[echo] Maritimes Museum: Schlagseite

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Wed Jul 2 00:41:13 CEST 2008


Frankfurter Rundschau, 1.Juli 2008

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em_cnt=1360329


Maritimes Museum
Schlagseite

VON FRANK KEIL


Das Festzelt ist abgebaut, die Demonstranten sind wieder gegangen, in  
das frisch eröffnete "Internationale Maritime Museum Hamburg" kehrt  
langsam der Alltag ein. Gelegenheit zu prüfen, was nun daraus  
geworden ist, dass 2004 der Schill/von Beust-Senat dem Sammler Peter  
Tamm einen Kaispeicher in der Hafen-City mietfrei zur Verfügung  
stellte - plus 30 Millionen Euro, um diesen in den vergangenen Jahren  
zu einem Museum umzubauen. Tamm, langjähriger  
Aufsichtsratsvorsitzender des Axel-Springer- Verlages, danach  
Unternehmer und Verleger, hatte bisher seine Sammlung aus  
abertausenden Schiffsexponaten in einer privaten Elbvilla  
untergebracht, wobei der hohe Anteil an Militaria der Kolonialzeit,  
des Ersten Weltkrieges, aber auch der NS-Zeit immer wieder für  
Empörung sorgte. Kritik an der Geldgabe des Senats bei gleichzeitigem  
ausdrücklichem Verzicht, Tamm und seinem Team jegliche inhaltlichen  
Vorgaben bei der Präsentation der Sammlung zu machen, wurden von der  
Stadt wie vom Tamm-Team stets so beantwortet: Man solle doch bitte  
bis zur Eröffnung warten - dann würde eine Welle der Begeisterung  
aber auch noch den letzten Zweifler erfassen.

Und was ist nun zu sehen? Viel und allerlei: Das Schiff, mit dem  
Arved Fuchs die Rettungsfahrt des Südpolarforschers Ernest Henry  
Shackleton nachvollzog, hängt sehr demonstrativ im Treppenaufgang.  
Hörstationen machen erfahrbar, wie unterschiedlich sich das Meer  
anhören kann. Wer mag, kann einmal selbst mittels eines Sextanten  
seine Position bestimmen. Im Kinderbereich lockt das weltweite größte  
Spielzeugschiff aus knapp einer Million Lego-Steinen, das man  
allerdings nur anschauen, aber nicht anfassen darf. Frauen - oh,  
Theweleit! - tauchen einmal als Krankenschwestern und einmal als  
Piratinnen auf. Marinemalerei füllt eine Etage; eine weitere widmet  
sich der Tiefseeforschung und dem Klimawandel, eine andere zeigt zig- 
tausende von Miniaturschiffmodellen dicht an dicht, bis die Beine  
langsam müde werden.

Doch ganz gleich, ob man nun von oben nach unten oder von unten nach  
oben das Haus mit seinen neun Etagen, Decks genannt, durchforstet,  
irgendwann kommen sie unweigerlich, die Decks Vier und Fünf. Hier  
finden sich dann die Exponate, die die Kritiker auch in Zukunft eben  
nicht verstummen lassen werden: Vitrinenweise versammeln sich Waffen  
aller Arten, vom Säbel bis zur Seemine; dazu Orden, Abzeichen,  
Uniformen, wobei es nicht nur auf die Masse ankommt. Der Dienstanzug  
Erich Raeders, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine bis 1943 und für den  
Befehl des totalen U-Bootkrieges mit verantwortlich, steht feierlich  
in einem Glaszylinder. Der mit Hakenkreuzen verzierte  
Großadmiralsstab des Hitlernachfolgers Karl Dönitz liegt unter Glas,  
als handele es sich um eine mittelalterliche Reliquie.

Gewiss: Es sind (erste?) vorsichtige Modifizierungen erkennbar, die  
zeigen, dass manch Einwurf von außen nicht ganz folgenlos geblieben  
ist: Dass es die Novemberrevolution von 1918 in Kiel zumindest gab,  
darauf weist eine Vitrine hin, auch wenn man nicht darauf verzichten  
will, den Aufstand der Matrosen "Meuterei" zu nennen und zu bedauern,  
dass es dem kaiserlichen Verhandlungsführer nicht gelang diese zu  
"ersticken". Bei einem Modell des Schlachtschiffes "Bismarck", die  
auf Befehl ihrer Führung im Mai 1941 versenkt wurde, was Hunderte von  
Matrosen das Leben kostete, fehlt nun die bisherige, skandalöse  
Widmung an den so genannten Heldentod ihres Kapitäns, wie sie noch in  
Tamms Elbvilla dazugehörte. Dafür sind wie als Ausgleich unbekannte  
Fotos vom Bordleben auf der "Bismarck" zu betrachten: von Walter  
Frentz. Dass dieser Hitlers Fotograf war, muss man wissen - vor Ort  
erfährt man es nicht. Für welche Handlung es die U-Boot-Frontspange  
in Bronze gab oder wer sich hinter dem Namensgeber der "Graf Goetzen"  
verbirgt, auch das wird nicht vermittelt - es ließen sich Dutzende  
weiterer Beispiele der blanken Präsentation von Exponaten bei  
fehlender Zuordnung zu historischen Ereignissen und Abläufen  
aufführen. Um es äußerst freundlich zu sagen: Das Verhältnis des  
Hauses zur deutschen Kolonialzeit, zum Kaiserreich samt dem Ersten  
Weltkrieg und eben auch zur NS-Zeit ist ein nicht akzeptables und es  
würde sich empfehlen, diese beiden Abteilungen zu schließen und  
komplett zu überarbeiten.

Aber auch der Blick auf frühere Epochen, etwa die der Sklaverei, die  
ohne die Innovationen im Schiffsbau der Kolonialmächte so nicht  
möglich gewesen wäre, fällt verblüffend unscharf und verharmlosend  
aus: Zwar gibt es dazu überhaupt eine Vitrine und es wird auch auf  
den Dreieckshandel zwischen Afrika, Amerika und Europa hingewiesen,  
doch unternimmt man ansonsten nicht die geringsten Anstrengungen, die  
Jahrhunderte langen Verschleppungen genauer aufzufächern und etwa  
nach benennbaren Nutznießern und Profiteuren zu fragen. Stattdessen  
obsiegt folkloristische Niedlichkeit: Menschengroße Schatten sind auf  
einer Bodentafel ins Holz gebrannt worden und sollen vermutlich die  
verlorenen Seelen der Versklavten symbolisieren. Daneben hängen recht  
malerisch zwei Fußketten. Wo die Ausstellung ansonsten keine Mühen  
scheut, das Loblied der großen Entdecker, der wagemutigen Seefahrer  
und noch mehr der ewigen Helden zu singen, egal, was sie im Detail zu  
verantworten haben, versinken die Leidtragenden von Eroberungszügen,  
von See- und Handelskriegen und Schiffsuntergängen zur gesichtlosen  
Masse - wie auch Darstellungen einzelner Lebensläufe gerade der so  
genannten einfachen Leute, wie sie zum Standard der neueren  
Geschichtsbetrachtung gehören, komplett fehlen.

Damit zeigt sich nun der hohe Preis, den die Stadt Hamburg dafür  
zahlen muss, dass sie auf jegliche inhaltliche Begleitung und auch  
Kontrolle verzichtet hat: Tamm, der sich gerne öffentlich als Opfer  
seiner nun mal nicht einzudämmenden Sammelleidenschaft inszeniert  
("Ich wurde vom Jäger zum Gejagten"), hat sein Haus so bestellt, wie  
er allein es eben haben wollte und er hat dabei keinen fremden,  
distanzierten Blick erlaubt. Wie er sich ganz persönlich in den Lauf  
der Geschichte einordnet, zeigt sehr hübsch ein zentrales Foto in der  
Festschrift anlässlich seines 80. Geburtstags in diesem Jahr. Tamm  
ist eigens in eine seiner Uniformpuppenvitrinen geklettert, steht  
dort nun neben Kaiser Wilhelm II. und dessen Bruder, dem  
Flottenbegründer und Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen, und  
schaut überraschend verlegen in die Kamera: im Herzen ein kleiner  
Junge, der so gerne Admiral auf hoher See geworden wäre. Was der  
Stadt Hamburg 30 Millionen Euro wert war.



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