[echo] Für Geld machen sie alles
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Tue Jan 15 00:42:54 CET 2008
taz, 14.01.2008
Für Geld machen sie alles
Von selbst ernannten "Konzernhuren" bis zu neuen Vertriebsformen im
Internet: In Hamburg wurde über die Zukunft des Broterwerbs mit
Popmusik ausführlich diskutiert. Stichwörter dabei: Netzwerkbildung,
Einführung in Dilettantismus sowie ein dezidiertes Desinteresse an
der Musikindustrie
VON JULIAN WEBER
Herzstück, Hirnlappen, Nasenflügel. Die Teilnehmer der Hamburger
Podiumsveranstaltung "Operation Ton. Kongress für musikalische
Zukunftsfragen" erhielten zum Geleit in einem Erste-Hilfe-Set
glibberige Organ-Nachbildungen ausgehändigt. Diese stünden
sinnbildlich für den jeweiligen Zugang zur Musik, ob emotional (Herz)
oder theoretisch (Hirn) oder doch eher über Drogen wahrgenommen
(Nasenflügel).
Es ging an diesem langen Samstag um die Zukunft des Broterwerbs mit
Popmusik, und die ernüchtert die Beteiligten gewaltig.
Tonträgerverkäufe seien irrelevant geworden, meinte Lars Leverenz,
Chef des Hamburger Plattenlabels Audiolith Records. Es gehe dabei um
Netzwerkbildung, und auch da benötige der kleine Pop dringend eine
Organspende. Statt zum Operationssaal war das Hamburger Westwerk aber
in einen "Darkroom für Musikschaffende und Verwerter" umgestaltet.
Zur Kür kamen Musiker auf die Bühne, unter ihnen der
Entertainmentprofi Jacques Palminger.
Vorher aber die Plicht, bei der das Publikum aufgefordert war,
mittels eines in die Höhe gereckten Knochens in die Vorträge
einzugreifen. "Der Künstler, der macht, was er will", hatte der
Kölner Textdichter Tobias Röger seinen Beitrag überschrieben.
Röger hat eine Punkrockvergangenheit, mit der Band Wohlstandskinder
tourte er jahrelang durch die Republik. Im Nachhinein sehe er diese
Zeit als Praktikum an, sagte er. Noch blieben die Knochen unten.
Inzwischen schreibt Röger Songs für Gunter Gabriel oder Christina
Stürmer, steht bei der Universal als Songwriter unter Vertrag. Und so
erzählte die selbst ernannte "Konzernhure" von Meetings mit Stars und
Managern, bei denen Songthema und BPM-Zahl vorab festgelegt würden.
"Für Geld mache ich alles", gestand Röger. Nicht mal als Zitat klang
das Geständnis glamourös. Röger muss seinen Unterhalt mit
Gesangsunterricht bestreiten, denn der Vorschuss der Plattenfirma
reicht bei weitem nicht zum Leben aus.
Sarah Bogners multimediale "Einführung in den Dilettantismus" zeigte
in eine andere Richtung. Die in Wien lebende Münchner Künstlerin
referierte die Vorteile und Nachteile der halb ernsten
Wissensaneignung nach Goethe und Schiller und versuchte deren Thesen
mit eigenen Musikvideos und Hörspielen zu veranschaulichen. Bogners
Videos sind betont asynchron zur Musik inszeniert.
Die Rumpelästhetik ist zwar nicht neu, aber charmant. Bogner
praktiziert Circuit Bending, eine in den USA entwickelte
Manipulationstechnik, bei der elektronische Musikinstrumente durch
Eingreifen in Schaltkreise und Umlötungen transformiert werden, um
Industrienormierungen und Klangpaletten zu erweitern oder zu
zerstören. "Eine zukunftsweisende Kunstform, die auch noch ein Hund
versteht", so Sarah Bogner.
Was bei ihr chaotisch und antistrategisch anmutete, erklärte der
Hamburger Theaterregisseur Veit Sprenger in seinem Vortrag über Musik
als Teil der Bühnenperformance kühl-kalkuliert. Sprenger, Koregisseur
der preisgekrönten Musikvideos der Hamburger Band Kante, verfolgt in
den Theaterstücken mit seiner Performance-Art-Gruppe Showcase Beat Le
Mot das Prinzip der Selbstüberforderung. Schauspieler müssen mit
Skistiefeln Square Dance tanzen. Die Kunst ist ohne selbst auferlegte
Handicaps nicht mehr zu haben, dann aber klänge sie auch wieder
befreit, so Sprenger. Und doch gibt es äußere Umstände, gegen die
auch er nicht ankommt. "Die bösen Majors, wir kennen das Gerede -
leider stimmts", sagte er über die Tatsache, dass die Plattenfirma
EMI seinen Videoclip zum Kante-Song "Zombi" nachträglich umschneiden
ließ.
"Es geht in erster Linie um Musiker und Zuhörer, alle anderen, die
sich dazwischenschieben, müssen sich rechtfertigen", so zitierte
Volker Grassmuck den ehemaligen Manager der Band Pink Floyd.
Grassmuck, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität, sprach zum
Thema "Freies Wissen". Die Musikindustrie interessiere ihn gar nicht,
ihm sei an der Zukunft der Freiheit der Zeichen gelegen.
Und so hob er an zu einem Exkurs über Urheberrechte von John Locke,
über Lautréamont bis hin zu den Situationisten und der Copy-Art-
Bewegung. Die Knochen schnellten im Minutentakt in die Höhe, als er
über alternative Musikökonomien im Nordosten Brasiliens berichtete
und zu den neuen Vertriebsformen im Internet Auskunft gab.
Von der internationalen Theorie zur Praxis in Deutschland ist es aber
noch ein weiter Weg, das wurde an diesem vielstimmigen und
kontroversen Debattentag mal wieder klar. Aber "es gibt Hits, und es
gibt den Hit, bei dem wirklich kein Sackhaar wackelt". Als Jacques
Palminger seinen Torchsong "Deutsche Frau" einleitete, gab es -
Broterwerb hin oder her - kein Halten mehr. Spätestens dann war
deutlich: Operation Ton gelungen, Patient Pop lebt noch.
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