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Mon Feb 18 11:14:44 CET 2008
TAGESKARTE KUNST
Der natürliche Feind der Kunst
Von Felix Zeltner
An Kunst in Kombination mit öffentlichen Bauten scheiden sich die
Geister. Das Münchner Projekt "Quivid" zeigt, wie man Kunst am Bau
beinahe konfliktlos zum Erfolg führen kann.
Über Kunst am Bau wird hierzulande seit jeher gestritten, und am
heftigsten immer dann, wenn sie der großen Politik nahe kommt. In den
Siebzigern verbannte Willy Brandt eine Plastik aus dem Vorgarten des
neuen Kanzleramtes. In den Achtzigern und Neunzigern stritten Politiker
und Behörden über den Wunsch des Verpackungskünstlers Christo, den
Reichstag zu verhüllen. Und 2000 galt die Erd-Installation des Künstlers
Hans Haacke vor demselben Gebäude als Deutschlands meistumstrittenes
Kunstobjekt.
Der Bildhauer Ulrich Rückriem schrieb 1980 im SPIEGEL, er werde sich an
überhaupt keinem Wettbewerb für Kunst am Bau mehr beteiligen. "Es gibt
meiner Überzeugung nach keine, Kunst am Bau", so Rückriem. "Für mich
gibt es den Bau, und es gibt Kunst, jedes muss sich allein behaupten
können."
Die Stadt München beweist, dass es auch ganz anders geht: Hier ziehen
die Wettbewerbe seit Jahren namhafte Künstler an. So setzte der weltweit
bekannte US-Aktionskünstler Paul McCarthy im vergangenen Jahr eine
riesenhafte, freundlich dreinblickende Schnecke vor das städtische
Verkehrsmuseum, und sein Landsmann Vito Acconci bringt bereits seit 2000
mittels Windkraft den Innenhof des Technischen Rathauses zum Rotieren.
Beinahe jeden Monat entstehen neue, durchdachte Kunstwerke am Bau, im
Februar beispielsweise in einer frisch renovierten Berufsschule. Quer
über die Stadt gelangen bereits Dutzende weiterer Projekte, von einer im
begrünten Müllberg vor der Stadt versunkenen Kirche über sprechende
Kanaldeckel im Opernplatz und in der Oktoberfestwiese bis hin zu
raffiniert gestalteten und preisgekrönten U-Bahnhöfen.
"In vielen Städten wird Kunst zu spät mitgedacht", sagt
"Quivid"-Geschäftsführerin Monika Pemler. "Bei uns kommen Künstler und
Planer früh zusammen." "Quivid" ist der Obertitel für eine bereits 1985
eingesetzte Kommission für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum,
die bei öffentlichen Bauvorhaben in der bayerischen Landeshauptstadt
entscheidet, welcher Künstler wo und wie zum Zug kommt. 2001 gab sich
die Kommission den lateinisch anmutenden Namen "Quivid", erdacht vom
Berliner Wortschöpfer Adib Fricke.
In der Kommission sitzen fünf Stadträte, ein Architekt, ein
Kunsttheoretiker und sieben Künstler. Das Geschlechterverhältnis ist
ausgeglichen, die Kunstschaffenden aber sind in der Mehrheit. Ein Sieg
der Kunst über die Politik ist also möglich, auch wenn Geschäftsführerin
Pemler betont, die "überwiegende Mehrheit" der Projekte werde einstimmig
beschlossen.
Ohne Zoff geht es aber auch in München nicht. Beim Wettbewerb um die
Neugestaltung des Effnerplatzes, eines unscheinbaren
Verkehrsknotenpunktes im Münchner Osten, setzte sich 2003 die
amerikanische Künstlerin Rita McBride durch. Doch ihr Siegerkonzept "Mae
West", eine 52 Meter hohe, grazil verdrehte Glasfaserkonstruktion, wurde
von Behörden und Medien misstrauisch beäugt, sogar der als liberal
bekannte Oberbürgermeister Christian Ude war dagegen. Erst 2009, sechs
Jahre später, soll "Mae West" nun endgültig stehen. Den Grund liefert
Quivid auf der eigenen Homepage: "Gremien und Richtlinien sind der
natürliche Feind der Kunst." Und fügt im eigenen Interesse hinzu: "So
scheint es zumindest."
Infos zu aktuellen und bereits realisierten Projekten unter
http://www.quivid.com
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