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Fri Jul 18 18:39:23 CEST 2008


SOZIALER STÄDTEBAU
Wie Reiche die Armen aus den Städten verdrängen

Du kommst hier nicht rein! Deutschlands Metropolen droht die soziale Spaltung in 
schöne Viertel nur für Reiche - und Vorstädte für Arme. Im 
SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Stadtforscher Hartmut Häußermann, wie 
dieser Riss zu kitten ist - und warum Busse dafür wichtiger sind als Beton.

SPIEGEL ONLINE: Wer Geld hat, darf bleiben - und wer keins hat, muss aufs Land. 
Sie vertreten die These, dass bald nur noch Reiche die Innenstädte bevölkern und 
Einkommensschwache ins Umland verdrängen. Magern Deutschlands Speckgürtel 
wirklich ab?

Häußermann: Ja, abgesehen vom Sonderfall Berlin, wo Ärmere an den City-Rand 
gedrängt werden, passiert genau das in Städten wie München, Köln oder Hamburg.

SPIEGEL ONLINE: Woher rührt diese Entwicklung?

Häußermann: Kaum jemand kann sich einen Chauffeur oder ein Kindermädchen leisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Häußermann: Das meine ich nur halb im Scherz. Früher zogen junge Paare ins 
Umland und bauten ein Eigenheim. Das tun sie nicht mehr. Warum nicht? Weil 
dieses Eigenheimmodell ein Hausfrauenmodell war. Heute haben in jüngeren 
Haushalten oft beide studiert, der Akademikeranteil bei Frauen ist rasant 
gestiegen - und die wollen ihre Qualifikationen auch einsetzen. Also fahren zwei 
Leute ins Büro. Kommen Kinder dazu, wird die Logistik komplizierter: Die Kleinen 
müssen zur Schule, dann zur Nachhilfe oder zum Ballett. Wenn kein Personal da 
ist, das das organisiert, ist die Innenstadt der Wohnort der Wahl - deshalb 
entstehen überall diese familienfreundlichen Townhouses.

SPIEGEL ONLINE: Die Einkommensschwachen sammeln sich also künftig in den 
Vorstädten. Und wo liegt das Problem?

Häußermann: Bisher noch in innerstädtischen Altbaugebieten, aber zukünftig in 
den Randgebieten formiert sich eine Unterklasse, die weder Geld noch Kontakte in 
andere Stadtteile hat und sich zudem zu einem Gutteil aus ethnischen 
Minderheiten rekrutiert. Das ist besonders für Kinder und Jugendliche hart, weil 
die oft keinen mehr kennen, der überhaupt arbeiten geht. Um sie herum beziehen 
alle Hilfeleistungen, den Freunden in der Schule geht es ähnlich. Wer oder was 
soll die noch für Schule oder Lehrstellensuche motivieren?

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Endstation Vorstadt.

Häußermann: Plakativ gesprochen, ja. Die räumliche Konzentration von sozialen 
Problemen schafft neue Probleme. Wenn in einer Straße nur ein Alkoholiker lebt, 
ist das okay. Wenn Sie aber 20 haben, die auf der Parkbank rumsitzen oder auf 
dem Spielplatz rumlungern, sorgt das für Ärger.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie dagegen tun?

Häußermann: Erstens: Die Bildungssitutation in den ausgegrenzten Quartieren muss 
sich verbessern. Zweitens: Wer dort wegziehen will, muss die Möglichkeit dazu haben.

SPIEGEL ONLINE: Solche Menschen mit Wohnraum zu versorgen, ist die klassische 
Aufgabe des sozialen Wohnungsbaus. Der ist in Deutschland aber politisch tot.

Häußermann: Leider. Dabei war er das einzige Instrument, das Leuten Zugang zu 
Quartieren schaffen konnte, die ihnen verwehrt bleiben - sei es, weil sie kein 
Geld haben oder als Mitglied einer Minderheit diskriminiert werden. Der stets 
propagierte freie Markt korrigiert soziale Unterschiede nicht. Vermieter wollen 
homogene Quartiere. Die werben ja sogar damit, dass eine bestimmte Klientel 
nicht bei ihnen wohnt. Für Makler und Property Developer sind sogenannte 
segregierte, also sozial entmischte Viertel gutes Geld wert.

SPIEGEL ONLINE: Der soziale Wohnungsbau hat einen miesen Ruf. Ist er angesichts 
ghettoartiger Stadtteile wie Köln-Chorweiler oder Hamburg-Steilshoop nicht zu 
Recht beerdigt worden?

"Architekten sind nur Knechte"

Häußermann: Die Blocksiedlungen dort waren ein Irrweg. Viele Städte haben diese 
Klötze geballt an einen Ort gestellt und mit Menschen aufgefüllt, die große 
soziale Probleme haben; etwa wenn neue Zuwanderungswellen kamen - Flüchtlinge, 
Aussiedler. Geplant war das nicht, dort sollten ja breite Bevölkerungsschichten 
wohnen. Wegen mangelnder architektonischer Qualität, schlechter Verwaltung, und 
weil dort kein Raum für urbanes Leben war, hat sich das aber in der Regel entmischt.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich wurden die Siedlungen der Berliner Moderne, Klassiker 
des sozialen Wohnungsbaus, zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Hat man in den 
zwanziger Jahren mehr davon verstanden?

Häußermann: Ich denke nicht. Die Siedlungen sind zwar sehr unterschiedlich - zum 
Teil Siedlerhäuschen, zum Teil klassische Blockbebauung wie etwa die 
Siemensstadt. Letztlich sind das jedoch auch reine Wohn- und Schlaforte, die 
allein wegen ihrer ästhetischen Qualitäten gewürdigt worden sind.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte der soziale Wohnungsbau denn heute tun?

Häußermann: Städtische Baulücken auffüllen. Wo es die Chance gibt, sollte 
kleinteilig gebaut werden - und zwar von möglichst vielen unterschiedlichen 
Trägern mit Gemeinwohlorientierung, um einen guten Bewohnermix hinzubekommen.

SPIEGEL ONLINE: Mehr nicht? Baulücken zu füllen, ist ein eher unambitioniertes 
Konzept.

Häußermann: Man muss ja nicht nur bauen. Die Städte sollten vereinzelte 
Belegungsrechte von Privatvermietern kaufen, etwa in "besseren" Vierteln, in die 
sie dann benachteiligte Haushalte einquartieren könnten. Das würde für eine 
bessere soziale Mischung sorgen. Man kann sich diese Strategie ein bisschen wie 
Akupunktur vorstellen. Man verteilt kleine Nadelstiche, um das Ganze zu heilen.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Bauhaus-Stiftung kümmert sich jetzt um die soziale 
Frage, ihr letzter Architektur-Wettbewerb lief unter dem Motto "Die Wohnung für 
das Existenzminimum". Was halten Sie davon?

Häußermann: Der soziale Wohnungsbau verfolgt eine simple Idee: Arme Leute sollen 
gut wohnen. Das Bauhaus-Motto sagt dagegen: Wir passen die Häuser der Armut an. 
Das ist, freundlich formuliert, ein fragwürdiger Gedanke.

SPIEGEL ONLINE: Haben Architekten überhaupt einen sozialen Auftrag?

Häußermann: Architekten sind nur Knechte ihrer Auftraggeber, sie tun, was ihnen 
gesagt wird. Sie können aber gute Architektur bauen - oder schlechte. Und sie 
können ihren Bauherren etwas einreden, etwa: Wir brauchen ein höheres 
Ausstattungsniveau oder bessere Baumaterialien.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Berliner Unseco-Siedlungen sind von sozial engagierten 
Architekten entworfen worden.

Häußermann: Die haben Sozialismus gesagt, aber das gemeint, was die Soziologie 
heute als Fordismus bezeichnet; dem liegt der Glauben zugrunde, dass durch die 
technische Rationalisierung der Produktion der Konsum derart steigt, dass die 
großen sozialen Unterschiede verschwinden. Lenin hat daran geglaubt, Hitler 
auch. Der hat Henry Ford, dem Erfinder der Massenproduktion, sogar eine Medaille 
verliehen. Zum Teil erwies sich dieser Glaube ja als richtig. Das Proletariat, 
eine kulturell fremde und ökonomisch ausgegrenzte Gruppe, wurde im 20. 
Jahrhundert wortwörtlich eingebürgert. Der deutsche Soziologe Helmut Schelsky 
sah uns in den Fünfzigern auf dem Weg in die "nivellierte 
Mittelstandsgesellschaft". Heute aber erodiert die Mitte, und die Pole 
verstärken sich.

SPIEGEL ONLINE: Was auch die Städte polarisiert?

Häußermann: Klar. Tatsächlich dürften sie sozial gemischtere Quartiere heute nur 
hinkriegen, wenn sie auch Wohnungen für höhere Einkommen staatlich fördern. 
Viele schreien dann: Fehlsubventionen! Aber die soziale Mischung ist ein Wert an 
sich. Man soll also ruhig Mittelschichtshaushalte mit subventioniertem Wohnraum 
in Quartiere locken, die an überdurchschnittlich vielen sozialen Problemen kranken.

SPIEGEL ONLINE: Und das Geld dafür fällt vom Himmel.

Häußermann: Geld ist genug da. Aber eigentlich rate ich gar nicht zu großen 
Programmen dieser Art. Entscheidend ist, ob benachteiligte Kinder die Chance 
haben, auf gemischte Schulen zu gehen, Ganztagsschulen zumal, die Schutz bieten 
und in denen sie mit Kindern aus anderen Schichten lernen und ihre Freizeit 
verbringen. Dabei ist egal, wo das Schulhaus steht. Man muss sie vielleicht in 
Bussen herumfahren. Kinder, die auf Privatinstitute gehen, genießen dieses 
Privileg ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden wie ein Bildungspolitiker im Klassenkampf, nicht wie 
ein Stadtforscher.

Häußermann: Bildungspolitiker verlangen mehr Lehrer. Das ist okay, reicht aber 
nicht. Um mit einer amerikanischen Kollegin zu sprechen: Die Kinder sollen nicht 
nur wie die Mittelschicht lernen, sondern mit der Mittelschicht lernen. Peer 
groups, also gleichaltrige Freunde, sind entscheidende Lerninstanzen - wenn die 
nicht sozial durchmischt sind, verbaut das Lebenschancen.

SPIEGEL ONLINE: Sie verzichten auf Beton und setzen auf Busse. Ist das nicht 
eine Bankrotterklärung für Stadtplaner?

Häußermann: Busse statt Beton zu fordern, ist keine Bankrotterklärung, sondern 
speist sich aus der Erkenntnis begrenzter Möglichkeiten. Wer gemeinsam in einem 
Viertel wohnt, hat deswegen nicht unbedingt miteinander etwas zu tun - räumliche 
Nähe schafft noch keine soziale Nähe. Man trifft sich in der Kneipe nur, wenn 
man das will. In der Schule ist man dagegen gezwungen, zusammen zu sein, das ist 
ein Zwangskontakt.

SPIEGEL ONLINE: Für jemanden, der sich mit Stadtplanung beschäftigt, klingt das 
dennoch bescheiden.

Häußermann: Zum Glück. Früher haben die Planer ihre Sozialsiedlungen wolkig als 
Vorboten einer neuen Gesellschaft beworben. Pustekuchen! Ein deutscher Soziologe 
hat in der Regel mit dem türkischen Hartz-IV-Empfänger nichts zu tun, wenn er 
nicht gerade Sozialarbeiter ist.

Das Interview führte Thorsten Dörting.


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