AW: [echo] Offener Brief: Große Bergstraße Umbenennung "Frappant³ zu "Christians-Quartier³

Barbara Lang barbara-lang at nexgo.de
Wed Feb 20 15:47:40 CET 2008


Danke für die Recherche und Information, mal wieder beste Arbeit geleistet!
Da sollten sich die Herrschaften doch bitte was besseres ausdenken. 
Dabei finden sie vielleicht auch einen etwas zeitgemäßeren Namen?
Grüße und bis bald,
B.
 

-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: echo-bounces at soundwarez.org [mailto:echo-bounces at soundwarez.org] Im
Auftrag von Bahari Ndogo
Gesendet: Mittwoch, 20. Februar 2008 12:58
An: echo
Betreff: [echo] Offener Brief: Große Bergstraße Umbenennung “Frappant³ zu
“Christians-Quartier³

http://wandsbektransformance.de/aktuelles.html

Der Schweizer Investor k-werkstatt plant,  nach dem Umbau das
"Frappant"-Gebäude in der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona in
"Christians-Quartier" umzubenennen, in Erinnerung und Ehrung an den
angeblich "aufgeklärten" dänischen König Christian VI (1699-1746).

Dieser Name ist nicht akzeptabel, würdigt er doch einen, der zu den ganz
Großen im transatlantischen Dreiecks-Sklavenhandel gehörte. In der Zeit
seiner  Regentschaft wurden mit dem Gesetzeswerk St. John Slave Code
grausame, geradezu mittelalterliche Strafen für entlaufene Sklaven in den
dänischen Kolonien auf den Karibik-Inseln eingeführt.

Bereits heute ehrt Altona mit Straßennamen zwei Männer, die im dänischen
Sklavengeschäft ihr Geld verdienten: den Kaufmann Emile Nölting und den
Reeder Hinrich von (van) der Smissen.

Auch in ganz Hamburg gibt es zahlreiche Straßen, die Kolonialfiguren
würdigen. Und überraschend kommen - wie in Wandsbek - koloniale
Ruhmesstatuen als perfekt restaurierte Wiedergänger oder gar neu gestaltet
im Stadtraum zu Ehren - eine fragwürdige und seltsam anachronistische
Gedenkkultur in einer demokratischen und multikulturellen Gesellschaft.

Untenstehend mein Offene Brief an den Bezirksamtsleiter Herrn Jürgen
Warmke-Rose,  in dem ich meiner Kritik zum Namen "Christians-Quartier"
Ausdruck verleihe.

Mit den besten Grüßen
Jokinen
http://www.wandsbektransformance.de

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An Herrn
Jürgen Warmke-Rose
Bezirksamtsleiter
Rathaus Altona
Alte Königstraße 29-39
22765 Hamburg    

cc: 
Almeda GmbH 
c/o k-werkstatt Deutschland GmbH München
    


O F F E N E R   B R I E F

Große Bergstraße
Umbenennung “Frappant³ zu “Christians-Quartier³

Sehr geehrter Herr Warmke-Rose,

dem “Altonaer Wochenblatt³ vom 13.2.2008 entnehme ich, dass der
“Frappant³-Komplex nach Umbau “Christians-Quartier³ heißen soll, benannt
nach dem dänischen König Christian VI (1699-1746).

Der Investor k-werkstatt schreibt auf der Webseite
www.christians-quartier.com:
“Eine Neukonzeption und -gestaltung des Grundstücks Große Bergstraße 164-180
bedingt ganz von selbst auch einen neuen Namen. k-werkstatt sieht darin die
Chance, ein selbstbewusstes Zeichen für die Neubelebung eines ganzen
Stadtteils zu setzen. ...  k-werkstatt wählte diesen Namen als einen Hinweis
auf die Blütezeit Altonas Ende des 18. Jahrhunderts. Unter dem dänischen
König Christian VI entwickelte sich die Stadt zur zweitgrößten Stadt
Dänemarks. In dieser Zeit lebten und wirkten in Altona so wichtige Personen
wie Johann Friedrich Struensee, Friedrich Gottlieb Klopstock oder Carl
Heinrich Behn, der beispielsweise die stadtplanerischen Grundzüge des
heutigen Altonas legte. Warum sollte es nicht möglich sein, diese positiven
Aspekte wieder aufleben zu lassen?³

Ich nehme an, dass diese Namensnennung in Unkenntnis wichtiger historischer
Fakten gewählt wurde. Während die oben erwähnten Geistesgrößen an der Elbe
bei Altona spazieren gingen, kamen die Schiffe des dänischen Königs und
seiner “Dänisch-Westindisch-Guinesischen Kompanie³ im Altonaer Hafen an. An
Bord Kolonialwaren von den Plantagenwirtschaften in der Karibik: Zucker,
Baumwolle, Kaffee, Tabak - und Sklaven als Pagen und “Kammermohren³ für die
Reichen und Adligen in Schleswig-Holstein und Brandenburg.

Christian VI war Hauptaktionär der “Dänisch-Westindisch-Guinesischen
Kompanie³ und damit  einer der größten Sklavenhändler und -halter im
transatlantischen Dreieckshandel. Seine Vorgänger Christian V und Frederik
IV  hatten den globalisierten Sklavenhandel zwischen Kopenhagen, Guineischer
Küste in Afrika 
und den Jungferninseln in der Karibik angeschoben. Sein Nachfolger Frederik
V perfektionierte das perfide System des Menschenhandels, der zur
Haupteinnahmequelle des Königs wurde und wesentlich zum Reichtum des
dänischen Staates beitrug.

In Altona profitierten vom dänischen Sklavenhandel unter vielen anderen auch
Emile Nölting, der sein Geld auf der dänischen Karibik-Insel St. Thomas
machte 
und der Reeder von (van) der Smissen, der Sklavenschiffe chartete - beide
werden in Altona mit Straßennamen geehrt.

Christian VI von Dänemark trat 1730 als ältester Sohn von Frederik IV seine
Regentschaft (1730-1746) an. Die Krönungsfeier fand 1731 statt, an der auch
sein Oberstallmeister teilnahm, der zugleich Direktor der königlich
initiierten “Dänisch-Westindisch-Guineischen Kompanie³ war. Als Ausdruck
seiner hohen Stellung kam
er mit seinem Sklaven, dem "Kammermohren" Anton.

Zu dieser Zeit besaß Dänemark bereits Festungen wie Fort Christiansborg an
der afrikanischen "Goldküste" (heute Ghana) als Stützpunkte für den
transatlantischen Sklavenhandel. Auf den karibischen Inseln St. Thomas und
St. Jan befanden sich große Sklavenplantagen, auf denen vor allem Zucker,
Baumwolle und Tabak für Europa angebaut wurde. Dafür fungierte Altona,
damals Dänemarks Seehafen an der Elbe, als wichtiger europäischer
Knotenpunkt des Dreieckshandels.

1733 erwarb Dänemark noch die Karibikinsel St. Croix, die für die Zucker-
und Rumproduktion vor allem in Flensburg wichtig werden sollte. Auf St.
Croix wurde 
im gleichen Jahr die Stadt Christiansted gegründet, benannt nach Christian
VI. Zu dieser Zeit gab es auf St. John 109 Plantagen, davon 21 mit
Zuckerproduktion mit wachsender Tendenz. Die dänische Insel St. Thomas war
einer der bedeutendsten Umschlagsorte des Sklavenhandels in der Karibik.

Der “St. John Slave Code³, ein Strafreglement, das am 5. Sept. 1733 - vor
275 Jahren - vom dänisch-königlichen Kolonialgouverneur Philipp Gardelin
erlassen wurde, erhielt 19 Paragraphen zur Behandlung von Sklaven auf den
drei Inseln. Es gehört zu den berüchtigsten und grausamsten der europäischen
Kolonialgeschichte. Einleitend heißt es, dass das Reglement "unseren Negern,
die von Gott selbst zu Sklaven gemacht sind" gilt.

Das Strafreglement sah neben Auspeitschungen Brandzeichnen vor sowie - in
Zeiten der “Aufklärung³ - so mittelalterliche Strafen wie Amputation von
Ohr, Hand, Arm oder Bein, Foltern mit glühenden Zangen, Rausreißen von
Fleischstücken aus dem Körper, Rädern, Hängen oder Verbrennen auf dem
Scheiterhaufen. Wie es beispielsweise im Pararagraphen 8 heißt, wird als
Strafmaß für das "Maron laufen" - das Entlaufen eines Sklaven von der
Herrenplantage - festgelegt: "Wer 6 Monate lang wegbleibt, soll das Leben
verlieren, es sei denn sein Herr verzeiht ihm und begnügt sich mit dem
Verlust des Beines." Der Zeitzeuge Reimert Haagensen berichtet 1758, dass
viele Sklaven lieber den Tod durch eigene Hand suchten, als sich in die
Hände der Kolonialhäscher zu begeben. Haagensen hatte jedoch kein Mitleid,
weil er der Meinung war, dass Sklaven “von Natur aus schlecht³ seien.
(Quelle: www.book.google.com)

In Guinea an der afrikanischen "Goldküste" gehörte der Sklavenhändler
Ludwig Römer (1714­1776), der 14 Jahre lang als Oberkaufmann in dänischen
Diensten zu Zeiten Christians VI tätig war, zu den Wenigen, die sich der
Schuld bewusst wurden, die sie durch die Ausübung ihres grausamen Gewerbes
auf sich geladen hatten. Er kritisierte in einem Buch die Europäer, alles
eingeführt zu haben, was in Afrika böse ist.  (Quelle: Stefan Winkle: Firma
Schimmelmann und Sohn. Der dänische Sklavenhandel, Hamburger Ärzteblatt
12/03)

Die auf den karibischen Plantagen arbeitenden Sklaven mussten selbst in der
Lage sein, sich zu ernähren. Sie hatten kleine Gärten angelegt, doch das
Jahr 1733 wurde durch eine Dürreperiode und Hurricanes heimgesucht. Die
koloniale Monokultur trug weiter dazu bei, dass die Gärten durch Erosion
vernichtet wurden. Hungersnot, das gerade erlassene Strafreglement und die
äußerst grausame Behandlung durch die Plantangenbesitzer und
Kolonialverwaltung trugen dazu bei, dass viele Sklaven entliefen. Ein
Aufstand brach am 23. Nov. 1733 aus. Erstmals gelang es in die Sklaverei
verschleppten Afrikanern, eine ganze Insel über eine für die Kolonial-mächte
bis dahin undenkbare Zeit (sechs Monate) zu kontrollieren. Der Aufstand
wurde mit Hilfe französischer Truppen brutalst niedergeschlagen. Hunderte
brachten sich um, bevor sie gefangen genommen werden konnten. So konnten sie
der Folterei und Exekution entgehen.

Im Todesjahr Christians VI 1746 zählte man auf den drei dänischen
Junferninseln 17.000 Sklaven - obwohl die Willkürherrschaft und die
Gesundheitsverhältnisse als geradezu “mörderisch³ galten. (Quelle: Stefan
Winkle a.a.O. )

Der dänische “Slave Code St. John³ und der Aufstand in der Regierungszeit
Christians VI nimmt eine wichtige Stellung in der postkolonialen
Erinnerungskultur der Karibik ein. Erst 1848 führte ein erneuter großer
Sklavenaufstand zur Aufhebung der Sklaverei auf den dänischen Karibikinseln,
mit denen auch Altonas Handel und Wirtschaft eng verknüpft war.

Aus der grausamen Geschichte des globalen Sklavenhandels kann kein
“selbstbewusstes Zeichen für die Neubelebung eines ganzen Stadtteils³ (Zitat
k-werkstatt) abgeleitet werden. Selbst wenn der absolutistisch herrschende
und nur derart bedingt aufgeklärte dänische König Gutes für Altona (Gründung
Christianeum; Bau Christianskirche, St. Trinitatis) geleistet hat, dürfen
seine kolonialen Schattenseiten nicht ignoriert werden. Gegen den dänischen
Sklavenhandel ging schon Friedrich Struensee vor. Ein solcher König eignet
sich nicht als Namensgeber für einen in die Zukunft blickenden Stadtteil,
der
auch PartnerInnen und BesucherInnen aus anderen Kontinenten einlädt. Und die
verdrängte und vergessene Kolonialgeschichte Altonas, Hamburgs und des
Unterelberaums gehört erforscht und erinnert.

Ich möchte Sie auf unser aktuelles Kunstprojekt aufmerksam machen: die
Ausstellung "wandsbektransformance - die Gegenwart des Kolonialen"
(www.wandsbektransformance.de) im Kunsthaus Hamburg 4.3.-6.4.2008.

Als Kolonialprotagonist rückt hierbei auch Heinrich Carl von Schimmelmann
ins Visier der beteiligten Kunstschaffenden - jener einst von Wandsbek,
Hamburg und Kopenhagen aus transatlantisch operierende Großkaufmann,
Fabrikant und Sklavenhändler, Vorbild für die 2006 amtlich installierte
Büste am Wandsbek-Markt.


Mit freundlichen Grüßen
Jokinen
bildende Künstlerin





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