Re: AW: [echo] Kampnagel - eine zentrale Bezugsgröße für die deutsche Subkultur

Tristan von Neumann tristanvonneumann at gmx.de
Mon Sep 22 19:27:38 CEST 2008


Ich weiß wie es ist, wenn man außerhalb dieser Viertel Veranstaltungen 
macht...

Wer von Euch war in Friederike Schulz' "Zwischenwelt" in der P-40? Wer 
war überhaupt mal dort? Wer fährt nach Harburg?

Hamburg ist nicht Berlin.

P.S.: Vor meiner Haustüre such ich garantiert nicht. Da ist nämlich der 
große Friedhof.



Tom Thiel schrieb:
> Mit solchen Aussagen wird’s nicht besser. Und der Geist nicht freier wenn
> man nur vor der eigenen Haustür sucht.
>
> Gute Besserung
> von Tom Thiel
>
> -----Ursprüngliche Nachricht-----
> Von: echo-bounces at soundwarez.org [mailto:echo-bounces at soundwarez.org] Im
> Auftrag von Tristan von Neumann
> Gesendet: Montag, 22. September 2008 11:54
> An: echo at soundwarez.org
> Betreff: Re: [echo] Kampnagel – eine zentrale Bezugsgröße für die deutsche
> Subkultur
>
> Das hat in Hamburg noch nie funktioniert und wird in einem solchen 
> Viertel nie funktionieren. Wenn man nicht in Schanze-Umkreis nach einer 
> Veranstaltung bis 5 irgendwo versacken kann und dann mit zwei Schritten 
> im Bett ist, geht man da nicht hin.
> Es ist ja mittlerweile für die "echte" Subkultur schon schwer genug in 
> den einschlägigen Vierteln...
>
>
> Cornelia Sollfrank schrieb:
>   
>> http://www.umagazine.de/stories.php?ID=31220
>>
>> Die Bademeister – Amelie Deuflhard und András Siebold
>>
>> Wie macht man ein randständiges Theater zum Zentrum des Nachtlebens? 
>> Amelie Deuflhard und András Siebold setzen in der Hamburger 
>> Kampnagelfabrik auf Kulturcrossover. Ob das reicht?
>>
>> Text: Falk Schreiber
>>
>> "Es ist klar", sagt Amelie Deuflhard, "dass man gerne an die Orte 
>> geht, wo man die Leute trifft, die man gerne trifft." Dann nimmt die 
>> künftige Intendantin des Hamburger Avantgardetheaters Kampnagel einen 
>> langen Schluck Wasser. War der Satz zu unübersichtlich? Nein. Leute 
>> treffen, die man gerne trifft, darum geht es.
>> Amelie Deuflhard ist Schwäbin, das hört man, wenn sie schneller 
>> spricht, ein leichter Spott liegt dann in der Stimme der 
>> Mittvierzigerin. Wie ein Künstlertyp wirkt sie eigentlich nicht, eher 
>> mit beiden Beinen auf dem Boden, jemand, der schon zu viel gesehen 
>> hat, um die Pferde aufzuscheuchen. An ihrer Seite: Chefdramaturg 
>> András Siebold. Eigentlich ist der Schweizer ungarischer Abstammung 
>> das direkte Gegenstück zu Deuflhard, die ihre Autorität durch Ironie, 
>> Ruhe, Beharrlichkeit zu erreichen scheint: ein wirbelnder Styler, der 
>> mit 31 Jahren schon mehrere Karrieren begonnen und wieder aufgegeben 
>> hat, der die Berliner Dependance einer schwedischen Galerie leitete, 
>> Dramaturg am Theater Basel war, zuletzt Dramaturg an der Berliner 
>> Staatsoper. Zwei, die eigentlich überhaupt nicht zueinander passen: 
>> das Dreamteam des freien Theaters.
>>
>> Dreamteam deswegen, weil Deuflhard und Siebold etwas schaffen könnten, 
>> was weit übers Theater hinausgeht: Sie könnten eine zentrale 
>> Bezugsgröße für die deutsche Subkultur schaffen. Das Establishment hat 
>> solche zentralen Orte: die Staatstheater. Wer dazugehören will, muss 
>> sich hin und wieder auf einer Premiere sehen lassen, ob er will oder 
>> nicht. Der Subkultur fehlt so etwas, weil junge Kultur zersplittert 
>> ist in unterschiedlichste Szenen. Einspringen könnte das freie 
>> Theater, mit seiner Nähe zum Nachtleben, mit seinen durchlässigen 
>> Strukturen.
>> Allein: Die freie Szene ist in einem erbarmungswürdigen Zustand. 
>> Ästhetisch hat man kaum noch etwas zu melden, jedes vielversprechende 
>> Talent arbeitet über kurz oder lang an staatlichen Bühnen, eine 
>> inhaltliche Begründung für die Abgrenzung vom Staatstheater gibt es 
>> längst nicht mehr. "Orte wie Kampnagel sind Orte, wo es möglich ist, 
>> neue Formen zu erproben", stimmt Deuflhard zu. "Und wenn die 
>> erfolgreich sind, dann diffundieren die sehr schnell ins System." Die 
>> freie Szene wird so zur Teststrecke der Staatstheater.
>> Das war einmal anders: Ende der Neunziger etablierten sich in 
>> Berlin-Mitte Kunstorte wie die Galerie berlintokyo, Bars wie das Café 
>> Burger und Theater wie die sophiensæle. Nachtleben hieß, dass man sich 
>> hier traf - mal zum Trashfilmprogramm im Programmkino Central, mal zur 
>> Performance im Prater, nebenan in Prenzlauer Berg. Man musste kein 
>> Theaterfan sein, um dabei zu sein, genauso wenig wie man zur 
>> Kunstszene gehören musste oder cineastische Ambitionen brauchte, nötig 
>> war eigentlich nur Freude an anderen Menschen. Und Freude daran, die 
>> Nächte durchzureden, durchzutanzen, durchzutrinken.
>> Übrig geblieben von diesem glühenden Milieu sind die sophiensæle, 
>> künstlerische Leitung: Amelie Deuflhard. Bis zuletzt ließen sich hier 
>> ganze Nächte verbringen, um aber der dahinsiechenden Szene eine neue 
>> Perspektive aufzuzeigen, waren die charmant angeschmuddelten Räume mit 
>> Platz für gerade mal 350 Zuschauer schlicht zu klein. Ganz anders 
>> Kampnagel: ein monströses Fabrikgelände mit fünf Hallen, die zusammen 
>> rund 1400 Besucher fassen. "Ein riesiger, stählerner Moloch!", freut 
>> sich Deuflhard über ihr neues Wirkungsfeld.
>>
>> Doof nur: Die Theaterfabrik hat in der jungen Szene ein mieses Image. 
>> "Kampnagel ist ja sehr bekannt in Hamburg", fasst Deuflhard das 
>> Problem zusammen, "gleichzeitig sagen ziemlich viele Leute, dass sie 
>> schon lange nicht mehr da waren." Unter Deuflhards Vorgängerin Gordana 
>> Vnuk war Kampnagel in erster Linie Gastspielort für internationale 
>> Spitzenensembles, gerne aus den Randlagen des kulturellen Mainstreams. 
>> Ein Programm, so mutig wie für das freie Theater fatal. Kooperationen 
>> mit ähnlichen Häusern wie dem Frankfurter Mousonturm, dem Düsseldorfer 
>> FFT oder auch den sophiensælen landeten dagegen genauso am Katzentisch 
>> wie Eigenproduktionen.
>> "Ich habe eigentlich große Sympathien für dieses ,Zerschlagt die 
>> Netzwerke!', mit dem Gordana Vnuk damals angetreten ist", meint 
>> Deuflhard. "Das hat sich ja eher dagegen gerichtet, dass die gleichen 
>> Sachen immer weiter über die gleichen Häuser touren." Klar ist aber: 
>> Freies Theater kostet Geld, Geld, das man nur durch Kooperationen 
>> bekommt. Natürlich kann man auch mit den Kulturbehörden Russlands, 
>> Thailands oder Kroatiens arbeiten, um Gastspiele aus diesen Ländern an 
>> Land zu ziehen; im Publikum sitzen dann aber Botschaftsangehörige und 
>> keine Szenegänger. Will man das ändern, muss man doch wieder auf die 
>> verpönten Netzwerke zurückgreifen. Und mit extrem genauer 
>> Einladungspolitik dafür sorgen, dass nicht überall dasselbe zu sehen ist.
>>
>> Aber selbst mit der besten Einladungspolitik holt man noch kein 
>> gemischtes Publikum ins Theater, das zu allem Überfluss auch noch ein 
>> Stück außerhalb liegt, abseits der Ausgehviertel Reeperbahn und 
>> Schanze. Zudem: Es ist nicht so, dass Gordana Vnuk die jungen 
>> Zuschauer mit Absicht ferngehalten hätte, auch unter ihr gab es 
>> Rockkonzerte und Clubabende. Hatte aber das Theater höchstes Niveau, 
>> so waren die popkulturellen Angebote von erschreckender Biederkeit. 
>> Der regelmäßige Club Tanznagel etwa atmete übelsten 
>> Vorortdisco-Charme, namenlose DJs spielten abgeschmackte Radiohits für 
>> ein theaterfremdes Schicki-Publikum, das wahrscheinlich nicht einmal 
>> wusste, was in diesen Hallen sonst noch lief.
>> Für András Siebold liegt das Problem nicht allein im Widerspruch 
>> zwischen hochwertigem Theater- und mediokrem Popprogramm. Als 
>> Dramaturg an der Berliner Staatsoper entwickelte er eine Clubreihe in 
>> Zusammenarbeit mit der Nachtleben-Institution WMF. Auf den ersten 
>> Blick ein frustrierendes Erlebnis: "Wir haben da super elektronische 
>> Musik gespielt, Musiker wie Gonzales und Jamie Lidell sind aufgetreten 
>> - die Leute sind hinterher nicht unbedingt in die Oper gekommen", 
>> resümiert er. "Aber was funktioniert hat, war, dass plötzlich der Ort 
>> Staatsoper auch für ein opernfremdes Publikum attraktiv wurde und als 
>> offenes, innovatives Haus wahrgenommen wurde. Das heißt, wenn du hier 
>> Musikveranstaltungen machst, kriegst du die Leute vielleicht nicht 
>> rüber ins Theater, aber du schaffst es, den Ort als attraktiv zu 
>> etablieren."
>> In diesem Moment wird klar, dass Siebold nicht einfach nur Dramaturg 
>> ist. Er ist Deuflhards Geheimwaffe, er ist der, der es schaffen muss, 
>> das Hamburger Publikum zu knacken. Die gesitteten Theatergänger mit 
>> seiner Staatsopern-Credibility, die Clubber, weil er aussieht wie sie, 
>> weil er redet wie sie. Bei einer Pressekonferenz tauchte Siebold mit 
>> Jeans zum locker fallenden Sakko auf, Dreitagebart, die Sonnenbrille 
>> in den Scheitel geschoben. Und stellte sich vor: "Mein Name ist András 
>> Siebold, ich komme von der Staatsoper Unter den Linden." Cooool! Dass 
>> er sein Metier aus dem Stegreif beherrscht, dass er im Pop genauso 
>> firm ist wie in Oper, Theatertheorie oder Clubkultur - geschenkt. 
>> András Siebold ist personifiziertes Crossover.
>> Aber ein Crossoverpublikum lässt sich nicht von einem Tag auf den 
>> anderen an Land ziehen; wahrscheinlich braucht man Jahre, bis man die 
>> Popfans erst einmal für den Ort interessiert hat. Und noch einmal 
>> Jahre, bis sie den Ort ein erstes Mal betreten. Falsch wäre auf jeden 
>> Fall der pädagogische Holzhammer: "Es reicht nicht, dass da 
>> irgendjemand steht und Flyer verteilt. Man muss sozusagen 'ne 
>> Wasserrutsche rüberbauen, damit es Spaß macht, da rüberzurutschen."
>> Eine Wasserrutsche. Kampnagel ist ein Spaßbad, und Deuflhard und 
>> Siebold sind die Bademeister. Aber es stimmt ja: Der Übergang zwischen 
>> Pop und Hochkultur wird leicht gemacht, bis irgendwann Kampnagel ein 
>> Ort für alle Szenen geworden ist - und dann durch seine schiere Größe 
>> auf den Rest der Republik ausstrahlt. In der Praxis heißt das: Es gibt 
>> nicht mehr wahllose Konzerte in den Theaterhallen, dafür wird ein 
>> Camp-erprobter Musiker wie Rufus Wainwright spielen, der der 
>> Theaterästhetik ohnehin nahesteht. Und die HipHopper Deichkind (deren 
>> Bühnenshow bei Licht betrachtet immer schon interessanter war als ihre 
>> Musik) entwickeln gleich ein ganzes Stück: "Deichkind - das Musical".
>> Die Strategie: Wer zu einem anspruchsvollen Clubabend geht, der geht 
>> auch zu Rufus Wainwrights Pop-Camp-Theater-Show. Und wer zu Wainwright 
>> geht, der geht auch in ein Theaterstück, irgendwann, viel später. 
>> Weil: ist ja Kampnagel, ist ja ein interessanter Ort. Das wird das 
>> größte Problem für Deuflhard und Siebold: dem Szenepublikum zu 
>> erklären, dass es interessant und cool ist, hierher zu kommen. Dass 
>> man hier gutes Theater zeigen kann, hat schon Gordana Vnuk bewiesen, 
>> darum geht es nicht. "Letztendlich", sagt Siebold, "wenn wir es 
>> hinkriegen, ein paar lustige Abende hier zu machen und ein paarmal für 
>> exzentrische Stimmung zu sorgen, dann werden sich die Leute auch 
>> positiv wieder in ihr Gedächtnis einschreiben, dass Kampnagel Spaß 
>> macht." Mit den Worten Amelie Deuflhards: wenn man hier wieder die 
>> Leute trifft, die man gerne trifft.
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