[echo] Mit der Leica gegen Apartheid
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Mon May 26 10:15:30 CEST 2008
FOTOGRAF JÜRGEN SCHADEBERG
Mit der Leica gegen Apartheid
Schnell leben, jung sterben und als Leiche gut aussehen: Diesen
Lifestyle vermittelte der deutsche Fotograf Jürgen Schadeberg im
Südafrika der Apartheid. Ein prächtiger Band würdigt nun den
bedeutendsten Chronisten dieser Ära und seine Fotos für das schwarze
"Drum"-Magazin.
Als Jürgen Schadeberg 1950 ein Schiff Richtung Kapstadt besteigt, hat er
noch keine Ahnung, wer Miriam Makeba, Nelson Mandela oder Walter Sisulu
sind. Noch weniger ahnt der junge dpa-Fotograf, dass er sie als
Cheffotograf des Kultmagazins "Drum" ablichten wird. Während der
19-Jährige mit seiner kleinen Leica über dem Arm die Stadt Hamburg
verlässt, denkt er nicht darüber nach, was ihn am südlichsten Zipfel
Afrikas erwartet. Er will einfach raus aus Deutschland.
"In Kapstadt angekommen, kam ich dann erst mal vom Regen in die Traufe",
erzählt der heute 77-Jährige. "Mein erster Tag in Südafrika war ziemlich
ernüchternd. Ich saß in der Bahn von Kapstadt nach Johannesburg und
teilte mir das Abteil mit einem freundlich wirkenden deutschen Herren.
Leider stellte sich heraus, dass der Mann Dr. Johannes van Rensburg war,
der Führer der Organisation Ossewa Brandwag, ein Rechtsextremist und
Nazi. Er war einer von vielen Hitler-Sympathisanten, die damals in der
Apartheidregierung saßen."
Die Begegnung bereitet Schadeberg auf das politische Klima in der neuen
Heimat vor. Und auch auf neue Arbeitsbedingungen muss er sich
einstellen. "Mit Journalisten, Schriftstellern und Philosophen war
Johannesburg ja bestens bestückt, aber Fotojournalismus war in Südafrika
mehr oder weniger unbekannt. Ich war sozusagen der Einäugige unter den
Blinden."
Jazzmusiker, Starlets und Gangster
Nach ein paar erfolglosen Vorstellungsgesprächen wird Schadeberg
schließlich zum Fotografen und Bildredakteur bei "Drum", dem einzigen
ernstzunehmendem Medium von Schwarzen für Schwarze. Neben dem britischen
Herausgeber Jim Bailey arbeitet er als einziger Weißer bei dem Magazin
und nimmt dort talentierte Fotografen unter seine Fittiche.
Als er 1951 bei der Zeitschrift anheuert, macht diese noch überwiegend
durch Fotos von Bikinischönheiten von sich reden. Aber kurz darauf
trifft Schadeberg auf den engagierten Reporter Henry Nxumalo, und das
Profil des Blattes ändert sich. Die beiden treffen sich nachts in
verrauchten Flüsterkneipen mit Jazzmusikern, Starlets und Gangstern,
tagsüber basteln sie in der Redaktion am Bild eines modernen Südafrikas.
Die Redaktion im Randbezirk Sophiatown, dem einzigen Ort, an dem
Schwarze und Weiße noch zusammenleben, wird zum Sprachrohr der schwarzen
Avantgarde. Denn sie beschreibt einen Lifestyle, der zwischen Hedonismus
und Widerstandsbestreben changiert. Nxumalo und Schadeberg sind ihre
Helden, das Dreamteam des südafrikanischen Magazinjournalismus.
Schikanen und das Ende einer Ära
Schnell leben, jung sterben und als Leiche gut aussehen – so lautet ihr
Motto. Doch irgendwann schlägt die Faszination für die schillernde
Unterwelt und das laszive Nachtclubleben um und wird zum ernsthaften
Interesse an den politischen Zuständen des Landes. "Die meisten meiner
sogenannten weißen Freunde hatten mir schnell den Rücken gekehrt, als
ich anfing, mit schwarzen Kollegen zusammenzuarbeiten", erzählt Schadeberg.
Als er mit Nxumalo über die Sklaverei auf den Burenfarmen berichtet,
Reportagen über die menschenunwürdigen Zustände in den Gefängnissen
abliefert und Artikel über den jungen Nelson Mandela bringt, beginnt
auch die Regierung, den weißen Fotografen zu bespitzeln. Die Schikanen
gipfeln darin, dass eine engagierte Reportage gegen den Abriss von
Sophiatown verhindert wird. Und so geht die "Drum"-Ära langsam zu Ende.
"Henry Nxumalo wurde kurze Zeit darauf ermordet", erzählt Schadeberg.
"Da wusste ich, dass es Zeit ist, das Land zu verlassen. Ich wollte
lieber selber gehen. Denn mir war klar, dass sie mich irgendwann
rausschmeißen würden." Kurz nachdem die Townships 1963 im Südwesten von
Johannesburg unter dem Namen Soweto zusammengelegt werden, verlässt er
das Land. Seither sind einige Bücher mit Schadebergs Bildern aus jener
Zeit entstanden, nun erscheint bei Hatje Cantz ein weiterer, besonders
prächtiger Bildband.
Reklamefotos und ein Wolkenkuckucksheim
Einige seiner bekanntesten Fotos sind darunter, wie die Dokumentation
des Abrisses von Sophiatown, die Porträts südafrikanischer Jazzgrößen,
Bilder der jungen ANC-Kämpfer, aber auch Reportagefotos aus seiner
Heimatstadt Berlin, aus London oder Malaga.
Auch ein neueres Bild von Mandela ist darunter. Auf dem Foto blickt der
befreite Anführer des ANC in gestellter Pose durch die Gitterstäbe
seines einstigen Gefängnisses auf Robben Island. Es ist 1994 entstanden,
als Schadeberg bereits wieder knapp zehn Jahre im Land lebte, um nun das
vermeintliche Ende der Apartheid zu dokumentieren. Heute lebt er wieder
in Europa. Doch noch immer hindert ihn die räumliche Distanz nicht
daran, seine kritische Meinung über Südafrika zu kommunizieren.
"Ich weiß natürlich, dass es dauert, bis gewisse Dinge überwunden sind.
Aber wenn ich auf CNN zehnmal am Tag Reklame für das wunderschöne
Südafrika sehe, dann ärgere ich mich doch. Die Realität ist alles andere
als schön. Fahren Sie einmal durch Johannesburg und sehen sich die
vollgestopften Hochhäuser an, in denen die Menschen ohne Wasser oder
Elektrizität leben. Das Bild, das die westlichen Medien von Südafrika
zeichnen, ist doch ein Wolkenkuckucksheim." Von Elisabeth
Wellershaus/spiegel-online
"Jürgen Schadeberg", Hatje Cantz Verlag, Mai 2008, 58 Euro.
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