Re: [echo] "Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"
Brigitta Huhnke
bhuhnke at gmx.de
Thu Mar 13 14:47:23 CET 2008
> sehr geehrte echo-Gemeinde,
>
> als Medienwissenschaftlerin, die zudem anders als das ominöse ,
> offensichtlich von den Verlegern unterstützte Institut wissenschaftlich
> unabhängig ist, sehe ich die Dinge etwas anders, wie in einem kürzlich
> erschienen Interview zum jämmerlichen Zustand der FRankfurter Rundschau
> nachzulesen ist. Hier der Link
>
>
> http://mmm.verdi.de/archiv/2008/01-02/journalismus/kein_gegenhalten_mehr
>
>
> Jay Rosens Position unten ist dabei nicht einmal unbedingt angreifbar,
> wenn er sich auf die USA bezieht, die Situation in den USA ist nicht mit
> der unsrigen vergleichbar. Aber das ist typisch SZ: nicht mehr fähg zu
> differenzieren.
> Doch was die SZ betrifft: Dieser Verfall journalistischer Normen, der da
> stattfindet, ist ebenfalls schier unfassbar.
> Vgl. dazu auch meine SZ-Analyse zur Berichterstattung über Naomi Klein
> (steht bei labounet im Netz).
> Kaum noch in der Tiefe recherchierten Geschichten, kein eigenständiges
> journalistisches Profil mehr, ganz selten noch handwerklich gute
> Reportagen.
> Die Ausrichtung ist 100 Prozent neoliberal und patriarchal, darüber dürfen
> uns ein paar verfassungspatriotsche Artikel, die Heribert Prantl noch ab
> und zu liefert, nicht hinwegtäuschen.
> Schaut euch das Feuilleton an!!! Vor noch 20 Jahren waren das die Perle im
> deutschen Journalismus!
> Für unseren - und merkwürdigerweise nicht einmal in den USA- mittlerweile
> erreichten Niedergang des Journalimus, brauchen wir gute Zeitungen, print,
> gut recherchiert, geschlechtergerecht, minderheitengerecht.
> Und das jornalistische Handwerk muss wieder verpflichtend sein.
> "Bürgerjournalismus" brauchen wir genauso dringend wie den Ersatz fester
> Ensembles an den großen Theatern durch Laienspielgruppen oder das
> Schreiben von Literatur durch ProduzentInnen von PR-Mitteilungen.
>
> Die Reaktionäre, siehe SZ, geben leider bei uns immer noch den Ton an. In
> den USA hingegen funktioniert seit mindestens 10 Jahren eine
> kritische-alternative Medienlandschaft, online und print, aber alle des
> Handwerks mächtig.
> Gruss Brigitta Huhnke
>
> ----- Original Message -----
> From: <2og at gmx.net>
> To: <echo at soundwarez.org>
> Sent: Thursday, March 13, 2008 12:01 PM
> Subject: [echo] "Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"
>
>
>
>
> Interview zur Zukunft des Journalismus
> "Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"
>
> "Gegenläufiges Publizieren", erst fürs Netz und dann fürs Print, ist für
> Jay Rosen der Schlüssel zum Erfolg. Im Interview erklärt er, warum die
> Zukunft den Bloggern und Bürgerjournalisten gehört.
> Interview: Leif Kramp und Stephan Weichert
>
> "Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht
> Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner
> Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de
> Interviews mit namhaften Experten auf. Alle Interviews sind unter
> sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.
>
> sueddeutsche.de: Mr. Rosen, in Deutschland streiten sich Zeitungsverlage
> und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten derzeit über die Ausbreitung
> der Online-Aktivitäten gebührenfinanzierter Sender. Was halten Sie davon?
>
> Jay Rosen: Die Zeitungsverlage haben natürlich Recht, wenn sie darin
> eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Aber wenn sie schon so etwas aufregt,
> haben sie wahrscheinlich nicht das Zeug dazu, gute eigene
> Online-Angeboten anzubieten.
>
> sueddeutsche.de: Wie stehen Sie zu der verbreiteten Strategie, bekannte
> Zeitungsmarken auf das Internet auszuweiten?
>
> Rosen: Anfangs haben Verleger im Netz nur eine Möglichkeit gesehen, ihr
> schon vorhandenes Produkt weiterzuverwerten: die gedruckte Zeitung. Sie
> nahmen also die Zeitung und stellten sie eins zu eins ins Internet. Das
> war in den USA von etwa 1996 bis 2004 übliche Praxis. Aber das Netz ist
> ja bekanntlich flexibel und kann viele Sachen. Als die Zeitungsverleger
> das Internet also baten, ihrer alten gedruckten Zeitung eine zweite
> Heimat zu geben, antwortete es: Okay, Boss! Und das hieß dann schmissig:
> die Marke auszubauen. Doch unterm Strich war es eine Verweigerung, sich
> auf die neue Plattform wirklich einzulassen.
>
> sueddeutsche.de: Was bedeutet es denn, sich auf das Internet
> "einzulassen"?
>
> Rosen: Wer sich im Netz engagieren will, muss zuerst fragen: Was kann
> das Internet überhaupt? Aber das passierte in den USA bis vor drei oder
> vier Jahren kaum. Erst dann wurden die Web-Auftritte der Zeitungen
> plötzlich interaktiver, verlinkten sich mit dem Rest der Online-Welt,
> ermutigten ihre eigenen Leute, zu bloggen und mit dem "gegenläufigen
> Publizieren" zu beginnen, sprich: zuerst fürs Netz zu produzieren und
> daraus dann das beste Material herauszufiltern, um es später zu drucken.
> In Deutschland ist eigentlich nur ein Unternehmen auf der Höhe der Zeit,
> was diese Strategie angeht: Burda. Und das auch nur wegen eines Mannes:
> Hubert Burda, der bereit ist, voraus zu denken und sich ständig
> weiterzubilden.
>
> Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, wie das Web 2.0 den
> professionellen Journalismus verändert.
>
> sueddeutsche.de: Wie gesund ist es für die Traditionsverlage, sich im
> Internet verstärkt Audio- und Videoformaten zuzuwenden?
>
> Rosen: Plötzlich Audio und Video gutzuheißen, nur, weil die Zukunft
> "Multi-Media" oder so etwas in der Art sein soll, halte ich, gelinde
> gesagt, für dumm. Genauso halte ich es aber auch für dumm, wenn ich
> Jemanden sagen höre: "Wir sind Verleger, wir machen kein Fernsehen." Die
> enormen Stärken der Verlage liegen in ihrer Begabung, Ereignisse
> zusammenzufassen, auszusieben und für eine breite Öffentlichkeit das
> auszuwählen, was heute unsere Aufmerksamkeit verdient, kurzum: die uns
> dabei helfen, Zeit zu sparen.
> Wenn das also der Vorzug der Zeitungen ist, dann sollten sie auch daran
> arbeiten, diese Fertigkeiten auf Audio und Video, aber auch auf das
> Texten, Fotos, Blogs, Links und Daten zu übertragen. Die wirkliche
> Herausforderung liegt also nicht in der Frage, "Sollen wir auch noch
> Fernsehen machen?", sondern: "Wie können wir auf intelligente Weise das
> herausfiltern, was da draußen vor sich geht?" Und die Antwort darauf
> ist, stärker mit den Leuten, für die man diese Informationen filtert,
> ins Gespräch zu kommen. Nichts anderes tut ein sehr guter Blogger, wenn
> er mit den Nutzern kommuniziert.
>
>
> » Manche Verleger denken bis heute, dass Begriffe wie "Neu-Erfindung"
> ein schlechter Witz seien. «
>
> Jay Rosen
>
> sueddeutsche.de: Könnten Blogger und Bürgerjournalisten dann nicht
> irgendwann den professionellen Journalismus ersetzen?
>
> Rosen: Wir werden auch im Web 2.0 Journalisten brauchen, sie werden aber
> kein Monopol mehr als "die Presse" besitzen. Zeitungshäuser haben nun
> mal die schlechte Angewohnheit, Lernprozessen gegenüber feindlich
> eingestellt und in technischen Dingen Analphabeten zu sein. In den
> ersten acht bis zehn Jahren, seit das Internet existiert, waren die für
> die Online-Ausgabe zuständigen Leute bei den meisten Zeitungen in einer
> anderen Abteilung und manchmal – wie bei den San Antonio Express-News,
> der New York Times und der Washington Post – sogar in einem anderen
> Gebäude untergebracht! Eine Folge davon ist, dass sich die meisten
> Redakteure erst gar nicht in die Arbeitsweisen des Internet einarbeiten
> mussten und sich die Zeitungsmacher keinerlei tiefer gehende Fragen
> darüber stellten, was nun eigentlich das Besonderes am Web ist.
>
> sueddeutsche.de: Wie konnten die Verleger nur so blind für die neuen
> Möglichkeiten sein?
>
> Rosen: Nachrichtenorganisationen sind kein sonderlich gutes Lern-Umfeld:
> Die Verlage sind es gewohnt, sehr wenig für die Aus- und Fortbildung
> ihrer Mitarbeiter auszugeben, und die Newsroom-Kultur steht
> Veränderungen häufig skeptisch gegenüber. Manche Verleger denken bis
> heute, dass Begriffe wie "Neu-Erfindung" ein schlechter Witz seien, der
> auf Gurus zutrifft, aber nicht auf Journalisten. Bis vor kurzem noch
> gaben die Reaktionäre den Ton an. Jetzt müssen sich dieselben Leute, die
> zuvor dachten, Wiederverwertung sei eine gute Idee, sehr beeilen, mit
> dem Web zurechtzukommen – bevor es zu spät ist. Und viele von ihnen sind
> nicht glücklich darüber. Das ist natürlich besonders frustrierend für
> jüngere Leute, die den Zeitungen dabei helfen wollen, zu überleben und
> in ihrer neuen Umgebung zu gedeihen.
>
> sueddeutsche.de: Wozu brauchen wir künftig überhaupt noch Zeitungen auf
> Papier?
>
> Rosen: Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir wirklich noch gedruckte
> Zeitungen brauchen. Diese spezielle Publikationsform, also auf billiges
> Papier gedruckte und von Werbeanzeigen umgebene Nachrichten, wird
> möglicherweise nicht überleben. Was wir dagegen brauchen, sind
> Nachrichtenorganisationen mit jeder Menge kluger Leute, die
> zusammenarbeiten, um herauszufinden, was in der Welt passiert und das
> Publikum möglichst schnell darüber zu informieren – ohne für ihr
> Endprodukt viel Geld zu verlangen. Der Grund, warum wir solche
> Organisationen brauchen, ist simpel: Die Reichen und Mächtigen, die
> Unternehmensbosse, haben es sich schon immer leisten können, informiert
> zu sein. Das war ja auch ursprünglich die Idee der modernen Zeitung mit
> einer hohen Verbreitung: Jeder, der lesen kann, jeder, der wählen kann,
> sollte in der Lage sein, sich zu informieren, und nicht nur die Reichen
> und Mächtigen. Das ist auch heute noch der Grund, warum wir Zeitungen –
> sorry, ich meine natürlich: Nachrichtenorganisationen – brauchen: Diese
> Idee lebt deshalb weiter, weil es immer noch einen demokratischen Impuls
> in unserer Gesellschaft gibt. Die "öffentliche Meinung" und die moderne
> Presse hängen zusammen. Lesen Sie Habermas’ "Strukturwandel der
> Öffentlichkeit" um zu verstehen, wie eng diese Verbindung ist. Daran
> wird sich nichts ändern, und deshalb ist es so wichtig, sich um die
> Zukunft der Presse Sorgen zu machen.
>
> Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, inwiefern Rosen eine staatliche
> Subventionierung für sinnvoll erachtet.
>
> sueddeutsche.de: Wie viel Zeit bleibt der gedruckten Zeitung noch?
>
> Rosen: Qualitätszeitungen wie New York Times, Washington Post und Wall
> Street Journal oder der Guardian in Großbritannien werden uns wohl
> erhalten bleiben. Aber eben nicht als "Zeitungen", sondern als
> Nachrichtenorganisationen, die viele Dinge tun werden und nur
> gelegentlich Papier bedrucken.
>
> sueddeutsche.de: Könnten Subventionen der drohenden Erosion des
> Qualitätsjournalismus entgegenwirken?
>
> Rosen: Die moderne Presse ist ja bereits subventioniert. Lange Zeit war
> der Nachrichtenteil durch Werbeanzeigen subventioniert, niemand zahlte
> also den vollen Preis für das Nachrichtenangebot. Inzwischen erlebt die
> Werbewirtschaft einen derart dramatischen Wandel, dass auch die
> Subvention durch Werbung bedroht ist. Ich rate daher jedem, der sich um
> die Qualitätspresse Sorgen macht, auf die Suche nach jeglicher Form der
> Förderung zu machen, die es gibt. Natürlich ist jede davon mit
> besonderen Problemen und Unwägbarkeiten behaftet, und manche werden sich
> als unpraktikabel herausstellen.
>
>
> » Qualitätszeitungen werden uns wohl erhalten bleiben «
>
> Jay Rosen
>
> sueddeutsche.de: Sehen Sie auch den Staat in der Pflicht?
>
> Rosen: In den USA wäre eine staatliche Alimentierung ein Desaster.
> Unsere Erfahrung mit dem öffentlichen Rundfunksystem PBS lehrt uns, dass
> die Republikanische Partei bei staatlicher Subvention diese Art der
> Finanzierung politisieren und der Presse eine linke Befangenheit
> vorwerfen würde. Das würde keine Woche dauern. Aber es gibt ja auch noch
> Stiftungen, die finanziell viel stärker sind als der Staat, und auch der
> Non-Profit-Sektor ist riesig. Trotzdem sind reiche Leute, die ein
> Problembewusstsein dafür haben und es sich leisten können, Geld zu
> verlieren, manchmal die beste Lösung. Praktisch alle politischen
> Magazine in den USA finanzieren sich so.
>
> sueddeutsche.de: Aber in einigen Ländern scheinen staatliche Zuwendungen
> ja trotzdem zu funktionieren.
>
> Rosen: In Skandinavien vertrauen die Menschen dem Staat mehr, weshalb
> staatliche Subventionen dort offenbar eine Option darstellen – aber auch
> nur, solange sich die Regierung aus dem Nachrichtengeschäft raushält.
> Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir allen Wegen folgen müssen, um zu
> sehen, wohin sie führen. Wir sollten keine Möglichkeit auslassen. Dafür
> brauchen wir eine Menge Leute und Ideen, um viele unterschiedliche Dinge
> auszuprobieren. Und wir brauchen neue Leistungsfähigkeiten genauso wie
> neue Finanzierungsmodelle – oder, wie man in Amerika sagen würde: 'New
> players, new instruments, new melodies, new beats.’
>
> Jay Rosen, geboren 1956 in Buffalo/New York, ist Professor für
> Journalismus an der New York University und betreibt seit fünf Jahren
> das führende Journalismus-Blog PressThink, das 2005 mit dem Freedom Blog
> Award von "Reporter ohne Grenzen" ausgezeichnet wurde. Rosen bloggt
> außerdem regelmäßig für The Huffington Post und gründete im Juli 2006
> NewsAssignment.Net, eine Open-News-Plattform für Amateurschreiber und
> professionelle Journalisten, die unter anderem von der
> Nachrichtenagentur Reuters mit 100.000 Dollar gefördert wird. Rosen ist
> Beiratsmitglied der Enzyklopädie Wikipedia und Autor des Buches "What
> are Journalists for?" (1999), das sich mit der Ausbreitung des
> Bürgerjournalismus beschäftigt.
>
> (sueddeutsche.de/ehr)
>
> _______________________________________________
> echo mailing list
> echo at soundwarez.org
> http://soundwarez.org/mailman/listinfo/echo
----- Original Message -----
From: <2og at gmx.net>
To: <echo at soundwarez.org>
Sent: Thursday, March 13, 2008 12:01 PM
Subject: [echo] "Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"
Interview zur Zukunft des Journalismus
"Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"
"Gegenläufiges Publizieren", erst fürs Netz und dann fürs Print, ist für
Jay Rosen der Schlüssel zum Erfolg. Im Interview erklärt er, warum die
Zukunft den Bloggern und Bürgerjournalisten gehört.
Interview: Leif Kramp und Stephan Weichert
"Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht
Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner
Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de
Interviews mit namhaften Experten auf. Alle Interviews sind unter
sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.
sueddeutsche.de: Mr. Rosen, in Deutschland streiten sich Zeitungsverlage
und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten derzeit über die Ausbreitung
der Online-Aktivitäten gebührenfinanzierter Sender. Was halten Sie davon?
Jay Rosen: Die Zeitungsverlage haben natürlich Recht, wenn sie darin
eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Aber wenn sie schon so etwas aufregt,
haben sie wahrscheinlich nicht das Zeug dazu, gute eigene
Online-Angeboten anzubieten.
sueddeutsche.de: Wie stehen Sie zu der verbreiteten Strategie, bekannte
Zeitungsmarken auf das Internet auszuweiten?
Rosen: Anfangs haben Verleger im Netz nur eine Möglichkeit gesehen, ihr
schon vorhandenes Produkt weiterzuverwerten: die gedruckte Zeitung. Sie
nahmen also die Zeitung und stellten sie eins zu eins ins Internet. Das
war in den USA von etwa 1996 bis 2004 übliche Praxis. Aber das Netz ist
ja bekanntlich flexibel und kann viele Sachen. Als die Zeitungsverleger
das Internet also baten, ihrer alten gedruckten Zeitung eine zweite
Heimat zu geben, antwortete es: Okay, Boss! Und das hieß dann schmissig:
die Marke auszubauen. Doch unterm Strich war es eine Verweigerung, sich
auf die neue Plattform wirklich einzulassen.
sueddeutsche.de: Was bedeutet es denn, sich auf das Internet "einzulassen"?
Rosen: Wer sich im Netz engagieren will, muss zuerst fragen: Was kann
das Internet überhaupt? Aber das passierte in den USA bis vor drei oder
vier Jahren kaum. Erst dann wurden die Web-Auftritte der Zeitungen
plötzlich interaktiver, verlinkten sich mit dem Rest der Online-Welt,
ermutigten ihre eigenen Leute, zu bloggen und mit dem "gegenläufigen
Publizieren" zu beginnen, sprich: zuerst fürs Netz zu produzieren und
daraus dann das beste Material herauszufiltern, um es später zu drucken.
In Deutschland ist eigentlich nur ein Unternehmen auf der Höhe der Zeit,
was diese Strategie angeht: Burda. Und das auch nur wegen eines Mannes:
Hubert Burda, der bereit ist, voraus zu denken und sich ständig
weiterzubilden.
Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, wie das Web 2.0 den
professionellen Journalismus verändert.
sueddeutsche.de: Wie gesund ist es für die Traditionsverlage, sich im
Internet verstärkt Audio- und Videoformaten zuzuwenden?
Rosen: Plötzlich Audio und Video gutzuheißen, nur, weil die Zukunft
"Multi-Media" oder so etwas in der Art sein soll, halte ich, gelinde
gesagt, für dumm. Genauso halte ich es aber auch für dumm, wenn ich
Jemanden sagen höre: "Wir sind Verleger, wir machen kein Fernsehen." Die
enormen Stärken der Verlage liegen in ihrer Begabung, Ereignisse
zusammenzufassen, auszusieben und für eine breite Öffentlichkeit das
auszuwählen, was heute unsere Aufmerksamkeit verdient, kurzum: die uns
dabei helfen, Zeit zu sparen.
Wenn das also der Vorzug der Zeitungen ist, dann sollten sie auch daran
arbeiten, diese Fertigkeiten auf Audio und Video, aber auch auf das
Texten, Fotos, Blogs, Links und Daten zu übertragen. Die wirkliche
Herausforderung liegt also nicht in der Frage, "Sollen wir auch noch
Fernsehen machen?", sondern: "Wie können wir auf intelligente Weise das
herausfiltern, was da draußen vor sich geht?" Und die Antwort darauf
ist, stärker mit den Leuten, für die man diese Informationen filtert,
ins Gespräch zu kommen. Nichts anderes tut ein sehr guter Blogger, wenn
er mit den Nutzern kommuniziert.
» Manche Verleger denken bis heute, dass Begriffe wie "Neu-Erfindung"
ein schlechter Witz seien. «
Jay Rosen
sueddeutsche.de: Könnten Blogger und Bürgerjournalisten dann nicht
irgendwann den professionellen Journalismus ersetzen?
Rosen: Wir werden auch im Web 2.0 Journalisten brauchen, sie werden aber
kein Monopol mehr als "die Presse" besitzen. Zeitungshäuser haben nun
mal die schlechte Angewohnheit, Lernprozessen gegenüber feindlich
eingestellt und in technischen Dingen Analphabeten zu sein. In den
ersten acht bis zehn Jahren, seit das Internet existiert, waren die für
die Online-Ausgabe zuständigen Leute bei den meisten Zeitungen in einer
anderen Abteilung und manchmal – wie bei den San Antonio Express-News,
der New York Times und der Washington Post – sogar in einem anderen
Gebäude untergebracht! Eine Folge davon ist, dass sich die meisten
Redakteure erst gar nicht in die Arbeitsweisen des Internet einarbeiten
mussten und sich die Zeitungsmacher keinerlei tiefer gehende Fragen
darüber stellten, was nun eigentlich das Besonderes am Web ist.
sueddeutsche.de: Wie konnten die Verleger nur so blind für die neuen
Möglichkeiten sein?
Rosen: Nachrichtenorganisationen sind kein sonderlich gutes Lern-Umfeld:
Die Verlage sind es gewohnt, sehr wenig für die Aus- und Fortbildung
ihrer Mitarbeiter auszugeben, und die Newsroom-Kultur steht
Veränderungen häufig skeptisch gegenüber. Manche Verleger denken bis
heute, dass Begriffe wie "Neu-Erfindung" ein schlechter Witz seien, der
auf Gurus zutrifft, aber nicht auf Journalisten. Bis vor kurzem noch
gaben die Reaktionäre den Ton an. Jetzt müssen sich dieselben Leute, die
zuvor dachten, Wiederverwertung sei eine gute Idee, sehr beeilen, mit
dem Web zurechtzukommen – bevor es zu spät ist. Und viele von ihnen sind
nicht glücklich darüber. Das ist natürlich besonders frustrierend für
jüngere Leute, die den Zeitungen dabei helfen wollen, zu überleben und
in ihrer neuen Umgebung zu gedeihen.
sueddeutsche.de: Wozu brauchen wir künftig überhaupt noch Zeitungen auf
Papier?
Rosen: Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir wirklich noch gedruckte
Zeitungen brauchen. Diese spezielle Publikationsform, also auf billiges
Papier gedruckte und von Werbeanzeigen umgebene Nachrichten, wird
möglicherweise nicht überleben. Was wir dagegen brauchen, sind
Nachrichtenorganisationen mit jeder Menge kluger Leute, die
zusammenarbeiten, um herauszufinden, was in der Welt passiert und das
Publikum möglichst schnell darüber zu informieren – ohne für ihr
Endprodukt viel Geld zu verlangen. Der Grund, warum wir solche
Organisationen brauchen, ist simpel: Die Reichen und Mächtigen, die
Unternehmensbosse, haben es sich schon immer leisten können, informiert
zu sein. Das war ja auch ursprünglich die Idee der modernen Zeitung mit
einer hohen Verbreitung: Jeder, der lesen kann, jeder, der wählen kann,
sollte in der Lage sein, sich zu informieren, und nicht nur die Reichen
und Mächtigen. Das ist auch heute noch der Grund, warum wir Zeitungen –
sorry, ich meine natürlich: Nachrichtenorganisationen – brauchen: Diese
Idee lebt deshalb weiter, weil es immer noch einen demokratischen Impuls
in unserer Gesellschaft gibt. Die "öffentliche Meinung" und die moderne
Presse hängen zusammen. Lesen Sie Habermas’ "Strukturwandel der
Öffentlichkeit" um zu verstehen, wie eng diese Verbindung ist. Daran
wird sich nichts ändern, und deshalb ist es so wichtig, sich um die
Zukunft der Presse Sorgen zu machen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, inwiefern Rosen eine staatliche
Subventionierung für sinnvoll erachtet.
sueddeutsche.de: Wie viel Zeit bleibt der gedruckten Zeitung noch?
Rosen: Qualitätszeitungen wie New York Times, Washington Post und Wall
Street Journal oder der Guardian in Großbritannien werden uns wohl
erhalten bleiben. Aber eben nicht als "Zeitungen", sondern als
Nachrichtenorganisationen, die viele Dinge tun werden und nur
gelegentlich Papier bedrucken.
sueddeutsche.de: Könnten Subventionen der drohenden Erosion des
Qualitätsjournalismus entgegenwirken?
Rosen: Die moderne Presse ist ja bereits subventioniert. Lange Zeit war
der Nachrichtenteil durch Werbeanzeigen subventioniert, niemand zahlte
also den vollen Preis für das Nachrichtenangebot. Inzwischen erlebt die
Werbewirtschaft einen derart dramatischen Wandel, dass auch die
Subvention durch Werbung bedroht ist. Ich rate daher jedem, der sich um
die Qualitätspresse Sorgen macht, auf die Suche nach jeglicher Form der
Förderung zu machen, die es gibt. Natürlich ist jede davon mit
besonderen Problemen und Unwägbarkeiten behaftet, und manche werden sich
als unpraktikabel herausstellen.
» Qualitätszeitungen werden uns wohl erhalten bleiben «
Jay Rosen
sueddeutsche.de: Sehen Sie auch den Staat in der Pflicht?
Rosen: In den USA wäre eine staatliche Alimentierung ein Desaster.
Unsere Erfahrung mit dem öffentlichen Rundfunksystem PBS lehrt uns, dass
die Republikanische Partei bei staatlicher Subvention diese Art der
Finanzierung politisieren und der Presse eine linke Befangenheit
vorwerfen würde. Das würde keine Woche dauern. Aber es gibt ja auch noch
Stiftungen, die finanziell viel stärker sind als der Staat, und auch der
Non-Profit-Sektor ist riesig. Trotzdem sind reiche Leute, die ein
Problembewusstsein dafür haben und es sich leisten können, Geld zu
verlieren, manchmal die beste Lösung. Praktisch alle politischen
Magazine in den USA finanzieren sich so.
sueddeutsche.de: Aber in einigen Ländern scheinen staatliche Zuwendungen
ja trotzdem zu funktionieren.
Rosen: In Skandinavien vertrauen die Menschen dem Staat mehr, weshalb
staatliche Subventionen dort offenbar eine Option darstellen – aber auch
nur, solange sich die Regierung aus dem Nachrichtengeschäft raushält.
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir allen Wegen folgen müssen, um zu
sehen, wohin sie führen. Wir sollten keine Möglichkeit auslassen. Dafür
brauchen wir eine Menge Leute und Ideen, um viele unterschiedliche Dinge
auszuprobieren. Und wir brauchen neue Leistungsfähigkeiten genauso wie
neue Finanzierungsmodelle – oder, wie man in Amerika sagen würde: 'New
players, new instruments, new melodies, new beats.’
Jay Rosen, geboren 1956 in Buffalo/New York, ist Professor für
Journalismus an der New York University und betreibt seit fünf Jahren
das führende Journalismus-Blog PressThink, das 2005 mit dem Freedom Blog
Award von "Reporter ohne Grenzen" ausgezeichnet wurde. Rosen bloggt
außerdem regelmäßig für The Huffington Post und gründete im Juli 2006
NewsAssignment.Net, eine Open-News-Plattform für Amateurschreiber und
professionelle Journalisten, die unter anderem von der
Nachrichtenagentur Reuters mit 100.000 Dollar gefördert wird. Rosen ist
Beiratsmitglied der Enzyklopädie Wikipedia und Autor des Buches "What
are Journalists for?" (1999), das sich mit der Ausbreitung des
Bürgerjournalismus beschäftigt.
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