[echo] Distanzlos - Maritimes Museum Hamburg
Torsten Nowicki
tristanvonneumann at gmx.de
Wed Jun 25 14:00:01 CEST 2008
Hmm...schätze das wird noch mächtig Ärger geben...
Nachdem alle Befürchtungen tatsächlich wahr geworden sind, wir Tamm sein Museum wohl schrittweise umdekorieren müssen.
Ansonsten wohl ein Großteil der erwarteten Besucherzahlen ausbleiben wird.
Spätestens wenn sich Deutsche Kameradschaften regelmäßig zur Wallfahrt nach Hamburg begeben, wird sich die Stadt nicht mehr ganz so wohl mit ihrem maritimen Aushängeschild fühlen...
-------- Original-Nachricht --------
> Datum: Fri, 25 Jul 2008 13:29:35 +0100
> Von: cornelia sollfrank <cornelia at snafu.de>
> An: echo mailingliste <echo at soundwarez.org>
> Betreff: [echo] Distanzlos - Maritimes Museum Hamburg
>
> Sueddeutsche Zeitung, 26.5.2008
>
> Maritimes Museum Hamburg
> Distanzlos
>
> Heute wird in Hamburg das "Maritime Museum" eröffnet. Warum dort der
> U-Boot-Krieg verherrlicht wird und sich Sammler Peter Tamm verzettelt
> hat.
> Von Till Briegleb
>
>
> Besonders die jungen Leute sollen in seinem Internationalen Maritimen
> Museum in Hamburg, das am Mittwoch von Bundespräsident Horst Köhler
> eröffnet wird, etwas lernen, betont der Sammler Peter Tamm. Dass
> Schifffahrt Völkerverständigung sei, könne man auf den zehn Decks des
> sensibel umgebauten Speichers in der Hamburger Hafencity erfahren.
>
> Jahrzehnte lang hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende des
> Axel-Springer-Verlages Material zur Seefahrt - darunter Militaria,
> Nazi-Insignien und Modellschiffchen - gesammelt, das er in einer
> imperialen Villa an der Elbchaussee untergebracht hatte. Das Kind im
> Mann schien sich hier manisch auszutoben.
>
> Als seine ehemalige Angestellte, die Bild-Kolumnistin Dana Horáková,
> 2002 Hamburger Kultursenatorin wurde, wurde auch der lang gehegte
> Wunsch Peter Tamms, seine Sammlung in ein Museum umzuwandeln, endlich
> Wirklichkeit.
>
> Stadt gab 30 Millionen Euro
>
> Die Stadt überließ Tamm den ältesten Hafenspeicher, den Kaispeicher B,
> für 99 Jahre umsonst, und gab 30 Millionen zum Umbau. Tamm gründete
> eine Stiftung für seine Sammlung und entwickelte ein Konzept, nach dem
> das Museum jährlich 150.000 Besucher braucht, um seine Betriebskosten
> einzuspielen.
>
> Die Kritik, die anlässlich dieser Entscheidung an der Qualität und dem
> pädagogischen Wert von Tamms Sammlung sowie an gewissen
> Berührungspunkten Tamms zu Personen von zweifelhafter demokratischer
> Gesinnung geäußert wurde, schmetterte der Verlagspatriarch stets ab.
>
> Man werde bei der Eröffnung schon sehen, dass das Material
> historisch-kritisch aufbereitet sei. Er wolle die "Wahrheit ohne
> Voreingenommenheit zeigen".
>
> Verengtes Geschichtsbewusstsein
>
> Doch diese "Wahrheit ohne Voreingenommenheit" zeigt sich nun auf
> 12.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in genau dem verengten
> Geschichtsbewusstsein, das der Sammlung verdachtsweise immer anhing.
>
> Was man dort nämlich faktisch lernen kann, ist, wer mit 196 Schiffen
> die meisten Versenkungserfolge in der Geschichte des U-Boot-Krieges
> vorzuweisen hat und wie toll die Kameradschaft auf einem deutschen
> Kriegsschiff der Nazizeit war.
>
> Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und
> ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität, deren
> Ordensnachlass und Hutschachteln dazu noch prunkvoll inszeniert
> werden.
>
> Statt die Gräueltaten der Herrenmenschen in Afrika und Europa zu
> dokumentieren, beschreibt die Ausstellung lieber in ermüdender
> Ausführlichkeit die technischen Details von Torpedos und
> Panzerschiffen.
>
> Fetischhafte Distanzlosigkeit
>
> Dabei verrutscht das Deutsch aus Militaria-Katalogen, das die
> Hinweisschildchen dominiert, auch gerne mal ins technokratisch
> Entwürdigende, etwa wenn in der einen kleinen Schautafel, die die
> Sklaverei behandelt, ihre Notwendigkeit so erklärt wird: "Mit der
> Eroberung amerikanischer Kolonien wuchs der Bedarf an billigen
> Arbeitskräften. Um die hohe Sterberate unter Indianern auszugleichen,
> bediente man sich bald afrikanischer Sklaven". In dieser Form könnte
> das ein Zitat aus einem US-Schulbuch sein.
>
> Es ist nicht nur die nahezu vollständige Ausblendung der menschlichen
> Leidensgeschichte, das Verharmlosen des Krieges als technische
> Entwicklungsleistung und das totale Versagen bei der
> historisch-kritischen Differenzierung, die diese gigantische
> Ausstellung so zweifelhaft macht.
>
> Die gesamte Sammlung repräsentiert mit großer Distanzlosigkeit das
> fetischhafte Verhältnis Tamms zu seinen Objekten. Riesige Vitrinen mit
> unkommentierten Kriegsorden, in deren Zentrum tatsächlich die NS-Orden
> prominent platziert sind, ein Heer uniformierter Schaufensterpuppen
> und Schiffsmodelle sind lediglich eine Demonstration von Sammelzwang,
> aber kein brauchbares Museumskonzept.
>
> Fatales Zeichen
>
> Die staatliche Unterstützung und die Würde, die der Bundespräsident
> dieser Eröffnung mit seiner Anwesenheit verleiht, sind angesichts des
> dubiosen Inhalts des Museums ein fatales Zeichen. Wenn
> Herrschaftsgeschichte wieder Opfergeschichte aus dem Museum verdrängt,
> ist Mahnung gefragt, nicht Salbung.
>
> (SZ vom 25.06.2008/pak)
>
> _______________________________________________
> echo mailing list
> echo at soundwarez.org
> http://soundwarez.org/mailman/listinfo/echo
--
Psssst! Schon vom neuen GMX MultiMessenger gehört?
Der kann`s mit allen: http://www.gmx.net/de/go/multimessenger
More information about the echo
mailing list