[echo] Kunst am Bein
Bahari Ndogo
bahari1 at gmx.de
Mon Jan 14 16:44:54 CET 2008
Junge Welt
11.01.2008 / Feuilleton / Seite 13
Kunst am Bein
In Berlin sollte am Samstag eine Ausstellung eröffnet werden. Die Absage hat
mit der sozialen Notlage von Künstlern zu tun. An der hat die Linkspartei
gewichtigen Anteil
Sigurd Schulze
Das Kunstarchiv und die Burg Beeskow sind für DDR-Kunst-Ausstellungen
bekannt. In den Depots lagern Bilder und Plastiken, die ab 1990 als
»Staatskunst« von der Treuhand »verwaltet« wurden, bis sie ins Eigentum der
neuen Bundesländer übergingen. Fast alle Werke waren einst präsent in
Rathäusern, Ministerien, Gemeindebüros, Betrieben, Schulen, Ferienheimen,
Kulturhäusern usw. Bilder von Willy Sitte und Wolfgang Mattheuer wurden in
Beeskow ausgestellt. Zum 60. Jahrestag der Bodenreform gab es 2005 die
Schau: »Ein weites Feld«.
Ein Novum war die von Juli bis Dezember 2007 gezeigte Exposition
»Lebens-Mittel Kunst«, in der neben DDR-Kunst zu gleichen Teilen Bilder aus
der Sammlung der Sozialen Künstlerförderung (West-)Berlin zu sehen waren.
Die Schau war vor allem ein Verdienst der Kuratorin Simone
Tippach-Schneider, die bereits die Ausstellung »Ein weites Feld« initiiert
hatte, die 2005 und 2006 auch in Bad Frankenhausen, Meiningen und Berlin
gezeigt wurde. Es war nicht die erste Beeskower Wanderschau. Als
Gemeinschaftswerk der Burg Beeskow und der Sozialen Künstlerförderung beim
Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales sollte »Lebens-Mittel Kunst«
vom kommenden Samstag bis 29. Februar in den Räumen der Künstlerförderung
Berlin, Gustav-Meyer-Allee, gezeigt werden. Am 24. April 2007 hatten
Kunstarchiv, Landesamt, Künstlerförderung und Kuratorinnen alle Details
geklärt (Leihverträge, Transport, Werbung, Öffnungszeiten usw.). Plakate und
Kataloge wurden für beide Ausstellungen gedruckt. Bei der Vernissage in
Beeskow wurde die gute Kooperation mit den Berlinern gepriesen.
Kalte Füße
Ausgestellte, hochbetagte Künstler wie Harald Hakenbeck und Dietrich Nosky
richteten sich auf den Besuch der Berliner Schau ein und ersparten sich die
Fahrt nach Beeskow. Viele der Ausgestellten prägten das Bild Berlins in den
Aufbaujahren, so Gisbert Haberland (193491), Helmut Verch (19232002),
Antje Fretwurst-Colberg (1941), Anne-Margaret Korff (1944) und Hans Stein
(1935).
Am 5. Januar sollte Simone Tippach-Schneider mit dem Hängen der Bilder
beginnen. Alles war klar. Am 16. November bekam sie per E-Mail mitgeteilt,
die Ausstellung in Berlin sei abgesagt. Absender: Rainer Ehrke, Leiter der
in Abwicklung befindlichen Sozialen Künstlerförderung, eigentlicher Schöpfer
der Kooperationsidee. Ein Hilferuf an den Büroleiter der
Senatskulturverwaltung, Dietrich Wulfert, blieb bis heute unbeantwortet.
Die Absage mußte um so mehr überraschen, als Ehrke, Tippach-Schneider und
andere seit 2004 mit wohlwollender Billigung des Kuratoriums des
Kunstarchivs Beeskow, in dem der Berliner Senat sitzt, die Vereinigung
beider Sammlungen in einer gemeinsamen Stiftung betrieben. Das lag nach der
Einstellung der Sozialen Künstlerförderung im Jahre 2004 besonders im
Interesse des Berliner Senats. Das Ende der direkten Förderung der Maler,
Grafiker und Bildhauer brachte eine unmittelbar wirksame Einsparung, aber
die Lagerung und Pflege der Kunstwerke ist ein wachsender Posten. Zu
Hoffnungen berechtigte auch ein für Februar 2008 angekündigter Besuch der
zuständigen Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner und des Kulturstaatssekretärs
André Schmitz in Beeskow, in der das gemeinsame Projekt unter Dach und Fach
gebracht werden sollte.
Wer hat nun kalte Füße bekommen? Rainer Ehrke zieht sich hinter seine
Vorgesetzten zurück. Die Absage sei eine Entscheidung des Präsidenten des
Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Franz Allert. Diese sei abgesegnet
von der Senatorin Knake-Werner. Die Finanzierung für 2008 habe sich »nicht
so gestaltet, wie sie Anfang 2007 angedacht war«. Die Option einer Stiftung
sei durch den Rückzug von Sponsoren wie dem Paritätischen Wohlfahrtsverband
vom Tisch. »Es wird definitiv keine Ausstellung geben. Punkt. Es wird auch
über keine Alternative nachgedacht.« So Ehrke gegenüber dieser Zeitung. Was
würde denn die Schau in Berlin kosten? Keine Auskunft.
Rückendeckung erhält Ehrke von der Pressesprecherin der Sozialsenatorin,
Anja Wollny. Für die Finanzierung der Berliner Exposition habe es keine
feste Zusage gegeben. Im Haushalt seien keine Mittel bereitgestellt.
TippachSchneider beschleicht die Ahnung, die Berliner Politiker wollten nur
ihren »Ballast« ans Kunstarchiv Beeskow loswerden. Aber auch für dieses
Archiv ist die Vereinigung der Sammlungen neben dem Gewinn an Kunstreichtum
eine Kostenfrage. Zur Zeit beträgt der Jahresetat des Beeskower Archivs
135000 Euro. Der Zuwachs an Berliner Kunstwerken erforderte eine
Aufstockung, auf deren Höhe sich die Leiterin des Archivs, Ilona Weser,
nicht festlegen will. Wer kann das tragen? Wer spielt ein falsches Spiel?
Oberflächlich gesehen ist die Absage eine reine Kostenfrage. Obwohl die
Ausstellung in Beeskow und Berlin seit 2006 geplant und vorbereitet wurde
und für den Berliner Veranstalter klar sein mußte, welche Kosten entstehen
würden.
Alice Ströver (Grüne), Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner
Abgeordnetenhaus, kann sich noch andere Motivationen bei den
Verantwortlichen im Senat vorstellen. Man wolle keine Aufmerksamkeit für die
materielle Lage der Künstler in Berlin, eben gerade nach der Abschaffung der
Sozialen Künstlerförderung unter der regierenden Koalition von SPD und Die
Linke (vormals PDS) im Jahr 2004. Seit der Abschaffung individueller Hilfen
durch die Soziale Künstlerförderung beziehen reihenweise arbeitslose
Künstler Leistungen nach »Hartz IV«. Bekannt sind die Klagen des Verbandes
Bildender Künstler, daß Maler und Bildhauer zu berufsfremden Ein-Euro-Jobs
verpflichtet werden. Daß die Atelierförderung weggebrochen ist.
Nachlaß verbrannt
Ins Licht der Öffentlichkeit könnte auch geraten, daß die Bestände der
Sozialen Künstlerförderung unwiederbringlich zerrissen und verstreut sind.
Mit Billigung von Knake-Werner hat sich die Berlinische Galerie die besten
Arbeiten ausgesucht, es folgten Artotheken der Berliner Bezirke. Noch immer
bleibt ein Rest von zehn- bis zwölftausend Kunstwerken, die wegmüssen. Die
Öffentlichkeit könnte im Zuge dessen auch daran erinnert werden, wie mit der
Kunstsammlung der Berliner Sparkasse umgegangen wurde. Sie wurde dem Käufer
der Sparkasse als Zugabe übereignet. Geschätzter Wert: 100 Millionen Euro.
Der Wert des Restbestandes der Berliner Künstlerförderung ist nicht bekannt.
Und es gibt weitere unbequeme Fragen. Im Vorfeld der Beeskower Schau führten
die Kuratorinnen Interviews mit allen noch lebenden und auskunftsbereiten
Malern der ausgestellten Bilder. Viele leben in Armut und ohne Perspektive.
Besonders bedrückend: Was wird mit den Werken im Besitz der Künstler, wenn
diese nicht mehr arbeiten können oder sterben? Wenn kein Museum sie
übernimmt oder die Erben damit nichts anzufangen wissen? Harald Hakenbeck
(81), ein renommierter Künstler der DDR, Professor an der Kunsthochschule
Weißensee, mußte sein Atelier 1989 wegen zu hoher Mietkosten aufgeben und
sich aus Platzgründen von vielen seiner Arbeiten trennen. Sie wurden
vernichtet. Herbert Bergmann-Hannak (86), ein eigenwilliger DDR-Künstler,
verbrannte viele Bilder. Wer ist für nachgelassene Kunstwerke zuständig? In
Deutschland vererbt die scheidende Generation viel Geld. Wer erbt die Kunst?
Schneider-Tippach: »80 Prozent der Künstler können nie von ihrer Kunst
leben. Es dürften annähernd so viele Kunstnachlässe sein, die es nie in den
Bestand der Allgemeinheit schaffen.«
Im 500-Seiten-Bericht »Kultur in Deutschland«, an dem eine Enquetekommission
des Bundestages vier Jahre gearbeitet hat, findet sich kein Gedanke zur
Erhaltung der Nachlässe freischaffender Künstler. Immerhin weist der Bericht
darauf hin, daß alte Künstler, die eine geringe Rente bekommen, eine
Grundsicherung nach Bedürftigkeit beantragen dürfen, auf die ihr Vermögen
angerechnet wird. Soll das heißen: Gebt eure Bilder her, oder es gibt kein
Geld? Zugleich beklagt die Kommission, daß die Museen wegen »knapper
werdender öffentlicher Gelder« ihren Auftrag, das Kulturgut zu schützen,
immer weniger erfüllen.
Wie kritiklos das Ende der Sozialen Künstlerförderung Berlin zur Kenntnis
genommen wird, ist bezeichnend für das Niveau der Kulturpolitik.
Haushaltskürzungen werden für unvermeidlich gehalten, während den Reichen
durch die Steuerreform im Jahr 60 Milliarden Euro geschenkt werden.
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