[echo] happy international womens day I: Gender sells
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Mar 7 13:09:55 CET 2008
taz, 08.03.2008
Doping für das Selbstgefühl
Wird das 21. Jahrhundert weiblich? Mit Angstlust beschwören die
Medien die neue Macht der jungen Frauen
VON HEIDE OESTREICH
"Frauen wohnen im 21. Jahrhundert" steht auf der Bautafel in Berlin-
Kreuzberg. Dahinter ein großes elegantes Gebäude mit geschwungener
Fassade. Haha, haben Frauen in anderen Jahrhunderten etwa nicht
gewohnt? Doch. Aber hier haben sie eben mal ein Wohnhaus selbst
hochgezogen - und das ist dann doch nicht normal: Frauen wohnen nicht
nur im 21. Jahrhundert, sie bauen auch ihre Häuser selbst. Männer
dürfen übrigens auch mit einziehen.
Dass Frauen im 21. Jahrhundert auch bauen, hat schon viele Fantasien
beflügelt. Nicht nur der Baumarkt Hornbach hat erkannt, dass fast die
Hälfte seiner Kundschaft weiblich ist - und bietet nun
Fliesenlegekurse für Frauen an. Auch Business-Coaches fragen
Unternehmer streng: "Wie gut sind Sie auf den Megatrend Frauen
vorbereitet?" Auf Marketing-Kongressen wird verkündet: "Gender
sells!" Die Wirtschaft entdeckt die "female forces": Welche Autos,
Aktienfonds oder Altersvorsorge bevorzugen Frauen? Man kann viel Geld
verdienen, wenn man die alte Frage Sigmund Freuds "Was will das
Weib?" einfach mal konsumistisch interpretiert - und den Frauen
selbst stellt. Trendschamane Matthias Horx schließt daraus in
großzügiger Verallgemeinerung: "Das 21. Jahrhundert wird weiblich."
Sind die Frauen tatsächlich so im Kommen, wie es eine Bundeskanzlerin
und jede Menge Marketing suggerieren? Oder ist alles eher eine
"optische Täuschung", wie die ARD-Moderatorin Anne Will die weibliche
Welle auf den Fernsehschirmen nennt? Es gibt sie, die Indizien für
den weiblichen Aufstieg. Es gibt aber vor allem auch viel Rhetorik,
während der reale Fortschritt doch nur die alte Schnecke bleibt.
Allerdings ist die Bewegung auf der Ebene der Rhetorik, des Diskurses
nicht zu unterschätzen. Der Diskurs kann einen neuen Moment, einen
neuen Schwung bilden, der der Schnecke Beine macht.
Die realen Fortschritte sind viel beschrieben: Seit dem Jahr 2000
überflügeln die Mädchen die Jungs in der Bildung: Nach dem jüngsten
Bildungsbericht der Bundesregierung gingen 32 Prozent der Mädchen und
nur 24 Prozent der Jungen mit Abitur von der Schule ab. Im Fach
Medizin stellen Frauen mittlerweile den Großteil der Studierenden, in
Jura, Mathe und den Ingenieurwissenschaften ist ihr Anteil zumindest
gestiegen. Die Dienstleistungsberufe, traditionell eher eine
Frauendomäne, werden wichtiger. In Zukunft werden Männer weniger zu
arbeiten haben und Frauen mehr. Und langsam wächst eine weitere
Erkenntnis: Frauen wirtschaften erfolgreich. In der
Entwicklungspolitik hat man erkannt, dass in Frauen investiertes
Geld, etwa in Mikrokrediten, sich stärker rentiert. In den
Industrieländern zeigen erste Studien, dass Unternehmen besser
wirtschaften, wenn gemischte Teams sie leiten. Warum nicht das
Potenzial der gut ausgebildeten Frauen nutzen?, fragt nicht nur das
bundesdeutsche Forschungsministerium.
Schön. Allerdings kommt die Feier der Alphamädchen und ihres
Megatrends in den Medien doch etwas früh. Ältere Spaßverderberinnen
erinnern daran, dass der erste Megatrend Frauen bereits Anfang der
Neunziger ausgerufen wurde, weil angeblich ein akuter
Führungskräftemangel ins Haus stünde. Allerdings entdeckte die
Unternehmenswelt kurz darauf das "lean management" - und brauchte
nicht mehr, sondern weniger Führungskräfte.
Und: Die jungen Newcomerinnen kann man vor allem dann entdecken, wenn
man höchstens einen sehr verschwommenen Blick über den Tellerrand der
Industriestaaten riskiert. Wenn eine Frau in Indien einen Mikrokredit
nutzt, um ihre traditionelle Hochzeit auszurichten, müsste man die
Alphamädchen-Definition schon arg dehnen, wollte man sie dazu rechnen.
In den Industrieländern gibt es die jungen Durchstarterinnen sicher
in größerer Zahl. Aber wie viele sind es? Als die Hamburger
Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff zuletzt Führungskräfte
befragte, stellte sich heraus, dass unter den weiblichen
Berufseinsteigern nur ein gutes Viertel überhaupt Aufstiegsambitionen
hegte. Von den Männern dagegen strebte fast die Hälfte in höhere Etagen.
Und wie organisieren die zukünftigen Chefinnen dann Beruf und
Familie? Die Alphagirls stoßen nämlich auf ein Phänomen, das
Sozialforscher Klaus Hurrelmann in der jüngsten Shell-Jugendstudie
die "40/80-Katastrophe" genannt hat. 80 Prozent der jungen Frauen
wollen Beruf und Familie kombinieren, aber allenfalls 40 Prozent der
jungen Männer können sich eine Partnerschaft vorstellen, in der
Pflichten und Aufgaben gleich verteilt sind. Unterstützung einer
weiblichen Karriere sieht anders aus.
Und hinzu kommt schließlich, was Sonja Bischoffs befragte Chefinnen
unisono als "Karrierehindernis Nummer eins" benannten:
Diskriminierung. Vorurteile. Vorurteile von Männern über Frauen,
Vorurteile von Frauen über sich selbst. Vorurteile von Frauen über
Männer. "In allen westeuropäischen Ländern werden den Frauen gerade
die Eigenschaften abgesprochen, die als besonders bedeutend für
Erfolg in der Führungsposition gehalten werden", erklärt Bischoff.
Wenn man nun an dieser Stelle mal von den Fakten absieht und sich auf
die Ebene des Diskurses begibt, wird es interessant. Denn da bewegt
sich gerade eine Menge. Die von den Medien mit Angstlust beschworene
Machtübernahme der jungen Frauen ist eine Übertreibung, die das
Phänomen zugleich ein bisschen herbeischreibt. Plötzlich haben junge
Frauen das gute Gefühl, Teil einer Welle zu sein. Bücher propagieren
die "neue F-Klasse" oder "Die weibliche Art, sich durchzusetzen". Und
das Lustigste: Sogar der biologistische Diskurs, der ja eigentlich
bisher antifeministische Vorurteile stützte wie "Frauen sind zu
schwach zum Führen", wird neuerdings umgedreht. So ruft die US-
Forscherin Helen Fisher die Überlegenheit der weiblichen
Gehirnverdrahtungen für das 21. Jahrhundert aus: Angeblich braucht
die Ökonomie der Zukunft das typisch weibliche Denken: besser
vernetzt, die Kontexte einbeziehend, langfristig und
prozessorientiert - so begründet Fisher, weshalb etwa Frauen auf dem
Aktienmarkt die größeren Gewinne erzielten und gemischte Teams in
Chefetagen die größeren Renditen. Mit Biologismus kommt man mal
wieder zu den schönsten Spekulationen: So setzt Fisher in die
Babyboomer-Frauen wie Hillary Clinton ihre größten Erwartungen. Diese
Generation komme jetzt in die Menopause, das beschere einen größeren
Einfluss des körpereigenen Testosterons und damit die verstärkte
Risikobereitschaft und Aggression von zahllosen Frauen. Das ist der
Treppenwitz des neuen Biologismus: Feministinnen schlagen
Antifeministen mit deren eigenen Waffen.
Beide Argumentationen sind durch die Empirie überhaupt nicht gedeckt.
Ein Beispiel: Das berühmte weibliche Führen ist oft eher etwas, das
Menschen fühlen, als dass man es messen könnte. Es gibt so viele
männliche Chefs, die nicht nach schröderesker Basta-Manier führen,
und so viele autoritäre weibliche Chefs, die gar nicht merkelhaft
moderieren, dass das berühmte "weibliche Führen" in Studien leider
gar nicht nachgewiesen werden kann. Generell, so zeigten Umfragen bei
der Bundeswehr, gehen Menschen etwas zivilisierter miteinander um,
wenn Frauen dabei sind. Schön. Das hat aber mit deren Hirnstrukturen
nichts zu tun. Es ist die Software. Im Denken hat sich eine andere
Erziehung niedergeschlagen. Frauen werden dank all unserer Klischees
anders sozialisiert. Sie treten deshalb oft etwas verbindlicher auf,
setzen etwa weniger auf Machtgebaren und mehr auf Kompetenz und
Teamarbeit. Deshalb können sie, wie eine McKinsey-Studie zeigt,
tatsächlich die Unternehmenskultur positiv und effektiv beeinflussen
- wenn eine genügend große Zahl von ihnen in Chefsesseln sitzt. Doch
in der Hardware fahndet man vergeblich nach dem weiblichen Führen.
Denn biologische Voraussetzungen für das Anderssein sind bisher kaum
gefunden worden. Frauenhirne sind besser verdrahtet und eignen sich
deshalb fürs kontextuelle Denken? Forscher stellten fest, dass alle
kleinen Hirne besser verdrahtet sind als große - auch die von
Männern. Frauen legen ihr Geld besser an? Nein, sie fahren nur öfter
eine sichere Strategie - wie alle Menschen, die sich wenig mit Aktien
auskennen. Je mehr sie sich für Aktien interessieren, desto riskanter
werden ihre Anlagestrategien. Frauen sind auch nur so lange
friedlicher, wie ihre Identität erkennbar ist. Sollen sie ihre
Aggressionen anonym ausleben, stehen sie Männern in nichts nach. Auch
ist Testosteron übrigens nur bedingt das "Aggressionshormon" der
Männer. Die werden nämlich auch aggressiv, wenn zu wenig Testosteron
in ihren Adern kreist.
Was aber eben gut funktioniert, ist die Methode der selffulfilling
prophecy: Je öfter Menschen Geschlechterklischees vorgehalten werden,
desto eher richten sie sich nach ihnen. Frauen rechnen etwa nur dann
schlechter als Männer, wenn man ihnen sagt, dass Frauen schlechter
rechnen können. Daraus könnte man schließen, dass Frauen genau so
lange zum klischeegerechten Handeln tendieren werden, wie es diese
Klischees gibt - sie übernehmen Vorurteile und passen sich ihnen an.
Das alles zeigt: Der Diskurs ist eine Macht. Er wirkt auf die Praxis
ein. Das bedeutet, dass man mit diesen Mythen des Alltags durchaus
Politik machen kann - wie es die differenzorientierten
ZukunftsmythologInnen ja auch fleißig tun: Sie reden Frauen ein, sie
könnten dank ihrer innersten Fähigkeiten vieles besser als Männer.
Doping für das Selbstgefühl - ist es nicht genau das, was Frauen von
Männern lernen können? Schließlich versichern die sich ihrer eigenen
Großartigkeit ja tatsächlich zumeist über die Abgrenzung von den
angeblich weniger fähigen Frauen.
Schöner wäre natürlich, wenn man den ganzen biologistischen
Geschlechterquatsch mal lassen könnte. Stattdessen könnte man einfach
ernst nehmen, dass alle Geschlechter unterschiedliche Erfahrungen
machen. Und dass es immer sinnvoll ist, all diese Erfahrungen und
Fähigkeiten auf möglichst vielen Ebenen der Gesellschaft
einzubringen, auch ganz oben. Gute Mischungen zu finden - das ist
zukunftsweisend. Denn Frauen punkten nicht nur beim Schuhekaufen und
im Callcenter. Sondern sie bauen auch auf ihre eigene Art Häuser -
und sind deshalb im 21. Jahrhundert genauso zu Hause wie Männer.
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