[echo] "Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"

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Thu Mar 13 12:01:03 CET 2008



Interview zur Zukunft des Journalismus
"Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"

"Gegenläufiges Publizieren", erst fürs Netz und dann fürs Print, ist für 
Jay Rosen der Schlüssel zum Erfolg. Im Interview erklärt er, warum die 
Zukunft den Bloggern und Bürgerjournalisten gehört.
Interview: Leif Kramp und Stephan Weichert

"Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht 
Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner 
Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de 
Interviews mit namhaften Experten auf. Alle Interviews sind unter 
sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.

sueddeutsche.de: Mr. Rosen, in Deutschland streiten sich Zeitungsverlage 
und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten derzeit über die Ausbreitung 
der Online-Aktivitäten gebührenfinanzierter Sender. Was halten Sie davon?

Jay Rosen: Die Zeitungsverlage haben natürlich Recht, wenn sie darin 
eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Aber wenn sie schon so etwas aufregt, 
haben sie wahrscheinlich nicht das Zeug dazu, gute eigene 
Online-Angeboten anzubieten.

sueddeutsche.de: Wie stehen Sie zu der verbreiteten Strategie, bekannte 
Zeitungsmarken auf das Internet auszuweiten?

Rosen: Anfangs haben Verleger im Netz nur eine Möglichkeit gesehen, ihr 
schon vorhandenes Produkt weiterzuverwerten: die gedruckte Zeitung. Sie 
nahmen also die Zeitung und stellten sie eins zu eins ins Internet. Das 
war in den USA von etwa 1996 bis 2004 übliche Praxis. Aber das Netz ist 
ja bekanntlich flexibel und kann viele Sachen. Als die Zeitungsverleger 
das Internet also baten, ihrer alten gedruckten Zeitung eine zweite 
Heimat zu geben, antwortete es: Okay, Boss! Und das hieß dann schmissig: 
die Marke auszubauen. Doch unterm Strich war es eine Verweigerung, sich 
auf die neue Plattform wirklich einzulassen.

sueddeutsche.de: Was bedeutet es denn, sich auf das Internet "einzulassen"?

Rosen: Wer sich im Netz engagieren will, muss zuerst fragen: Was kann 
das Internet überhaupt? Aber das passierte in den USA bis vor drei oder 
vier Jahren kaum. Erst dann wurden die Web-Auftritte der Zeitungen 
plötzlich interaktiver, verlinkten sich mit dem Rest der Online-Welt, 
ermutigten ihre eigenen Leute, zu bloggen und mit dem "gegenläufigen 
Publizieren" zu beginnen, sprich: zuerst fürs Netz zu produzieren und 
daraus dann das beste Material herauszufiltern, um es später zu drucken. 
In Deutschland ist eigentlich nur ein Unternehmen auf der Höhe der Zeit, 
was diese Strategie angeht: Burda. Und das auch nur wegen eines Mannes: 
Hubert Burda, der bereit ist, voraus zu denken und sich ständig 
weiterzubilden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, wie das Web 2.0 den 
professionellen Journalismus verändert.

sueddeutsche.de: Wie gesund ist es für die Traditionsverlage, sich im 
Internet verstärkt Audio- und Videoformaten zuzuwenden?

Rosen: Plötzlich Audio und Video gutzuheißen, nur, weil die Zukunft 
"Multi-Media" oder so etwas in der Art sein soll, halte ich, gelinde 
gesagt, für dumm. Genauso halte ich es aber auch für dumm, wenn ich 
Jemanden sagen höre: "Wir sind Verleger, wir machen kein Fernsehen." Die 
enormen Stärken der Verlage liegen in ihrer Begabung, Ereignisse 
zusammenzufassen, auszusieben und für eine breite Öffentlichkeit das 
auszuwählen, was heute unsere Aufmerksamkeit verdient, kurzum: die uns 
dabei helfen, Zeit zu sparen.
Wenn das also der Vorzug der Zeitungen ist, dann sollten sie auch daran 
arbeiten, diese Fertigkeiten auf Audio und Video, aber auch auf das 
Texten, Fotos, Blogs, Links und Daten zu übertragen. Die wirkliche 
Herausforderung liegt also nicht in der Frage, "Sollen wir auch noch 
Fernsehen machen?", sondern: "Wie können wir auf intelligente Weise das 
herausfiltern, was da draußen vor sich geht?" Und die Antwort darauf 
ist, stärker mit den Leuten, für die man diese Informationen filtert, 
ins Gespräch zu kommen. Nichts anderes tut ein sehr guter Blogger, wenn 
er mit den Nutzern kommuniziert.


» Manche Verleger denken bis heute, dass Begriffe wie "Neu-Erfindung" 
ein schlechter Witz seien. «

Jay Rosen

sueddeutsche.de: Könnten Blogger und Bürgerjournalisten dann nicht 
irgendwann den professionellen Journalismus ersetzen?

Rosen: Wir werden auch im Web 2.0 Journalisten brauchen, sie werden aber 
kein Monopol mehr als "die Presse" besitzen. Zeitungshäuser haben nun 
mal die schlechte Angewohnheit, Lernprozessen gegenüber feindlich 
eingestellt und in technischen Dingen Analphabeten zu sein. In den 
ersten acht bis zehn Jahren, seit das Internet existiert, waren die für 
die Online-Ausgabe zuständigen Leute bei den meisten Zeitungen in einer 
anderen Abteilung und manchmal – wie bei den San Antonio Express-News, 
der New York Times und der Washington Post – sogar in einem anderen 
Gebäude untergebracht! Eine Folge davon ist, dass sich die meisten 
Redakteure erst gar nicht in die Arbeitsweisen des Internet einarbeiten 
mussten und sich die Zeitungsmacher keinerlei tiefer gehende Fragen 
darüber stellten, was nun eigentlich das Besonderes am Web ist.

sueddeutsche.de: Wie konnten die Verleger nur so blind für die neuen 
Möglichkeiten sein?

Rosen: Nachrichtenorganisationen sind kein sonderlich gutes Lern-Umfeld: 
Die Verlage sind es gewohnt, sehr wenig für die Aus- und Fortbildung 
ihrer Mitarbeiter auszugeben, und die Newsroom-Kultur steht 
Veränderungen häufig skeptisch gegenüber. Manche Verleger denken bis 
heute, dass Begriffe wie "Neu-Erfindung" ein schlechter Witz seien, der 
auf Gurus zutrifft, aber nicht auf Journalisten. Bis vor kurzem noch 
gaben die Reaktionäre den Ton an. Jetzt müssen sich dieselben Leute, die 
zuvor dachten, Wiederverwertung sei eine gute Idee, sehr beeilen, mit 
dem Web zurechtzukommen – bevor es zu spät ist. Und viele von ihnen sind 
nicht glücklich darüber. Das ist natürlich besonders frustrierend für 
jüngere Leute, die den Zeitungen dabei helfen wollen, zu überleben und 
in ihrer neuen Umgebung zu gedeihen.

sueddeutsche.de: Wozu brauchen wir künftig überhaupt noch Zeitungen auf 
Papier?

Rosen: Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir wirklich noch gedruckte 
Zeitungen brauchen. Diese spezielle Publikationsform, also auf billiges 
Papier gedruckte und von Werbeanzeigen umgebene Nachrichten, wird 
möglicherweise nicht überleben. Was wir dagegen brauchen, sind 
Nachrichtenorganisationen mit jeder Menge kluger Leute, die 
zusammenarbeiten, um herauszufinden, was in der Welt passiert und das 
Publikum möglichst schnell darüber zu informieren – ohne für ihr 
Endprodukt viel Geld zu verlangen. Der Grund, warum wir solche 
Organisationen brauchen, ist simpel: Die Reichen und Mächtigen, die 
Unternehmensbosse, haben es sich schon immer leisten können, informiert 
zu sein. Das war ja auch ursprünglich die Idee der modernen Zeitung mit 
einer hohen Verbreitung: Jeder, der lesen kann, jeder, der wählen kann, 
sollte in der Lage sein, sich zu informieren, und nicht nur die Reichen 
und Mächtigen. Das ist auch heute noch der Grund, warum wir Zeitungen – 
sorry, ich meine natürlich: Nachrichtenorganisationen – brauchen: Diese 
Idee lebt deshalb weiter, weil es immer noch einen demokratischen Impuls 
in unserer Gesellschaft gibt. Die "öffentliche Meinung" und die moderne 
Presse hängen zusammen. Lesen Sie Habermas’ "Strukturwandel der 
Öffentlichkeit" um zu verstehen, wie eng diese Verbindung ist. Daran 
wird sich nichts ändern, und deshalb ist es so wichtig, sich um die 
Zukunft der Presse Sorgen zu machen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, inwiefern Rosen eine staatliche 
Subventionierung für sinnvoll erachtet.

sueddeutsche.de: Wie viel Zeit bleibt der gedruckten Zeitung noch?

Rosen: Qualitätszeitungen wie New York Times, Washington Post und Wall 
Street Journal oder der Guardian in Großbritannien werden uns wohl 
erhalten bleiben. Aber eben nicht als "Zeitungen", sondern als 
Nachrichtenorganisationen, die viele Dinge tun werden und nur 
gelegentlich Papier bedrucken.

sueddeutsche.de: Könnten Subventionen der drohenden Erosion des 
Qualitätsjournalismus entgegenwirken?

Rosen: Die moderne Presse ist ja bereits subventioniert. Lange Zeit war 
der Nachrichtenteil durch Werbeanzeigen subventioniert, niemand zahlte 
also den vollen Preis für das Nachrichtenangebot. Inzwischen erlebt die 
Werbewirtschaft einen derart dramatischen Wandel, dass auch die 
Subvention durch Werbung bedroht ist. Ich rate daher jedem, der sich um 
die Qualitätspresse Sorgen macht, auf die Suche nach jeglicher Form der 
Förderung zu machen, die es gibt. Natürlich ist jede davon mit 
besonderen Problemen und Unwägbarkeiten behaftet, und manche werden sich 
als unpraktikabel herausstellen.


» Qualitätszeitungen werden uns wohl erhalten bleiben «

Jay Rosen

sueddeutsche.de: Sehen Sie auch den Staat in der Pflicht?

Rosen: In den USA wäre eine staatliche Alimentierung ein Desaster. 
Unsere Erfahrung mit dem öffentlichen Rundfunksystem PBS lehrt uns, dass 
die Republikanische Partei bei staatlicher Subvention diese Art der 
Finanzierung politisieren und der Presse eine linke Befangenheit 
vorwerfen würde. Das würde keine Woche dauern. Aber es gibt ja auch noch 
Stiftungen, die finanziell viel stärker sind als der Staat, und auch der 
Non-Profit-Sektor ist riesig. Trotzdem sind reiche Leute, die ein 
Problembewusstsein dafür haben und es sich leisten können, Geld zu 
verlieren, manchmal die beste Lösung. Praktisch alle politischen 
Magazine in den USA finanzieren sich so.

sueddeutsche.de: Aber in einigen Ländern scheinen staatliche Zuwendungen 
ja trotzdem zu funktionieren.

Rosen: In Skandinavien vertrauen die Menschen dem Staat mehr, weshalb 
staatliche Subventionen dort offenbar eine Option darstellen – aber auch 
nur, solange sich die Regierung aus dem Nachrichtengeschäft raushält. 
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir allen Wegen folgen müssen, um zu 
sehen, wohin sie führen. Wir sollten keine Möglichkeit auslassen. Dafür 
brauchen wir eine Menge Leute und Ideen, um viele unterschiedliche Dinge 
auszuprobieren. Und wir brauchen neue Leistungsfähigkeiten genauso wie 
neue Finanzierungsmodelle – oder, wie man in Amerika sagen würde: 'New 
players, new instruments, new melodies, new beats.’

Jay Rosen, geboren 1956 in Buffalo/New York, ist Professor für 
Journalismus an der New York University und betreibt seit fünf Jahren 
das führende Journalismus-Blog PressThink, das 2005 mit dem Freedom Blog 
Award von "Reporter ohne Grenzen" ausgezeichnet wurde. Rosen bloggt 
außerdem regelmäßig für The Huffington Post und gründete im Juli 2006 
NewsAssignment.Net, eine Open-News-Plattform für Amateurschreiber und 
professionelle Journalisten, die unter anderem von der 
Nachrichtenagentur Reuters mit 100.000 Dollar gefördert wird. Rosen ist 
Beiratsmitglied der Enzyklopädie Wikipedia und Autor des Buches "What 
are Journalists for?" (1999), das sich mit der Ausbreitung des 
Bürgerjournalismus beschäftigt.

(sueddeutsche.de/ehr)



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