[echo] Rubrik: Wirtschaft Praktikantin erstreitet faire Bezahlung
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Mon Jun 16 13:49:28 CEST 2008
MINI-LÖHNE
Praktikantin erstreitet faire Bezahlung
Ausgebeutet, geklagt, gewonnen: Für einen Stundenlohn von 2,46 Euro
brutto rackerte eine Praktikantin sechs Monate lang bei einer Agentur.
Dann verklagte sie das Unternehmen - und bekam Recht. Ausbeutung durch
"Wucherlohn" sei sittenwidrig, entschied ein Arbeitsgericht.
Das Urteil ist voluminös, aber nach der frohen Botschaft an das
Praktikanten-Prekariat muss man nicht lange fahnden: Gleich am Anfang
ist von einem sittenwidrigen "sogenannten Praktikantenverhältnis" die
Rede. Sechs Monate lang absolvierte eine Fachhochschulabsolventin ein
Praktikum in einer Agentur und erhielt dafür 375 Euro monatlich. Das
Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg lässt keinen Zweifel daran, dass
ihr eine weit höhere, eine angemessene Vergütung zusteht - weil die
junge Akademikerin nicht als Praktikantin, sondern als Arbeitnehmerin
einzustufen sei.
Maria Hormann: Mies bezahlt als "Mädchen für alles"
Maria Hormann: Mies bezahlt als "Mädchen für alles"
So hatte schon das Stuttgarter Arbeitsgericht, so haben nun auch die
Landesarbeitsrichter in der Berufungsverhandlung entschieden. Es ist
eine schallende Ohrfeige für ausbeuterische Firmen - und ein seltener
Triumph für die "Generation Praktikum".
Erstritten hat die bemerkenswerten Entscheidungen Maria Hormann,
Diplom-Ingenieurin für Innenarchitektur. Die Bremerin spricht nordisch
kühl, sachlich erzählt sie ihre Geschichte: Augenblicke aus dem Alltag
von Praktikanten, die in der Hoffnung auf eine feste Stelle
Berufserfahrung in Unternehmen suchen. Und zu oft systematische
Ausnutzung finden.
So wie Maria Hormann bei ihrem halben Jahr als "Mädchen für alles" in
einer baden-württembergischen Agentur. Rückblende: Im September 2005
schloss sie ihr Studium der Innenarchitektur an der Fachhochschule Lippe
in Detmold ab. Das Diplom schaffte sie mit einer Eins vorm Komma. Dass
eine Null hinter dem Komma steht, erwähnt sie beiläufig in einem Nebensatz.
Nach vier Wochen eine ganz normale Mitarbeiterin
"Zwischenmenschliche Kommunikation für die Baubranche" lautete ihr
Diplomthema. In einem Fachverlag wollte sie nun praktische Erfahrungen
zwischenmenschlicher Bürokommunikation sammeln. Die bekam sie gleich am
ersten Arbeitstag: Eine Begrüßung des Redaktionsleiters gab es nicht,
dafür eine fette Ladung an Aufträgen. "Nach vier Wochen war ich
eigenverantwortlich wie alle anderen Mitarbeiter eingebunden", sagt Hormann.
Von Dezember 2005 bis Ende Mai 2006 ackerte sie in der
Veranstaltungsorganisation. Die schriftlich fixierten Konditionen: "Ich
sollte die betriebsübliche Stundenzahl arbeiten und 375 Euro brutto
bekommen, damit mein Anspruch auf Hartz IV nicht verfällt. So konnte ich
nebenbei Transferleistungen erhalten", erzählt Hormann.
Der Staat finanzierte das Praktikum also mit. Für einen Zweit- oder
Drittjob blieb Maria Hormann auch keine Zeit. Denn oft arbeitete sie 70
Stunden in der Woche, organisierte den Aufbau der
Ausstellungs-Architektur, streifte sogar den Blaumann über und packte
bei der Fertigstellung der Konstruktion mit an. "Die offiziellen
Projektleiter waren nicht vor Ort. Währenddessen musste ich alles
koordinieren - wann welche Speisen gereicht werden, welche Hostessen
wann wo stehen." Oft erst kurz vor Veranstaltungsbeginn tauchten die
Menschen auf, die der Praktikantin eigentlich einen Einblick in ihre
Arbeit geben sollten.
Von Ausbildung keine Spur
Von einer Ausbildung oder auch nur von einer gezielten Einarbeitung hat
Maria Hormann nichts bemerkt. Aber sie sah zunächst keine Alternative.
"Ich stand vor der gleichen Wahl, die so viele junge Absolventen
heutzutage haben: Schlecht bezahlt Erfahrungen sammeln oder gar keine
Erfahrungen sammeln."
Dass solche Fälle keine Ausnahme, keine Legende sind, hat nach
zweijähriger Debatte über die "Generation Praktikum" im März 2008 auch
Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) festgestellt. Nach einer alarmierenden
Praktikantenstudie wollte Scholz ein bisschen helfen: "Praktika stärken
- Missbrauch verhindern", lautet nun das Motto. Netter Versuch. Doch
sogleich hagelte es Kritik. Denn: Alle konkreten Maßnahmen wie eine
Mindestentlohnung oder eine Obergrenze für die Praktikumsdauer lehnt
Scholz ab - er will lediglich den abstrakten Anspruch auf eine
angemessene Vergütung für Praktikanten verankern.
Die Hostessen bei Abendveranstaltungen, die Maria Hormann für die
Agentur betreute, erhielten einen Stundenlohn von zehn Euro; für sie
selbst waren es 2,46 Euro. Ein Hungerlohn für einen anstrengenden Job:
"Zuerst große Belastung, ziemlich schnell eine extrem große Belastung",
erinnert sie sich. Früh morgens stand die fleißige Praktikantin auf, um
Reisen nach Asien zu koordinieren. Oder blieb bis spät abends, um Reisen
nach Amerika zu planen.
Heldin der Arbeit: Warum Maria Hormann sich für eine Klage entschied
Zum Praktikumsende bot die Firma Maria Hormann ein Arbeitsverhältnis mit
einem Monatslohn von 2000 Euro an. Sie lehnte ab - die Magenschmerzen in
den sechs Monaten reichten ihr. Stattdessen entschied sie sich zur Klage
und wollte keinen Skandal vom Zaun brechen, sondern ein bisschen
Gerechtigkeit. Also zog Maria Hormann vor Gericht mit einer ganzen
Sammlung an Notizen und Protokollen, in denen ihr Arbeitsalltag
detailliert beschrieben ist.
Martina Perreng kennt solche Fälle zur Genüge. "Leider klagen die
wenigsten Betroffenen", sagt die Arbeitsrechtlerin des Deutschen
Gewerkschaftsbundes. In den vergangenen zehn Jahren habe sich lediglich
eine Handvoll Praktikanten juristisch gegen Ausbeutung gewehrt. Die
Gründe liegen auf der Hand: "Sie hoffen entweder, dass sie doch noch in
eine feste Stelle rutschen, oder sie haben die Angst davor, mit einem
abgebrochenen Praktikum für weitere Arbeitgeber verbrannt zu sein."
Perreng hofft nach dem Urteil auf eine Signalwirkung für andere Betroffene.
Zweieinhalb Jahre, nachdem die engagierte und ehrgeizige Absolventin
Maria Hormann ihr Praktikum antrat, hat sie nun endgültig Gewissheit
bekommen. Wie schon die Vorinstanz wertete das Landesarbeitsgericht das
Praktikums-Salär als "Lohnwucher". Statt nur 375 Euro stehe der Klägerin
eine Vergütung von 1522 Euro monatlich zu, weil der Ausbildungszweck
nicht im Vordergrund gestanden habe.
Der Arbeitgeber hatte argumentiert, heute sei es üblich, an das Examen
ein Praktikum anzuschließen, oft sogar unbezahlt. Zudem habe die
Praktikantin ohne jede konzeptionelle und finanzielle Verantwortung
gearbeitet und ausschließlich unter der fachlichen Anleitung der
jeweiligen Projektverantwortlichen gestanden. Die Richter sahen es
anders: Sie verglichen das vermeintliche Praktikum mit der Probezeit
eines normalen Arbeitsverhältnisses, die üblicherweise ebenfalls sechs
Monate dauere.
"Es findet sich immer jemand, der sich darauf einlässt"
Vor allem aber hat sich die Firma nach Auffassung der Richter die
"Zwangslage" der Praktikantin bewusst zunutze gemacht. Sie zitieren
dabei die Bemerkung eines Vorgesetzen im Fachverlag, es finde sich
"immer jemand, der sich darauf einlässt". Im Urteil heißt es:
"Deutlicher kann kaum zum Ausdruck gebracht werden, dass der
Arbeitgeber, der für sechs Monate über die Fähigkeiten einer
diplomierten Fachhochschulabsolventin verfügen kann, die wirtschaftlich
schwächere Lage des Vertragspartners zu seinem Vorteil nutzt unter
Hinweis auf den Zwang der Verhältnisse" (Aktenzeichen 5 Sa 45/07).
Maria Hormanns Fall war für Rechtsanwalt Thomas Böker eine Premiere.
Nach dem Prozess ist er vor allem über die "perfide Systematik"
erstaunt, mit der Unternehmen Praktikanten als reguläre Arbeitskräfte
einsetzen: "Hätte Frau Hormann nach Ende ihres Praktikums das Jobangebot
der Firma angenommen - sie hätte genau die gleiche Arbeit weiter
gemacht, die sie schon sechs Monate lang verrichtete." Zu einem guten
Praktikum gehöre ein Ausbildungsplan, ein fester Ansprechpartner und die
Möglichkeit, viele Bereiche des Unternehmens kennenzulernen. "Die
Erfahrungen von Frau Hormann sind typisch für die 'Generation
Praktikum'. Deshalb kann ich Betroffenen nur raten, den Schritt zum
Gericht zu wagen", sagt Böker.
Maria Hormann erhält nun, späte Genugtuung, eine Nachzahlung über rund
7100 Euro plus Zinsen. Und auch sonst hat die leise Vorkämpferin der
"Generation Praktikum" mit ihrer Hartnäckigkeit etwas bewegt: "Mein
früherer Arbeitgeber hatte ständig Praktikumsanzeigen geschaltet." Seit
dem Urteil hat Maria Hormann keine Anzeigen dieser Art mehr gefunden.
Dabei haben Baumessen, auf denen billige und willige Praktikanten
gebraucht werden, doch das ganze Jahr über Hochkonjunktur.
Sebastian Wieschowski/spiegel-online
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