[echo] happy international womens day II: Das Bolzsche
Reinheitsgebot
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Mar 7 13:09:59 CET 2008
in kürze: Männer müssen männlich sein und Frauen weiblich, sonst ist
alles ganz anders wie früher und alle werden unglücklich!
"Wir sind alle Feiglinge!"
"Ich führe wie ein Mann", sagt Jutta Allmendinger. Norbert Bolz:
"Damit leugnen Sie 2.000 Jahre Kulturgeschichte." Ein Streitgespräch
über Männlichkeit und Weiblichkeit
MODERATION HEIDE OESTREICH UND COSIMA SCHMITT
taz: Das 21. Jahrhundert wird weiblich, verkünden Trendforscher. Frau
Allmendinger, sehen Sie dafür Indizien?
Jutta Allmendinger: Indizien gibt es schon lange, aber der "große
Ruck" bleibt bislang aus. In Sachen Bildung haben die Frauen die
Männer schon überholt. Aber die Gehaltslücke schließt sich nur
langsam.Und über die mittleren Managementposten kommen sie selten
hinaus.
Norbert Bolz: Sehr viel interessanter finde ich, dass unsere
Gesellschaft insgesamt weiblicher wird. Traditionelle Attribute der
Weiblichkeit haben sich als gesellschaftliches Befinden
niedergeschlagen - auch bei Männern. Meine These ist sehr einfach:
Weiblichkeit wird prämiert, Männlichkeit wird diskriminiert.
Allmendinger: Ach was. Wir wissen, um in Aufsichtsräte oder W-3-
Professuren zu kommen, braucht es oft Ellenbogen und ganz andere
Verhaltensweisen als jene, die Sie als "weiblich" bezeichnen. Ich
sehe einen anderen Zusammenhang: In dem Moment, wo mehr Frauen in den
Arbeitsmarkt gekommen sind, haben sich solche Umgangsformen
verstärkt, die nun als weiblich gekennzeichnet werden -
Kompromissbereitschaft zum Beispiel oder das Einbeziehen von
Mitarbeitern in die Entscheidungen des Chefs.
Bolz: Das zeigt doch gerade, wie die Gesellschaft sich wandelt. Es
ist sehr faszinierend, wie Männer darauf reagieren. Ich sehe das an
der Uni: Die Männer fliehen aus den Jobs, in denen Frauen Erfolg
haben. Sie protestieren nicht. Denn das wäre ja eine genuin männliche
Eigenschaft. Männliches Verhalten schwindet - gerade unter Männern.
Wir sind Feiglinge, die allenfalls noch mit den Augen rollen.
Allmendinger: Die Männer fliehen doch nicht vor den Frauen. In der
Wirtschaft kann man schlicht erheblich mehr Geld verdienen. Im
Übrigen kann ich Ihrem Ansatz von den Wesensunterschieden zwischen
Männern und Frauen nicht folgen. Ich arbeite und führe nicht anders
als ein Mann.
Bolz: Das behaupte ich ja auch gar nicht. Aber echte Männlichkeit ist
sehr selten geworden. Wenn Sie heute Männer fragen, äußern die sich
genauso feministisch wie Frauen.
Allmendinger: Das ist doch reden fürs Schaufenster: Sie reden, wie es
vielleicht sozial erwünscht ist, aber sie verhalten sich nicht so.
Sie staubsaugen doch nicht oder wickeln Kinder oder lassen gar Frauen
im Beruf den Vortritt.
Bolz: Aber das hat Folgen. Wenn Sie heute ein Symposion veranstalten,
müssen Sie mindestens nach einer Frau als Teilnehmerin suchen.
Allmendinger: Das ist auch richtig so. Wenn Sie eine Diskussionsrunde
veranstalten und keine Frauen einladen, dann verzichten Sie auf Wissen.
Bolz: Aber durch diese Form der Political Correctness wird jede Frau,
die etwas kann, beleidigt.
Allmendinger: Da ich oft als einzige Frau bei Diskussionen sitze,
kann ich sagen: Ich habe mich dadurch bislang nie beleidigt gefühlt.
Frauen können in der Sache etwas beitragen.
Mit dieser Correctness antwortet man auf Diskriminierungen. Gibt es
für Sie gar keine Diskriminierung von Frauen, Herr Bolz?
Bolz: Nein. Das Zeitalter der Diskriminierung ist vorbei. Unsere
Kultur liegt den Frauen zu Füßen.
Frau Allmendinger, gibt es Benachteiligungen, die "politisch
korrekte" Quoten erforderlich machen?
Allmendinger: Die Gleichstellung von Frauen geht langsam voran,
gerade die Wissenschaft ist dafür ein gutes Beispiel: Es geht mir zu
langsam, und in der Tat plädiere ich hier für Quoten. Das tut am
Anfang weh, man könnte hier auch von Beleidigung sprechen, aber der
Respekt folgt schnell nach und heilt.
Unterstützen Sie denn die These von Herrn Bolz, dass die traditionell
weiblichen Attribute hoch im Kurs stehen?
Allmendinger: Das entspricht nicht dem, was ich tagtäglich erlebe.
Dann müsste ich doch von viel mehr Frauen umgeben sein - es sei denn,
die Männer wären heute die besseren Frauen. Aber ich bin nach wie vor
oft die einzige Frau unter vielen Männern.
Bolz: Ich erlebe das anders. Ich sitze fast immer in Runden, in denen
außer mir nur Frauen sind.
Sie werden aber nicht behaupten, dass die DAX-Unternehmen vor
weiblichen Führungskräften strotzen.
Bolz: Die Wirtschaft ist für mich das Gebiet, in das alle Männer
flüchten. Aber aus den klassischen Kulturgebieten sind sie schon fast
alle raus. Ähnliches bemerke ich auch in den Medien.
Allmendinger: Wo denn? Die FAZ hat keine einzige Herausgeberin, es
gibt kaum eine Chefredakteurin.
Bolz: Aber die Medien werden auch ohne Ansehen der Personen
weiblicher: Der Spiegel hat gerade das große Lob der Krippenplätze
gesungen.
Allmendinger: Es war höchste Zeit, dass sich im Spiegel mal was tut.
Darf ich fragen: Was ist für Sie "genuin männliches Verhalten", das
uns nun verloren geht?
Bolz: Zum Beispiel eine Orientierung an Stolz und Ehre.
Allmendinger: Das ist doch nicht Ihr Ernst? Das ist doch nicht
männlich. Natürlich orientiere ich mich an Ehre.
Bolz: Es geht die Form des Verhaltens verloren, die man in ihrer
negativen Ausprägung als Machoverhalten bezeichnet. Zum Beispiel self-
assertive behavior.
Allmendinger: Selbstsicherheit? Auch das ist für mich keine männliche
Eigenschaft.
Welche weiblichen Attribute werden belohnt?
Bolz: Zum Beispiel Pazifismus. Ich bin ja froh, dass wir heute in
einer friedfertigeren Gesellschaft leben. Aber das hat auch einen
Preis. Es gibt gar keinen Kampf mehr um Werte. Pazifismus bedeutet:
Es gibt keine Idee mehr, für die zu sterben sich lohnt.
Allmendinger: Wir tragen Konflikte heute zunehmend verbal aus und
weniger mit Waffen. Ich werte das als zivilisatorischen Fortschritt
und freue mich über jeden, der heil bleibt und überlebt.
Bolz: Man kann in Konflikten auch einfach entscheiden.
Allmendinger: Ja, und das tun doch Frauen Tag für Tag. Ihren großen
Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Wesensmerkmalen gibt
es so empirisch nicht. Es wird doch Zeit, dass wir die Semantik
endlich an die Empirie angleichen.
Bolz: Damit leugnen Sie zweitausend Jahre Kulturgeschichte, die
gezeigt haben, was genuin männlich und weiblich ist. Das ist ja
gerade der Preis der Moderne. Und nun frage ich mich: Wo ist
eigentlich das Männliche geblieben?
Das verlassen offenbar viele Männer ganz gerne: Sie sind froh, dass
sie sich etwa finanzielle Verantwortung mit einer Frau teilen können.
Bolz: Das ist genau das Dilemma.
Allmendinger: Dabei stimmt das noch nicht mal. Männer mit Kindern
freuen sich, wenn die Frau die Erziehung daheim übernimmt, sie
arbeiten dann sogar mehr Stunden außer Haus als Männer ohne Kinder.
Das Gerede von den "neuen Männern" ist doch Geschwätz. Es gibt kaum
Frauen in Führungsetagen, weil es Diskriminierungen gibt, mit denen
Frauen unten gehalten werden. Und, nun gut, wenn Diskriminierung
männlich ist, dann gibt es auch noch "männliche Männer". Herr Bolz
veranstaltet ein großes rhetorisches Lamento und verschleiert damit
die wirklichen Diskriminierungen.
Bolz: Ich denke, die Menschen sind glücklicher, wenn sie sich über
ihre Geschlechterrolle identifizieren können. Für eine Karriere
zahlen Frauen einen sehr, sehr hohen Preis. Darauf können wir uns ja
wohl einigen.
Herr Bolz, hat denn Ihre eigene Karriere gar keinen Preis gehabt?
Bolz: Das kann man von sich selbst ja nicht so sagen. Aber die Frauen
geraten unter Anpassungsdruck. Und das verursacht Leiden. Die Frauen
trauen sich nicht, das zuzugeben, weil sie unter dem Druck des
öffentlichen Bildes der Medienpropaganda stehen.
Allmendinger: Ich dachte, die Männer stünden unter Anpassungsdruck?
Und leider ist das Frauenbild in den Medien doch eher noch
altmodisch. Die Veränderung der Gesellschaft macht Ihnen offenbar Angst.
Bolz: Nicht nur mir. Die Männer lassen sich auf die Frauen doch gar
nicht mehr ein. Haben Sie das noch nicht bemerkt?
Allmendinger: Nein.
Ist nicht eher Ihre Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit ein
Produkt von Propaganda, Herr Bolz?
Bolz: Ja, aber diese Begriffe haben einen semantischen Gehalt, der
uralt ist. Was passiert damit, wenn man die Begriffe nun in der
Moderne auflöst? Wo bleibt die Männlichkeit? Das ist meine Frage.
Allmendinger: Sie akzeptieren einfach nicht, dass Männlichkeit heute
eben auch von Frauen gelebt wird. Da haben Sie dann keine Lust mehr
auf die Diskursanalyse und werfen das Untersuchungsinstrument lieber
gleich weg.
Bolz: Nein, ich frage nur, ob wir mit dieser Vermischung nicht
unglücklicher geworden sind.
Allmendinger: Es gibt ja zum Glück kein Reinheitsgebot. Und
unglücklich bin ich zumindest nicht.
J. ALLMENDINGER
Jahrgang 1956, ist Soziologin und Präsidentin des
Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Thema ihrer Dissertation: "Die
Ungleichheit von Mann und Frau und ihr Ertrag". Als Direktorin des
Nürnberger IAB-Instituts (2003-2007) erhöhte sie den Anteil der
Chefinnen dort von null auf ein Drittel. Sie lebt mit Partner und
Sohn in Bremen.
NORBERT BOLZ
Jahrgang 1953, ist Philosoph und Professor für Medienwissenschaften
an der TU Berlin. Neben anerkannten Werken wie der "Theorie der neuen
Medien" verfasste er Provokationen wie "Das konsumistische Manifest"
und 2006 "Die Helden der Familie". Seitdem gilt er auch als
"Maskulist". Er ernährt seine Frau und vier Kinder.
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