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Mon Jan 21 11:58:05 CET 2008
CHINAS KÜNSTLER VOR OLYMPIA
"Wir konnten nur Fuck off sagen"
Von Michael Schindhelm
China hat einen neuen Exportschlager: den subversiven Intellektuellen.
International bekannte Künstler wie Ai Wei Wei dürfen an den Olympischen Spielen
herumkritteln - so erwecken die Machthaber den Anschein von Freiheit, die doch
nur eine Narrenfreiheit ist. Ein Besuch in Peking.
Peking im Winter. Die Einreise war selbst aus Dubai so einfach wie noch nie, im
chinesischen Konsulat bekommt man ein Visum nahezu aufgedrängt. Auf dem
Flughafen begrüßen die globalen Marken von Citi bis UPS die Einreisenden, als
seien sie für das Gelingen der Spiele verantwortlich. Vor den Garküchen am Wang
Fu Jing werden bei lebendigem Leibe aufgespießte Skorpione und Seepferdchen
angeboten, die Kurzwarenstände nebenan verkaufen Socken mit olympischen Ringen
und T-Shirts mit Sportidolen. In den Fußgängerzonen sind große Boxen aus
Zeltbahnen entstanden, in denen Passanten Volleyball spielen oder sich am
Hometrainer austoben. Die Soldaten, die zur Bewachung dieser Boxen abgestellt
sind, verfolgen die Spiele durch Schlitze in den Zeltbahnen. Und in den Hotels
kommt man leichter mit Englisch durch als noch vor einem halben Jahr.
Vor gut vier Jahren, am Heiligabend 2003, wurde der Spatenstich für das
Nationalstadion der Olympischen Spiele zelebriert. Der Entwurf für das Stadion
stammt von den Basler Architekten Herzog & de Meuron. Pierre de Meuron war
damals mit von der Partie und freute sich wie ein Kind über den Baubeginn des
bisher größten Projekts, das das Büro in Angriff genommen hatte: Jetzt geht es
nicht mehr zurück!
Nach der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees für Peking hatte
die chinesische Seite eine Menge unternommen, um ein metropolitanes, weltoffenes
Environment für die Spiele zu etablieren. Peking sollte eine Weltstadt werden.
Also lud man Rem Koolhaas ein, das neue Sendehaus des Chinesischen Fernsehens
CCTV zu bauen, Paul Andreu, das erste Opernhaus der Stadt, und eine Reihe von
anderen Architektenstars, die Bauten für Olympia zu entwerfen.
Doch schon in der ersten Stunde des Olympiastadions sollte sich zeigen, dass das
mit der Weltoffenheit nicht so leicht gehen würde. Als das Zeichen zur
eigentlichen Zeremonie gegeben wurde, eilten die chinesischen Funktionäre zu den
Spaten, um sich vor der Kamera aufzubauen. Pierre de Meuron war ein bisschen zu
bedächtig und bekam keinen Spaten mehr ab. Also war der Architekt auch nicht auf
dem Bild. Der Entwurf wurde trotzdem zu einem großen Erfolg. Kaum waren die
Bilder des komplizierten Stahlkranzgebindes im Umlauf, hatte der chinesische
Volksmund dafür schon einen Namen: das Vogelnest. Inzwischen wird mit dem
Stadion internationale Werbung gemacht, obwohl es noch gar nicht fertig ist.
Diese Würdigungen haben die in Peking arbeitenden Architekten über dunkle
Stunden hinweggetröstet. Fast jedes der westlichen Büros ist durch Phasen der
Frustration gegangen. Budgets wurden drastisch gekürzt, Zusagen gebrochen. Eine
gegen Herzog & de Meuron gestartete Medienkampagne über einen angeblich maßlosen
Stahlverbrauch beschäftigte das Team über Monate. Nachdem auf dem Pariser
Flughafen Charles de Gaulle, der von dem mit dem Opernhaus betreuten Architekten
entworfen worden ist, ein Dach teilweise einstürzte, machten Parteigänger der
alten wie der neuen chinesischen Architekturszene Front gegen die westlichen
Architekten, die ins Land kämen, um Ressourcen zu verschwenden und hässliche
Bauten in die Stadt zu pflanzen, die obendrein lebensgefährlich seien.
Kurzerhand wurde auf den Baustellen des Stadions, der Oper und des
Fernsehkomplexes ein Stopp verhängt. Hinter den Kulissen fand ein Machtkampf
statt, den die Reformer für sich entschieden. Die Arbeit ging weiter.
Inzwischen ist die Oper mit nationalchinesischer Musikkunst eröffnet worden, das
Stadion nahezu fertig gestellt, der CCTV-Tower ragt als elegant schräges
Stahlgerüst aus dem Stadtbrei von Peking. Auf den ersten Blick hat es den
Anschein, die Stadt und das Land seien für Olympia gerüstet, 2008 werde das Jahr
Chinas sein, und die Chinesen verwendeten ihren Ehrgeiz darauf, dass die Sache
ein großer Sieg gegen die vor allem westlichen Bedenkenträger sein werde.
Vielleicht ist es Anzeichen dafür, dass es im Land mit der Öffnung gegenüber der
Welt vorangeht, dass es immerhin ein paar Chinesen gestattet wird, genau das
öffentlich zu bestreiten. China ist heute das Land der großen Gegensätze, auch
in Sachen Meinungsfreiheit. Ai Wei Wei, Künstler aus Peking, Sohn von Maos
Lieblingsdichter Ai Qing, vereinigt in sich solche Paradoxien.
Wei Wei ist in Deutschland vor allem durch seine Documenta-Aktion Fairytale
bekannt geworden, zu der er 1001 Chinesen nach Kassel entsandt hat. Er kommt aus
jener Generation, die während der Kulturrevolution die Erniedrigung ihrer Eltern
durch die Rotgardisten erlebt und oft nur mit Not überlebt hat und bei der
erstbesten Gelegenheit in den Westen gegangen ist - um meist zehn, fünfzehn
Jahre später in ein anderes Land zurückzukehren, in das sich auf leisen Sohlen
der Kapitalismus eingeschlichen hatte. Wei Wei gehört heute zu den
einflussreichsten Künstlern und Intellektuellen im Land. Unter anderem hat er
die Schweizer Architekten bei der Entwicklung des "Vogelnestes” beraten.
Trotzdem macht er aus seiner Kritik an Olympia keinen Hehl. Schon im letzten
Sommer hat er dem "Guardian" gesagt, er halte nichts von den Spielen, sie würden
die Menschenrechtssituation in China nicht verändern. Warum hat er dann am
Stadion mitgearbeitet? Das Stadion sei nicht für die politische Propaganda
gedacht, es stelle einen demokratischen öffentlichen Raum dar, der seine
eigentliche Aufgabe erst nach den Spielen bekommen wird: als Begegnungsort für
die Menschen, die sich auch am Himmelstempel oder in den Parks treffen,
Federball spielen, Schattenboxen treiben, in Chören singen. Das Stadion solle
wie der Eiffelturm werden, von dem kaum jemand wisse, dass er nach der
Weltausstellung eigentlich wieder abgebaut werden sollte, doch da war er schon
für die Pariser Sonntagsausflügler zur Attraktion geworden.
Die Spiele lehnt Ai Wei Wei weiterhin ab, und es gehört zu den glücklichen
Seltsamkeiten, dass der Künstler immer noch auf freiem Fuß ist und aus seiner
Ablehnung keinen Hehl zu machen braucht. Die Regierung betreibe einen
nationalistischen Kurs, sagt er, aber die Leute auf der Strasse seien nicht so
dumm, sich von dieser Propaganda vereinnahmen zu lassen. Die Chinesen würden
keiner Zeitung mehr Glauben schenken. Man hätte genug mit sich selbst zu tun,
ein schwieriges Leben zu bestreiten und interessiere sich für die Spiele nicht.
In Peking, dem Austragungsort, möge das Interesse größer sein. Aber der Rest des
Landes sei mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt.
Die neuerdings erfolgsverwöhnten Künstler stellen tatsächlich eher subversives
Desinteresse gegenüber den Spielen zur Schau. Wer in der trendigen Art Zone 798,
einem ehemaligen militärindustriellen Komplex, der Anfang der fünfziger Jahre
von DDR-Experten entworfen und gebaut worden ist, unter den zahllosen
ausländischen Kunsttouristen auf einen echten einheimischen Kulturschaffenden
trifft, erntet auf die Frage, was er politisch gesehen von 2008 erwartet und
welche Rolle für ihn Olympia spielt, nichts als cooles Achselzucken.
Ignoranz gegenüber den Spielen der Machthaber
Die neue schrille Kunstszene Pekings weiß, dass sie sich eine gewisse Ignoranz
gegenüber den Spielen der Machthaber leisten kann. Sie ist ein Exportschlager,
der dem Westen den Eindruck gewachsener politischer Freiheit suggeriert. Ai Wei
Wei hat die Dialektik seiner eigenen Situation durchschaut. Einige Künstler,
sagt er, genießen im heutigen China Narrenfreiheit. Ihre auch für die Regierung
positive außenpolitische Wirkung sei um Vieles größer als ihr innenpolitischer
Schaden. Partei und Regierung würden sich nicht nehmen lassen, China in eine
große nationale Olympiaparty zu tauchen, ohne die Menschen zu fragen, was sie
davon hielten.
Es bleibt Ai Wei Wei trotzdem keine Alternative. Sein Vater, der populäre
Dichter der Revolution, hat ihm nach seiner Rückkehr aus New York, wo er
dreizehn Jahre als unbekannter Kunstanfänger in der Marx Street (!) von
Manhattan gehaust hat, gesagt: Du darfst nicht zu freundlich sein. Das ist dein
Land hier. Der Sohn bleibt unfreundlich. Dafür muss er auch mal eine SMS in Kauf
nehmen, in welcher ihm der Internetprovider mit Abschaltung seiner Webseite
droht, falls er bestimmte kritische Blogs nicht aus dem Netz nimmt.
Der Künstler hat sich davon bisher nicht beeindrucken lassen. Die Blogs gibt es
immer noch, und er bereitet Ausstellungen in New York, Sydney und mehreren
europäischen Städten vor. Seine Kunstwerke erinnern an den Kunstbegriff von
Marcel Duchamp und bilden meist ein sarkastisches Statement. "Wir hätten als
Künstler der Außenwelt etwas sagen sollen, aber wir konnten nur sagen: Fuck off."
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