[echo] Bethanien

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Wed Feb 27 09:30:01 CET 2008


Über die Ausstellungen in Künstlerhaus Bethanien redet niemand, was  
aber eher an dem liegt, was dort gezeigt wird...
Bezeichnend, dass in Tannert's Buro ein Model steht, dass Bethanien  
in seiner "privatisierten" Form zeigt...


TAZ vom 27.02.2008

Die zwei Welten des Bethanien

Der Streit zwischen Besetzern und Künstlern in dem ehemaligen  
Kreuzberger Krankenhaus ist beigelegt - durch eine strikte räumliche  
Trennung. Heute stimmt der Bezirk ab. VON JULIANE SCHUMACHER

Die Welten prallen im zweiten Stock aufeinander, gegenüber Moonjoo  
Lees Atelier. In der einen hat die Künstlerin aus Südkorea,  
Stipendiatin im Künstlerhaus Bethanien, das letzte Jahr verbracht. Es  
ist eine Welt aus weiten Fluren mit gewölbten Decken, in denen die  
Schritte auf dem Dielenboden hallen, so dass man unwillkürlich leiser  
geht. Aus Studios und Ateliers, die wie ihres voll sind mit  
Fotografien, Farben, Staffeleien. "Hochkultur" nennen das die aus der  
anderen Welt.

Die beginnt zwei Glastüren weiter, im Südflügel des Bethanien am  
Mariannenplatz: die Welt der "Soziokultur", wie sie in zahlreichen  
Entwürfen für die zukünftige Nutzung des Gebäudes heißt. Im Flur  
zwischen den Türen hat jemand den Rauch-Haus-Song der Band Ton,  
Steine, Scherben an die Wand geschrieben: "Und die Leute im besetzten  
Haus schrien: Ihr kriegt uns hier nicht raus "

"New Yorck" steht über der zweiten Tür, die mit unzähligen Plakaten  
zugeklebt ist, gegen Atomkraft, G 8, fürs Sozialforum Berlin.  
"Eigentlich ist es eine Schande, dass wir hier Tür an Tür leben und  
überhaupt keinen Kontakt haben", sagt Lee. Und schade sei es auch.  
Denn eigentlich, so Lee, wäre sie schon sehr neugierig, was da  
drüben, auf der anderen Seite der Tür, passiert. Herausfinden wird  
Lee das nicht. Ihr Stipendium läuft aus, sie verlässt in einer Woche  
Berlin. Vor allem aber ist nicht geplant, die Tür zwischen beiden  
Teilen des Bethaniens zu öffnen.

Am heutigen Mittwoch wird die Bezirksverordneten-Versammlung (BVV)  
von Friedrichshain-Kreuzberg beschließen, wie das Bethanien künftig  
verwaltet und genutzt werden kann. Dieser Beschluss sieht eine  
Trennung des Gebäudes in zwei Teile vor: Haupt- und Nordflügel für  
die Kunst, Südflügel für die (Sozio-) Kultur. Der Kompromiss ist  
dennoch ein Erfolg: Er markiert - zumindest vorerst - das Ende des  
Streits, der seit mehr als zwei Jahren um die Nutzung des einstigen  
Krankenhauses tobt. Und alle Parteien sind einigermaßen zufrieden  
damit - trotz der vielen öffentlich ausgetragenen Konflikte.

Im Juni 2005 besetzten Bewohner des kurz zuvor geräumten  
Hausprojektes "Yorck 59" zwei Etagen im leerstehenden Südflügel des  
Bethanien. Das Bezirksamt sah von einer Räumung ab; bis heute wohnen  
die Besetzer im oberen Stockwerk, im unteren finden sich Büros von  
linken Initiativen und Veranstaltungsräume. Anfang 2006 startete die  
Initiative Zukunft Bethanien (IZB) ein Bürgerbegehren, das forderte,  
aus dem Bethanien ein kulturelles, künstlerisches, politisches und  
soziales Zentrum zu machen. 14.000 Unterschriften sammelte die  
Initiative; daraufhin verabschiedete die BVV im September 2006 einen  
Beschluss, der das Bezirksamt beauftragte, die Forderungen des  
Bürgerbegehrens umzusetzen.

Seit November 2006 kam einmal im Monat der Runde Tisch Bethanien  
zusammen. Dort trafen sich alle Beteiligten - Nutzer, an Räumen  
Interessierte, das Bezirksamt -, um entsprechend des BVV-Beschlusses  
ein Konzept auszuarbeiten. Im Dezember legte Bezirksbürgermeister  
Franz Schulz (Grüne), der die Treffen moderierte, das Ergebnis vor:  
eine Beschlussvorlage. Diese sieht zum einen vor, das Bethanien an  
die gemeinnützige GSE zu übergeben, die es als Treuhänder verwalten  
soll. Zum anderen sollen die beiden Bereiche des Bethanien auch  
"baulich" getrennt werden - das hatte Christoph Tannert,  
Geschäftsführer der Künstlerhaus GmbH, als Voraussetzung für einen  
Verbleib des Künstlerhauses im Bethanien gefordert.

In Tannerts Büro im dritten Stock des Nordflügels steht ein Modell  
des Bethanien. Mit gläsernem Eingang, einer baulichen Öffnung  
zwischen den beiden Flügeln, "damit mehr Licht in den Mittelbau  
fällt". So hätte das Haus aussehen können als privates  
Künstlerzentrum - der Bezirk plante bis 2005, das Bethanien als  
solches an einen privaten Investor zur veräußern. Die Besetzung und  
das Bürgerbegehren machten diese Pläne zunichte. Darüber, sagt  
Tannert, sei er schon "ziemlich enttäuscht".

Vielleicht ist das ein Grund, warum er und die Initiative seit ihrem  
Entstehen eine innige Feindschaft verbindet. Als "Kiezdödel" hat er  
Mitglieder des AnwohnerInnenforums Sofa bezeichnet, die  
"Kulturlosigkeit" des Bethanien seit der Besetzung beklagt. "Wir  
haben eine vollkommen andere Sicht auf dieses Haus", sagt Tannert.  
"Das geht einfach nicht zusammen."

Die Besetzer und die IZB wollten mit missionarischem Eifer ihr  
Verständnis allen anderen Nutzern überstülpen. Aber für eine  
Umwandlung des Bethanien in ein soziokulturelles Zentrum, so Tannert,  
sei er nicht zu haben. "Seit zwei Jahren redet die ganze Welt über  
das Bethanien, aber nicht als Künstlerhaus, sondern als  
Besetzerhochburg." Darunter leide das Image des Hauses, sagt Tannert,  
es seien bereits Sponsoren abgesprungen - auch wenn ihm jetzt dafür  
kein Beispiel einfalle. Die IZB und die anderen Initiativen, davon  
gehe er aus, seien ohnehin nur ein "Spin-off" der Besetzer.

Aus dem Arbeit am runden Tisch sind Tannert und Mathias Mrowka,  
Leiter der ebenfalls im Bethanien beheimateten Druckwerkstatt, nach  
einem halben Jahr ausgestiegen. "Unsere Positionen wurden nicht  
gehört", so Tannert. Zudem sei der Moderator des Prozesses,  
Bürgermeister Schulz, völlig parteiisch gewesen, auf Seiten der  
Besetzer und der IZB. "Man kann Künstlern doch nicht vorschreiben,  
wie sie zu arbeiten haben", sagt Tannert.

Zwar halte er soziale Arbeit und Workshops für Jugendliche an sich  
für sinnvoll. Aber vermischen sollen die sich nicht. "Die Kunst, die  
wir hier machen, bewegt sich ja auf einem ganz anderen Niveau, sie  
soll sich ja gerade von der Sphäre der täglichen Arbeit abheben",  
betont Tannert. Dennoch könne das Künstlerhaus mit der vorgesehen  
Trennung leben - wenn sie nicht nur baulich, sondern auch "im Geiste"  
vollzogen wird. Man werde sich die künftige Entwicklung ansehen, ein  
Auszug - wie mehrfach angedroht - sei noch immer nicht ausgeschlossen.

"Tannert und Mrowka haben von Anfang an versucht, den Prozess zu  
torpedieren", kritisiert Simone Kypke von der IZB. Sie hätten genau  
gewusst, dass der runde Tisch nicht funktioniere, wenn das  
Künstlerhaus und die Druckwerkstatt als größte Nutzer aussteigen.  
"Und den Auszug haben sie als Drohmittel benutzt, um ihre Interessen  
durchzusetzen", sagt Kypke. Sie glaube Tannert, dass er, wenn er  
könnte, gern mit dem Künstlerhaus ausziehen würde - aber das habe  
nichts mit den Besetzern zu tun. Anders als sein Vorgänger Michael  
Haerdter, der in den 80er-Jahren betont hatte, das Künstlerhaus müsse  
genau an diesem Ort angesiedelt sein, ärgere es Tannert doch seit  
Jahren dass seine Institution am Mariannenplatz liege, einer "B- 
Lage", einer der ärmsten Ecken Berlins.

Dass aufgrund des Widerstandes von Künstlerhaus und Druckwerkstatt  
nun keine Zusammenarbeit, keine Mischung zwischen Sozialem und Kunst  
stattfindet, wie es der BVV-Beschluss von 2006 eigentlich vorsieht,  
ist für Kypke einer der Misserfolge des Prozesses: "Es ist schade,  
dass sich die Wertigkeit unserer Gesellschaft nun auch in der  
Aufteilung des Hauses niederschlägt: auf der einen Seite die  
Hochkultur und davon getrennt ein Ort für die Marginalisierten, für  
Arme, Migrantinnen."

Viele Gruppen und Initiativen, die sich für Räume im Bethanien  
interessierten und über die Ideenwerkstätten zum Prozess  
hinzugestoßen waren, seien im Konflikt zwischen Künstlerhaus und  
Besetzern zerrieben worden, so Kypke. Sogar einige BVV-Fraktionen  
hätten Tannert geglaubt und die vielen Projekte für eine Erfindung  
der Besetzer gehalten, die gern in den leerstehenden Flächen im  
Haupthaus arbeiten würden: verschiedene Theater, das Medienprojekt  
Formatwechsel, das mit jungen migrantischen Frauen arbeitet, der  
Filmemacher-Verein platura, ein deutsch-türkisches  
Musikkonservatorium, der Arbeitskreis Kreuzberger Künster. "Der  
Südflügel ist überbelegt", sagt Kypke. "Das Problem, wo all diese  
Projekte Räume im Bezirk finden, bleibt weiter bestehen."

Doch auch Kypke vermeldet eine Menge positiver Ergebnisse: Das  
Bethanien werde nicht privatisiert, die Gespräche mit der GSE ließen  
eine gute Zusammenarbeit erwarten. "Und ganz wichtig: Es muss niemand  
gehen." Nicht die Besetzer im Südflügel, nicht die Initiativen, die  
dort Räume gefunden, aber auch nicht die Künstler, die Musikschule,  
die Kita. Und das sei keineswegs selbstverständlich gewesen: "Zum  
Zeitpunkt der Besetzung lagen der Kita und dem Sportjugendclub die  
Kündigung vor, und wäre das Haus privatisiert worden, hätten auch  
Einrichtungen wie die Musikschule dort keinen Platz mehr gehabt", ist  
sie sich sicher.

Für die Besetzer ist vor allem wichtig, dass sie bald Mietverträge  
bekommen sollen: "Das gibt den Initiativen, die hier ihre Büros  
haben, mehr Sicherheit", sagt Claudia Neuber. Sie hat schon in der  
Yorck 59 gewohnt, seit 2005 lebt sie im Bethanien. Anders als in den  
Medien oft berichtet, hätten sich die Besetzer von Anfang an bemüht,  
kostendeckende Verträge zu bekommen, so Neuber. Das Bezirksamt wollte  
ihnen aber wegen der unsicheren Zukunft des Hauses keine geben.  
"Jetzt ist es verpflichtet, mit uns Verträge abzuschließen. Das ist  
auf jeden Fall ein Erfolg", sagt Neuber.

Von Erfolg spricht schließlich auch Bürgermeister Schulz, wenn es um  
das Bethanien geht. Die Ausgangslage sei schwierig gewesen, mit solch  
einer heterogenen, konfliktträchtigen Mischung von Nutzern. "Aber aus  
der Quadratur des Kreises ist doch ein sehr vernünftiger Kompromiss  
hervorgegangen." Das künftige Betreibermodell sei geklärt, dem Bezirk  
werde das Bethanien nicht mehr als finanzielle Last angerechnet, die  
Soziokultur finde Platz im Südflügel. "Und für das Künstlerhaus und  
andere Kunstproduzenten bedeutet der Beschluss ja nicht nur den  
Erhalt des Status quo, sondern eine räumliche und organisatorische  
Verbesserung", so Schulz. Die Trennung des Hauses in zwei Teile sei  
unvermeidlich gewesen: "Das war klar, nachdem ein moderiertes  
Gespräch zwischen Künstlerhaus und Besetzern im November gescheitert  
ist."

Bedauerlich finde er auch, dass es nicht gelungen sei, sich auf ein  
gemeinsames Image des Bethanien zu verständigen. "Dazu ist es  
sicherlich nochmal nötig, grundsätzlich über das Kunst- und  
Kulturverständnis der einzelnen Nutzergruppen zu diskutieren", meint  
Schulz. "Aber so etwas lässt sich nicht in wenigen Wochen lösen."

Zeit für weitere Gespräche dürfte den Gruppen von Nutzern bleiben:  
Wenn die BVV am Mittwochabend das Konzept mit den  
Änderungsvorschlägen aus den Fachausschüssen beschließt, muss nur  
noch die Senatsverwaltung für Finanzen ihr Okay geben. Dann, meint  
Schulz, könne in einem halben Jahr der Treuhandvertrag mit der GSE  
abgeschlossen sein; parallel dazu würden schon die Verträge mit den  
Nutzergruppen verhandelt. "Das Haus hat jetzt endlich wieder eine  
klarere Perspektive", sagt Schulz. "Jetzt können sich hoffentlich  
alle Gruppen wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren."  
Kunst zu machen, Politik, Kultur. Für Kreuzberg und Berlin.



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