[echo] Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

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Thu Jun 5 13:07:51 CEST 2008


das mit dem sammeln von bewegungsdaten liest sich eigentlich wie ein 
interessantes ausstellungskonzept - ist aber leider nur traurige praxis! zuerst 
ist es  forschung, dann kommt ein wirtschaftliches ausbeuten der ergebnisse, und 
zwischedurch klingelt das telefon: tschuldigung, hier ist das 
marktforschungsinstitut xy, wir....blablabla
oli


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BEWEGUNGSFORSCHUNG
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Zur Arbeit, nach Hause, zur Arbeit: Mit Hilfe von Mobiltelefondaten haben 
Wissenschaftler die menschliche Bewegung analysiert. Dabei haben sie 
herausgefunden, dass Routine unser tägliches Leben maßgeblich bestimmt - und 
auch unsere Bewegungsmuster.

Berlin - Handy-Nutzer sind wahre Datenschleudern. Unbemerkt vom Besitzer tritt 
das Taschentelefon regelmäßig in Kontakt mit dem nächstliegenden Funkmast des 
Handy-Betreibers. Penibel vermerkt das Netz dabei, welcher Kunde sich bewegt, 
also sich in das Gebiet eines anderen Sendemasts begibt. Das Netz muss 
schließlich immer wissen, wer sich wo befindet. Nur so können Gespräche korrekt 
durchgestellt werden.

Kardinal mit Mobiltelefon: Daten von 100.000 Menschen ein halbes Jahr lang 
ausgewertet
Die Datenflut, die so entsteht, lässt sich auf vielfältige Weise nutzen. Wenn 
man ein Telekommunikationskonzern wäre, könnte man - ganz hypothetisch 
gesprochen - gezielt die Handys von Geheimnisträgern aus der eigenen Firma 
anpeilen, um so herauszufinden, ob sich diese mit Journalisten zu 
Plauderstündchen treffen. Kleiner Haken daran: Man bewegt sich juristisch auf 
sehr, sehr dünnem Eis.

Eine andere Möglichkeit wäre die Anonymisierung der Daten, so wie es ein 
Forscherteam um Albert-László Barabási von der Northeastern University in Boston 
getan hat. Die Wissenschaftler hatten mit statistischen Mitteln aus einer 
Grundmenge von sechs Millionen Handybesitzern eine Gruppe von 100.000 Menschen 
herausgesucht. Deren Bewegungsdaten wurden ein halbes Jahr lang anonym 
aufgezeichnet und später ausgewertet. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher im 
Fachmagazin "Nature" veröffentlicht.

Es ging um folgende Frage: Welchen Gesetzmäßigkeiten unterliegt die Bewegung 
eines modernen Menschen? Bisher dachte man immer, dass diese mit den Formeln des 
sogenannten Levy-Fluges beziehungsweise des Random Walks beschrieben werden 
kann. Das hatten Forscher aus der Beobachtung von Albatrossen, Affen und 
Raubfischen im Meer geschlossen. Auch mit der Nachverfolgung von Banknoten 
wollten Wissenschaftler dem Geheimnis der menschlichen Bewegungsmuster zu Leibe 
rücken.

Für den Levy-Flug sprach unter anderem, dass er verschieden große Distanzen 
umfasst: Meistens erfolgen die Bewegungen des betrachteten Subjekts auf kleinem 
Raum, dann und wann ist aber auch mal ein großer Sprung drin. Für uns Menschen 
klingt das vertraut. Normalerweise spielt sich das Leben im engen Kreis zwischen 
Arbeit, Supermarkt und Kita ab - aber dann und wann geht's eben auch nach 
Spanien, auf die Fidschi-Inseln oder zu Oma an die Ostsee.

So weit, so gut, doch nach Ansicht von Barabási beschreibt die Formel die 
menschliche Bewegung nur unzureichend, weil wir - wohl noch mehr als in der 
Levy-Theorie - Gewohnheitstiere sind. Im Gegensatz zu Tieren können wir uns eben 
nicht vollkommen frei von Zwängen bewegen: Zur Arbeit muss man jeden Tag, das 
hilft alles nichts.

Deswegen konnten die Forscher beobachten, dass einige Orte besonders häufig 
aufgesucht wurden: das eigene Zuhause und der Schreibtisch gehörten dazu. 
"Banknoten zerstreuen sich, Menschen nicht", so das Fazit der Forscher. Wichtig 
sind die Erkenntnisse zum Beispiel bei der Frage, wie sich Infektionskrankheiten 
ausbreiten. Die anonymisierten Bewegungsdaten von Mobiltelefonen und ihren 
Besitzern werden übrigens auch anderweitig genutzt, und zwar im 
Verkehrsmanagement. Denn wo sich ungewöhnlich viele Mobiltelefone beim Netz 
anmelden, da kann es gut sein, dass die Besitzer im Stau stehen.

chs/spiegel-online


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