[echo] "Sonst müsste ich Menschen töten"

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Sun Feb 10 16:34:33 CET 2008


BERLINALE-FILM "HEAVY METAL IN BAGDAD"
"Sonst müsste ich Menschen töten"

Von Jasna Zajzek, Istanbul

Irrwitzige Riffs, mit wilder Handkamera gedreht: Der Film "Heavy Metal 
in Bagdad" porträtiert eine Band aus irakischen Kriegsflüchtlingen im 
Exil. Die Doku feiert heute auf der Berlinale Filmpremiere - einreisen 
durften die Musiker allerdings nicht.

Istanbul - Marwan, 24, Drummer der irakischen Heavy-Metal-Band 
"Acrassicauda", träumt nicht davon, mit seinen Kollegen über den roten 
Teppich der Berlinale zu schreiten. Die Träume und Probleme der 
Protagonisten des Berlinale-Dokumentarfilms "Heavy Metal in Bagdad", 
sind andere, sie haben die normalen Probleme irakischer 
Kriegsflüchtlinge in der Türkei. Ohne Arbeitserlaubnis oder staatliche 
Unterstützung, ohne Krankenversicherung, ohne festen Wohnsitz und fast 
ohne Geld versuchen die vier Mittzwanziger Tony Aziz, 29, Firas 
Al-Latif, 26, Faisal Talal, 25, und Marwan Reyad ihr Leben im Exil im 
Istanbul zu meistern.

Der 2006 mit wilder Handkamera unter Leitung von Spike Jonze ("Jackass") 
gedrehte Film begleitet die Band im Post-Saddam-Irak und in ihrem 
früheren Exil in Damaskus, wo es gelingt, die erste irakische 
Heavy-Metal-CD aufzunehmen. Er zeigt die Musiker bei dem Versuch, ihren 
Jugendtraum trotz widrigster Umstände weiter zu leben.

Das Dramatische, Berührende an "Heavy Metal in Bagdad" sind nicht die 
unter filmischen Gesichtspunkten schlechten Bilder, die oft so 
verwackelt sind, dass MTV-ungeübten Zuschauern schwindlig wird. Es ist 
der gelungene Ansatz der Regisseure Eddy Moretti und Suroosh Alvi, einer 
ganzen Generation von jungen, desillusionierten Irakern eine Stimme zu 
verleihen.

Die Band durfte nicht zur Berlinale einreisen

Doch in Berlin tatsächlich für ihre Generation zu sprechen, bleibt ihnen 
verwehrt. Obwohl die Festivalleitung die Band offiziell einlud und sich 
für Visa einsetzte, wurden diese nicht erteilt. Denn die Pässe dreier 
Bandmitglieder stammen aus der "S-Serie", die die irakischen Behörden ab 
2004 ausstellten und die seit April 2007 von der Bundesrepublik nicht 
mehr anerkannt werden, da sie als nicht fälschungssicher gelten.

Dass die findigen Trendsetter Eddy Moretti und Suroosh Alvi vom hippen 
New Yorker Medienkonglomerat des "Vice"-Magazins, die "Acrassicauda" 
2005 für sich entdeckten, nun mit dem Film über die Bandgeschichte auf 
der Berlinale für Rummel sorgen, berührt die Musiker kaum. Sie wollen 
weder Ruhm und Ehre noch vor TV-Kameras stehen, sie wollen nur weiter 
ihren Traum verfolgen: Heavy Metal spielen. Für immer. In den Irak 
zurückkehren, ihre Familien nach zwei Jahren auf der Flucht wiedersehen 
- diese Träume gestatten sie sich nicht, ebensowenig wie den von einem 
für sie in Europa ausgerollten roten Teppich.

Heavy Metal zu leben, gestaltet sich auch in Istanbul nicht einfach, 
denn die Miete eines Proberaumes kostet rund neun Euro. Geld, das die 
Band nicht hat. Und wenn sie es hätte, dann würden die Freunde Brot und 
Obst kaufen und für die dringend benötigte Herzoperation der Ehefrau des 
Bassisten Firas zusammenlegen. Das Schicksal der 26-jährigen Fatima, 
Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes, bewegt die Rocker mehr als die 
Einreiseverweigerung.

"Während des Kriegs schliefen wir im Proberaum"

"Heavy Metal hilft, mental zumindest, sonst müsste ich Menschen töten um 
zurechtzukommen", erklärt Marwan, der im Irak Bildhauerei studierte und 
seine Drums nun in Ermangelung von Übungsmöglichkeiten nicht spielen 
kann. Der Autodidakt bastelte sich Drum-Pads, auf denen er täglich leise 
trommelt, denn um ein Tempo von bis zu 350 Beats pro Minute halten zu 
können, muss permanent geübt werden.

"Im Irak standen wir oft zwölf Stunden im Übungsraum, gerade im Krieg, 
wir schliefen dort, unsere Freunde erklärten uns für verrückt", erzählt 
Tony, der vielleicht schnellste Gitarrist des Zweistromlandes, der einst 
Arabische Literatur dozierte. Mag Heavy Metal für ungeübte Ohren wie 
Krach klingen, so muss man doch ausgefeilte Virtuosität beim Spiel 
beweisen, denn die Riffs und Rhythmen, die "Acrassicauda" komponieren, 
sind kompliziert und irrwitzig schnell.

Durch Konzerte, die sie unlängst in der Türkei spielten, kamen einige 
hundert Euro zusammen, sodass die vier einige Nächte lang in billigen 
Hotels schlafen konnten und nicht auf die Solidarität bessergestellter 
Landsleute angewiesen waren.

Nun ist "Acrassicauda" wieder mittellos, und auf die Frage, ob sie denn 
den Abend der Filmpremiere, wie die Regisseure und Produzenten in 
Berlin, feiern werden, antwortet Marwan mit versteinerter Miene in 
seinem stark US-amerikanisch gefärbten Englisch: "Wir sind Flüchtlinge. 
Wir haben nichts zu feiern."


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Tran: sollte man sehen



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