[echo] Missbrauchte Moneten
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Tue May 6 09:35:52 CEST 2008
Falsch verwendete Studiengebühren
Missbrauchte Moneten
Studiengebühren sollten die Lehre an den Hochschulen verbessern. Nun
stellt sich heraus: Viele Unis machen mit dem Geld der Studenten, was
sie wollen.
Von wem die Wirtschaftsingenieurin Nadia Bleher ihr Gehalt bekommt,
steht am Türschild. Zimmer 32/130 steht dort, daneben klebt ein blauer
Button der Hohenheimer Universität: "Aus Studiengebühren finanziert"
lautet die Aufschrift. "Damit wird auch meinen Studenten klar, dass ich
vor allem für sie da bin", sagt Bleher.
Doch nicht nur mit Blehers 25-Prozent-Stelle, die hauptsächlich aus
Mathematikübungen für Bachelor-Studierende besteht, geht die Uni
Hohenheim transparent um. Auf jedem Buch und jedem Beamer, der aus
Gebühren bezahlt wird, klebt der blaue Button.
Mit dieser Offenheit ist die bei Stuttgart gelegene Universität eine
große Ausnahme. Denn weder wissen deutsche Studierende, wofür genau ihr
Geld ausgegeben wird, noch werden Gebühren immer sinnvoll investiert.
Sukzessive seit Herbst 2006 müssen Studierende in verschiedenen
Bundesländern Gebühren bezahlen. 70 Prozent der Unis in Deutschland
profitieren davon, fast 1 Milliarde Euro kommt in der Kassen. Die
einzige Vorgabe ist, dass das Geld nur für die Verbesserung von Lehre
und Studium zu verwenden ist. Doch trotzdem machen viele Unis mit dem
Geld der Studenten, was sie wollen.
So hat sich die Universität des Saarlands etwas ganz Besonderes
ausgedacht. Besser gesagt: etwas ganz besonders teueres. Für 93.000 Euro
stattete sie die Studierenden aus Gebührengeldern mit
USB-Datenspeichersticks aus, für knapp 15 Euro pro Stück. Die
Speichersticks könnten sich die Studis zwar in jedem
Elektro-Discountmarkt billiger kaufen, doch immerhin prangt auf den
USB-Sticks auch das Logo der Uni: eine Eule, Sinnbild der Weisheit.
"Damit will die Universität des Saarlandes auch dem Wunsch vieler
Studierender nach einer größeren Identifikation mit ihrer Universität
entsprechen", zeigt sich die Unileitung begeistert. "Eine vollkommen
schwachsinnige Aktion", findet hingegen Daniel Koster vom Asta der Uni.
"Man zahlt 500 Euro und bekommt einen USB-Stick. Das ist doch lächerlich."
Saarbrücken ist nicht das einzige Beispiel für Gebührenverschwendung.
Die Hochschule für Musik in Detmold finanziert aus Studiengebühren
Yogakurse - die mit 540 Euro für 20 Studierende allerdings recht günstig
ausfallen. Andere Unis, darunter die Göttinger, wollen das Geld der
Studierenden für neue Klimaanlagen ausgeben. Das Institut für
Materialprüfung an der Stuttgarter Uni leistet sich von den Gebühren
einen "Hochfrequenzpulsator mit Probenhalterung" für 98.000 Euro.
Die Universitäten in Ulm und Freiburg planten gar, Studiengebühren für
die gestiegenen Heizkosten auszugeben, und lösten so wochenlange
Proteste aus. In Passau wollten die Uni-Oberen Tiefgaragen sanieren,
zogen den abstrusen Plan aber wieder zurück.
Die Universität Gießen lässt mit Gebührengeld den Parkettfußboden im
Musiksaal 019 instand setzen. Obendrein will sie aus Gebühren zwei
Professuren in Politikwissenschaft und Soziologie finanzieren - deren
Aufgabe bekanntlich nicht nur die Lehre ist. So steht es im "Weißbuch
zur Verwendung der Einnahmen aus Studienbeiträgen an den Hessischen
Hochschulen". Also ein Verstoß gegen das Verbot, Studentengeld in die
Forschung zu stecken.
Kein Wunder also, dass die Studierenden skeptisch bleiben gegenüber der
Campus-Maut. Eine im Dezember veröffentlichte Studie des
Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover zeigt: Nur 5 Prozent
der Befragten rechnen damit, dass sich durch die Gebühren die
Studienbedingungen deutlich verbessern. Zwei Drittel fühlen sich nicht
ausreichend am Prozess der Verteilung der Studiengebühren beteiligt.
Ebenso viele lehnen sie ganz ab.
Kein Konzept für Gebühren
"Den Hochschulen fehlt häufig noch ein Gesamtkonzept, wofür sie
Studiengebühren verwenden", sagt selbst Ulrich Müller vom
wirtschaftsliberalen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das sich
jahrelang für die Einführung von Gebühren eingesetzt hat. Anke Burkhardt
vom Institut für Hochschulforschung in Wittenberg findet: "Es braucht
dringend klarere Kriterien, wofür die Gebühren eingesetzt werden."
Alles andere als sinnlos, aber dafür äußerst kostspielig ist ein
Vorhaben an der Universität Bonn. Dort werden die Medizinstudenten mit
ihren Gebühren zu Bauherren. Auf dem Bonner Venusberg entsteht ein neues
Seminargebäude. Kosten: 4,6 Millionen Euro - zu 100 Prozent finanziert
von Studierenden. Studiendekan Thomas Schläpfer nennt das einen
"Befreiungsschlag" für Raumprobleme. Und Unirektor Matthias Winiger
schiebt die Schuld auf andere: Das Gebäude sei "auf ausdrücklichen
Wunsch der Studierenden entstanden".
Aber warum müssen ausgerechnet die Studierenden die Unterfinanzierung
der Unis ausbügeln? Dass Studierende in Beton investieren, sieht auch
CHE-Experte Müller kritisch. "Wer Gebühren bezahlt, sollte sofort eine
Verbesserung spüren", sagt er. "Gebäude werden erst in ein paar Jahren
fertig."
Nicht dass alle Universitäten ihre Gebührenmillionen verschwenden
würden: Vielerorts wurden ganze Heere von Tutoren eingestellt, neue
Lehrbücher angeschafft und die Bibliotheksöffnungszeiten verlängert. Die
Unibibliothek Dortmund etwa ist außer sonntags rund um die Uhr geöffnet.
Oft investieren die Studenten aber in die Infrastruktur der Unis: Für
Hunderttausende von Euros werden WLAN-Netze installiert, Computer
gekauft und Scanstationen angeschafft - Modernisierung mit den Moneten
der Studis.
Ein erheblicher Teil der Gebühren bleibt nicht einmal an den
Hochschulen. Bis zu 18 Prozent fließen, je nach Bundesland, in
sogenannte Ausfallfonds, mit denen die Länder ihre
Studiengebührenkredite absichern. Auch die Verwaltung und Verteilung der
Studiengebühren kostet Geld, und das nicht zu knapp. 169.000 Euro kommen
allein an der Uni Augsburg pro Semester zusammen - mehr als 3 Prozent
der Gebühren fließen damit in Bürokratie.
Das zwingt auch die Politik zu Reaktionen. Nachdem Medien darauf
aufmerksam gemacht hatten, dass in Köln gerade mal ein Viertel der
Gebühren tatsächlich auf die Verbesserung des Studiums verwandt wird,
tobte FDP-Wissenschaftsminister des Landes, Andreas Pinkwart. Wenn die
Unis ihre Gebühren nicht rechtmäßig ausgeben könnten, sollten sie sie
senken - oder zurückgeben, schimpfte er (siehe unten).
Gebührenexperte Müller findet dagegen, dass der Einfluss der
Studierenden auf die Verwendung ihrer Gebühren stärker werden sollte.
Zwar sitzen an den meisten Universitäten bereits heute Studierende in
den Kommissionen, die über die Verwendung der Gebühren entscheiden, doch
sind sie dort oft in der Minderheit. "Die Studierenden sollten eine Art
Vetorecht haben", sagt Müller, "wenn nicht sogar allein über einen Teil
des Budgets entscheiden."
Aber auch dort, wo Studenten mitbestimmen, geht manches schief. An der
TU Darmstadt können die Studierenden Entscheidungen, die ihnen nicht
genehm sind, per Veto kippen. Am Fachbereich Informatik fanden die
Studierenden, dass sich die Studienbedingungen so verbessern lassen:
durch einen neuen Fahrradständer - für 4.000 Euro.
WOLF SCHMIDT/taz.de
[als kleiner exkurs beim thema moneten sei noch angemerkt, dass sich
unsere bundestagsabgeordneten die diäten erneut eröhen wollen. die
letzte erhöhung war ja auch vor ewigen 6 monaten!]
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