[echo] Künstlerboykott zum 60. Geburtstag Israels
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Jan 10 14:03:40 CET 2008
taz, 08.01.2008
Künstlerboykott zum 60. Geburtstag Israels
Sand im Getriebe der Staatskultur
Im kommenden Mai soll mit viel Pomp 60 Jahre Israel gefeiert werden.
Doch die Künstler im Land drohen mit Boykott, sollte der Kulturetat
weiter gekürzt werden. VON YARDEN MICHAELI
Olmert zeigt sich gesprächsbereit, den Kulturetat aufzustocken
Foto: dpa
Man braucht nicht nur fähige Gewerkschaften und ordentliche
Öffentlichkeitsarbeit für einen erfolgreichen Streik. Für effizienten
Druck ist auch das passende Timing entscheidend. Insofern dürfte für
die israelischen Künstler jetzt der optimale Zeitpunkt zum Streiken
gekommen sein. Denn im kommenden Mai begeht Israel seinen 60.
Geburtstag. Der Unabhängigkeitstag wird stets groß gefeiert, und um
eine pompöse Party auf die Beine zu stellen, ist das Land auf all
seine "künstlerischen Ressourcen" angewiesen, wie es im
bürokratischen Jargon heißt.
Doch die Künstler drohen mit Protest. Sie wehren sich damit gegen die
Kürzung des staatlichen Kulturetats für das Jahr 2008 und gegen die
schlechte finanzielle Situation der Kulturszene im Allgemeinen. Die
größte Künstlergewerkschaft des Landes, das "Forum der
Kulturinstitute", hat verkündet, dass ihre Mitglieder an den
Vorbereitungen der Feier nicht teilnehmen werden und wenn nötig auch
die Party selbst boykottieren. Zum Forum zählen 150
Mitgliedsinstitute, die von Tanz, über Theater bis hin zur Musik in
allen möglichen Sparten angesiedelt sind. Normalerweise entwickeln
sie für die Feierlichkeiten ein aufwändiges Showprogramm, das auf
zahlreichen Bühnen im ganzen Land vom Nachmittag bis spät in die
Nacht präsentiert wird, begleitet von viel Tamtam und Feuerwerk. Nun
wurde seitens der Künstler mit dem Ausfallen der Shows gedroht.
Das Pochen der Künstler auf mehr Geld darf man ihnen nicht als Gier
auslegen. Ihre finanzielle Situation ist vom Idealzustand weit
entfernt. Die Unesco empfiehlt, zumindest ein Prozent des Gesamtetats
eines Landes für Kultur aufzuwenden. In Israel können die Künstler
mit keinerlei festem Budget rechnen, jedes Jahr müssen sie es sich in
Verhandlungen neu erkämpfen, beziehungsweise erbetteln. Laut Itamar
Gorewitsch, dem Vorsitzenden des Forums, standen dem Kulturbetrieb im
letzten Jahr gerade einmal 0,12 Prozent des Staatshaushaltes zur
Verfügung. Was wenig ist, wenn man die Menge und Vielfalt der in
Israel produzierten Kunst bedenkt. "Das Forum verfolgt drei Ziele",
sagt Gorewitsch. "Erstens wollen wir die Kürzungen des Budgets
rückgängig machen, zweitens ein festes Budget für die Jahre von 2008
bis 2010 vereinbaren." Das dritte Ziel sei die Verabschiedung eines
Gesetzes, das dem Kultursektor 0,5 Prozent des jährlichen
Staatshaushaltes sichert. "Wir hoffen, dass es 2009 in Kraft tritt",
so Gorewitsch.
Der Ministerpräsident Ehud Olmert und der ehemalige Kulturminister
Meir Schitrit hatten den Kulturschaffenden im Jahr 2006 eine
schrittweise Erhöhung des Kulturbudgets zugesagt. 2008 sollten nach
diesem Plan 455 Millionen Schekel (80 Millionen Euro) in die Kultur
investiert werden, doch stattdessen war neuerdings nur noch von
lediglich 393 Millionen Schekel (70 Millionen Euro) die Rede. Bereits
im Dezember haben die Künstler gegen diese Kürzung demonstriert, den
Höhepunkt erreichten die Demonstrationen vor zwei Wochen vor dem
Golda Center in Tel Aviv. Dort bilden Museum, Bibliothek und Theater
eine kulturelle Insel inmitten der Stadt. Alle 150 Mitgliedsinstitute
der Künstlergewerkschaft nahmen teil. Tänzer, Sänger und Schauspieler
schwenkten Schilder und forderten "Geld für Kultur anstatt für
Feiern" und spitzten dramatisch zu: "Kunst oder Tod". Danach spielte
ein Orchester Joseph Haydns Abschiedssymphonie, in deren Fortlauf
Musiker nach und nach von der Bühne verschwinden.
Haydn hatte diese Symphonie ursprünglich als Protest gegen die
schlechte Behandlung komponiert, die er und seine Mitmusiker bei
ihrem Auftraggeber, dem Fürsten Nikolaus Esterházy, erfuhren. Die
aktuellen Kürzungen im israelischen Kulturbudget würden zunächst
einmal kleinere Einrichtungen in den Außenbezirken Tel Avivs treffen.
Sie verfügen nicht über das nötige finanzielle Kapital, um eigene,
unabhängige Produktionen zu stemmen und sind ohnehin schon von den
etablierten Institutionen abhängig, die sich im Stadtzentrum von Tel
Aviv befinden - wie der Oper oder den großen Theatern. Auch für
Einrichtungen im Norden und Süden des Landes würde weniger Geld
schlichtweg das Aus bedeuten, während die Preise für Kulturangebote
in der Hauptstadt drastisch steigen müssten.
Darüber hinaus geht es in diesem Streit aber nicht nur um Geld,
sondern auch um die Inhalte, die dem israelischen Publikum noch
geboten werden. Künstler in Israel werden gewöhnlich mit eher linken
Positionen in Verbindung gebracht. Das wird ihnen oft ausgelegt als
eine Haltung gegen das Militär und gegen das Land. Deshalb stehen sie
oft als Außenseiter da. Während Themen wie die nationale Sicherheit
immer eine starke Unterstützerbasis finden, stößt die Kultur nicht
gerade auf großes gesellschaftliches Interesse. Der Stellenwert von
Kultur ist in Israel weitaus geringer.
Doch die Drohungen der Künstler scheinen sich inzwischen als
fruchtbar zu erweisen. Mittlerweile hat Ministerpräsident Olmert in
den Streit ums Budget eingegriffen. Der ursprünglich für 2008
versprochene Kulturetat wird mit Olmerts Zutun nun wohl doch
bereitgestellt. Damit hat der Künstlerverband immerhin ihr erstes
Ziel erreicht. Wie es nun weitergehen soll, wird das Forum in den
nächsten Tagen beraten. Die Künstler betonen, sie wollten nicht mehr
nach der Pfeife der Regierung tanzen. Wird Israel im Mai also seine
bunte, große Unabhängigkeitsfeier bekommen, oder nicht? Wie auch
immer es ausgeht, sollte man an dieser Stelle noch erwähnen: Die
allererste Geburtstagsfeier des Landes 1948 war eine ziemlich
unorganisierte Veranstaltung. Eine echte Spontanparty.
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