[echo] Rubrik: Linke Linke
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Sun Nov 16 15:25:35 CET 2008
Streit um Online-Lexikon
Linke-Politiker legt wikipedia.de auf Eis
Digitale Wortschlacht: Weil sich ein Linkspartei-Politiker durch einen
Wikipedia-Eintrag kompromittiert sah, ließ er die deutsche Startseite
sperren.
Böse Überraschung für die Nutzer des deutschen Wikipedia-Angebots: Wer
in diesen Tagen über die Internetadresse wikipedia.de versucht, auf das
Angebot der freien Enzyklopädie zuzugreifen, sieht weder die blassblaue
Benutzeroberfläche, noch einen Artikel auf der Startseite des
Online-Lexikons. Der Grund: Der Zugang über die Seite wikipedia.de ist
gesperrt. Denn der schleswig-holsteinische Bundestagsabgeordnete Lutz
Heilmann von der Linkspartei hat beim Landgericht Lübeck erwirkt, dass
der Betrieb von wikipedia.de vorerst eingestellt werden muss.
Auf der Internetseite steht hierzu: "Mit einstweiliger Verfügung des
Landgerichts Lübeck vom 13. November 2008, erwirkt durch Lutz Heilmann,
MdB (Die Linke), wird es dem Wikimedia Deutschland e.V. untersagt, 'die
Internetadresse wikipedia.de auf die Internetadresse de.wikipedia.org
weiterzuleiten', solange 'unter der Internet-Adresse de.wikipedia.org'
bestimmte Äußerungen über Lutz Heilmann vorgehalten werden. Bis auf
Weiteres muss das Angebot auf wikipedia.de in seiner bisherigen Form
daher eingestellt werden."
Streitpunkt sind Ausführungen auf Heilmanns Wikipedia-Eintrag, die nach
Ansicht des Politikers rechtwidrig sind und auf die an dieser Stelle
nicht konkret eingegangen werden kann, da sie Bestandteil der
einstweiligen Verfügung sind.
In den strittigen Passagen geht es unter anderem um Heilmanns
beruflichen Werdegang, seine Tätigkeit im Ministerium für
Staatssicherheit und seine politische Tätigkeit in der Linkspartei - im
Jahr 2000 trat Heilmann in die damalige PDS ein.
Die Mitglieder des deutschen Wikimedia-Vereins, der wikipedia.de
betreibt, sind sprachlos - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die
Verfügung trifft die Betreiber ausgerechnet während ihres Umzugs von
Frankfurt/Main nach Berlin. Bereits am Freitag waren die Telefone in der
ehemaligen Zentrale abgeschaltet worden, am Montag erst wird die Telekom
die neue Anlage in dem neuen Quartier anschließen. Dafür spricht der
Berliner Anwalt Thorsten Feldmann, der im Namen von Wikimedia
Deutschland den Widerspruch vorbereitet.
Der Jurist räumt gegenüber sueddeutsche.de ein, dass die in Wikipedia
getätigten Aussagen über Heilmann, sofern wahr, schädlich für dessen
politische Karriere sein könnten. "Trotzdem ist die Reaktion
unverhältnismäßig", sagt Feldmann. "Man kann nicht dafür sorgen, dass
deshalb die deutsche Startseite dichtgemacht wird."
Wirrwar um Verantwortlichkeiten
Nach Angaben des Anwalts sind möglicherweise politische Vorgänge
Auslöser für die digitale Wortschlacht um Heilmann. Deren
Wahrheitsgehalt könne Wikimedia Deutschland jedoch nicht ohne weiteres
überprüfen, sagt Feldmann. Eine offensichtliche Rechtswidrigkeit der
Information sei von dem Politiker jedoch nicht glaubhaft gemacht worden.
Heilmann selbst war, genauso wie seine Anwältin, für sueddeutsche.de
zunächst nicht zu erreichen. In einer Stellungnahme für den
Online-Dienst heise.de sagte bezieht der Politiker jedoch Stellung: "In
dem Artikel standen falsche Tatsachenbehauptungen, die geeignet sind,
meinen Ruf zu schädigen." Aus diesem Grund habe er nicht nur Klage gegen
Wikimedia Deutschland eingereicht, sondern auch drei Strafanträge gegen
Wikipedia-Autoren gestellt, die diese Behauptungen eingestellt hätten.
Anwalt Feldmann kritisiert jedoch, dass Heilmann die falsche
Organisation belangt. Denn Wikimedia Deutschland ist lediglich der
Betreiber der deutschen Startseite wikipedia.de. Von dort wird der
Nutzer zum internationalen Angebot von wikipedia.org weitergeleitet. Auf
diesen Servern befinden sich alle, auch die deutschen, Einträge der
Online-Enzyklopädie. Und somit sind dort auch die umstrittenen Passagen
über den Linken-Politiker Heilmann hinterlegt.
"Defizitäre Angaben"
Betreiber von wikipedia.org ist jedoch die Wikimedia Foundation, eine
"in Florida, Vereinigte Staaten, inkorporierte Stiftung mit Sitz in San
Francisco". Heilmann, so sagt Wikimedia-Anwalt Feldmann, hätte sich
somit eigentlich an eben jene Wikimedia-Foundation in den USA wenden
müssen. "Es gibt bislang keine rechtliche Entscheidung, die dem
deutschen Verein die Verantwortung für das internationale Angebot
unterstellt."
Diese Tatsache sei in der einstweiligen Verfügung des Linken-Politikers
nicht deutlich gemacht worden, kritisiert Anwalt Feldmann. Von
"defizitären Angaben" spricht der Jurist - und fügt hinzu: "Wir sind vom
Gericht bislang nicht angehört worden." Daher will Feldmann nun erst
einmal die Lübecker Richter auf die komplizierten Strukturen bei
Wikipedia aufmerksam machen. Der Anwalt besteht auf eine "schnelle,
mündliche Verhandlung" - und hofft, dass wikipedia.de "in einem
überschaubaren Zeitraum" wieder zugänglich ist.
Tobias Dorfer/sz
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