[echo] Ich, Immendorff

dieter söngen dietersoengen at alice-dsl.de
Tue May 20 23:50:22 CEST 2008


diese filmkritik fand ich bemerkenswert. der film startet in hh im  
abaton am 26. mai
schöne grüße
Dieter

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SCHNITT    http://www.schnitt.de/202,3430,01

Die Erzählung vom leidenden Heros

VON MARTIN THOMSON
Diejenigen, die sich mit Kunst beschäftigen, haben den Künstler in  
persona zu einem märtyrerhaften, dem banalen Leben enthobenen Wesen  
verklärt; ihn als einen von Komplexen zerfressenen, emotionalen  
Extremisten porträtiert, der unter körperlicher und seelischer  
Selbstaufopferung seine Gabe wie ein schweres Holzkreuz auf den  
Schultern trägt, um seiner märtyrerhaften Berufung nachzukommen, all  
die schmerzlichen Gegebenheiten zwischenmenschlicher Wirklichkeiten  
aufzuzeigen.

Der in seinen letzten Lebensjahren an Amoyotrophe Lateralsklerose  
(kurz: ALS) erkrankte Jörg Immendorff erweist sich auf den ersten  
Blick als adäquat, um paßgenau in jene verlautbarte Form des  
kreativen Leidenden zu passen und dementsprechend inszeniert werden  
zu können. Vor dem Hintergrund eingestreuter biographischer Notizen,  
die von Immendorffs Kindheit unter dem Verlust des sich selbst  
umgebrachten Vaters und von seinem Heranwachsen in den Wirrungen des  
von politischer Zerrissenheit und von radikalen künstlerischen Gesten  
bestimmten Alltags in Nachkriegsdeutschland erzählen, wird hier das  
Porträt eines gegen die Dämonen seiner Vergangenheit und die  
seinerzeit gesellschaftlichen Wirklichkeiten angehenden Kämpfers  
entworfen, um dann mithilfe der Dokumentation seines Widerstands  
gegen seine Erkrankung in den entsprechenden Rahmen gefaßt zu werden.

Nun entpuppt es sich allerdings häufig als eine schwerlich  
überwindbare Herausforderung, wenn anstelle des materiellen Werks des  
Künstlers seine Person in den Mittelpunkt gesetzt wird. Statt einer  
analytischen Begehung der Werk- und Wirkungsgeschichte des berühmten  
Malers, bekommt der Zuschauer nämlich mit Ich, Immendorff eine  
Hommage vorgesetzt, die unter dem Wissen des baldigen Dahinscheidens  
seines realen Protagonisten entstand. So etwas wie eine ehrerbietende  
Trauerrede bei einem Beerdigungszeremoniell, in der jene Seiten des  
Verstorbenen fokussiert werden, die den trauernden Gästen die  
Gewißheit verschaffen, daß er mit seiner Lebensführung diese oder  
jene positive Eigenschaft des Menschlichen verkörpert hat. Nicht  
selten entspringen solcherlei Reden der Motivation, dem Verstorbenen  
eine Rolle zuzusprechen, die seinem Tod einen Sinn verleihen. Bei dem  
Künstler freilich verschwimmt die üblicherweise zum Einsatz kommende  
Rhetorik der Verehrung. Wem wird hier Ehre erboten? Dem Menschen oder  
dem Künstler; und inwiefern läßt sich das teils kontrastive, teils  
symbiotische Wechselspiel zwischen beiden unsteten Definitionen  
auflösen? Wieviel Mensch steckt eigentlich noch in der medial  
abstrahierten Persönlichkeit des Schöpfers, wieviel Wahrheit auf der  
einen, wieviel Bild auf der anderen Seite sind darin letztlich  
auszumachen?

Ich, Immendorff geht jener Fragestellung aus dem Weg, woraus sich die  
Problemlage ergibt, daß sich das von dieser Person gewonnene Bild im  
störenden Gegensatz zur Motivation der Filmemacher verhält, eine  
Hommage zu inszenieren. Der im diktatorischen Tonfall bellende, sein  
Ego zur Schau stellende Immendorff inmitten seiner ängstlich- 
zögerlichen Kunsthochschulstudenten will nicht so recht passen zur  
mythischen Verklärung seiner Persönlichkeit - noch weniger zu den von  
der Mutter hervorgebrachten Äußerungen, die auf einen sensiblen  
Menschen schließen lassen und im Gegenschnitt zum Benehmen des Sohnes  
fast schon unfreiwillige Komik provozieren. Da wundert es auch nicht,  
daß jener, vor ein paar Jahren für Wogen in der Boulevard-Presse  
sorgende Skandal um Drogenmißbrauch und Prostitution im Zusammenhang  
mit Immendorff genauso unerwähnt bleibt wie die gleichwohl vor den  
Knien des künstlerischen Befehlsherren befindlichen Studenten in  
keinerlei Interviews zu Wort kommen. Vielleicht, und das ist  
wahrscheinlich, ist es den Filmemachern aber auch nicht gelungen,  
sich - wie fast alle Menschen, die sich im Bannkreis des Meisters  
befinden - von der Autorität ihres Objekts zu lösen. Vielleicht muß  
erst viel Zeit vergehen, um sich rückhaltlos gewiß zu sein und offen  
zu äußern, daß der Mensch hinter dem Künstler Immendorff vermutlich  
mehr und damit gleichwohl weniger das war, was eine Hommage  
auszudrücken vermag.


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