[echo] Schlingensief – auf dem Weg zum Kirchenfenster
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Jan 3 14:14:13 CET 2008
spiegel online, 02.01.2008
ALLROUNDKÜNSTLER SCHLINGENSIEF
"Theater war noch nie mein Ding"
Christoph Schlingensief rechnet mit dem Theater ab und konzentriert
sich auf seine Karriere als bildender Künstler. Im Interview mit
"Monopol" sprach er über die Vorteile des entfesselten Kunstmarkts,
die Zukunft des Kinos und seine Angst zu erblinden.
Frage: Herr Schlingensief, Sie haben zuletzt einen Film in Namibia
gedreht, eine Oper in Manaus inszeniert und zuletzt ein Opern-
Geisterbahn in São Paulo gebaut. Sind Sie auf der Flucht? Raus aus
Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo Sie jeder kennt?
Schlingensief: Ich habe durch das Herumreisen auf jeden Fall eine
Kraft bekommen, die ich in Deutschland vermisse, weil ich da immer
"der Schlingensief" bin, der "provoziert". Wegfahren heißt für mich
immer, ich fahre in eine Gegend, in der ich mich nicht auskenne. Und
wo ich mich nicht auskenne, muss mich mehr bemühen. In Deutschland
bin ich ja nur als Enfant terrible zu Gast.
Frage: In letzter Zeit sabotieren Sie diese Erwartungshaltung. Als
Sie Anfang November im Züricher Migros-Museum ihre Ausstellung
"Querverstümmelung" eröffneten, hätte man zumindest ein Happening
gegen den Rechtspopulisten und Wahlsieger Christoph Blocher erwartet.
Dann war es doch "nur" eine Kunstausstellung.
Schlingensief: Das ist dieses kranke Bild von politischer Kunst. Ich
sabotiere keine Erwartungshaltung, sondern ich habe gelernt, dass es
nichts mehr bringt, mit dem Megafon vor einem Politiker rumzubrüllen.
Wenn politische Kunst ihren Rahmen gefunden hat, dann ist sie nicht
mehr wert als die Gedenkmünze zum G-8-Gipfel. Ich glaube daran: Die
Politik der Zukunft wird nur noch dann gewählt, wenn sie nichts mehr
will. Blocher macht das gerade vor. Unser Bewusstsein ist doch weiter
als das Reinheitsgebot der Politik. Der Politiker hat mittlerweile
sein eigenes Theater. Und ohne Inhalt ist er auf der Erfolgsspur, das
hat er sicher mit mancher Kunst gemein.
Frage: Und mit Theater wollen Sie zurzeit nichts mehr zu tun haben?
Schlingensief: Theater war doch nie mein Ding. Dieses blöde
Nachvorneglotzen. Diese angestrengten Typen, die meinen, sie wären
heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenn’ sie alle aus der
Kantine, sie saufen und erzählen von früher, als sie noch so toll
waren. Ihre Nasen sind rot und großporig, ihr Anspruch an die
Gesellschaft ist größer als ihr Einfluss. Thomas Meinecke hatte
früher das Motto: Theater zu Parkhäusern. Das stimmt immer noch. Für
mich war Theater im besten Fall ein Studiogelände, das direkt in die
Realität überging. Dazu musste man aber das Theater verlassen, und
das habe ich ausgesprochen gerne gemacht. Im Theater denken alle
noch, sie würden uns ein Bild zeigen. Ich hab’ hingegen immer
gedacht: Wir stehen doch alle selbst im Bild. Und vor allem: Wer hat
es gemalt? Auch diese Frage stelle ich mir in der Kunst.
Frage: Sie waren also die ganze Zeit am falschen Platz?
Schlingensief: Das Theater war ein Ort, den ich gerne benutzt habe.
Da ich vom Film komme, musste ich am Theater erst mal in langen
Szenen denken. Auch der Druck, vor Publikum zu stehen, ist anders:
Der Raum überprüft mich, nicht ich überprüfe den Raum. Das war so das
Minimalste, was es zu lernen gab, und daraus habe ich viel Material
gezogen. Die Schauspieler waren am Ende diejenigen, denen das zu viel
wurde. Im letzten Stück, "Kunst und Gemüse", haben die Behinderten
das Sagen übernommen. Die Inszenierung wurde dann zum Theatertreffen
eingeladen. Ich hab’ mich damals sehr gefreut, weil das ja angeblich
der Ritterschlag in der Theaterwelt ist. Und beim Theatertreffen
selbst habe ich dann gemerkt, was auch das für ein jämmerlicher Fake
ist. Da hofft man immer, dort eingeladen zu werden, und sieht dann,
was das für eine miese Nummer ist. Eine Zuchtschau, bei der die
Pferde prämiert werden sollen, die am besten laufen. Und man sitzt im
Publikum und denkt sich, das kann ja wohl nicht sein, dass das Pferd
laufen soll, das kann ja nicht mal stehen. Das war es mit dem
Theater, seitdem bin ich durch damit.
Frage: Parallel zum Volksbühnen-Engagement haben Sie auch gleich ihre
Berliner Wohnung gekündigt. Waren Sie am Prenzlauer Berg genauso fehl
am Platz wie am Theater?
Schlingensief: Als mein Vater starb, habe ich Berlin verlassen. Weiß
nicht genau warum, aber es war wie ein Ende. So, als wäre er mein
einziger Zuschauer gewesen. Seit seinem Tod hat sich viel verändert,
und eigentlich ändert sich seitdem fast jede Stunde etwas. Sein Tod
war keine Inszenierung, kein Gemälde, kein Diskurs. Es macht keinen
Sinn, sich ständig etwas vorzumachen. Manche Dinge sind realer, als
"wir Künstler" das überhaupt noch zulassen wollen. Wir saufen oder
verstecken uns hinter unseren Intendanten oder Galeristen, wir sind
so wahnsinnig depressiv, müssen geschont werden, äußern uns aber
ständig zu allem und jedem. Wissen genau, wo Mitleid herkommt, was
hip ist und warum die Sache so nicht läuft, blabla. Wir "verdichten"
unser Hirn auf diese Dinge, bis nichts mehr übrigbleibt. Und
plötzlich merkt man, wie viel Kraft flöten geht, weil manche Orte so
tun, als hätten sie was zu sagen. Der Prenzlauer Berg zum Beispiel.
Frage: Wieso?
Schlingensief: Dieser Ort simuliert Aufbruchstimmung, ist sozusagen
der Wurmfortsatz der Berliner Republik. Nur dass die Galerien jetzt
schon alle halbe Stunde eröffnen, da wird der Rotwein weggekippt, der
Käse reingedrückt, und am nächsten Tag muss man erst mal aufräumen.
Ab dann beginnt das große Warten. In der dritten Woche startet man
dann noch den Waffelverkauf, aber auch die schmecken nur nach "ich
will wieder zu Mama". Und in der sechsten Woche kommen die Eltern,
schütteln den Kopf, bezahlen den Strom und fahren nach Hause, und in
der achten Woche meldet sich die Bank, dann wird geschlossen, das war’s.
Frage: Bis die nächste Galerie eröffnet.
Schlingensief: Genau. Übrig bleibt ein Frustrierter, der es
vielleicht gar nicht schlecht gemeint hat, aber er war eben doch nur
im Prenzlauer Berg, der zwar im Reiseführer als Klein-San-Francisco
bezeichnet wird, aber auch San Francisco hat schon lange nichts mehr
rausgebracht. Ein großer Fake mit ein paar großen Galerien, die den
Spuk am Laufen halten. Du kannst es schaffen, wenn du willst! Aber
dazu muss man erst mal wissen, was man will. Nur reich, nur berühmt?
Sterben können – das wäre mal ein guter Schritt nach vorn.
Frage: Sie selbst suchen Ihre Freiheit auch in der Kunst. Sie sind
mit Hauser&Wirth bei einer der renommiertesten Galerien der Welt
unter Vertrag, nach ihren Soloschauen in Zürich und im Münchner Haus
der Kunst sind etliche Gruppenausstellungen in Planung – vom ICA in
London bis zum Centre Pompidou in Paris. Was gibt Ihnen der neue
Kunstkontext, was Ihnen das Theater nicht geben konnte?
Schlingensief: Ich arbeite jetzt 47 Jahre an einer
Langzeitbelichtung, und dabei wird vieles überblendet. Ich sehe eine
breite Totale. Die Verdichtung überlasse ich den Bildern. Ich kann
das also gar nicht so voneinander trennen. Aber ich bin einfach
extrem froh über diesen Schutzraum. Ich nehme den Schutzraum Museum
nach meinen Erlebnissen am Theater voll und ganz an. Ich muss mich
nicht darum kümmern, ob am Abend 400 Leute kommen und ich nach zwei
Stunden beklatscht werde oder ausgebuht. Ich kann jetzt das machen,
was ich immer gemacht habe. Und zwar alleine, wie im Schneideraum.
Ein Museum hat für mich die Ausstrahlung, als wären alle draußen im
Tiefschlaf, und man selbst kann arbeiten. Das mag ich sehr. Ich war
ja auch in meinem Leben hundertmal öfter im Museum als im Theater. Im
Museum kommt die Konzentration zurück, die ich im Theater verloren
habe. Da gibt es kein Lampenfieber. Und am schönsten ist für mich die
Erkenntnis, dass sich die Bilder auch dann noch unterhalten, wenn ich
schon zu Hause bin. Mir kommt das alles ziemlich unangestrengt vor.
Frage: Viele Beobachter empfinden die Kunstwelt gerade ganz anders
als Sie, eher als angestrengt, überhitzt, sensationalistisch.
Schlingensief: Mit der Marktseite habe ich ja nicht so viel zu tun,
das ist ja eher der verblödete Teil der Veranstaltung. Aber aus der
Ferne denke ich, dass der Boom im Kunstmarkt vielleicht trotzdem das
Beste ist, was der Kunst passieren kann.
Frage: Wie meinen Sie das?
Schlingensief: Die Kunst ist ja nur noch unterwegs, von Stadt zu
Stadt, von Messe zu Messe, von Museum zu Museum. Sie ist unterwegs,
um sich zu treffen. Ob die Menschen daneben stehen und Geld zählen,
ist der Kunst ja egal. Das stört die Kunst gar nicht. Irgendwann wird
auch auf den Kunstmessen das Licht ausgemacht, und der Pförtner
schließt die Tore. Das ist doch toll, da gilt dann dasselbe wie im
Museum, da kann sich die Kunst in Ruhe unterhalten.
Frage: Besuchen Sie selbst auch Kunstmessen?
Schlingensief: Ich hab’ die Frieze besucht und auch das Artforum in
Berlin. Ehrlich gesagt, ich hab’ es nicht ganz verstanden. Es kam mir
so vor, als seien das alles Hundezwinger, und normalerweise beißt und
knurrt der Hund, und hier winselt er und sagt, komm rein. Auf der
Kölner Kunstmesse hab’ ich mal einen Freund mit versteckter Kamera
und Mikrofon losgeschickt, als Sammler getarnt. Und der wurde dann
von einem Galeristen gefragt, wie viel er denn anlegen wolle, und
mein Freund hat gesagt: Zwischen 50000 und 100000. Und dann im
Kämmerchen wurde ihm was für 75000 gezeigt, und der Galerist sagte,
das wäre ein sehr gutes Geschäft, der Künstler sei schwer krank und
würde es nicht mehr so lange machen.
Frage: Im Ernst?
Schlingensief: Das will ich aber hoffen. Dieser Galerist hat das
hoffentlich ernst gemeint, und der Künstler ist hoffentlich schon tot.
Frage: Stört es Sie gar nicht, dass Sie im Kunstkontext ein Newcomer
sind? Jemand, dessen Namen man in den USA oder England nie gehört hat?
Schlingensief: Ich würde das als Erleichterung bezeichnen. Es spornt
mich eher an, die Konzentration zu suchen. Es ist doch gut, wenn
jetzt neue Leute auf meine Bilder schauen, ohne zu wissen, wer ich
bin und was ich alles gemacht habe. Und wenn ich Leute wie Harald
Falckenberg, Julia Stoschek, Francesca von Habsburg gefunden habe,
die mir mehrere Arbeiten ermöglicht haben, dann ist das doch eine
echte Befreiung. Auch Iwan Wirth, mein Galerist, ist wichtig, weil er
mir seit vier Jahren vorkommt wie jemand, der überlegt, wie er meine
Sachen am besten vermitteln kann.
Frage: In der Züricher Ausstellung konnte man ein amerikanisches
Sammlerpaar dabei beobachten, wie es um die Installation "Kaprow
City" herumlief. Irgendwann sagte die Frau zu ihrem Mann: "That looks
very Meese." Trifft Sie so ein Kommentar? Ein Kommentar, der völlig
ausblendet, dass Sie seit den Achtzigern an Ihrem Werk arbeiten und
eben kein junger Kunststudent sind, der Jonathan Meese nacheifert?
Schlingensief: Ich nehme für mich in Anspruch, dass meine Arbeit
immer mit gesellschaftlichen Perspektivverschiebungen arbeitet. Ich
rede zwar auch von mir, aber ich bin nicht der Egomane im eigenen
Zauberreich. Ohne die Orte Bayreuth, Manaus, Island oder Afrika
könnte ich nicht arbeiten, ich brauche Manifeste und Theorien,
Fachliteratur und den Tod. Dann kann ich denken und arbeiten.
Jonathan ist jemand, der in seiner eigenen Wahnschneise rumarbeitet.
Wenn ich Jonathan irgendwo wieder höre und es ist ein bisschen Zeit
vergangen, dann denke ich zwar, dass da jetzt aber auch nicht viel
neuer Text dazugekommen ist, aber das stört mich nicht weiter. Der
wird bald das Problem haben, dass man sagen wird, der muss sich jetzt
auch mal was Neues ausdenken. Den Spruch kenne ich aber auch von
meiner Arbeit. Jonathan und ich sind seit Ewigkeiten bekannt und
befreundet. Wenn das ähnlich wirkt, dann ist das eher sein Problem.
Ich komme vom Film und baue Studios. Und das werde ich demnächst auch
bei dem Amipaar aus der Ausstellung tun, und dann warte ich auf deren
nächste Einschätzung
Frage: Gleich zu Beginn der Züricher Ausstellung sieht man einen
alten Super-8-Film Ihres Vaters, auf dem Sie als Kind zu sehen sind.
Der Film ist doppelt belichtet. Man sieht Sie, wie Sie eine Flasche
Wasser trinken, gleichzeitig sieht man die Aufnahme eines
Wasserfalls. Wieso eröffnet dieser Film Ihre Ausstellung?
Schlingensief: Das war 1967. Wahrscheinlich der größte Flash in
meinem Kopf: Da sehe ich mich als 7-Jährigen zweimal im selben Bild.
Wasser trinken – Wasserfall. Und mein Vater hat es nicht extra
gemacht, sondern den Film einfach zweimal umgelegt. Und so entstand
eine Doppelbelichtung. Wenn eine Kamera eine Doppelbelichtung gemacht
hat, damit ich etwas sehen kann, was vorher nicht da war, dann ist
das sensationell für mich. Das ist der Punkt des Jahrhunderts für
mich, das ist die Sensation: Ich sehe was, was du nicht siehst.
Deshalb steht dieser Film am Anfang der Ausstellung.
Frage: Man könnte auch glauben, all die Doppelbelichtungen, all die
Folien vor den Bildern in Ihren Installationen hätten auch etwas mit
ihren Augenproblemen zu tun. Sie sollen diesen Sommer einiges
abgesagt haben, weil Sie nicht gut sehen konnten.
Schlingensief: Das hat bestimmt auch damit zu tun. Mein Vater war ja
am Ende seines Lebens blind und sein Vater auch. Ich hab’ auch diese
Krankheit im Auge, die Drusen. Das sind Ablagerungen auf den
Sehnerven, die werden nicht mehr weggespült. Und an den Stellen ist
dann das Bild angefräst. Das habe ich kombiniert mit grünem Star, der
den Druck auf den Sehnerv erhöht. Man muss Tropfen nehmen, einmal am
Tag. Mein Vater hat das 15 Jahre gemacht, bis ganz erblindet war. Und
gerade in letzter Zeit, als ich diese großen Augenprobleme hatte,
dachte ich stark über die Bilder nach, die mir als Kind als klar
beigebracht wurden, als ideal, als wirkliche Tatsache. Das klare,
eindeutige Bild gibt es nicht. Es ist eine Lüge.
Frage: Es kann also durchaus sein, dass auch Sie völlig erblinden?
Schlingensief: Das kann sein, ich nehme täglich meine Tropfen, aber
die Drusen, das ist der beschissene Teil an den Augen. Ich hab’
Sehausfälle, rein messbar hab’ ich ziemlich viele schwarze Bereiche
im Gesichtsfeld, wo ich diesen kleinen Lichtpunkt nicht sehe, aber
das linke Auge ist noch ganz weit vorne. Trotzdem schleicht diese
Angst durch die Adern, weil ich die Erblindung meines Vaters
miterlebt habe. 15 Jahre lang. Da hat sich seine Angst oft
übertragen. Wenn ich nach Oberhausen komme, dann ist es so, dass ich,
je näher ich meinem Elternhaus komme, desto mehr anfange, Augentests
zu machen. Links, rechts. Das mache ich normalerweise nicht. Ich
versuche, mich nicht zu erinnern.
Frage: Weil das für Ihre Kunst das Aus bedeuten würde?
Schlingensief: Das weiß ich nicht mal. Ich hab’ im September, Oktober
die Kreuzigungsszenen für "Fremdverstümmelung" blind gedreht, einen
Film, den ich in Zürich zeige. Da konnte ich nichts sehen, weil der
Augendruck durch eine zusätzliche Augenentzündung so stark geworden
war, dass alles wie hinter einer dicken Milchglasscheibe wirkte. Dazu
kamen die Schmerzen durch das Licht. Ich konnte das nur drehen, weil
ich einen Kameraassistenten hatte, der mich an einem Gürtel hin- und
hergezogen hat. Und weil ich eine Kamera habe, die ich schon seit
Ewigkeiten kenne. Ich würde fast sagen: Mit der kann ich auch noch
drehen, wenn ich blind bin.
Frage: Ihren Film "African Twintowers" zeigen Sie in Zürich
gleichzeitig auf 18 Monitoren, vielleicht auch, weil er über 180
Stunden lang ist. Das ZDF hat ihn koproduziert und wartet jetzt
angeblich auf eine Version in Spielfilmlänge. Stimmt das?
Schlingensief: Ja, aber ich kämpfe um eine andere Lösung. Der Film
erzählt keine Geschichte. Er passt nicht auf die rechteckige
Leinwand, die ich mittlerweile genauso wenig mag wie das Theater. Der
Film hat eine Kraft, die in seiner Unvollkommenheit und seiner
Unabgeschlossenheit liegt. Es ist kein Film. Eher so etwas wie eine
Sammlung. Am zweiten Tag der Dreharbeiten, als wir von Windhoek in
die Wüste fuhren, kam ein Anruf, mein Vater habe einen Herzinfarkt
und sei mit Magenblutungen ins Krankenhaus geliefert worden. Das war
der Moment, wo mein Vater anfing, die Welt verlassen zu wollen. In
der Nacht kam man da nicht weg. Am nächsten Tag sagten die Ärzte, er
sei stabilisiert, ich solle später wieder anrufen, das ging so lange
so, bis mein Vater anrief und im Flüsterton sagte: "Bleib da, mach
das mal, es ist gut, ich warte auf dich." Der Film wurde ein ganz
anderer, ich hab’ das Drehbuch weggeworfen und jeden Tag einen
anderen Film gedreht. Ich hab’ "Die Verdammten" gedreht, "8", "Faster
Pussycat! Kill! Kill!", "Paris, Texas", "Die Nibelungen". Ich habe
keine Kontrolle mehr übernommen, es gab keinen Plan mehr, wir haben
das gedreht, was ich mir in der Nacht überlegt hatte.
Frage: Der Film ist also unter Schock entstanden?
Schlingensief: Ein heilsamer Schock, weg von diesem sentimentalen
"Ich dreh’ jetzt wieder einen Film"-Film. Man sollte ihn als
Okularfassung ausstrahlen. Das heißt, das Bild wird in der Mitte als
Kreis ausgestanzt. Also man sieht nur die Informationen im Kreis. So,
als würde man durch ein Fernrohr auf die Leinwand blicken. Und alles
was rechts oder links zu sehen war, ist weg. Auch die Titel sind nur
unvollkommen. Das wäre die Okularfassung, damit könnte ich leben.
Weil ich so eben nicht sage: So ist es. So ist es nämlich eben nicht.
Ich glaube fest daran: Das Kino der Zukunft kann sich die viereckige
Leinwand eigentlich nicht mehr leisten. Das ist vorbei. In Zürich
habe ich das mit einem Treppenlift kombiniert, wo der Betrachter
durchs Bild in den Himmel fahren kann. Sozusagen eine Himmelfahrt. Da
weiß man auch nicht, was so alles noch am Rande auftauchen wird
Frage: Das ZDF wird nicht begeistert sein. Es wird in Ihnen wieder
genau die Person sehen, die Sie nicht mehr sein wollen – der ewige
Provokateur.
Schlingensief: Warum sollten sie? Sie provozieren doch mit ihrer
Fernsehnorm. Ich denke darüber nach, was meinen Film davon abhält, so
zu tun, als wäre er ein geschlossener Bereich. Das ist wie bei
Warhols "Chelsea Girls". Die Filmbilder unterhalten sich auch ohne
mich. Sie haben in den dunklen Randzonen, wo sie sich nicht zeigen,
ihre Kraft. Die Dunkelphase provoziert, nicht das angebliche Licht,
das sie einem anhängen wollen. Die dunkle Seite ist mir bewusster als
dieses Licht. Und wenn ich mich in dieser Dunkelphase betrachte, dann
finde ich das unangenehm, peinlich, ekelerregend. Der größte Teil des
Lebens besteht aus dieser Dunkelphase, und deshalb ist das Leben auch
so unangenehm. Meinetwegen ist der Film deshalb auch so lang
geworden. Nur weil ich vom Leben berichte, denken einige Leute, ich
wolle sie provozieren. Das Leben ist die Provokation, oder genauer:
Ich im Leben, das ist die Provokation.
Das Interview führte Cornelius Tittel
Christoph Schlingensief: "Querverstümmelung", bis zum 3. Februar
2008, Migros-Museum für Gegenwartskunst, Zürich
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