[echo] Gute Literatur wird schlecht gelesen

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Tue May 20 08:34:45 CEST 2008


Literaturüberförderung
Gute Literatur wird schlecht gelesen

Literatin ohne Kritiker? Charlotte Roche und Wigald Boning bei der 
Verleihung des Grimme-Preises

19. Mai 2008 Am 30. April erschien an dieser Stelle (Feuilleton FAZ) 
eine Polemik von Oliver Jungen gegen die Flut von Literaturpreisen und 
Förderstipendien für Autoren (siehe: Eine Polemik gegen den 
Literaturbetrieb) Nur der Selbstbeweihräucherung der auslobenden Instanz 
dienlich, für die Literatur aber überflüssig, so die zugespitzte These, 
denn die besten Autoren schrieben ohnehin aus innerer Notwendigkeit. 
Hier antwortet der Schriftsteller Richard Wagner.

Angefangen hat es damit, dass das Autorenfoto in der Zeitung größer 
ausfiel als die Rezension. Die Zeit des Castings in der Literatur war 
gekommen.Trotzdem besteht das Dilemma der Erlebnisgesellschaft nicht 
darin, dass sie alles am Ego misst, sondern an dessen Anspruch auf Spaß. 
Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein Missverständnis bezüglich der 
individuellen Freiheit und eine Missachtung der abendländischen 
Kanonisierung. Ohne einen Wertehorizont, ohne den Respekt vor diesem, 
rennt man nur noch irgendwelchen Publikumslaunen hinterher, auch in der 
Literatur.

So sagt die zum Publikum gewordene Leserschaft, sobald ihr ein Buch 
nicht passt, mit großem Selbstbewusstsein, sie könne damit nichts 
anfangen. Sie sagt es anlässlich von Lesungen und schreibt es in 
sogenannten Rezensionen bei Amazon. Woher bezieht sie dieses 
Selbstbewusstsein? Früher hätte sie sich gefragt, ob es nicht an ihr 
liege, wenn sie ein Buch nicht verstand; jetzt macht sie umgehend den 
Autor dafür verantwortlich.

Kritik nach Maßgabe des Publikumsgeschmacks?

Das Erstaunliche ist, dass die Kritik sich bemüht, dem spontanen 
Umfrageergebnis zu folgen. Statt das Publikum auf seine gelegentliche 
Inkompetenz hinzuweisen, haben sich die Kritiker weitgehend zu 
Moderatoren der Ereigniskultur gemacht. Sie haben ihre Vermittlerrolle 
aufgegeben, um dem Event zu dienen. So sind sie zu Ansagern geworden. 
Ist das Strafe genug?

Zu den Eigenheiten der Erlebnisgesellschaft gehört, dass die Egomassage 
im Kollektiv zu erfolgen habe. Dieses organisiert sich als 
Akklamationsgemeinschaft. Die Individualisierung, auf die es ankommt, 
vollzieht sich nur noch emblematisch, und zwar über den Auftritt. Der 
Auftritt in einer solchen Runde kann jedoch nur ein schamloser sein. 
Mehr noch, die Obszönität der öffentlichen Äußerung konkurriert mit der 
Obszönität des Beifalls. Damit ist auch die Thematik der Literatur, ja, 
sogar ihre Form, der Revue verpflichtet. Selbst ein Oswald Spengler 
könnte heute nur noch seine Autobiographie veröffentlichen, am besten 
mit einem Vorwort von Harald Schmidt. Der Populismus der 
Erlebnisgesellschaft besteht nicht zuletzt darin, dass die gepriesenen 
Egos von der Stange sind. Alles Pocher, sozusagen.

Lass es nicht seicht sondern edel erscheinen

Das Markenzeichen der Erlebnisgesellschaft ist die Veredelung des 
Billigprodukts. Früher nannte man das Etikettenschwindel. Der Discount 
hat, als Kehrseite der Chancengleichheit, auch in die Literatur 
gefunden. Die Bücher der einzelnen Verlage sind ununterscheidbar 
geworden und in mancher Hinsicht auch die Texte der angesagten Autoren. 
Was heute geschrieben wird, wirkt allzu oft wie aus einem einzigen Blog.

Diese Art Discount wird durch die Schreibschulen bedient. Sie bringen 
den angehenden Schriftstellern im Nachhilfeverfahren das bei, was in 
anderen Zeiten jedes Gymnasium zu seinen Aufgaben zählte: das 
Aufsatzschreiben. Damit produzieren sie Diplomdebütanten, Akteure für 
die Telenovela der Buchmessen. Die Schule kann nur die Regel vermitteln, 
die Literatur aber lebt von der Ausnahme - von der Ausnahme der Sprache, 
von der Ausnahme des Blicks.

Die Unabhängigkeit großer Literatur

Literaturförderung gab es zu jeder Zeit, es gab sie in Klöstern, an 
Fürstenhöfen. Gewiss, sogar dort. Sie, die Fürsten, jene, die etwas für 
die Kunst übrig hatten, haben weder die Kosten gescheut, noch haben sie 
sie jemandem vorgehalten. Das macht nur der heutige Spießer, weil er das 
Geld ausgibt, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, und so die Angst 
nicht loswerden kann, es sei schlecht angelegt und sein Ablasszettel 
damit ungültig.

Bedeutende Bücher sind durch Förderung und ohne Förderung entstanden. 
Das spricht weder für noch gegen die Literaturförderung. Sie ist 
schließlich kein Kriterium für das Schreiben und das zu Schreibende, 
sondern für das Geschriebene und damit Teil des Kanonisierungsprozesses. 
Warum also sollte das Werk von Autoren wie Felicitas Hoppe und Hans 
Joachim Schädlich denn nicht mit Preisen ausgezeichnet werden?

Tabubruch ersetzt den Stil

Die Verwischung der Kriterien, ihre Übermalung, führt zu einem 
irreparablen Verlust des Respekts vor der Literatur, vor dem 
literarischen Werk. Dieser Respekt ist nur möglich, wenn es die 
Autorität des Autors, die des Kritikers und den Respekt vor dieser 
doppelten Autorität durch die Leserschaft gibt. Das Problem entsteht 
aber nicht dadurch, dass die Leserschaft Charlotte Roche für eine 
Schriftstellerin hält, sondern, dass im Feuilleton der Eindruck erweckt 
wird, dass „Feuchtgebiete“ etwas mit Literatur zu tun habe. Damit 
reagiert die Kritik auf den Marktwert und nicht auf den Text. Es wird ja 
auch nicht der Stil des Buches verhandelt, sondern seine tabubrechende 
Rolle. Tabubruch? In einer permissiven Gesellschaft?

Im Ernst: Eine lethargische Gemeinschaft, die mit Hysterien wie mit 
kollektiven Elektroschocks traktiert wird, um sie zum Leben zu erwecken, 
entwickelt eine Grundhaltung der Simulation, die sich die Form der 
moralischen Empörung gibt. Was ist die neuerlich von der Kritik 
eingeforderte Realitätsverpflichtung in einer Gesellschaft wert, die 
schon seit Jahrzehnten unter einem Problem zu leiden angibt, das sie 
grosso modo „Konsumzwang“ nennt? Esszwang, Jugendzwang, Auftrittszwang, 
Imagezwang, Kosmetikzwang. Wer zwingt hier wen? Ob die Dame Roche 
stinken möchte oder nicht, sollte das nicht privat sein und auch privat 
bleiben? Warum ist in den Feuilletons dagegen, bei fortgesetzter 
Realitätsanmahnung, von Thea Dorns neuem Roman „Mädchenmörder“ über das 
Stockholmsyndrom kaum die Rede? Und das, trotz der einschlägigen 
Nachrichtenlage zu Kampusch und Fritzl.

Auch Neugier ist eine Gier

Wer keine Freude mehr an der Erkenntnis hat, dem schrumpft das Interesse 
zur bloßen Neugier. Wo diese aber zur Geschäftsgrundlage wird, kommt die 
Verwertung der Entwertung gleich. Der Spaß mag garantiert sein und das 
politisch Korrekte ebenso wie das politisch nicht Korrekte gesichert, es 
sind aber auch die stilistischen Grenzen gesetzt, und stilistische 
Grenzen sind stets auch Grenzen des Horizonts.



Text: F.A.Z.
Von Richard Wagner



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