[echo] Rubrik: Medien&PR-Querschläger | Keine Shakehands mit Herrn Dings

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Wed May 7 09:19:58 CEST 2008



LIDL-CHEF GEHRIG BEI KERNER
Keine Shakehands mit Herrn Dings

Lidl macht mobil: Mit einer Interview-Offensive will der Discounter sein 
Schmuddel-Image loswerden, den Überwachungsskandal vergessen machen. Bei 
TV-Talker Kerner ging das nach hinten los – Aufsichtsratschef Gehrig 
zeigte sich selbstgerecht, arrogant, uneinsichtig.

Hamburg – Es gibt manchmal Sätze, die mit wenigen Worten ungeahnte 
Klarheit in umständliche Debatten bringen: "Haben Sie denn gelesen, was 
ich geschrieben habe?", fragt der Journalist und Undercover-Rechercheur 
Günter Wallraff sein Gegenüber. Der Mann schüttelt den Kopf, verzieht 
abfällig den Mund und sagt ohne zu zögern: "Nein, habe ich nicht."

Kunden in einer Lidl-Filiale: Discounter-Chef Gehrig will die Firma aus 
der Krise reden
Hätte Klaus Gehrig einen Kommunikationsberater, wäre das wohl der Moment 
gewesen, in dem dieser hinter den Kulissen aufgestöhnt und seinen Chef 
verflucht hätte.

Aber der Lidl-Aufsichtsratschef hat keinen Image-Helfer – er scheint 
sich selbst für ausreichend clever zu halten, um mit jeder Frage, jedem 
Angriff und jeder Kritik fertig zu werden. Auch, wenn ihn ZDF-Talkmaster 
Johannes B. Kerner nur wenige Wochen nach dem Skandal um die heimlich 
überwachten Mitarbeiter zum Gespräch bittet und ihm ausgerechnet die 
beiden Journalisten Markus Grill und Wallraff zur Seite setzt.

Wobei "zum Gespräch bitten" nicht ganz trifft: Denn tatsächlich mühen 
sich Journalisten in ganz Deutschland seit Jahren um Interviews mit den 
Managern des Discounters – vergeblich. Vom Lidl-Eigentümer Dieter 
Schwarz existieren noch nicht einmal aktuelle Fotos und auch Gehrig hat 
sich bislang rar gemacht. Seit seinem Eintritt in das Unternehmen 1976 
gab er nur ein einziges Interview: 2004 reagierte er so auf die Vorwürfe 
aus dem "Schwarzbuch Lidl", das die Arbeitsbedingungen in den Filialen 
anprangerte. Schon damals relativierte Gehrig die Aussagen, gelobte 
Besserung – und zog sich alsdann schnell aus dem Blick der 
Öffentlichkeit zurück.

Immer das gleiche Lidl-Spiel

Jetzt also das gleiche Spiel, ausgerechnet bei dem für seine sanfte 
Gesprächsführung bekannten Kerner. Wieder ist der Konzern so massiv in 
die Schlagzeilen geraten, dass das Toter-Mann-Spielen keinen Zweck mehr 
hat: Ende März hatte der Stern-Journalist Grill Hunderte von Protokollen 
heimlicher Videoüberwachung von Lidl-Mitarbeitern veröffentlicht. Wenig 
später wurden die Recherchen Wallraffs bekannt. Dieser hatte wochenlang 
unter falschem Namen in einer Lebensmittelfabrik gearbeitet, die 
ausschließlich für den Discounter Brötchen herstellt – und dort massive 
Verletzungen grundlegender Arbeitnehmerrechte aufgedeckt.

Deshalb sitzt Gehrig nach etlichen anderen Auftritten und Interviews nun 
bei Kerner - und man weiß nicht so recht, ob es Unverfrorenheit oder 
Dummheit ist, die ihn treibt.

Die einzige Sorge, die dieser Mann zu haben scheint, ist die Angst vor 
den Umsatzeinbußen, das wird schon nach seinen ersten Äußerungen 
deutlich. Weder will Gehrig etwas an den Strukturen ändern, noch scheint 
er ernsthaft zu bedauern, was in dem Konzern unter seiner Verantwortung 
passiert ist: "Dumme Dinge" nennt er die detaillierten Protokolle, 
bescheinigt den Detektiven "Dappigkeit" – und provoziert damit den 
ersten wütenden Zwischenruf von Wallraff.

Tatsächlich ist es eine seltsame Mischung aus Dreistigkeit und 
Weinerlichkeit, mit der Gehrig seinen Konzern reinwaschen will: Er habe 
erst gar nicht glauben wollen, was ihm nach seinem Urlaub erzählt wurde, 
sei erschüttert gewesen, trage natürlich die Verantwortung und sei wohl 
in manchen Dingen zu nachsichtig gewesen, so leitet Gehrig seine Abbitte 
ein – um dann zum Angriff überzugehen: Er lasse nicht zu, dass durch 
solche Einzelfälle der Großteil der Mitarbeiter zu Schaden komme. 
Schließlich sei die Mehrheit der Mitarbeiter sehr zufrieden – außerdem 
sei es ungerecht, dass alle immer nur über Lidl redeten, wo doch in der 
gesamten Branche ähnliche Probleme herrschten.

Eine Weltsicht, die von Grill und Wallraff nicht geteilt wird – vor 
allem Letzterem merkt man sein Unbehagen an, mehr als eine Stunde neben 
Gehrig sitzen zu müssen. So distanziert ist seine Körpersprache, so viel 
Verachtung liegt in seinem Blick.

Bei Kerner ist Lidl-Mann Gehrig in der Defensive

Trotzdem gelingt es Wallraff und Grill fast schon spielend, den 
Lidl-Manager in die Defensive zu bringen – zumal sich Talkmaster Kerner 
mit eigenen Fragen zurückhält: Lobt Gehrig das Vertrauen der 
Mitarbeiter, kontert Grill, dass die großformatigen Anzeigen, die eben 
dies belegen sollen, Führungskräfte als einfache Mitarbeiter ausgeben. 
Erklärt Gehrig, man habe sich bei den betroffenen Mitarbeitern 
entschuldigt, zitiert Grill eine Angestellte, mit der noch niemand 
geredet hat. Redet sich Gehrig damit heraus, keinen Einfluss auf die 
Arbeitsbedingungen bei einem Zulieferer zu haben, zieht Wallraff einen 
internen Vermerk aus der Tasche, der eben dies widerlegt.

So sehr gehen dem nicht an Widerspruch gewöhnten Top-Manager die beiden 
Journalisten auf die Nerven, dass er schließlich etwas tut, was er 
besser vermieden hätte: Lidl-Mann Gehrig offenbart, wie egal ihm ist, 
was Wallraff und Grill herausgefunden haben. "Sie leben doch davon, dass 
Sie solche Berichte schreiben", raunzt er Wallraff an, als der ihm in 
wenigen Sätzen die Arbeitsbedingungen der Großbäckerei schildert. Und 
sagt dann: "Ich würde mir lieber selbst ein Bild davon machen."

Eine Idee, die den Kurz-Zeit-Bäcker begeistert: "Lassen Sie uns einen 
Deal machen", schlägt Wallraff vor: "Sie sind doch ein Sportsmann, ein 
Golfspieler, wir machen da zusammen ein bis zwei Schichten, dann wissen 
Sie, wie anstrengend das ist." Das aber stößt bei Gehrig auf wenig 
Gegenliebe, empört ihn so, dass ihm entfährt: "Ich mache hier doch nicht 
Shakehands mit einem Herrn Dings! Ich gehe da mit ihm nicht hin, da sehe 
ich überhaupt keine Notwendigkeit!" Um dann zuzugeben, dass er Wallraffs 
Enthüllungen gar nicht gelesen hat.

Wie geht es wohl weiter? In ein, zwei Wochen wird Gehrig vermutlich 
wieder aus den Medien verschwinden, doch an den Arbeitsbedingungen bei 
Lidl wird sich wahrscheinlich wenig ändern. In zwei, drei Jahren könnte 
dann der nächste Skandal den verschwiegenen Manager in die Offensive 
zwingen. Vielleicht meldet sich dann sogar Lidl-Gründer Schwarz selbst 
zu Wort. "Ich habe all die Jahre nichts davon geahnt, ich war 
schockiert" – so könnte seine Verteidigungsrede anfangen.

Susanne Amann/spiegel-online/07.05.


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exkurs:  erinnere hier an die aktion kip [ 
http://news.web-hh.de/tamm.php?lid=22716 ]. das ziel der aktion ist, die 
öffentliche diskussion über das tamm-museum – wie vom informationskreis 
rüstungsgeschäfte in hamburg mit der publikation „tamm-tamm“ angeregt – 
auszudehnen. herr tamm hat die publikation wohl ebenfalls nicht gelesen. 
der lidel chef herr gehrig hat sich zumindest einer diskussion gestellt, 
auch wenn diese für ihn als pr-strategisches desaster zu werten ist. 
herr tamm antwortete kürzlich in einem tv beitrag beim sender hamburg 1 
auf die frage, ob es  im vorfeld kritik zum nicht kommunizierten 
museumskonzepts gab: "wer mich kennt weiss, dass es um die gesamte 
maritime geschichte geht."

danke für diese ausführliche antwort!







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