[echo] Visionen aus der Rumpelkammer

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sun Jul 20 13:18:10 CEST 2008


spiegel online, 20.07.2008

Visionen aus der Rumpelkammer

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

Einfach das Beste aus dem Bestand machen! Ein Kieler Museumsdirektor  
zeigt klammen Kunsthallen, wie man mit radikalen Ideen Furore macht:  
Für sein Ausstellungsprojekt "See History" ließ er 13 internationale  
Künstler sein Archiv plündern - mit faszinierenden Ergebnissen.

Arbeiten Sie doch einfach mehr mit ihrer Sammlung! Angesichts knapper  
Kassen und schrumpfender Ausstellungsetats lauten so landauf, landab  
die Vorgaben der Kulturpolitiker. Doch was tun, wenn man als kleines  
Museum in der deutschen Provinz eben nur einen repräsentativen Max  
Beckmann und einen guten Gerhard Richter hat? Ab damit ins Depot und  
etwas anderes an die Wand? Oder überhaupt nichts verändern und  
einfach alles beim Alten lassen?

In den meisten kleineren Museen herrscht genau dieser vermuffte  
Stillstand. Für Dirk Luckow, Direktor der Kunsthalle zu Kiel, ein  
unerträglicher Zustand. "Eines ist klar: Das Publikum kommt heute  
nicht wegen der Bestände, sondern wegen der Ausstellungen in die  
Museen. Was zählt, sind die Aktivitäten", sagt er. In seinem Haus hat  
Luckow, 49, ein Format entwickelt, das im jährlichen Wechsel die  
Sammlung ganz neu aufmischt und jede Neupräsentation zu einem  
spannenden Ereignis macht. Unter dem Label "See History" werden  
einmal im Jahr die Karten neu gemischt. Und zwar mit dem Blick der  
Außenstehenden.

Für die aktuelle Neupräsentation hat Luckow jetzt unter dem Motto  
"Kreative Vision" 13 internationale Künstler eingeladen, sich mit den  
Beständen auseinanderzusetzen. Er öffnete ihnen alle Türen. Wer  
wollte, konnte sich tagelang ins Depot eingraben und dort nach Lust  
und Laune längst vergessene Bilder oder Skulpturen auswählen.

Afrika blickt auf Europa

Das Ergebnis: 13 sehr unterschiedlich gestaltete Räume, in denen  
Ausschnitte aus der 150 Jahre alten Kieler Sammlung ganz  
unkonventionell präsentiert werden. Die meisten Künstler haben die  
Sammlung in einen Dialog zu ihren eigenen Arbeiten gesetzt. Der  
Documenta-Teilnehmer Georges Adéagbo, 66, aus Benin nimmt Franz von  
Lenbachs alten Ölschinken "Fürst Otto von Bismarck" (1895) zum  
Ausgangspunkt für seine überbordende Installation "Betrachtet  
Geschichte!". Magazine und Zeitungen, Bücher und Plattencover,  
afrikanische Skulpturen und Schiffsmodelle fügt er zu einem  
kolonialismuskritischen Ganzen zusammen.

Sein Raum war am gestrigen Eröffnungsabend der absolute  
Publikumsmagnet. Geschickt dreht Adéagbo die Blickrichtung um: Afrika  
blickt auf Europa, verleibt sich die europäische Kunsttradition ein,  
verdaut sie und spuckt sie frech wieder aus. Ein Gemälde von Ernst  
Ludwig Kirchner ließ er von Schildermalern in seiner Heimat  
nachmalen. Und Antony Gormleys lebensgroßer Bleifigur "Draw", einem  
Selbstporträt des britischen Starkünstlers in kauernder Demutsgeste,  
stellt er die Replik eines afrikanischen Holzschnitzers gegenüber.

Adéagbos Totalinstallation ist symptomatisch für die Schau. Die  
meisten der eingeladenen Künstler stammen nicht aus Westeuropa und  
begegnen der stark europäisch geprägten Sammlung daher mit einem  
teils kritischen, teils unvoreingenommen Blick - ohne Ehrfurcht und  
falsche Rücksichtnahme. Der israelische Künstler Guy Ben-Ner, 39, hat  
mit sicherer Hand nur Bilder aus der Sammlung herausgesucht, auf  
denen jemand mit machtvoller Geste seinen Arm ausstreckt: ob  
Herrscher, Gott, Richter oder Feldherr - die Vorstufe zum Hitlergruß  
muss angesichts dieser den Machtgestus stark verdichtenden  
Bildauswahl einfach mitgedacht werden.

Rückenansichten aus der Kunstgeschichte

Der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov, 70, ist bekannt für seine  
inszenierten, teils schockierenden Aufnahmen von gesellschaftlichen  
Außenseitern. In Kiel stürzte er sich gleich auf die in den Depots  
verborgene Kollektion russischer Malerei des 19. Jahrhunderts. Dem  
Porträt "Die Unbekannte" (1883) von Ivan Kramskoi - es zeigt eine  
elegante Dame mit weißem Federschmuck - stellt er das fotografische  
Porträt einer körperlich arg derangierten ukrainischen Prostituierten  
zur Seite.

Doch neben so viel harter Kost und politischer Aufladung hält "See  
History" auch Kurzweiligeres parat: In ihrer Videoarbeit "Ass  
Peeping" wirft die russische Künstlerin Anna Jermolaewa, 38, einen  
voyeuristischen Blick auf die Hintern von Passanten in einer Wiener  
Fußgängerzone. Diesen stellt sie Rückenansichten aus der  
Kunstgeschichte gegenüber.

Der Ausstellung gingen in den letzten Jahren etliche andere gewagte  
Sammlungspräsentationen voraus. So überließ Luckow 2004 seinen  
Mitarbeitern - Hausmeister und Aufsichten inbegriffen - das  
kuratorische Feld. Die Ausstellung hieß "Der demokratische Blick".  
Mit dem Tabubruch, selbst die Putzfrau kuratieren zu lassen, erregte  
er bundesweit Aufsehen. "Da ging es nicht nur um die Motivation der  
Mitarbeiter, sondern entscheidend darum, zu sagen, nicht nur  
akademisch geschulte Leute können die moderne Kunst verstehen. Der  
eine oder andere Kunsthistoriker hat doch Tomaten auf den Augen",  
sagt Luckow.

Frischer Wind aus Kiel

Mit solchen Aussagen stößt der unkonventionelle Museumsmann aus dem  
Norden bei manchen seiner dünkelhaften Kollegen auf nicht allzu große  
Gegenliebe. Doch es hat sich herumgesprochen, dass an der Kieler  
Kunsthalle ein wesentlich frischerer Wind weht als in so manchem  
anderen Provinzmuseum. Für die "See History"-Ausgabe vob 2005 ließ  
Luckow unter dem Titel "Der private Blick" Deutschlands wichtigste  
Privatsammler die Räume neu einrichten. Harald Falckenberg, Erika  
Hoffmann, Paul Maenz oder Christian Boros ließen sich nicht zweimal  
bitten. Networker Dirk Luckow: "Das war dann vielleicht eher  
strategisch, um Kontakte zu machen und Rückendeckung zu kriegen. Mit  
all den Sammlern bin ich ständig noch in Kontakt."

Wie lautet das Geheimrezept des für sein Verhandlungsgeschick längst  
über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus bekannten  
Museumsdirektors? "Es ist immer eine Mischung aus Strategie,  
Qualität, Wissenschaft und Unterhaltung", so Luckow. Ein schelmischer  
Provinzkurator ist er allerdings nicht. Bevor Luckow 2002 an die  
Kieler Kunsthalle kam, durchlief er etliche Stationen, darunter auch  
das New Yorker Guggenheim Museum, und war als Projektleiter für  
bildende Kunst beim Siemens Arts Program tätig. Ein festes Standbein  
in der Hauptstadt hat er auch: Luckow ist dort Mitglied im  
künstlerischen Beirat der temporären Kunsthalle Berlin.

Und wie geht es weiter an der Förde? Da gibt sich der stets  
jungenhaft wirkende Luckow ganz optimistisch: "Kiel bewegt sich. Das  
könnte manchmal etwas schneller gehen. Aber es geht schon in eine  
gute und interessante Richtung." Die Kieler Universität als Trägerin  
des Museums plane jetzt etwas Neues, Spektakuläres. So eine Art  
Louisiana oder Bilbao an der Förde. Ein großes Museum für Kunst und  
Wissenschaft - Baubeginn vielleicht schon 2010. Da mit von der Partie  
zu sein, würde Luckow gut gefallen.

"See History 2008. Kreative Vision" - 13 internationale Künstler  
präsentieren die Sammlung der Kunsthalle zu Kiel, 20. Juli 2008 bis  
Juli 2009



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