AW: [echo] Unruhe an der Leuphana-Universität
Frank Woerler
fx3fx3fx3 at yahoo.de
Tue Jul 22 13:22:32 CEST 2008
Lüneburg, mit ihrem "Studium Generale"... Dabei fällt mir ein, dass ich u.a. zu Herrn Spoun und Lüneburg ein mal einen Text verfasst hatte, der dann nicht erschienen ist. Vielleicht hat auch jemand Bock, diesen auf thing unedited zu stellen... bin grad im Urlaub.
Herzliche Grüße,
Frank
Einheitsbrei durch Evaluation
Die
Uni idiotisch im Raum: Ohne Öffentlichkeit, ohne Geschichte und
ohne eigenen Diskurs
Die Universität ist kein
Wirtschaftsunternehmen. Sie hat andere Zielsetzungen. Sie steht in
einem gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontext, an dem sie sich
permanent abarbeitet. Die Universität erhält ihren Sinn
durch Forschung und Lehre, d.h. die
konkreten Fachdiskurse. Eine Universität nach quantitativen
Zielvereinbarungen zu lenken, missachtet die Kontinuität dieser
Sinnbezüge. Die heutige
Hochschulpolitik wirkt hilflos: Diskurs wird ersetzt durch Meinung -
die politische Meinungsäußerung jedoch verboten.
Ein
sehr weitgehendes Beispiel für den aktiven Bruch mit bestehenden
Sinnbezügen ist die Umbenennung einer Universität. Hier
scheint nicht nur die geschichtliche Abkunft hinderlich zu sein,
selbst deren Zeichen müssen ausradiert werden. Das Präsidium
der Lüneburger Universität hat diesen Bruch konsequent
vollzogen. Damit kein Zweifel am geschichtsfreien Raum Campus
aufkommen kann, hat man den neuen Namen mittels Meinungsumfrage
ermittelt.
Dieses
Mittel(maß) und die Evidenz von Meinung sollten zu denken
geben. Es erinnert an Meinungsforschungsinstitute, die
Quotenmessungen des Fernsehens und Stammtischargumentationen.
Abgesehen von den bekannten inhärenten
Verzerrungen, die Befragungstechniken immer anhaften, gibt es noch
ein grundsätzlicheres Defizit: Meinung ist privat. Sie muss
nicht begründet werden, sie steht idiotisch und einsam im Raum.
Sie ist das Gegenteil von Diskurs. Aber auf sie scheint der Präsident
der Lüneburger Leuphana Universität Lüneburg,
Sascha Spoun, zu bauen. Sie
genügt ihm für die unternehmerische Steuerung der ihm
anvertrauten Institution.
In
Die Zeit vom 27.04.06 äußern sich Spoun und Uwe Jean
Heuser zum Bologna-Prozess: (Die Studenten) müssen
Universitäten suchen, die Antworten haben auf ihre Fragen. Die
sich nicht bloß einen angelsächsischen Mantel überziehen.
Sondern mit Willen, Haltung und auch Geld auf die Studenten
eingehen. Die Autoren legen damit nahe, dass sich die Universität
als Dienstleister auf den Kunden Student flexibel einstellen
soll. Das klassische Marktverhältnis wird als
selbstverständliche Möglichkeit für das Verhältnis
Studierende / Universität etabliert, wobei sich im Falle des
Nenners auch noch ein Fehler eingeschlichen hat:
Es
sind nicht die Universitäten, die den Studierenden
gegenübertreten, und Antworten auf ihre Fragen haben. Es
wäre ausschließlich der jeweils singuläre Diskurs
eines Fachinstituts, der Antwort bieten könnte. Eine
Universitätsleitung hat darauf jedoch weder Einfluss noch ist
sie kompetent. Diesen Punkt befragt auch der Soziologe Richard Münch:
Woher weiß aber der CEO (gemeint ist der
Universitätspräsident, F.W.), was wie geforscht oder
gelehrt werden soll, welche Kennziffern die richtige Qualität
messen? (Die Zeit, 27.09.07)
Hier
kommen die
Unternehmensberater ins Spiel. Diese Akteure können namentlich
benannt werden, zusammen mit ihren Public Private Partnerships:
McKinsey, die Bertelsmann Stiftung, das Centrum für
Hochschulentwicklung. Unternehmensberater helfen den
Universitätsleitungen bei der Steuerung des ihnen so
unzugänglichen und fremden Feldes der Wissenschaft. Sie helfen,
den Schwarzen Kontinent Wissenschaftsdiskurs zu explorieren und
zu exploitieren.
Dazu
beraten sie direkt und steuern mit ihren Mitarbeitern die
Unternehmung Universität im Sinne der Industrie. Bei
Heuser/Spoun kehren diese Anliegen auch prompt wieder als der
veränderliche Arbeitsmarkt, der vorgeblich die Interessen
der Studierenden diktiert, auf die die Uni wiederum reagiert. Man
sieht: Wurde erst einmal die Marktform des Geschehens vorausgesetzt,
reproduziert sich Marktgeschehen auf allen Ebenen, ob es Sinn macht
oder nicht.
Es
ist zu beobachten, dass der Einfluss der Unternehmensberater in
dieser Funktionalität jedoch begrenzt ist. Unbeschränkt
scheint er indes dort zu sein, wo Techniken der Unternehmenssteuerung
in die Umsetzung des Bologna-Prozesses eingebaut werden:
Evaluationstechniken, die gezielte Verknappung der Ware
Bildung und Zertifikation, die Einführung von Studiengebühren
formen den Wissenschaftsdiskurs in einen Markt erst um.
Ob
hiernach noch von freier
Wissenschaft gesprochen
werden kann, ist sehr zu bezweifeln für die externen Berater
ist die neue Situation jedoch höchst erfreulich. Die
Anschlussfähigkeit an die Hegemonie des ökonomischen
Denkens (Münch) ist geleistet. Für die
Hochschulleitungen wiederum von Vorteil: Die eingeführten
Evaluationsstrukturen, d.h. die permanente Bewertung von Allem und
Jedem, haben den Anschein äußerster Objektivität, ja
Neutralität. Sie geben sich selbst wissenschaftlich.
Leider
ist dies nicht so. Die Soziologin Christine Schwarz sieht in der Mode
der Evaluation auch eher ein modernes Ritual. Wesentlich ist sie ein
Kontroll- und Disziplinierungsmittel. Im besten Fall ist Evaluation
genau so universell, wie jener Regelkreis, der uns täglich
normierte Fernsehprogramme liefert. Mittags Talkshows, nachmittags
Kochen, der gleiche Einheitsbrei auf allen Kanälen, niedrigstes
Niveau und bloß keine Experimente!
Ein
folgerichtiger Effekt der Unternehmensstrukturen an Unis ist die
Tatsache, dass auch die freie Meinungsäußerung der
Hochschulangehörigen nicht mehr erwünscht ist. An der
Universität Hamburg wurde im März letzten Jahres ein Brief
an die Dekane verschickt, mit der Aufforderung, sich in politisch
diskutierten Fragen mit der Pressestelle abzustimmen. Es sei
kontraproduktiv, sich nicht an die Sprachregelungen der
Pressestelle zu halten. Dies ist wirtschaftlich begründbar
in einer öffentlichen Einrichtung einer demokratischen
Gesellschaft aber undenkbar.
So
fragen wir uns: Ist die Uni von heute noch öffentlich? Nein, sie
ist ein armes Unternehmen: Ohne eigene Öffentlichkeit, ohne
eigenen Diskurs und ihre Geschichte verleugnend. Inhaltlich folgt sie
dem kurzen Atem der Meinungen, institutionell
dem Phantasma eines globalen Wirtschaftskrieges.
Frank
Wörler
--- Rahel Puffert <zonerp at yahoo.de> schrieb am Mo, 21.7.2008:
Von: Rahel Puffert <zonerp at yahoo.de>
Betreff: [echo] Unruhe an der Leuphana-Universität
An: "'Kunst, Kritik und Kulturpolitik in Hamburg'" <echo at soundwarez.org>
Datum: Montag, 21. Juli 2008, 23:44
Unruhe an der Leuphana-Universität
Die Lüneburger Leuphana-Universität gilt seit Amtsantritt ihres Präsidenten
Sascha Spoun und dessen Kanzlers Holm Keller als viel beachtetes
Hochschulmodell. Die dort stattfindende "Neuausrichtung" fand ein
starkes
Presseecho sowie die uneingeschränkte Unterstützung der niedersächsischen
CDU-Landesregierung. Kein Wunder, denn Spoun und Keller stammen aus
wirtschaftsnahen Kontexten und sind immer noch z.B. mit Bertelsmann und
McKinsey verbunden. Diese Kreise versuchen derzeit, massiv auf das
bundesrepublikanische Bildungssystem einzuwirken, Bildung nachhaltig zu
ökonomisieren und ihre Netzwerke in Hochschulen und Bildungspolitik weiter
zu implementieren: Hierfür stellt Lüneburg das Modell dar, das bei
erfolgreicher Umsetzung auch an anderen Standorten eingeführt werden soll.
Nachdem der Senat der Lüneburger Universität bislang die Politik des
Präsidiums mit Mehrheitsentscheidungen gestützt hatte, sehen die aktuellen
Entwicklungen anders aus. Die Schließung der Studiengänge Sozialpädagogik/
Sozialarbeit und Lehramt Physik wird vom Senat nicht mitgetragen: In der
Sitzung vom 16.7.08 stellte sich dieser in der entscheidenden Abstimmung
gegen die Uni-Spitze. Das Präsidium reagierte prompt und erklärte einen Tag
später, dass es bei dem Schließungsentschluss der Uni-Spitze bleibe.
Rechtlich ist sie hierzu in der Lage, da das niedersächsische
Hochschulgesetz vorsieht, dass das Präsidium in Absprache mit dem
Ministerium Studiengänge eröffnen und schließen kann. Doch seitdem rumort es
an der Uni und in der Stadt, überall wird die Frage gestellt, welche
Bedeutung demokratisch gewählte Gremien überhaupt noch haben, wenn sie
derart autokratisch überstimmt werden können. Pikanter
Nebenkriegsschauplatz: Das Präsidium hat zeitgleich einen Studiengang für
den Führungskräftenachwuchs der Otto-Group eingerichtet, was jedoch auch vom
Senat abgelehnt wurde, nun aber - selbstverständlich mittels
Präsidiumsbeschluss - kommen soll. Zu dumm, dass während der höchst
brisanten Sitzung am 16.7. über die Hälfte der Präsidiumsmitglieder -
darunter der Leiter des "Zentrums für Demokratieforschung" - gefehlt
oder
sich vorzeitig aus der Sitzung verabschiedet hatte.
Auch der "Kunstraum der Leuphana Universität" spielt eine wichtige
Rolle bei
der Neuausrichtung der Universität. Er avancierte zur "zentralen
Einrichtung"
des Präsidiums, dafür unterstützt er den umstrittenen Bau des
Libeskind-Audimaxes bedenkenlos - eine erstaunliche Wende einer vormals der
"institutionellen Kritik" verpflichteten Kunst-Institution.
Doch es ist möglich, dass der Begriff "Leuphana" in absehbarer Zeit
nicht
allein für die feindliche Übernahme der Hochschulen durch die Corporations,
sondern auch für den Widerstand gegen diesen als "Reform" getarnten
Heuschreckentanz stehen wird.
Harald Baumanns
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