[echo] 100. Geburtstag Simone de Beauvoirs
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Jan 14 00:14:53 CET 2008
taz, 09.01.2008
100. Geburtstag Simone de Beauvoirs
Feine Beobachterin der Frauen
Mit ihrem Werk "Das andere Geschlecht" wurde Simone de Beauvoir
weltberühmt. Am Mittwoch, den 08.01.2008 jährte sich der Geburtstag
der französischen Philosophin zum 100. Mal - eine Hommage.
VON BARBARA VINKEN
Simone de Beauvoir hat viele, sehr lesenswerte Romane geschrieben.
Ihr überdauernder Ruhm aber verdankt sich ihrer Summa, dem Werk "Das
andere Geschlecht". Es erschien 1949 und machte die 41-Jährige über
Nacht berühmt. Seine Kühnheit, seine Unerschrockenheit, der Witz, mit
dem sie sich über das Männlichkeitsgehabe ihrer Zeitgenossen
amüsiert, ist auch einer Nachkriegszeit geschuldet, über die sich die
Restauration der Fünfzigerjahre noch nicht wie Mehltau gelegt hatte.
Diese Souveränität verdankt Beauvoir aber nicht nur dem Zeitgeist;
sie wusste, dass sie dazugehörte. Schließlich war sie nicht nur eine
Tochter aus gutem Hause, wie auch ihre Autobiografie betitelt ist,
sondern Spitze der französischen Leistungselite: Beim mythischen
Philosophie-Concours der École Normale belegte sie (nach Sartre) den
zweiten Platz.
Ich las "Das andere Geschlecht" 1976, mit sechzehn Jahren, und
klappte die 711 Seiten der deutschen Übersetzung mit der felsenfesten
Entscheidung zu, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und, komme,
was wolle, einen Beruf zu finden, der mich erfüllt und unabhängig
macht. Die Fesseln der Liebe, so schien es mir damals, wären dann
leichter zu tragen, die Katastrophen des Eros nicht ganz zerstörend,
den Männern wäre man nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
"Das andere Geschlecht", im reinsten Geist einer
fortschrittsorientierten Aufklärung geschrieben, versucht, das
weibliche Geschlecht aus seiner, mit Kant zu reden, selbst
(jedenfalls mit-) verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Es kann
nicht schaden, den kulturalistischen Beauvoirschen Lehrsatz, man
werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht, heute, da die
Erhaltung und Verbesserung der Rasse noch als Grund für einen
Seitensprung mit einem besonders tetesteronstrotzenden Mann während
der fruchtbaren Tage herhalten muss, in Erinnerung zu rufen.
"Das andere Geschlecht" ist das, was die Postmoderne später einen
grand récit - eine große Erzählung - nennen würde. Es fängt, wie alle
grands récits, mit Adam und Eva an und führt in eine strahlende
Utopie. Im Übergang vom Mutter- zum Vaterrecht wird der Mann Subjekt,
das sich nicht in der Wiederholung der Erhaltung des Lebens
erschöpft, sondern das Leben begründet, indem er es auf eine andere
Zukunft hin überschreitet. Dieser Schritt, der dem Leben die
Berechtigung zum Leben vorzieht, wird offensichtlich in Jagd und
Krieg: In der Daransetzung des Lebens wird der Geist gegen das Leben
bejaht.
"Der schlimmste Fluch, der auf den Frauen lastet, ist, dass sie von
den kriegerischen Unternehmungen ausgeschlossen sind. Nicht indem er
sein Leben hergibt, sondern indem er es wagt, erhebt der Mensch sich
über das Tier. Deshalb genießt innerhalb der Menschheit das höchste
Ansehen nicht das Geschlecht, das gebiert, sondern das Geschlecht,
das tötet." Um die Emanzipation der Frau, das Heraustreten aus der
Immanenz, wie das im damaligen existenzialistischen Jargon hieß,
müsse es folglich gehen; die Frau soll endlich Subjekt werden, wie
der Mann es schon geworden ist. Das wird man, so glaubte Beauvoir,
durch Arbeit. Aber nicht durch irgendeine Arbeit, sondern durch
Arbeit, die über die bloße Reproduktion des Lebens hinausgeht. Die
schlimmste Fessel auf diesem Weg sei für die Frau die Ehe - das
Ausgehaltenwerden durch einen Mann, der Verzicht auf Arbeit, auf
Selbstständigkeit und somit auf Selbstbestimmung. Die modernen Frauen
sah Beauvoir zersplittert zwischen der Konzentration auf den Beruf
und der Möglichkeit zur Heirat, die einen aller weiteren
Anstrengungen enthebt und für den gesellschaftlichen Aufstieg sorgen
könnte.
Die andere Fessel, die die Frau daran hindere, so wie der Mann
Subjekt zu werden, sei die Mutterschaft, durch "die die Frau an ihren
Körper gebunden bleibt wie ein Tier", das Subjekt der Art
untergeordnet wird. Besonders verheerend sei das Kinderkriegen in
vaterrechtlichen, und das heißt in allen modernen Gesellschaften, in
denen die Mutter zur Amme und Erzieherin, die Kinder aber zum
Eigentum des Vaters werden. Historisch sieht Beauvoir das bürgerliche
19. Jahrhundert und den Code Napoléon als reinsten Ausdruck einer
solchen vaterrechtlichen Gesellschaft, die bis in ihre Gegenwart
bestimmend geblieben sei.
Die erotische Liebe - und das hat Beauvoir nicht nur gefordert,
sondern gelebt - solle frei werden, sie soll nicht an wirtschaftliche
Formen gekoppelt sein. Sie soll auch nicht Sinn und Zweck des Lebens,
sondern wie beim Mann Teil eines Lebens sein, das im Wesentlichen der
Arbeit gewidmet ist. Mehr noch als der Mann verbaue sich die Frau von
heute, meint Beauvoir, den Weg zu einer "bejahten Existenz" selbst:
aus Bequemlichkeit, aus Angst vor der Herausforderung, weil sie sich
in der Rolle des Anderen gefalle, weil sie Angst habe, dann nicht
mehr Frau zu sein.
Und wie soll die Zukunft aussehen, wenn die Frau zur selbstbestimmten
Existenz gefunden hat? Der Unterschied zwischen Männern und Frauen
würde nicht aufgehoben werden, die Liebe nicht aussterben - beruhigt
uns Beauvoir - aber die "Versklavung" der einen Hälfte des
menschlichen Geschlechtes wird aufhören, damit beide "rückhaltlos
geschwisterlich" im Reich der Freiheit zueinander finden könnten, in
dem Liebe den "Charakter einer freien Überschreitung und nicht mehr
einer Selbstaufgabe bekäme".
Phantasma Freiheit
"Das andere Geschlecht" hat Momente, die heute noch genauso aktuell
wie früher sind, und andere, die überholt wirken. Wir sind im Ganzen
skeptischer geworden und haben die Gespaltenheit des Subjektes und
seine grundsätzliche Unverfügbarkeit akzeptiert; die Schwangerschaft
ist etwa von der französischen Philosophin Kristeva nicht als das
Tierhafte schlechthin, sondern als Symbol für diesen grundsätzlich
entfremdeten, an einen anderen entäußerten Zustand des Subjektes
gelesen worden. Der Optimismus des Existenzialismus, der Glaube an
die Selbstbestimmtheit des Subjektes und irgendwelche Reiche der
Freiheit erscheinen heute als Phantasma. Authentizität suchen wir
nicht mehr im Verhältnis der Geschlechter, sondern erfreuen uns
höchstens geschwisterlich an der Komödie, die das eine dem anderen
Geschlecht vorspielt. Der Glaube an den Mann als Menschen,
Bewunderung für das Männlich/Menschliche ist uns fremd geworden; den
Homo Faber finden wir in seiner Selbstermächtigung manchmal rührend,
manchmal aufgeblasen und ein bisschen lächerlich. Das Trauma, das
Menstruation und Geschlechtlichkeit für die Frauen früherer
Generationen bedeutet haben müssen, können wir, so glaube ich, nicht
mehr nachvollziehen. Beauvoirs Schilderungen von Hochzeitsnächten
wirken wie aus einer anderen Zeit. Kurz, die sexuelle Emanzipation
ist entschieden schneller fortgeschritten als die ökonomische.
Am besten ist Beauvoir da, wo sie den Existenzialismus aus den Augen
verliert. Und das Erstaunlichste und mit dem existenzialistischen
Tenor so gar nicht zu Vereinbarende ist die Wahl der einzigen Frau,
die es in Beauvoirs Augen geschafft hat, die Norm tranzendierender
Subjektivität wie ein Mann zu erfüllen: Theresa von Avila.
"Eigentlich hat nur die heilige Theresa auf eigene Kosten in einer
völligen Verlassenheit die menschliche Seinsbedingung durchlebt."
Wenn aber das sich überschreitende Subjekt aus der mystischen
Gottesliebe modelliert wird, kann man schwerlich von aufgeklärter
Selbstbehauptung, muss man hingegen eher von völliger Selbstaufgabe
reden. Die Liebe als Entäußerung an einen anderen ist dann auch nicht
Teilbereich, sondern das Leben selbst. Mit dem Beispiel Theresa von
Avila hat Beauvoir schon früh den existenzialistischen Begriff des
Subjekts dekonstruiert.
Beauvoir bleibt, oft gegen den Strich ihrer Philosophie gelesen, eine
große Analytikerin der Leidenschaft. Und eine unbestechliche
Beobachterin von Frauen, den Ängsten, durch Erfolg weniger Frau zu
sein, während der Erfolg des Mannes seine Männlichkeit nur bestätige;
den Heucheleien, wenn Frauen in der Ehe ausgehalten werden, und den
daraus resultierenden oft kindischen Kompensations- und
Legitimationsversuchen; der Zerrissenheit zwischen Beruf und
Weiblichkeit. Gerade weil junge Frauen sich heute oftmals
gleichberechtigt fühlen - man fragt sich, woher viele diesen
Optimismus nehmen -, muss man über "Das andere Geschlecht" sagen, was
Diderot über Richardsons Bestseller "Clarissa" gesagt hat: Lesen Sie
Beauvoir, lesen Sie sie ohne Unterlass.
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