 1995 aus der  
Haft entlassen und lebt heute als
Dokumentarfilmer in Hamburg.

Der Band "Das Projektil sind wir" geht zurück auf Gespräche, die die  
Journalisten Tina Petersen und
Christoph Twickel mit Dellow geführt haben. Die Gesprächspassagen  
wurden in fünf chronologisch
geordnete Kapitel gegliedert, die von Dellwos Kindheit und Jugend  
über die RAF-Mitgliedschaft, die
Haftzeit bis in die Gegenwart reichen. Der Gesprächscharakter blieb  
dem Buch erhalten, wenn auch,
worauf die Herausgeber in einem kurzen Nachwort hinweisen, manche  
Textpassagen von Dellwo "in
seiner Bearbeitung" zu "tendenziell geschlossenen Abhandlungen"  
verändert wurden.
Dellwo ist einer der wenigen 'Täter' aus der Reihe der ehemaligen RAF- 
Mitglieder, der eine
öffentliche Reflexion über die RAF nicht scheut. Das macht ihn für  
die Medien und eine interessierte
Öffentlichkeit, die in einer Mischung aus Faszination und Grusel auf  
die Terrorismuszeiten der
1970er- und 1980er-Jahre schaut, interessant. Doch Dellwos Sicht der  
Dinge unterscheidet sich sehr
von dem, was andere, wie der zuweilen als "Talkshow-Terrorist"  
charakterisierte Peter Jürgen Boock,
öffentlich erzählen. Als Kronzeuge steht er nicht zur Verfügung.  
Aufklärung beispielsweise über
konkrete Beteiligungen einzelner RAF-Mitglieder an bestimmten  
"Aktionen" ist von ihm ebenswenig
zu erwarten wie wohlfeile Reueerklärungen.

Dafür aber bieten Dellwos wohlüberlegte Darlegungen einen Einstieg in  
die Denk- und Lebenswelten
jener Menschen, die seit den ausgehenden 68er Jahren einen  
Radikalisierungsprozess durchliefen,
der einige von Ihnen zu Terroristen werden ließ. Der eigene  
Lebenslauf dient Dellwo dabei als
Anschauungsmaterial.
Dellwo entstammt nicht dem gern zitierten Millieu des  
protestantischen Bürgertums, in dem die
Kinder den Aufstand gegen ihre Nazi-Väter proben. Es handelt sich bei  
ihm auch nicht um eins der
'Bürgersöhnchen', die auf der Universität Radikalität ohne Folgen  
lernten. Die Kinder- und Jugendzeit
des 1952 geborenen Dellwo war dagegen gezeichnet von einem unsteten  
Leben in der Provinz. Oft
zog die Familie um. Die materiellen Verhältnisse waren bescheiden,  
oft galten die Kinder in den
Dörfern als 'asozial'. Doch in der Mühsal dieses Lebens in der  
Provinz schimmert der Glanz des
außenseiterischen Abenteuertums. Die Unstetigkeit des Lebens birgt in  
der auf Ordnung, Normalität
und Konformität ausgerichteten Bundesrepublik ein aufsässiges Moment,  
das den jungen Dellwo
kennzeichnet, als er 1973 in die Hamburger Hausbesetzerszene geriet.  
In vielerlei Hinsicht entsprach
der unbehauste Dellwo jenen jugendlichen Zöglingen, mit denen Ulrike  
Meinhof "Bambule" proben
wollte.

Doch war Dellwo nicht derjenige, der darauf wartete, dass ihn andere  
an die Hand nahmen, um
gesellschaftliche Veränderungsprozesse einzuleiten. "Wenn du ein  
revolutionäres Subjekt suchst",
sagt er an einer Stelle, "musst du in den Spiegel schauen. Entweder  
du siehst es dort - oder eben
nicht." Diese markante Aussage erläutert so nebenbei auch das  
zwangsläufige Scheitern vieler
großbürgerlicher 'Universitätsrevoluzzer'. Im Falle Dellwo erklärt  
sie eine subjektive Konsequenz:
eines Menschen, der sich auf die Suche begibt und in einer bestimmten  
historischen Situation meint,
mit der terroristischen Radikalisierung einen Weg gefunden zu haben.  
Im Rückblick stellt er sachlich
fest, dass dieser Weg der falsche war. Aber die ursprüngliche  
Suchbewegung stellt er nicht in Frage,
zu ihr steht er.

Und genau hier liegt der bis heute relevante - und wenn man so will  
berunruhigende - Kern der
klugen Überlegungen Dellwos. Er begründet einen bedeutsam wahren Kern  
der Anziehungskraft der
RAF: die Erfahrung, dass man "einmal im Leben Subjekt in seiner  
eigenen Geschichte und in der
Gesellschaft werden kann. Das ist die Kraftquelle für revolutionären  
Kampf". Und er vergleicht dies,
ebenso zutreffend wie 'unverschämt', mit der Erfahrung der DDR- 
Oppositonellen: Auch sie hatten
"die Erfahrung eines Aufbruchs gemacht".

Gerade um dieser berunruhigenden Einsicht der permanenten Möglichkeit  
eines revoltierenden
Aufbruchs zu entkommen, schätzt man solche RAF-Analysen, die weniger  
eine latente 'Gefahr'
beschreiben, als vielmehr die RAF-Gewalt als Ergebnis einer  
entgleisten Gruppendynamik, als eine
Art Unfähigkeit des Lebens betrachten. Das mag manches erklären,  
indes nicht alles. Davon erzählt
Dellwo: "Mit dem Leben wird die Revolte bleiben."


Karl-Heinz Dellwo: Das Projektil sind wir. Der Aufbruch einer  
Generation, die RAF und die Kritik der Waffen.
Edition Nautilus, Hamburg 2007.
221 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN 389401556X
ISBN-13 9783894015565



More information about the echo mailing list