[echo] Eine Kritik des Events

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Tue Jun 17 20:01:53 CEST 2008


Eine Kritik des Events
Klaus Theweleits Vortrag in der Reihe "Capitalism Now"

"Ich hätte gedacht, dass Theweleit mehr Leute zieht" , sagt ein Besucher, ehe 
der Vortrag beginnt. Klaus Theweleit, Freiburger Autor ("Männerphantasien" , 
"Buch der Könige" und vieles mehr), Karlsruher Professor, bekannt als 
68er-Denker auf den Feldern Literatur und Film, Kunst und Politik, Psychoanalyse 
und Gesellschaftskritik, ist zu Gast bei "Capitalism Now" im Freiburger Theater. 
Der letzte Vortrag der Reihe in dieser Spielzeit — dank des Vortragenden hätte 
man eben meinen können, ein Event für die Freiburger Kulturszene. Ist’s nicht 
ganz, das Parkett ist halb voll. "Das Event und das Nichts" hat Theweleit seinen 
Vortrag genannt. Eine Fundamentalkritik steht zu erwarten.

Um gleich Theweleits Hauptbeispiel zu nehmen: Was soll man zu dem Event sagen, 
als bei der Weltmeisterschaft 2006 vor zwei Jahren 200 000 Fußballfans auf der 
Berliner Fanmeile die deutsche Elf feierten? Worum geht es da? Um den Einzelnen 
und die Masse, in der er, mit Elias Canetti gesprochen, einen neuen, einen 
Massenkörper bekommt. Und überhaupt eine Existenz: Ich schreie, also bin ich. 
Nötig haben das die Menschen, weil sie in der Industriegesellschaft unter gewalt 
tätigen Verhältnissen leiden: Wohnungen üben Gewalt aus, Arbeitsplätze auch. Für 
diese verinnerlichte Gewalt braucht es eine Abfuhr. Die organisiert der Event. 
Wer sich vorher als Null gefühlt hat, wird in der Masse ein Individuum: vom 
Nichts zum Sein.

Warum Hunderttausende ein Buch von Lafontaine kaufen

Diese für den Sport gleich einleuchtende These überträgt Theweleit auch auf die 
Kultur. Warum, fragt er, kaufen so viele Leute ein Buch von Oskar Lafontaine, in 
dem nichts steht? Um am Ich-kaufte-Lafontaine-Event teilzunehmen und dadurch 
jemand zu werden. Dasselbe beim Event-Fernsehen: Wenn Millionen Zuschauer einen 
Film wie "Dresden" sehen, hebt dies die Bedeutung jedes Einzelnen.

Dieses Muster ist durchgängig, konstatiert Theweleit: eine Aufmerksamkeitskultur 
auf allen Ebenen. Wann kommen die Fahnenschwenker? Wenn was los ist. Und wann 
ist was los? Zum Beispiel wenn jemand eine starke Behauptung in die Welt setzt, 
ganz egal, ob sie stimmt. Die These nutzt Theweleit zu einem Seitenhieb auf Götz 
Aly und seinen Vergleich der 68er mit den Nazis. Und auf Windräder: Die 
erfüllten mit ihrer Hässlichkeit die Bedingung einer starken Behauptung. 
Assoziationsketten — wie immer bei Theweleit. Seine Analyse bettet er in 
Ausführungen, die vom Torwartkrieg Kahn gegen Lehmann bis zu den 
Online-Durchsuchungen des Innenministers Schäuble reichen. Sein Event-Begriff 
passt auf erstaunlich vieles.

Auch auf seine Lesung selbst: Die Reihe "Capitalism Now" sei, sagt er am Ende, 
auch ein Event. Die Zuhörer kommen zu den kapitalismuskritischen Vorträgen, um 
sich nach dem Media-Markt-Motto zu beweisen: "Ich bin doch nicht blöd" . Dem 
Theater scheint eben dies auch aufgefallen zu sein. Man wolle sich, so kündigte 
Dramaturg Josef Mackert zu Beginn an, in der nächsten Spielzeit auf ein Thema 
konzentrieren: die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Dass das 
dann kein Event wird, dürfte klar sein.
Thomas Steiner/BZ 13/06/08



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