[echo] Badious Politik der Wahrheit

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Jan 17 13:15:45 CET 2008


taz, 17.01.2008

Politik der Wahrheit?

Heute hält der französische Startheoretiker Alain Badiou seine Rede  
über Demokratie, Politik und Philosophie bei den Berliner Mosse  
Lectures. Wie Giorgio Agamben oder Toni Negri umgibt ihn die Aura  
unnachgiebiger Radikalität und erneuerter Kapitalismuskritik. Zu  
Recht? Ein Pro und Contra



PRO

Alain Badiou ist Philosoph und Mathematiker, schreibt Romane und  
Essays zu Literatur und Malerei. Und er deutet an, das Glück einer  
großen Liebe erfahren zu haben. Er war und ist linksradikaler  
Aktivist, nach dem Mai 68 in Frankreich Leitungskader der  
maoistischen UCF/ML, dann ihrer Nachfolgeformation LOrganisation  
politique (OP). Nach seiner Dialektik muss das auch so sein, sind  
Wissenschaft, Kunst, Liebe und Politik für ihn doch historische  
"Prozeduren", die metahistorische Wahrheiten und Subjekte  
hervorbringen. Deren jeweilige "Kompossibilität" bestimmt die  
Philosophie, die selbst keine Wahrheiten schafft.

Im "autobiographischen Geständnis eines Philosophen" vermerkt er,  
seit Jahren von derselben Frage "heimgesucht" zu werden und  
philosophisch im Grunde gar nichts anderes als die Antwort darauf  
finden zu wollen. Die Frage lautet: "Wie kann man aufhören, das  
Subjekt einer Wahrheit zu sein?" Aufgedrängt wird sie ihm von der  
eigenen Generation. Von der wurden nicht nur prominente einzelne -  
Glucksmann, Levy, Courtois -, sondern ungezählte andere von Zeugen zu  
Verleugnern der politischen Wahrheit des "roten Jahrzehnts."

Die eigene Treue zu dieser Wahrheit teilt er mit zwei anderen  
Philosophen, Gilles Deleuze und Toni Negri. Mit dem ersten verband  
ihn eine umfangreiche Korrespondenz, ihm hat er ein schönes,  
lesenswertes Buch gewidmet. Dem zweiten spricht er anerkennend die  
sokratische Tugend zu, ein erfolgreicher Verführer der Jugend zu  
sein. Mit beiden analysiert er die Gegenwart als durch einen  
imperialen Kapitalismus bestimmt, der sich durch eine aggressive  
Rhetorik der Demokratie und der Menschenrechte und durch "humanitäre"  
Militärinterventionen absichert. Auch hier stößt er auf den Verfall  
einer Wahrheit, diesmal den der Wahrheit der Demokratie. Dem setzt er  
die Wiederherstellung der Philosophie entgegen, bestimmt aus der  
Treue zur Wahrheit und deshalb kompromisslos gegenüber dem heutigen  
gesellschaftlichen Konsens. So wird er selbst zum Antidemokraten, und  
in der Hitze des Gefechts nimmt er diese Zuschreibung als Ehrentitel  
auf.

Damit nicht genug. Mit Deleuze und Negri teilt Badiou das Verfahren,  
die Philosophie methodisch der Antiphilosophie auszusetzen. Er nennt  
das "materialistische Dialektik" und beruft sich dazu, wie Deleuze  
und Negri, nicht nur auf Marx, sondern auch auf Nietzsche und  
Heidegger. Ihnen entlehnt er zwei Unterscheidungen, mit denen er von  
der Antiphilosophie zur Philosophie kommen will. Den ersten  
Unterschied, den von Wissen und Denken, prägte Heidegger, der sagte:  
"die Wissenschaft denkt nicht". Dem folgend schreibt Badiou dem  
Wissen die universale Enzyklopädie dessen zu, was "als Eins gezählt",  
d. h. als Tatsache präsentiert und repräsentiert wird. Dem Denken  
obliege die Bergung dessen, was das System der Tatsachen als  
ereignishaft hervorbringt und stets als neue Wahrheit des Wissens,  
der Kunst, der Liebe oder der Politik "überschießt" und  
"durchlöchert." Anders als bei Heidegger führt die Unterscheidung von  
Wissen und Denken aber nicht zur Entwertung des Wissens, sondern zur  
je eigensinnigen Anerkennung beider. Das ist der Kern  
materialistischer Dialektik und kehrt sie zugleich gegen Szientismus  
und Antiphilosophie. Und gegen die imperiale westliche Demokratie,  
die von beiden, vom Szientismus wie der Antiphilosophie, profitiere.

Den zweiten Unterschied, den von Staat und Politik, entnimmt er Marx,  
Lenin und Mao, die den Staat und die Politik gegen den Staat und die  
Politik kehren wollten. Der Staat wird bei Badiou zur ontologischen  
Form der Regierung bzw. Verwaltung des Systems der Tatsachen. Weil  
das so ist, könne er nicht abgeschafft, wohl aber vom "Überschuss"  
der Politik "durchlöchert" werden. Politik aber unterliege, wieder im  
Gegensatz zur westlichen Demokratie, nicht dem parlamentarischen  
Konsens der Meinungen. Sie realisiert stattdessen Wahrheitsmaximen  
radikaler Gleichheit, ereignishaft hervorgebracht und situativ  
bewährt in "Prozeduren" der Emanzipation. Es liegt auf der Hand, dass  
Badiou hier die zentrale strategische Frage der Linken des 21.  
Jahrhunderts anschneidet. Zugleich erschließt sich so die  
Dringlichkeit der Frage, wie man aufhören kann, Subjekt einer  
Wahrheit zu sein. Mit der Antwort darauf klärt sich auch, wie es  
umgekehrt möglich sein kann, Subjekt einer Wissenschaft, einer Kunst,  
einer Liebe und einer Politik der Emanzipation zu bleiben, jenseits  
und nötigenfalls gegen den Konsens.

THOMAS SEIBERT

Thomas Seibert ist Philosoph, Mitarbeiter von medico international in  
Frankfurt a. M. und Redakteur der Halbjahresschrift "Fantômas"

CONTRA

Die Popularität, derer sich das philosophische Werk Alain Badious  
seit einigen Jahren auch in Deutschland erfreut, zeigt an, dass hier  
jemand einen Nerv getroffen hat. Denn einerseits tritt mit diesen  
Schriften ein Autor ins Zentrum der Aufmerksamkeit, der mit seinen  
inzwischen verstorbenen Generationsgenossen Deleuze, Lyotard und  
Derrida zentrale theoretische Bezugspunkte teilt und eine auch hier  
lebhaft rezipierte Diskussion und einen Denkstil fortzusetzen  
verspricht, die allmählich zu verschwinden drohen. Andererseits hat  
Badiou schon von früh an selbstbewusst markiert, dass er sich an  
zentralen Punkten von einer "Philosophie der Differenz" distanziert,  
und einen theoretischen Neuanfang in Aussicht gestellt, dessen  
Anspruch auf nichts Geringeres als eine neue Ontologie zielt.

Diese Kombination aus Anschlussfähigkeit und Originalitätsversprechen  
macht neugierig; und seit der Übersetzung des ersten Bandes seines  
monumentalen Hauptwerks "Das Sein und das Ereignis" (frz. 1988, dt.  
2005), das auf atemberaubende Weise zwischen Metaphysikgeschichte und  
moderner Mathematik hin und her schaltet, steht nun einer Überprüfung  
des Badiou-Effekts nichts mehr im Weg.

Großes Echo haben auch Badious kleine politische Schriften gefunden,  
in denen er sich als scharfer Polemiker gegen den liberalen Zeitgeist  
und das politische Denken seiner Zeitgenossen profiliert hat. Die  
Aura unnachgiebiger Radikalität, den diese Texte verbreiten und die  
von Badious maoistischer Vergangenheit und seinem Engagement in der  
unorthodoxen französischen Linken noch verstärkt werden, spiegelt den  
grundsätzlichen Gestus seines philosophischen Projekts, und er selbst  
beharrt auf der Kontinuität zwischen beiden Registern.

Dennoch fällt es schwer, die Übertragung seiner Überlegungen zur  
Ontologie auf die Politik ohne Nachfragen zu akzeptieren.

Mit denselben Grundkategorien wie in seiner "platonischen" Theorie  
der Wahrheit charakterisiert Badiou in seinen Büchern zur  
"Ethik" (frz. 1993, dt. 2003) und zur "Metapolitik" (frz. 1998, dt.  
2003) das Verhältnis von politischer Überzeugung und Subjektivität:  
Im Bereich der Politik gilt keine allgemein als verbindlich  
anerkannte Moral und kein Zwang des besseren öffentlichen Arguments,  
vielmehr entsteht das politische Subjekt erst durch eine Entscheidung  
zur überindividuellen Wahrheit, die von einem Ereignis ausgelöst  
wird. Erst in der "Treue zum Ereignis" wird das an sich substanzlose  
Subjekt zum Ort einer "universalen Singularität". In der Politik geht  
es damit, richtig verstanden, weder um die Interessen und Meinungen  
von Individuen noch um ihre verschiedenen Identitäten, sondern um  
"Wahrheit". Diese Volte gegen Relativismus und Partikularismus mag  
zwar kritischen Biss gegenüber plumpen Versionen von Pluralismus und  
Multikulturalismus haben, sie leidet allerdings daran, dass relativ  
unbestimmt bleibt, was hier Ereignis und Universalität genau bedeuten.

Badious Lieblingsbeispiele wie das Bekehrungserlebnis des Paulus, dem  
er in seinem gleichnamigen Buch die "Begründung des  
Universalismus" (frz. 1997, dt. 2002) zuschreibt, oder die  
Ursprungsimpulse der chinesischen Kulturrevolution sind plausible  
Fälle von radikalen Brüchen und der Etablierung einer neuen Ordnung  
auf den Trümmern einer alten. Aber können sie anzeigen, wieso  
politisches Engagement notwendigerweise eine "Affirmation des  
Allgemeinen" ist?

Die rigorose Distanz, mit der Badiou den gegenwärtigen demokratischen  
Institutionen, dem "kapitalistischen Parlamentarismus"  
gegenübersteht, verliert an Überzeugungskraft, wenn man sich fragt,  
ob sich mit seiner eigenen Vorstellung von Politik der Kompromiss-  
und Streitcharakter demokratischer Politik überhaupt artikulieren  
lässt. Denn was "Wahrheit" heißt, ist hier doch gerade umstritten.

Die Verpflichtung der Politik auf das Universelle würde voraussetzen,  
was gerade noch nicht etabliert ist, nämlich die verbindliche  
Kenntnis des Allgemeinen. Dann erscheinen allerdings der emphatische  
Ton von Badious Texten und die unwiderstehliche rhetorische  
Souveränität seiner öffentlichen Auftritte in einem weniger  
vorteilhaften Licht. Denn womöglich ist die apodiktische Geste seiner  
politischen Interventionen die Kehrseite eines axiomatischen Stils  
des Philosophierens, der sich eher am mathematischen Beweis als am  
legitimen Konflikt von Perspektiven orientiert. Dieser Verdacht würde  
auch auf sein Publikum fallen. Sollte etwa das Bedürfnis, auf das die  
Schriften Badious antworten, der Wunsch nach klaren Ansagen, nach  
einem Meister sein?

MARTIN SAAR

Martin Saar ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für  
Politikwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main






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