[echo] "Es wird hässlich werden"

Tristan von Neumann tristanvonneumann at gmx.de
Mon May 5 13:36:20 CEST 2008


Die weltweite Krise der Finanzmärkte senkt ihren drohenden Schatten auch 
über den bislang florierenden Kunstmarkt. Noch gibt man sich in der 
Branche zuversichtlich, doch die New Yorker Frühjahrsauktionen werden 
zeigen: Ist die Galgenfrist bis zum unausweichlichen Crash bereits 
verstrichen?

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David Norman wollte sich erst gar nicht auf große Diskussionen über den 
Zustand des Kunstmarktes einlassen. "Wir sind zuversichtlich", gab der 
Co-Direktor für Impressionismus und moderne Kunst bei Sotheby's nur 
knapp und trocken bekannt, bevor er in der New Yorker Zentrale des 
Kunsthandelshauses das auf rund 800 Millionen Dollar geschätzte Angebot 
seiner Firma für die diesjährigen Frühjahrsauktionen präsentierte. Dann 
bat er, die Aufmerksamkeit doch auf das wunderbare Sortiment zu lenken, 
das Norman und seine Kollegen für die Versteigerungen, die an diesem 
Dienstag beginnen, zusammen getragen hatte.

Dass Norman lieber über die Farbgebung der "Mädchen auf einer Brücke" 
von Edvard Munch oder über die kunsthistorische Bedeutung von Fernand 
Legers "Etude pour La Femme en Bleu" plaudern wollte, als über die harte 
ökonomische Realität seiner Branche, war nachvollziehbar. Denn auch wenn 
sich bei den New Yorker Auktionen im vergangenen November und bei den 
Londoner Verkäufen im Februar diesen Jahres der Boom der letzten Jahre 
noch fortsetzte, ist man nervös im Kunstgeschäft.

Früher oder später, darüber ist man sich im Klaren, wird sich die 
Rezession der US-Wirtschaft auch auf den Kunstmarkt auswirken. "Wir 
haben durch den schwachen Dollar und die Käufer, die er anlockt, noch 
eine Galgenfrist bekommen", sagte Amy Cappelazzo, Vizepräsidentin für 
zeitgenössische Kunst bei Christie's, jüngst bei einer Podiumsdiskussion 
in New York. "Aber der Markt wird schrumpfen. Leute werden Geld 
verlieren, Arbeitsplätze werden verloren gehen. Es wird hässlich werden."

Die große Frage an der York Avenue bei Sotheby's und am Rockefeller 
Center bei Christie's ist dieser Tage, ob der Crash schon diese Woche 
stattfindet oder ob er noch ein wenig auf sich warten lässt. Das letzte 
Mal dauerte es drei Jahre, bis sich die Krise der Finanzmärkte am 
"schwarzen Montag" 1987 auf den Kunstmarkt auswirkte. Damals, im Herbst 
1990, blieben Christie's und Sotheby's auf der Hälfte ihrer Angebote 
sitzen. Es war ein Tag, wie ihn hier niemand so schnell noch einmal 
erleben möchte, zumal die immer höheren Garantiesummen, die die 
Auktionshäuser ihren Anbietern einräumen, ihr Risiko enorm erhöht haben.

*Riskantes Roulette*

So sichert Christie's in diesem Frühjahr beispielsweise dem 
monegassischen Sammler David Nahmad für einen Monet unabhängig der 
Versteigerungssumme 35 Millionen Dollar zu. Insgesamt 115 Verkäufe sind 
bei den Verkäufen in diesem Frühjahr durch Sotheby's und Christie's 
gesichert -- 14 mehr als noch im Herbst. Im vergangenen Jahr garantierte 
Sotheby's Werke in der Höhe von 902 Millionen, doppelt so viel wie 2006.

Man munkelt sogar, dass Christie's und Sotheby's dazu übergegangen sind, 
einige der Werke, die sie versteigern, den Anbietern vorher komplett 
abzukaufen. Auf diese Weise versuchen die Häuser, den immer nervöser 
werdenden Sammlermarkt zu beschwichtigen. Laut einer Untersuchung des 
Londoner Forschungsinstituts ArtTactic ist das Vertrauen in den Markt 
nämlich in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gesunken. Doch die 
Garantie-Praxis ist ein Roulette: "Das geht so lange gut, wie die 
Nachfrage wächst", sagte der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen dem 
"Wall Street Journal". "Aber wenn die Nachfrage plötzlich ausbleibt, 
haben die Firmen ein massives Problem."

So versucht man sich bei Christie's und Sotheby's vor den anstehenden 
Verkäufen Mut zu machen. "Wir sind gewiss nicht gegenüber den Einflüssen 
der Außenwelt immun", sagte Robert Manley, der bei Christie's für die 
seit drei Jahren besonders stark nachgefragte zeitgenössische Kunst 
zuständig ist, während der Vorschau auf das diesjährige Saisonangebot 
seines Hauses. "Aber wir sind auch nicht Eins zu Eins den Schwankungen 
der Wall Street ausgeliefert."

Die Globalisierung des Kunstmarktes mit der wachsenden Anzahl an Käufern 
aus Russland, Nahost und China, betete Manley das Standardargument für 
einen ungehemmt wachsenden Kunstmarkt herunter, dämpfe die Auswirkungen 
der Rezession in den USA auf das Geschäft mit den Meisterwerken. Sein 
Kollege Conor Jordan von Christie's Abeilung für Moderne und 
Impressionismus gab gegenüber SPIEGEL ONLINE hingegen zu, dass trotz der 
Globalisierung noch immer die meisten Käufer aus den USA stammten.

*Gefundenes Fressen für Großwildjäger*

Diese Tatsache wird derzeit für Sotheby's mehr und mehr zum Problem. Das 
"Wall Street Journal" berichtete in der vergangenen Woche, dass die 
Londoner Firma Schwierigkeiten habe, ihre Schulden bei Käufern 
einzutreiben. Insgesamt 835 Millionen Dollar Außenstände habe Sotheby's 
bei Käufern, die mit ihren Zahlungen nicht nachkommen. Ein Großteil 
davon, so das "Journal", dürften amerikanische Financiers und 
Immobilienspekulanten sein, die durch die Wirtschafskrise in Not geraten 
sind. Nicht zuletzt wegen dieser angespannten Kreditlage fiel die 
Sotheby's-Aktie an der Wall Street seit vergangenen Oktober um 57 Prozent.

Offiziell demonstrieren die Auktionshäuser freilich trotz allem 
Vertrauen in einen weiterhin ins Unendliche wachsenden Kunstmarkt. 
Tatsächlich ist ihr Frühjahrsangebot jedoch bereits ein Zugeständnis an 
eine deutlich gedämpfte Stimmung. Die Kataloge sind schmaler, bei den 
großen Abend-Auktionen werden 25 Prozent weniger Werke angeboten als im 
Vorjahr. Dabei sind vor allem die Angebote im mittleren Preisbereich 
unter fünf Millionen weniger geworden. "Die Käufer, die sehr viel Geld 
anlegen, sind nicht so stark von der Wirtschaftskrise betroffen, wie 
die, die nicht ganz so viel bezahlen können", erklärt Conor Jordan von 
Christie's die Angebotsumschichtung. "Die wirklich guten Sachen werden 
jedoch auch weiterhin stark abschneiden."

Für die Großwildjäger unter den Kunstsammlern gibt es deshalb in New 
York wieder reichlich zu holen: Einen Francis Bacon-Triptychon zu 
geschätztem 70 Millionen etwa oder ein Akt von Lucian Freud für 
geschätzte 35 und ein Mark Rothko zu 40 Millionen bei Christie's. 
Insgesamt hoffen die Häuser auf einen Umsatz zwischen 1,3 und 1,8 
Milliarden in den kommenden zwei Wochen. Allerdings, so Robert Manley 
von Christie's zu den Prognosen, könne "natürlich niemand hier durch 
eine Kristallkugel in die Zukunft sehen." Dabei würde man das dieser 
Tage im New Yorker Kunstgeschäft nur allzu gerne.


http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,551409,00.html




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