[echo] Unruhe an der Leuphana-Universität

Rahel Puffert zonerp at yahoo.de
Mon Jul 21 23:44:21 CEST 2008


Unruhe an der Leuphana-Universität

Die Lüneburger Leuphana-Universität gilt seit Amtsantritt ihres Präsidenten 
Sascha Spoun und dessen Kanzlers Holm Keller als viel beachtetes 
Hochschulmodell. Die dort stattfindende "Neuausrichtung" fand ein starkes 
Presseecho sowie die uneingeschränkte Unterstützung der niedersächsischen 
CDU-Landesregierung. Kein Wunder, denn Spoun und Keller stammen aus 
wirtschaftsnahen Kontexten und sind immer noch z.B. mit Bertelsmann und 
McKinsey verbunden. Diese Kreise versuchen derzeit, massiv auf das 
bundesrepublikanische Bildungssystem einzuwirken, Bildung nachhaltig zu 
ökonomisieren und ihre Netzwerke in Hochschulen und Bildungspolitik weiter 
zu implementieren: Hierfür stellt Lüneburg das Modell dar, das bei 
erfolgreicher Umsetzung auch an anderen Standorten eingeführt werden soll.
Nachdem der Senat der Lüneburger Universität bislang die Politik des 
Präsidiums mit Mehrheitsentscheidungen gestützt hatte, sehen die aktuellen 
Entwicklungen anders aus. Die Schließung der Studiengänge Sozialpädagogik/ 
Sozialarbeit und Lehramt Physik wird vom Senat nicht mitgetragen: In der 
Sitzung vom 16.7.08 stellte sich dieser in der entscheidenden Abstimmung 
gegen die Uni-Spitze. Das Präsidium reagierte prompt und erklärte einen Tag 
später, dass es bei dem Schließungsentschluss der Uni-Spitze bleibe. 
Rechtlich ist sie hierzu in der Lage, da das niedersächsische 
Hochschulgesetz vorsieht, dass das Präsidium in Absprache mit dem 
Ministerium Studiengänge eröffnen und schließen kann. Doch seitdem rumort es 
an der Uni und in der Stadt, überall wird die Frage gestellt, welche 
Bedeutung demokratisch gewählte Gremien überhaupt noch haben, wenn sie 
derart autokratisch überstimmt werden können. Pikanter 
Nebenkriegsschauplatz:  Das Präsidium hat zeitgleich einen Studiengang für 
den Führungskräftenachwuchs der Otto-Group eingerichtet, was jedoch auch vom 
Senat abgelehnt wurde, nun aber  - selbstverständlich mittels 
Präsidiumsbeschluss - kommen soll. Zu dumm, dass während der höchst 
brisanten Sitzung am 16.7. über die Hälfte der Präsidiumsmitglieder - 
darunter der Leiter des "Zentrums für Demokratieforschung" - gefehlt oder 
sich vorzeitig aus der Sitzung verabschiedet hatte.
Auch der "Kunstraum der Leuphana Universität" spielt eine wichtige Rolle bei 
der Neuausrichtung der Universität. Er avancierte zur "zentralen Einrichtung" 
des Präsidiums, dafür unterstützt er den umstrittenen Bau des 
Libeskind-Audimaxes bedenkenlos - eine erstaunliche Wende einer vormals der 
"institutionellen Kritik" verpflichteten Kunst-Institution.
Doch es ist möglich, dass der Begriff "Leuphana" in absehbarer Zeit nicht 
allein für die feindliche Übernahme der Hochschulen durch die Corporations, 
sondern auch für den Widerstand gegen diesen als "Reform" getarnten 
Heuschreckentanz stehen wird.
Harald Baumanns

Weitere Infos und Lageberichte z.B. auf:
http://www.asta-lueneburg.de




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