[echo] Im Stechschritt zu Apfelprinzessin Angela

2og at gmx.net 2og at gmx.net
Sun Mar 16 11:14:56 CET 2008


SATIRE-MARSCH AUF BERLIN
Im Stechschritt zu Apfelprinzessin Angela

Von Sebastian Wieschowski

Gegen Südfrüchte und faules Fallobst – die Anhänger der "Front Deutscher 
Äpfel" machen sich mit markigen Parolen, schwarzen Mänteln und roten 
Armbinden über rechte Umtriebe lustig. Am Samstagmittag marschierte die 
Apfelfront durch das Berliner Regierungsviertel – und hielt Passanten 
und Polizisten in Atem.

Berlin - Sie gehen in Deckung. Verstecken sich hinter ihren 
Sonnenbrillen und in ihren Wintermänteln. Ehrfürchtig beobachtet ein 
älteres Ehepaar den schwarzen Block, der soeben den Platz vor dem 
Berliner Hauptbahnhof okkupiert hat. Vorsichtig gehen beide ein paar 
Schritte auf die Meute zu. Plötzlich marschiert der Feind auf die 
erschreckten Senioren zu.

"Darf ich mich vorstellen, ich komme von der Front Deutscher Äpfel", 
sagt der Junge im wärmsten Türklinkenputzer-Ton. Und bevor die Senioren 
reagieren können, brummt die menschgewordene Propagandamaschine los und 
klärt die Passanten über den Aufzug auf. "Ihr seid wirklich gegen die 
Nazis?", fragt die Seniorin anschließend erleichtert. "Das ist 
herrlich", jauchzt sie. Ihr Gesicht verliert die verängstigte Anspannung.

Die Apfelfront hat zum Marsch auf Berlin geblasen. Um gegen die 
Überfremdung des deutschen Obstbestandes, gegen Südfrüchte, gegen faules 
Fallobst und ganz nebenbei gegen rechtsradikale Umtriebe in Deutschland 
ein Zeichen zu setzen, sind Anhänger der Satiregruppe aus ganz 
Deutschland angereist. Denn inzwischen kämpft die Front auch im 
"Boskopistischen Gau Bayern", dem "Alkmenen-Gau Mark Brandenburg" oder 
dem Gau "Streuobstwiesen Niedersachsen-Bremen". Als Führer aller Äpfel 
tritt der Leipziger Aktionskünstler Alf Thum auf. Der schiebt sich 
erstmal die Designerbrille zurecht, sein Adjutant starrt auf das 
Front-Fon. Das nenne sich eigentlich "iPhone" und werde von einem 
Apfelfront-nahen Betrieb namens "Apple" hergestellt, erklärt der Aktivist.

Etwa 50 Anhänger der Apfelfront sind zum Marsch auf Berlin gekommen, der 
beim Ordnungsamt bewusst nicht als Demonstration, sondern als 
Klassenfahrt angemeldet wurde und - wie es sich für ein ernsthaft 
totalitäres Regime gehört – kräftig für die Propaganda ausgeschlachtet 
wird. Kameras stehen bereit, ein paar Fahnenträger bringen sich in 
Stellung. Die Regie übernimmt Oberapfel Thum höchstpersönlich: "Strikter 
Blick", fordert er. "Ihr stürmt jetzt den Reichstag", erinnert er seine 
Gefolgsleute. Dann gibt er das Kommando: "Und bitte." Die Truppe 
marschiert los, das Gesicht regungslos in Richtung Kanzleramt gerichtet. 
"Lünks, rrrrröchts", plärren sie ziemlich lustlos.

Bevor der Klassenmarsch auf die Hauptstadt (das "steingewordene soziale 
Problem") beginnen kann, zeigt die Staatsmacht ein wenig Stärke - 
mehrere Beamte reden mit bemüht ernster Stimme auf den Apfel-Führer ein, 
der gerade auf seinem tragbaren Regierungssitz Platz genommen hat. "Sie 
haben keine Kundgebung angemeldet", erinnert der Wachmann den 
Freizeit-Diktator, der nun von der Polizei angewiesen wird, sich wie ein 
normaler Fußgänger zu benehmen und auf keinen Fall bei Rot über die 
Ampel zu marschieren.

Nach ein paar Minuten ist der studentische Revolutionsspaziergang in der 
Bannmeile angekommen. Grölen und Trampeln ist jetzt nicht mehr 
gestattet, es wird vor dem mächtigen Kanzleramt lieber geflüstert und 
getippelt. Nur Thum spricht klar und deutlich: Wenn die Kanzlerin 
endlich gestürzt und die Bananen- in eine Apfelrepublik verwandelt sei, 
werde Angela trotzdem einen kleinen Posten bekommen: Als erste 
Apfelprinzessin.

Die Polizei ist dem Klassenausflug währenddessen peinlich genau auf den 
Fersen. Gleich mehrere grün-weiße Fahrzeuge warten vor dem Reichstag auf 
den schwarzen Spaßblock. Den satirischen Charakter der Klassenfahrt 
wollen die Sicherheitsbeamten vor dem Bundestag auch nicht anerkennen, 
als der Oberapfel den Klassenlehrer gibt und seine Schüler belehrt: "Wir 
stehen hier vor dem Heidelberger Schloss." Ob die Sicherheitskräfte über 
die Witzattacke nicht lachen können oder nicht dürfen - Unterapfel 
Sebastian Jabbusch ist sich nicht sicher: "Die haben schon ein wenig 
Angst", vermutet er. Immerhin sehe die Apfelfront schon ein wenig wie 
ein Demonstrationszug aus. Deshalb gilt als Faustregel: "Lautlos 
marschieren, nicht demonstrieren." Oder nur ein bisschen.

Der Apfelsturm auf den Reichstag fällt schließlich aus. Staatsmacht und 
Spaziermarschierer einigen sich mit diplomatischen Worten darauf, dass 
die Apfelfront nicht die Treppe zum Reichstag hinauf marschiert, sondern 
direkt zum Brandenburger Tor. Auch hier treffen sie auf besorgte 
Ordnungshüter - und auf entsetzte Passanten: "Das hatten wir alles 
schonmal", seufzt ein Tourist mit ernstem Blick. Zuvor hat Jabbusch fast 
genau an der Stelle, wo einst die Berliner Mauer stand, die politischen 
Ziele der Apfelfront verkündet: "Wir bieten Ihnen Liebe, Geborgenheit 
und iPods."

Der Tourist findet die markigen Versprechen alles andere als witzig: 
"Ich kann nicht glauben, dass das nur Spaß sein soll", empört er sich. 
Das Aussehen, das Vokabular, die Symbolik - viele Passanten geraten in 
eine argumentative Abwehrhaltung, wenn sie auf die Satiretruppe treffen. 
Und die hat für die optische Gleichschaltung des erstaunten Fußvolkes 
säckeweise Apfelfähnchen gebastelt, die sie an kleine Kinder verteilen. 
Die Eltern freut’s, schließlich ist so ein Apfel mächtig gesund.

[spiegelOnline]



More information about the echo mailing list