[echo] Spiegelschwellen und Leerstellen
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Fri May 30 09:13:22 CEST 2008
Spiegelschwellen und Leerstellen
Nairy Baghramian in der Kunsthalle Baden-Baden
Auf den ersten Blick meint man sich in den Kosmos Miró’scher Figuren
versetzt, die, von der Leinwand entfleucht, nun den Oberlichtsaal der
Baden-Badener Kunsthalle bevölkern. Inmitten dieser kuriosen Ansammlung
schulterhoher, filigraner Wesen mit ihren Spindelbeinen und matt
glänzenden Notenkörpern wird aber recht bald deutlich, dass sie der
Sphäre des Design eher angehören als der abstrahiert organischen Welt,
mehr Möbel als Wesen sind. Und doch entziehen sich diese teils
verblüffend eleganten Gestelle jedem Gebrauchswert.
"Walker" , nennt die in Berlin lebende Objektkünstlerin Nairy Baghramian
ihre minimalistischen Schöpfungen — und beschreibt damit eine
Ambivalenz, die über den gesamten Parcours nicht aufhören wird, den
Betrachter zu irritieren. "Walker" — so heißen jene gestängeartigen
Gehhilfen, die einem draußen im Kurpark nicht eben selten begegnen —
gestalterisches Vorbild für Baghramians Skulpturen. "Walker" werden aber
auch jene smarten jungen Herren genannt, welche sich gut situierte Damen
als Begleiter kultureller und anderer Vergnügungen mietweise borgen.
Walker sind letztlich auch wir selbst, die Betrachter von Kunst im
Vorübergehen.
Genau diese landläufige Konsum-Attitüde reflektiert Baghramian in der
schnurgeraden, gleißend weißen Raumflucht von Hermann Billings
Kunsthalle. Jene verlässlichen Verweilpunkte, die ansonsten von
Wandobjekten, sprich: Tafelbildern und raumgreifenden Objekten
eingenommen werden, bleiben hier nur Leerstellen; vielmehr sind es die
Passagen zwischen Raum und Raum, die bedeutungsschweren Schwellen,
welche die Künstlerin akzentuiert — mittels Objekten, die sich, wie ihre
frei stehenden Raumskulpturen, jeder Einordnung entziehen: Handelt es
sich um funktionale Teile, Versatzstücke von Möbeln, Wandverkleidungen?
Und was tun die teils verspiegelten, teils schwarz bemalten
Metallplatten und im Türsturz gebogenen Hartgummischeiben mit uns, dem
Betrachter?
Im Katalogdeutsch liest sich das so: "Hingegen wird in Baghramians
Ausstellung insgesamt die Möglichkeit exponiert, in der potenziell
verunsichernden, dezidiert auf die Körperlichkeit des Betrachters
rekurrierenden Begegnung mit künstlerischen Arbeiten, die sich dem
Gesichtsfeld des Betrachters eher entziehen und dessen Gestalt
fragmentieren, als im Bezug auf die umgebende Architektur eine
ästhetische Erfahrung syntagmatisch ordnender Struktur im Medium der
Skulptur zu organisieren, von musealen Protokollen abzuweichen." Aha.
Im Benutzerdeutsch: Die Kunstbetrachtung selbst und die Erwartung des
Betrachters sind hier Hauptthema. Weder trifft der Kunstpassant auf die
gewohnte klare Raumflucht mit den erhofften visuellen Sensationen —
vorzugsweise im Zentrum und gerahmt von weißer Wand, noch trifft er in
den Spiegelschwellen sich selbst als komplette Person. Der Kunst-Walker
ist so fragmentiert wie seine Wahrnehmung. Desillusionierung ist das
eine, die Veränderung der Raumkonvention durch minimale Eingriffe, das
andere Anliegen der Künstlerin, die schon auf dem Katalog-Cover
Verunsicherung zum Thema macht, indem sie sich als Mann vorstellt. Das
Gegenteil von Eindeutigkeit ist fraglos die Sache der Kunst.
Jenes teleskopartig ausgefahrene Metallrohr, das einen der weißen
Raumkuben in zwei Hälften teilt — ist es nun tatsächlich Barriere?
Werden durch die Raumsperre Verheißungen geweckt auf ein mögliches
Dahinter, wird durch seine schiere Unzugänglichkeit die zweite
Raumhälfte nicht geradezu zum Gegenstand des Begehrens? Fragen, die man
stellen, ebenso gut ungestellt lassen kann. Fragen von minimaler
Dringlichkeit. Bei aller Liebe zum Minimalismus: Existenziellere
Raumerfahrung, intensivere Erlebnisse von Leere sind durchaus vorstellbar.
Nairy Beghramians kühl glänzende Schwellenobjekte lassen uns kalt. Zwar
sind sie speziell für die Kunsthalle geschaffen, aber auch in anderem
Bezugsrahmen vorstellbar. Durch ihre kontextuelle Austauschbarkeit und
optische Beiläufigkeit verlieren sie jede Relevanz. Dabei scheint die
Verweigerung von (Selbst)-Begegnung hier auch geradezu Programm.
Abweisend und unzugänglich sind auch jene fremdartigen "Walker" im
Hauptraum. Nur gibt es an ihnen — irritierend klassische Ruhepunkte —
einfach kein Vorbei.
Stefan Tolksdorf/BZ
— Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8 a. Bis 6.
Juli, Dienstag bis Sonntag 11— 18 , Mittwoch bis 20 Uhr.
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