[echo] Müllkunst aus Ramallah

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Thu Jan 31 15:50:28 CET 2008


taz, 31.01.2008

Müllkunst aus Ramallah

Kunstwerke aus Abfall: Künstler aus Palästina und Deutschland haben die
Müllhalden im Westjordanland und Gaza untersucht. VON MEIKE JANSEN



In der Mitte des kleinen Kuppelsaals im Zentrum der etwa 60.000
EinwohnerInnen zählenden Stadt Ramallah hängt ein Mann kopfüber von der
Decke herab. Doch es gibt keinen Grund, sich zu ängstigen. Der Mann ist
aus Müll, nicht aus Fleisch und Blut, und das Gebäude dient schon seit
Jahren nicht mehr als Gerichtsgebäude, sondern als Kulturzentrum.
Trotzdem erzählen der Müllmann und die anderen Exponate der Ausstellung
"trans4m orchestra", von der schwierigen Situation der Menschen in den
palästinensischen Autonomiegebieten. Im Zentrum des künstlerischen
Projekts, das vom Goethe-Institut in Ramallah und der deutschen
Künstlergruppe blackhole factory initiiert wurde, steht nichts anderes
als Müll.

Wer einmal diese Region besucht hat, wundert sich über die Auswahl des
Ausgangsmaterials nicht. Denn würde einem nicht ohnehin an jedem der
unzähligen Checkpoints auf der Reise nach und durch die
palästinensischen Gebiete deutlich werden, dass man durch ein Land im
Ausnahmezustand reist, allein der Müll, der sich gleich hinter der
Mauer, die Palästina von Israel teilt, zu stapeln beginnt, berichtet von
schwer nachvollziehbaren Verhältnissen. Immer wieder lodern Feuer am
Straßenrand. Es sind nicht die Spuren militärischer Konflikte, hier geht
lediglich achtlos Weggeworfenes in meist giftigem Rauch auf. Zwar gibt
es einen Erlass der palästinensischen Autonomiebehörde, dass die
Gemeinden für die Entsorgung des Abfalls zuständig sind. Doch die
Stabilisierung der Entsorgungsstrukturen läuft erst an und muss noch in
das Bewusstsein der Bevölkerung gebracht werden.


Dies ist auch der Ansatz, den die Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit des Auswärtigen Amtes, die GTZ, bei der Unterstützung von
"trans4m orchestra" verfolgt. Deshalb ist es für die GTZ so interessant,
dass die palästinensischen TeilnehmerInnen des Kunstprojekts aus
besserverdienenden Familien kommen und wichtige Multiplikatoren sind.
Die privilegierten Kinder berichten nun in ihren Schulen begeistert von
ihren Ausflügen zu den Müllkippen und wollen ihre Bekanntenkreise für
das Problem sensibilisieren. Trotzdem stellt Markus Lücke, Leiter des
Programms für Abfallberatung der GTZ in den palästinensischen Gebieten,
fest, dass nur Strafen die Menschen dazu bringen, den Müll nicht doch
auf die nächste Freifläche zu werfen. "Das funktioniert in den
palästinensischen Gebieten nicht anders als in Deutschland", fügt er hinzu.

Mit dem Wohlstand hinkt auch das Bewusstsein noch deutlich hinterher.
Immerhin hatten einige Bürgermeister die Idee, Bauanträge erst dann
offiziell zu genehmigen, wenn die Müllsteuer vom Antragsteller
rückwirkend entrichtet wurde. Das ist immerhin ein Anfang in einem
Staat, der keiner ist und bei dem niemand weiß, wie und mit welcher
Regierung es zukünftig weitergeht.

Etwa 20 Interessierte hatten sich zu Beginn des Workshops zu einer
ersten Vorbesprechung mit Elke Utermöhlen, Martin Slawig und Martin
Kroll, den drei KünstlerInnen der blackhole factory, eingefunden. Doch
die Aussicht, in den kommenden Tagen Müllhalden in Nablus, Hebron und
Ramallah nach wiederverwertbaren Dingen abzusuchen und Interviews mit
den Menschen zu führen, die auf den Kippen arbeiten, schreckte gut die
Hälfte wieder ab. Die anderen, wie etwa der 17-jährige Schüler Imam
al-Hasny oder der Grafiker und Fotograf Majdi Hadid, Sohn einer
christlichen Familie aus Ramallah, erzählen von ihren Erlebnissen.

Die Ausflüge auf die Müllhalden waren nicht gerade angenehm. Der Gestank
beißt noch Tage später in den Nasen. Der Kontakt zu den Ärmsten hat sie
darin bestärkt, Vorurteile zu überwinden. Die "Müllmenschen",
überwiegend Kinder und Jugendliche, traten ihnen zunächst keineswegs
freundlich entgegen, sahen sie die BesucherInnen doch als Konkurrenz
etwa um das rare, wiederverwertbare Metall.

Wem es möglich ist, die palästinensischen Gebiete zu verlassen, tut es.
Junge Menschen aus christlichen Familien haben gute Chancen, Stipendien
im Westen zu bekommen. Andere gehen zum Studieren und Arbeiten in
arabische Länder wie Jordanien oder Ägypten. Allerdings ziehen wiederum
junge Palästinenser aus Israel ins Westjordanland, um sich hier zu
engagieren.

Die Journalistin und Autorin Diana Mardi lebt seit zwei Jahren in
Ramallah, weil es ihrem Mann, der in den palästinensischen Gebieten
geboren wurde, verboten ist, nach Israel zu reisen. Sie ist immer noch
erregt, wenn sie ihr Werk aus gefundenen Materialien von der Müllkippe
in Hebron erklärt. Den Ausflug hat sie maßgeblich mitorganisiert.

Die aneinandergereihten gelben Mappen, auf die sie eine Straße mit
Checkpoints gezeichnet hat, sind die Umschläge für medizinische
Unterlagen, die PalästinenserInnen erhalten, wenn sie zur Behandlung in
Spezialkliniken nach Israel überführt werden müssen. Denn selbst in
Ramallah, der wohl reichsten Stadt in den palästinensischen Gebieten,
ist die medizinische Versorgung nicht ausreichend. Ein Stethoskop und
andere Utensilien, die Diana gleich in der Nähe auf einer der Müllhalden
fand, lassen vermuten, dass ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis die
Unterlagen achtlos wegschmissen hat. Und noch etwas anderes lässt sich
von Dianas Installation ablesen: Kaputte Schuhe stapeln sich an den
Checkpoints. Immer wieder passiert es, dass Patienten oder ihre
Begleitungen bei den Kontrollen nicht durchgelassen werden oder die
Wartezeit zu lang für sie wird. Dann sterben sie nur wenige Kilometer
von den Spezialisten in Jerusalem oder Tel Aviv entfernt.

In Gaza ist die Katastrophe noch weiter fortgeschritten. Seit dem Putsch
der Hamas im Sommer 2007 halten die israelischen Militärs die Grenzen
nahezu dicht. Seit ein paar Wochen ist jeder Grenzverkehr unterbunden.
Doch schon vor dieser totalen Blockade bekam die GTZ kein Baumaterial
mehr über die Grenze. Im nächsten Jahr drohen die drei Müllkippen in
Gaza überzulaufen. Ohnehin ist nur eine davon so weit abgedichtet, dass
das Grundwasser nicht von schädlichen Stoffen belastet wird. Bei einer
Bevölkerungsdichte, die etwa der von Berlin entspricht, mag man sich das
Szenario nicht wirklich ausmalen: Der Müll bleibt in den Straßen liegen,
das Wasser wird vergiftet, die Hygiene verschlechtert sich, Ratten und
andere Krankheitsüberträger gewinnen die Oberhand. Ob der Bau einer
neuen Halde bis 2008 sichergestellt werden kann, steht noch nicht fest.
Niemand weiß, wie - und vor allem - wann es weitergeht.

Auch die vier KünstlerInnen aus Gaza, die an der Ausstellung teilnehmen,
haben keine Chance, bei der Eröffnung anwesend zu sein. Ihre Werke,
Fotografien und Videos, kamen mit der Diplomatenpost nach Ramallah und
werden im Westjordanland in einem separaten Raum gezeigt. Auf
Fotografien sind menschenleere Strände zu sehen mit rostenden
Schiffswracks. Vorbesprechungen waren nur telefonisch möglich, da auch
die deutschen KünstlerInnen trotz der guten Verbindungen der GTZ und des
Goethe-Instituts an der Grenze abgewiesen wurden. Als Grund wurden
fehlende Geburtsdaten in den Anträgen angegeben. Und ohne "Permission",
ohne Sondergenehmigung geht nichts - weder rein noch raus. So stehen
Elke Utermöhlen von der blackhole factory bei der Eröffnung der
Ausstellung in Ramallah die Tränen in den Augen, als sie am Telefon mit
Maha al-Daya, Mohammad Harb, Mohammad Musallam und Sharif Sarhan
spricht. "Hoffentlich wird es bald möglich sein, euch zu treffen", sagt
sie mit belegter Stimme.

Und während der Leiter des Vertretungsbüros der Bundesrepublik
Deutschland - der sich nicht Botschafter nennen darf, weil er keiner
ist, so wie Palästina kein Staat ist -, Jörg Ranau, betont, dass "Kunst
die Normalität" darstelle, spricht der vierte oder fünfte
palästinensische Kulturminister dieses Jahres - niemand kann sich an die
genaue Zahl seiner Vorgänger erinnern - Ibrahim Ebrash von der "Kunst
als Widerstand". Und irgendwie sagen beide dasselbe. Mit Hilfe einer
interaktiven Projektion können die BesucherInnen der Ausstellung diesen
Alltag, der gleichzeitig Ausnahmezustand ist, auf einer aus Googlemaps
zusammengestückelten Karte nachvollziehen. So konstruiert die Übersicht
aus Satellitenaufnahmen wirkt, so konstruiert erscheint auch die
Aufteilung des Landes in die Zonen A (unter palästinensischer
Regierung), B (unter israelischer Regierung) und C (ungeklärter
Zustand). Zugleich erinnert das Bild an die israelischen
Aufklärungsdrohnen, die in den Nächten über Ramallah fliegen sollen. Mit
einem Mausklick auf rote Markierungspunkte können Bilder und Filme mit
Interviews oder Klängen abgerufen werden. Etwa vierzig Meter tiefe
Höhlen, gleich einer Science-Fiction-Kulisse, haben die Arbeiter in eine
der Kippen gegraben, um Metall zu finden. In einem anderen Film fragt
ein Junge: "Du willst eine Cola? Moment!" Er geht zu einem Lkw, der
gerade entladen wird, wühlt ein wenig und hält eine Dose in die Kamera.
Und auch das ist Alltag: Fareed Majari, Direktor des Goethe-Instituts
Ramallah, probiert immer wieder, seine Projekte in Gaza zu zeigen. War
es bereits in der Vergangenheit nahezu unmöglich, Werke nach Gaza zu
bringen, ist die Situation inzwischen vollkommen aussichtslos: Der
Bürgermeister von Gaza wurde entmachtet, und die Galerien unterstehen
seitdem der Hamas.

"trans4m orchestra" ist vom 30. Januar bis 3. Februar auf dem
Medienkunstfestival transmediale in Berlin zu Gast


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