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Tue Jul 15 11:08:21 CEST 2008


KOCH-SCHOCK MIT JAMIE OLIVER
Tote Küken, blutige Hühner, guten Appetit!

Ausgerechnet beim Krawallsender RTL II wurde ein geplanter Skandal zum 
Lehrstück: Starkoch Jamie Oliver tötete Hühner vor laufender Kamera - und 
prangerte damit die Massentierhaltung an.

Eigentlich ist Jamie Oliver die Liebenswürdigkeit in Person: Menschlich der 
Traum unzähliger Schwiegermütter; beruflich ein strebsamer Karrierist und 
dennoch Sympathieträger; optisch der nette Junge von nebenan; persönlich ein 
Mann mit Prinzipien. Und dann macht der freundliche Starkoch so was!

Starkoch Oliver: Das Huhn ist nicht umsonst gestorben
Langsam führt er einen Elektroschocker zum Kopf eines aufgehängten, lebendigen 
Hühnchens, betäubt das zappelnde Etwas mit einem Stromstoß und lässt es mit 
einem Stich durch den Schnabel vor laufender Kamera ausbluten. Barbarisch, so 
mögen viele denken. Wie kann man nur, zur besten Sendezeit …

Man kann, durchaus, wenn man eine Mission hat. Und Jamie Olivers Mission heißt: 
Die Menschen vor den Bildschirmen davon zu überzeugen, dass unsere Art der 
Nahrungsmittelproduktion nicht nur absurd, inhuman und lebensfeindlich ist, 
sondern allen Informationskanälen der vernetzten Welt zum Trotz ein Mysterium 
bleibt, das selbst aufgeklärte Verbraucher nicht in allen Dimensionen erfassen.

Jamie Oliver durfte im Fernsehen schon manch heilige Kuh schlachten. Er hat sich 
über fettige Schulkantinenkost aufgeregt. Er hat die ungesunden Essgewohnheiten 
der Unterschicht angesprochen. Doch dass er zu Beginn des Jahres im englischen 
Channel 4 die Methodik der Federviehwirtschaft am sterbenden Objekt 
verdeutlichte, ist eine neue Dimension des Erziehungsfernsehens.

Er exekutiert ein Huhn, live und vor Publikum

Die Aufmerksamkeitsökonomie der Mediengesellschaft kennt dafür den Begriff 
"Skandal", und so hat sie vorab auch darüber berichtet: Jamie Oliver, der 
Gourmet mit sozialer Ader, ökotrophologischem Sendungsbewusstsein und guten 
Entertainerqualitäten, exekutiert erst ein Huhn, live und vor Publikum, später 
dann vergast er Küken.

Skandalös, was da also am gestrigen Montag bei RTL II als synchronisierte 
Deutschlandpremiere zu sehen war! Fragt sich nur, wo eigentlich der Skandal 
liegt - in der Tatsache, dass unser Konsumverhalten Unmengen von Lebensmitteln 
unter den Produktionsmethoden der Folter erfordert? Oder im Umstand, dass dies 
erst dann Anstoß erregt, wenn man dabei auch noch zusehen muss - bevor man 
herzhaft zubeißt?

Dass ausgerechnet RTL II dieser Debatte nun einen Schub verlieh, darüber konnte 
man sich schon wundern, schließlich ist der Krawallsender nicht für 
Nachhaltigkeit und Verantwortungsgefühl berühmt. Eingerahmt von einer Chartshow 
und einer Dokusoap übers Fremdgehen zeigte der "Big Brother"-Kanal, dass 
Aufklärung manchmal nicht ohne geplante Skandale zu betreiben ist.

Geflügel-Essen in Teufelsküche

Der Kölner Sender nannte dann auch die Show martialisch "Jamie's Hühnerhölle", 
in England lief sie unter dem etwas weniger rabiaten Originaltitel "Jamie's Fowl 
Dinners" – also eher "Geflügel-Essen" als "Teufelsküche".

Der Ablauf: Jamie Oliver hat ein paar Dutzend argloser Gäste zum gediegenen Menü 
geladen und erst bei der Begrüßung mit der zentralen Frage konfrontiert, ob 
ihnen wohl der Appetit vergeht "wenn Sie erfahren, woher Ihr Essen stammt".

Den meisten verging er dann tatsächlich, denn der Maître präsentierte weit vorm 
ersten Gang Bilder aus Legebatterien und Schlachtfabriken, von lebenden 
Tierleichen, turbogemästeten Frankensteinhühnchen, kalter Industrielogik und 
ließ die Besucher unter süßen Küken auf den Tischen jene männlichen selektieren, 
die er im Anschluss unter Kohlendioxidbegasung ersticken würde.

Es war ein echtes Erlebnis, die Kiefer der Zuschauer herunterklappen zu sehen 
bei jeder weiteren industriellen Erzeugungsperversität. "Meinen Sie, das ist 
hier noch Landwirtschaft?", fragte der strubbelig-nette Jamie Oliver im Blaumann 
einen Käfighalter und erntet die achselzuckende Antwort: Nein, das sei Produktion.

Zurück im Studio, nun eleganter mit Anzug und Krawatte, erklärte Oliver den 
hungrigen Gästen in Erwartung des Sterne-Dinners, dass ihre eiweißhaltigen 
Mahlzeiten gewöhnlich zu 80 Prozent aus dem stammen, was die 
Tierschutzorganisation Peta hierzulande mal mit Bildern aus Konzentrationslagern 
verdeutlichte. Auch dies galt damals - verglichen mit dem Gegenstand ihrer 
Kritik - als weitaus größerer Skandal.

Ein vergastes Küken bekommt echte Relevanz

Die Funktion des Skandals, sagt der Medienforscher Lothar Mikos, ist eben auch 
die Aufrechterhaltung eines moralischen Grundkonsens, der sich ökologischer 
Nachhaltigkeit bislang erst dort öffnet, wo sie uns nicht allzu weh tut.

Davon abgesehen, dass in den Reklamepausen für all jene Produkte von 
Waschmitteln über Süßigkeiten bis hin zu Discountmärkten geworben wurde, die 
ebenfalls am Ende quälend langer Ketten tierischer Ausbeutung stehen, hat RTL II 
dem Skandal hier also in die richtige Spur geholfen. Und hat das etymologische 
"Ärgernis" des Skandals einiger live getöteter Hühner mit sinnvollen Ergänzungen 
des englischen Originals in konstruktive Empörung umgeleitet: Mit vielen 
Statistiken über deutsches Konsumverhalten als Untertitel zu "Jamie's 
Hühnerhölle". Und durch ein "Welt der Wunder"-Spezial zum Thema im Anschluss.

Das ist in einer Fernsehlandschaft, die ähnlich aufrüttelnde Dokumentarformate 
wie "Feed the World" aus Österreich oder "Darwin's Alptraum" über die 
desaströsen Folgen europäischen Fischbedarfs für Afrika gern ins Spätprogramm 
von 3sat verbannt, schon eine Menge wert.

Wo uns Dieter Bohlens Sprüche, Heidi Klums Magersuchtmodels oder Eva Hermans 
Mutterkreuzeskapaden als Skandale verkauft werden, kriegt ein vergastes Küken 
echte Relevanz.

Jan Freitag | spiegel-online


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