[echo] Neo Rauch gibt 2009 sein Professorenamt auf

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Sat May 17 18:15:02 CEST 2008


art online, 13.5.2008

DER DRUCK WAR ZU GROSS
An der Leipziger Kunsthochschule geht eine kurze Ära zu Ende – Neo Rauch
gibt 2009 sein Professorenamt auf

// SUSANNE ALTMANN

"Bei mir im Atelier brennt es", hatte Neo Rauch im Herbst 2005 gestanden
und meinte damit jenen Druck, der durch die immense Nachfrage nach
seinen Gemälden auf ihm lastete. Doch genau zu diesem Zeitpunkt trat er,
seinem ehemaligen Lehrer Arno Rink folgend, seine Malereiprofessur an
der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst an. Niemand hätte je
die Lehrbefähigung des eloquenten Künstlers bezweifelt – immerhin lagen
sechs Dienstjahre als Assistent von Arno Rink hinter ihm, seine
Probevorlesung um Dezember 2004 war gnadenlos überfüllt und die
Ausschreibung der Hochschule war mit Passagen wie "eine herausragende,
im internationalen Kontext von Malerei fest etablierte
Künstlerpersönlichkeit, die sich im Zentrum gegenständlicher Malerei
bewährt und positioniert haben muss" deutlich auf diesen illustren
Bewerber maßgeschneidert.

Nach nur dreieinhalb Jahren ist die Ära Rauch an der HGB nun vorüber.
Zum Ende des Wintersemesters legt der Meister im Februar kommenden
Jahres seine Professur nieder, aus Gründen, die sich bereits 2005
abzeichneten. Denn noch immer "brennt es im Atelier", und Rauch sieht
mittlerweile nicht mehr, wie er seine Lehrverpflichtungen mit dem
künstlerischen Produktionsdrang und –zwang in Einklang bringen kann.

Der Entschluss muss schon viel früher gefallen sein, doch Anfang dieses
Jahres mochte die Hochschulverwaltung mit den betrüblichen Neuigkeiten
noch nicht an die Öffentlichkeit gehen. Man fürchtete, das Publikum zum
alljährlichen Frühjahrsrundgang an der Akademie mit der Mitteilung zu
vergraulen. Tatsächlich reist der internationale Kunstjetset nicht
zuletzt nach Leipzig, um die Produktion aus dem Atelier Rauch zu
bestaunen. Die Malereifachklasse, die er betreut, umfasst 40 Studierende
– ein gewaltiges Pensum, dem sich Neo Rauch und sein Assistent Stefan
Stößel mit Ernsthaftigkeit und Hingabe gestellt haben.

Präsenz und Pflichterfüllung standen nie zur Disposition. Vielleicht
besteht darin auch das Dilemma, denn während namhafte Kollegen an
anderen Hochschulen ihre Aufgaben gerne delegieren und glauben, allein
ihr Name auf dem Türschild des Klassenraums sei ein angemessener
Gegenwert für ein Professorengehalt, gehört Anwesenheit in Leipzig zum
guten Ton. In diesem Klima wollte auch Rauch keine Sonderrolle
einnehmen. Kollegen bescheinigen ihm denn auch, kaum eine noch so
lästige Sitzung ausgelassen zu haben. Außerdem führte er neben den
üblichen Einzelkonsultationen sehr beliebte Klassenrunden ein, bei denen
die Künstleraspiranten lernen sollten, ihre Werke vor größerem Publikum
verbal zu vertreten. "Warum malst du, was quält dich?" – das war die
Gretchenfrage, die Professor Rauch bereits vor Antritt seines Amts den
Studenten stellen wollte.

"Neo Rauch hat die Reißleine aus Verantwortungsgefühl gezogen, weil er
das Gefühl hatte weder der einen noch der anderen Aufgabe mehr gerecht
werden zu können.", sagt Stefan Stößel. Dabei ging der Assistent dem
Professor übrigens voran; Stößel hatte bereits Ende März seinen Job
gekündigt und widmet sich jetzt wieder verstärkt seiner künstlerischen
Karriere. An der Hochschule formuliert man schon jetzt am
Ausschreibungstext für die vakante Stelle, immerhin ging es bei Rauchs
Berufung als Rink-Nachfolger speziell darum, die lokale Tradition des
figurativen Tafelbilds in einer Professur zu zementieren.

Rauch hat in internen Gesprächen angeboten, weiterhin Meisterschüler zu
betreuen und sagt selbst: "Dass ich mich nicht mausgrau und verdruckst
zurückziehen werde, nachdem zum Einzug solche Schalmeien ertönten, ist
klar." Für ein solches Modell bedürfte es allerdings einer
verwaltungstechnischen Neuregelung, und außerdem führte das Angebot bei
anderen Professoren, die während des laufenden Verfahrens lieber anonym
bleiben, zu Irritationen: Während die Kollegen die Mühen der Ebene im
Lehrbetrieb auf sich nähmen, heißt es, bliebe für Rauch dann nur noch
der angenehme Feinschliff. Doch allen Beteiligten ist klar, dass seine
Offerte viel mehr aus Verantwortungsgefühl als aus divenhaftem
Selbstverständnis erging. Dennoch empfiehlt es sich, die Schattenseiten
eines Star-Engagments an einer Kunsthochschule künftig genauer zu
bedenken. Das gilt allerdings nicht nur für die Leipziger. 


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