[echo] Rubrik: Pressefreiheit / Die renitenten Rezensenten
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Wed Jul 23 09:38:26 CEST 2008
Kritische Berichterstattung
Die renitenten Rezensenten
Kritik unerwünscht: Wie die Musik- und Computerspieleindustrie Journalisten
beeinflusst - zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit.
Man stelle sich vor, der Journalist einer seriösen Zeitung versucht, das neue
Album "Knowle West Boy" des ehemaligen Massive Attack-Helden Tricky zu
besprechen - und erhält auf seine Anfrage an die Plattenfirma Domino Records
sinngemäß folgende Antwort:
Leider habe es in letzter Zeit zu viele negative Plattenkritiken von ihm zu
lesen gegeben. Deshalb könne man ihm kein Rezensionsexemplar schicken. Die
lieben Grüße der Plattenfirma-Mitarbeiterin hallen nach wie blanker Hohn.
Man stelle sich weiter vor, diese Geschichte sei wahr - müsste sie nicht sowohl
die Musikvertriebe als auch den freien Musikjournalismus nachdenklich
stimmen?Wer übt hier Druck auf wen aus?
Sie müsste, und sie tut es auch, denn sie ist tatsächlich so passiert, vor zwei
Wochen. Die Promotion-Abteilung der Plattenfirma war in diesem Fall in der Tat
so frei, sich ihre Kandidaten für eine Hörprobe der Tricky-Scheibe genau
auszusuchen.
Es war eine kleine Email, die sich danach an das deutsche Musikfeuilleton
richtete. Der zur Rezension abgelehnte Zeit-Online Mitarbeiter ließ es sich
nämlich nicht nehmen, die Replik des Berliner Plattenlabels an alle seine
Freunde, Bekannte und Journalistenkollegen weiterzuleiten. Der Aufruf, der dem
kompletten Mailverkehr zwischen der Plattenfirma und dem Journalisten im Anhang
vorsteht, lautete:
Liebe Freunde,
entschuldigt die Massenmail.... Ist einer von Euch mit der neuen Tricky
bemustert worden und kann sie mir bis Freitag "leihen"? Domino Records ist sich
nicht sicher, ob ich sie auch gut genug finde. Daher sieht man von einer
Bemusterung ab, ich habe mir zu viele Verrisse geleistet – siehe unten. Sobald
die Platte erschienen ist, kaufe ich sie mir natürlich.
Danke für Eure Mithilfe
Pressefreiheit?
Übrigens veröffentlichte der Autor dann doch noch seine Plattenkritik – das
Tricky-Album kam dabei allerdings eher schlecht weg. Dass die ohnehin kriselnde
Plattenindustrie die Musik ihrer künstlerischen Zugpferde inzwischen
vorzugsweise an wohlgesonnene Kritiker zum Vorabhören abgeben will, gleicht
einem Offenbarungseid. Den Angriff auf die Pressefreiheit gibt’s dabei als
Zuckerl noch obendrauf.
Ein ähnlicher Fall fand übrigens kürzlich in der Computerspiele-Branche statt:
Nachdem das Online-Spielemagazin 4Players dem Atari-Computerspiel "Alone In The
Dark" in einem Spieletest "nur" 68 von 100 Wertungspunkten verliehen hatte,
flatterte noch am selben Tag ein Unterlassungsschreiben des Herstellers ins Haus.
Der Vorwurf: Das Urteil der Kritiker könne unmöglich auf der zur
Veröffentlichung geplanten Version des Spiels basieren. Entweder sei ein
Vorab-Exemplar getestet worden, oder die Rezensenten hätten eine illegal aus dem
Netz heruntergeladene Ausgabe verwendet. Atari forderte weiter, den betreffenden
Artikel von der Homepage zu nehmen, und erhob obendrein Anspruch auf 1500 Euro
Anwaltskosten.
Als der Chefredakteur von 4Players nachweisen konnte, dass für den Spiele-Test
durchaus eine vollwertige, bei einem Händler rechtmäßig mit Quittung erworbene
Endversion des Spiels zum Einsatz kam, war die Verwirrung groß. Letztlich zog
Atari die Klage zurück.
Beschwerden über solcherlei Gängelungen werden in der Games-Szene immer wieder
laut - glaubt man Insidern, sollen Hersteller nach einer negativen
Spielebesprechung auch gerne mal Werbeanzeigen in Zeitschriften storniert haben.
Möglicherweise löst sich das Problem demnächst von alleine: Wenn sämtliche
Tonträger und Computerspiele im Internet weit vor der offiziellen
Veröffentlichung unumstößlich legal per Download erhältlich sind, verändert sich
das ohnehin fragwürdige System der Bemusterung für Journalisten. Dann gilt: Wer
etwas ausprobieren möchte, kann es jederzeit bekommen, so dass zum
Erscheinungstermin das Urteil bereits steht. Da fällt es auch dem
Popkultur-Feuilleton wieder leichter, sich vom Druck der Produktionsfirmen zu
emanzipieren. Das wiederum stellt sich ein unabhängiger Leser gerne vor.
(sueddeutsche.de/rus) Von Jonas Beckenkamp
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