[echo] Ich tanzte zu Tom Jones. Ich schämte mich, tanzte aber weiter.

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Sat Jun 7 16:30:08 CEST 2008


Überschätzter Kunstbetrieb
"Ich tanzte zu Tom Jones"

Schon die Abendeinladungen sind wirklich zäh: Um die gegenwärtige Kunst wird ein 
zu großer Zirkus gemacht. Das Bekenntnis einer Ignorantin.

Es war während eines Dinners in Zürich. Nachdem wir lange über meinen ziemlich 
aufregenden Beruf gesprochen hatten, erforderte es die Höflichkeit, meinen 
Tischnachbarn zu fragen, was er denn so mache. "Künstler" war die Antwort, 
begleitet von einem Lächeln, das eine Spur zu bescheiden wirken wollte.

An dieser Stelle einer Konversation weiß ich inzwischen, dass ich besser nicht 
mehr weiterfrage. Sonst ergeht es mir wie mit dem Mann, der diesen Fetzen hier 
über den Tisch warf: "Ich organisiere KunstFestivals in der Nähe von Prag."

Hohle Phrasen

Klingt so ein Satz nicht wie aus Stoffresten zusammengenäht? Wer dumm genug ist, 
zu fragen "Und was macht man da?", dem wird zur Strafe eine Stunde lang eine 
Litanei in die Ohren gespült, die so endet: "Und jetzt habe ich in Prag ein Haus 
gekauft für mich, meine Frau, meinen Sohn und den Hund."

Dann musste der Mann kurz Luft holen, und ich rannte schnell weg. Wenn wer 
Künstler, Kunst-Professor, Kurator oder Galerist ist: nicht weiterfragen! Jeder 
Beruf wirft Fragen auf, ob Historiker, Hirnchirurg oder Hirte. Aber Kunst?

Ich sagte bei dem Dinner in Zürich also besser mal nichts, lächelte so kokett 
wie nur ich es kann und wandte mich dem kleineren Übel auf der anderen Seite zu, 
einem Architekten.

Ich möchte niemanden kränken in diesen Zeiten, in denen Menschen um Mitternacht 
aufstehen und sich vor Kunsthallen stellen, um am Abend darauf eingelassen zu 
werden. Aber es ist Teil des Rechtekatalogs für Minderheiten in Europa, dass 
auch wir unsere Stimmen erheben dürfen.

Also, hier: Ich finde den Kunst-Kosmos uninteressant und damit auch alle, die 
dafür verantwortlich sind. Und nein, es ist auch hier - so wenig wie bei 
Jazzmusik - nicht so, dass es noch schön wird, wenn ich mich nur lange genug 
damit befasse.

Selbstbeweihräucherung

Eine Ausstellungseröffnung zu besuchen, das war irgendwann vor einigen Jahren 
plötzlich nicht mehr streberhaft, sondern en vogue. Erschwerend für mich ist es, 
dass ich in Zürich lebe, einer Stadt, die sich zur zeitgenössischen Kunst 
verhält wie Paris zur Patisserie, was damit zusammenhängt, dass hier sehr viel 
Geld ist, das unter anderem in Deutschland hinterzogen wird.

Kunst hier in Ruhe doof zu finden, ist unmöglich, denn jedes Dinner, jeder 
Anlass ist mit Kunst gespickt. Am schlimmsten ist es leider grundsätzlich nicht 
mehr nur, wenn überforderte Kommunalpolitiker in eigentlich wunderschönen 
Städten wie Zürich oder München ihren erfolglosen Künstlerfreunden öffentliche 
Aufträge für neokubistische Bronzebrunnen verschaffen.

"Kunst und Kommune", das war schon immer eine Tragödie, die auch unsere Kinder 
und Enkel noch ausbaden müssen, denn wie und wann räumt man all den Mist, der in 
unsere Städte gegossen wurde, wieder weg?

Noch schlimmer aber ist alles, seit sich das Geld und die Mode auf die Kunst 
gestürzt haben in einer Art, wie arg böse Medusen auf kleine schwule Knaben 
losgehen.

Die Sportfirma Puma zum Beispiel lädt mich neulich ein zur Präsentation von 
Taschen, die von Künstlern gestaltet wurden und mit Zeug gefüllt sind. In diesem 
Fall lag in der Tasche ein Plastikgehirn des Künstlers John Armleder.

Mehr Hirn braucht die Welt

Was soll ich mit dem beknackten Gehirn? Brauchen Pumakunden eins? Ich? Eine 
lustige Anspielung auf die hirnleere Sportindustrie? Hahaha! Die Tasche kostet 
rund 3000 Euro - 150 davon gehen an die Londoner Serpentine Gallery, die das 
Geld dann für Bildungsprogramme verwendet.

Auf dem Puma-Dinner müssen viele im Stehen essen, da doppelt so viele Leute 
gekommen sind wie Gäste geladen waren, obwohl sich weder jemand für Puma noch 
für Künstler noch für Taschen interessiert. (Zwölf davon wurden natürlich 
trotzdem verkauft.)

Sobald das Wort Vernissage, Kunst oder Galerie auftaucht, wird Bildung und 
Bürgertum assoziiert, und das sind zweifelsfrei die letzten Bastionen, die von 
Lifestyle-Groupies, männlichen wie weiblichen, noch erklommen werden können.

Es ist so einfach. Vernissagen gibt es beim Friseur, beim Optiker, im 
Nagelstudio. Es verhält sich mit dem Wort so wie in den 70er Jahren mit der 
Boutique oder in den 80er Jahren mit der Philosophie. Ausgestorben ist heute die 
tolle "Fleischboutique", der Metzger heißt jetzt "Frischeparadies". Aber jedes 
Nagelstudio hat eine eigene Philosophie - und jetzt eben auch: eine Vernissage.

Bekam ich früher eine Einladung, auf der Vernissage stand, habe ich gekreischt 
wie beim Anblick eines Skorpions und sie weggeworfen. Heute muss ich alles genau 
durchlesen. Es könnte sich um die Geburtstagsparty eines Freundes halten, der 
Urlaubsbilder zeigt.

Vernissagen sind das neue Starbucks. Sie ziehen wahllos Publikum an. Die Zeit, 
in der es keine Vernissagen gibt, überbrückt der Kunstzirkus mit Kunstmessen, 
wie der Frieze in London oder, wie jetzt gerade, der Art Basel. Sollte nun wer 
einwenden, dass ich bitte nicht die Kunst mit dem Kunstzirkus in einen Topf 
werfen möge? Ja, ja, ist ja schon gut . . .

Jede Kunstform hat aber das Publikum, das es verdient. Im schlechtesten Fall 
sitzt man im Kino bei "Sex and the City" vor einer Reihe hysterischer Muttis, 
die ständig zum Pipimachen müssen, man lässt sich im Theater von Ben Becker aus 
der Bibel vorlesen, oder man geht in Berlin auf ein Konzert von Adam Green, 
wackelt dazu mit dem ungewaschenen Kopf und schreibt in seinen Kinderblog auf 
MySpace, den keiner liest, dass es toll war.

Was die bildende Kunst angeht, müsste man schon so sympathisch lächeln wie der 
Künstler am Eingang dieses Textes, wollte man mir einreden, hier gehe es um 
Anmut und Aussage von Werken, die sich, wie ein Kurator sagen würde: dem 
Betrachter in ihrer Sperrigkeit, hüstel, in den Weg stellen . . .

Malt der Künstler auf eine Leinwand, so bedient er eine Oberfläche, und keine 
Frage, dabei enstehen immer wieder mal Bilder von Zauber. Überhaupt lässt sich 
die Oberfläche, vor allem auch die Oberflächlichkeit gar nicht genug loben, 
solange sie was hermacht.

Viel Lärm um nichts

Das Problem aber ist ja nicht neu: es wird inzwischen ein Kunstmarkt bedient, 
der so heißgelaufen ist wie der Immobilienmarkt der Londoner Stadtteile Mayfair 
und Kensington, was heißt, dass man an der Tür nicht mehr so genau gucken kann, 
wer reinkommt und wer nicht.

Bleiben wir an der Oberfläche - bei den Partys, auf denen Sammler, Galeristen 
und Kuratoren auf den Messen sämtliche Multiplikatoren abfüllen, die nicht 
schnell genug auf die Bäume gekommen sind.

Diese Partys sind kein gutes Zeichen, ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe 
sie aus Angst, etwas zu verpassen, natürlich alle besucht. Es steht schlecht um 
diese Partys - für den Kunstmarkt ein alarmierendes Zeichen.

"Sehen wir uns in Basel?" war die mir meistgestellte Frage der letzten Wochen. 
Winke ich ab, werden eigentlich nette Menschen plötzlich böse: Du musst erst mal 
zur Art Limited, das ist die Preview der Art Basel! Jemand wie du kann sich so 
ein armseliges statement, Kunst doof zu finden, nicht leisten!

Dabei weiß ich nicht, was ich heute langweiliger finde, die Kunst oder den 
Künstler. Ein Musiker braucht wenigstens einen Hauch von Sex Appeal, um 
vergöttert zu werden. Ein Künstler darf aussehen wie Jonathan Meese und kann 
trotzdem Bilder für je 1 Million Euro in Dubai verkaufen.

Als in den 90ern Fashion und Design plötzlich wichtig wurde, ging es noch um den 
richtigen Stil. Wer nicht hübsch, cool oder Model war, konnte es vergessen. Der 
kam, im wahrsten Sinne des Wortes: nicht rein.

Auf Buchmessenpartys sollte man halbwegs einen Small Talk mit einer hübschen 
Lektorin hinbekommen. In Theaterkreisen sollte man die neueste Inszenierung 
gesehen haben.

Auf den Partys der Fashion Week in Paris oder New York versuchen die Leute 
wenigstens, sich gut anzuziehen. Solche schönen Partys sind das Gegenteil von 
Bars wie zum Beispiel dem Ed Moses in München, wo es passieren kann, dass eine 
Gruppe vorbildlicher Frauen und Männer beim Türsteher aufläuft, weil erst mal 
eine Taxiladung aus Fürstenfeldbruck begrüßt, umarmt und reingewunken werden muss.

Hauptsache anders

Die Kunstpartys sind - auf ihre Art - in jener Reinwinkphase. Immer schon galt 
dabei in dieser Szene: Man kann ein ausgeleiertes Fruit of the Loom-Sweatshirt 
anhaben. Man darf barfuß und mit schmutzigen Füßen kommen wie Björk. Man darf 
stinken und nerven.

All dies gilt hier seit jeher nicht als unhöflich, sondern als Ausdruck 
individueller Freiheit, vergleichbar mit den unbehandelten Augenbrauen von 
Martin Walser. Man muss aber, anders als ein Schriftsteller, nicht mal eine Idee 
haben. Man muss den Künstler nicht kennen und darf zu Hause auf Obstkisten 
wohnen. Das ist Avantgarde. Als Frau darf man sogar Zelte tragen. Wie die 
Architektin Zaha Hadid.

Trotzdem bekommt man umsonst Essen, Drinks und das Gefühl, jemand zu sein, der 
alles richtig macht. Die Kunst ist heute der gemeinsame Nenner von Friseuren, 
Schmuddel-TV-Erfindern, Schundblattverlegern, korrupten Managern.

Alle jene dürfen sich als Spezialisten aufführen, solange sie ihr Geld bei dem 
lassen, der ihnen um den Bart ölt: beim Galeristen. Als Zierrat wird der Rest 
mit durchgefüttert, Berichterstatter, Halbprominenz und Frauen. Sogar solche, 
die das alles zum Kotzen finden, wie ich, werden immer wieder eingeladen.

Letzte Woche zeigten Freunde von mir in der Pool Gallery in der Berliner 
Tucholskystraße Poster und Plattencover. In der Einladung stand: Vernissage. Ich 
ging trotzdem hin. Es ging ja um Musik. Es war ein ganz lustiger Abend.

Natürlich war halb Berlin da, weil in dieser nicht wirklich schönen Stadt viele 
Menschen leben, die Depressionen bekommen, wenn sie abends mal alleine zu Hause 
sind. Alle waren schnell betrunken, niemand interessierte sich für die 
ausgestellten Arbeiten.

Ein Chinese mit Brille wankte auf mich zu und brüllte wie ein Aufpasser vor den 
Toren Tibets: "Sammlerin oder Künstlerin?" (Das hatte sicher nur mit dem 
ausgefransten Saum meines Lanvin-Kleides zu tun, dem Lieblingslabel der Kunstposse.)

Kunst ist überall

Auf der anschließenden Party im Cookies sagten vier Leute hintereinander zum 
Abschied: "Wir sehen uns in Basel." Da wusste ich: Gott, ich stecke mittendrin. 
In der Kunst.

Sie ist überall. Es ist wie mit den Flip Flops. Erst war es nur ein Hype. Jetzt 
gibt es Flip Flops auf Laufstegen wie auch beim Lidl. Sie sind an den Füßen der 
ganzen Welt. Bald wird man sie auch in Kirchen tragen dürfen, sogar bei der 
Papstaudienz, und zwar mit jener Selbstverständlichkeit, mit der Künstler ihre 
Werke an Ausbeuter-Banken in China verkaufen, damit sie dort in Panzerschränken 
verschwinden.

Meine Kuratorinfreundin Michelle Nicol sagt dazu: "Ist doch gut, dass Kunst 
demokratisiert wird." Demokratisch wäre ich auch gern! Deshalb ging ich, back in 
Zürich, zur Grieder Contemporary Party - Sculpture Trail Opening. Alle gingen 
dahin. Es war das Wochenende vor der Art-Basel-Eröffnung, und es ist so üblich, 
dass die Galerien Leute einladen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ich dachte: Mensch, dann geht’s halt um nix in dem Zirkus außer: Get the party 
started! Ich hatte mir doch eh vorgenommen, die Oberfläche zu feiern. Nur gut 
aussehen sollte sie, die Oberfläche.

Aber woran geht aller Glanz zugrunde? An Hybris und Indifferenz. Das killte 
schon Kunstwerke wie Robbie Williams, Boris Becker und Michael Jackson. Zur 
Hybris: Wer auf Einladungen schreibt Grieder Contemporary Party - Sculpture 
Trail Opening, der sollte lieber Schachteln für die Kosmetikindustrie 
beschriften statt Einladungen.

Nun zur Indifferenz: Bei Grieder waren ungefähr 150 unauffällig aussehende 
Menschen ab 40, die sich in dem Architektenhaus am Zürichsee auf fünf Ebenen 
verteilten. Es gab reichlich zu essen und zu trinken.

Zelebrierte Peinlichkeit

Im Garten war ein marrokanisches Zelt aufgebaut. Die Musik des DJs klang, als ob 
einer ständig zwischen Bayern 3 und Antenne Bayern den Schalter umlegt, und wer 
das je hören musste, der weiß: Es war eine beleidigende, entmündigende Abfolge 
alter und überaus ekelerregender Charthits.

Man versicherte sich etwas irritiert, dass die Partys während der Art besser 
seien, als die davor. (Jeder braucht eine Perspektive im Leben.) Dann steckten 
sie mir Visitenkarten zu: "Wir sehen uns in Basel."

Ich ging auf die Dachterrase, um mir die Kunst anzusehen, wenigstens. Kerim 
Seiler hatte ein gigantisches atomähnliches Gebilde zusammenmontiert, bestehend 
aus Stöcken und Neon-Leuchtröhren.

Daneben stand ein Glas-Skelett der Künstlerin Melli Ink. Später tanzten alle zu 
"I Was Made For Loving You" von Kiss und dann zu "Sex Bomb" von Tom Jones. 
Männer spielten Luftgitarre. Ich schämte mich, tanzte aber mit.

Jetzt bin ich in Südfrankreich. Ich fahre zurück in die Schweiz, wenn der 
Messequatsch und die Fußballeuropameisterschaft vorbei sind. Unterdessen gestehe 
ich, dass mir die Glas-Skelette von Melli Ink ganz gut gefallen haben.

Ich hätte gerne fünf davon gekauft. Für jedes meiner Zimmer eins. Es gab aber 
leider nur vier.

Wäis Kiani lebt als Journalistin und Sachbuchautorin in Zürich.

(SZaW vom 07./08.06.2008/mst)


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